Ein Besucher blickt auf das Rechenzentrum des CERN.
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Die Demontage der Gatekeeper

Relationale Perspektiven zur Macht der Suchmaschinen


8.4.2011
Suchmaschinen wurden einst als ermächtigende Werkzeuge für die Navigation des Online-Raumes angekündigt, mittlerweile gelten sie als "böse" Manipulatoren und Datensammler. Anhand von Begriffen Foucaults und der Actor-Network-Theorie untersucht Theo Röhle die Kombination aus Belohnung und Bestrafung, die Google einsetzt, um Webmaster unter Kontrolle zu halten.

Suchmaschinen stehen zwischen Nutzern und Contentproduzenten und deren sich manchmal widersprechenden Interessen. - Der französische Kulturminister Donnedieu beantwortet Fragen über die Regierungspläne zu Bestrafung von Copyrightverletzung im Internet.Suchmaschinen stehen zwischen Nutzern und Contentproduzenten und deren sich manchmal widersprechenden Interessen. - Der französische Kulturminister Donnedieu beantwortet Fragen über die Regierungspläne zu Bestrafung von Copyrightverletzung im Internet. (© AP)

Das Aufkommen neuer Medientechnologien ist fast zwangsläufig mit Diskursen verbunden, die zwischen technischem und sozialem Determinismus oszillieren. Nach der utopischen Version dieser Sichtweisen wirkt sich die Technik positiv auf die soziale Dynamik aus, nach der dystopischen Version ist sie eine kolonisierende Macht, die das Verhalten von Individuen und Gruppen vorstrukturiert. Suchmaschinen bilden keine Ausnahme von dieser Regel: einst als ermächtigende Werkzeuge für die Navigation des Online-Raumes angekündigt, gelten sie mittlerweile als "böse" Manipulatoren und Datensammler.

Angesichts der wichtigen Rolle, die Suchmaschinen in der Online-Umgebung spielen, sind die zunehmenden Bedenken über ihre Macht gewiss gerechtfertigt. Fraglich ist indessen, ob ein dystopischer Technik-Determinismus die richtigen Antworten auf diese Bedenken bereithält. Aufgrund ihrer Position zwischen den konfligierenden Interessen von Nutzern, Werbeunternehmen und Content-Produzenten stellen Suchmaschinen ein Gebiet von besonders dynamischen und ambivalenten Machtbeziehungen dar. Das deterministische Bild von Suchmaschinen als extrem mächtige Entitäten stellt eine drastische Reduktion der Komplexität dieser Beziehungen auf eine Reihe unidirektionaler Wirkungen dar.

Um solche reduktionistischen Darstellungen zu vermeiden, sind tiefer gehende Überlegungen zur Macht selbst erforderlich. In diesem Beitrag wird eine relationale Perspektive der Macht vorgeschlagen, die von Schriften Michel Foucaults von jüngeren, auf die Akteur-Netzwerk-Theorie aufbauenden Ansätzen in den Wissenschafts- und Technikstudien ausgeht. Anstatt Suchmaschinen als stabile technische Artefakte zu behandeln, wird in dieser Analyse versucht darzustellen, welche Rolle die verschiedenen Akteure in der Verhandlung der Entwicklung von Suchmaschinen spielen.

Nach einer Darstellung des theoretischen Rahmens widmet sich der Beitrag einer detaillierten Diskussion der Suchmaschine Google, wobei deren Beziehungen zu Webmastern und Nutzern im Mittelpunkt stehen. Aufgrund seiner Vorherrschaft auf dem Suchmarkt spielt Google eine besondere Rolle, wenn es darum geht, die Aufmerksamkeit der Nutzer auf den Content der Webmaster zu lenken. Auf Versuche von Webmastern, das Ranking-System zu manipulieren, um die Position der eigenen Webseite zu verbessern, reagiert Google mit einem fein nuancierten System von Belohnung und Strafe. Nach der in diesem Beitrag vertretenen Auffassung kommt diese Strategie einem disziplinären Regime gleich, welches eine bestimmte Norm für Web-Veröffentlichungen durchsetzt.

Die Beziehungen Googles zu den Nutzern sind indessen von weniger invasiven Formen der Macht geprägt. Google dringt tief in die Informationsumgebung eines Nutzers ein und kann so ungeheure Datenmengen sammeln und analysieren. Ich vertrete im Folgenden die Auffassung, dass das Modellieren von segmentiertem Konsumverhalten, das diesen Verfahren zugrunde liegt, auf einer gouvernementalen Form der Macht aufbaut. Dies ist eine Art der Macht, die bestrebt ist, verschiedene Verhaltensmuster zu kontrollieren, indem persönliche, statistisch auswertbare Informationen der Bevölkerung gesammelt werden und das so entstehende Wissen als Mittel eines prädiktiven Risikomanagements eingesetzt wird.

"Köpft den König" – Eine Perspektivenumkehr



Nach Michel Foucault muss Macht als relationaler Begriff behandelt werden. Seine Forderung, wonach die politische Theorie den "König köpfen" muss, beinhaltet eine Kritik von mechanistischen, zentralistischen und linearen Vorstellungen von Macht.(1) Analysen, die auf solchen Vorstellungen aufbauen, versuchen meist darzustellen, wie bestimmte machtvolle Akteure ihre Absichten anderen gegen deren Willen aufzwingen. Ziel dieser Analysen ist es, die Quellen der Macht und deren Folgewirkungen zu erkennen.(2) Eine relationale Perspektive der Macht kehrt diese Perspektive um – anstatt feststehende Orte der Souveränität zu bestimmen, versucht sie, die Beziehungen darzustellen, welche die Macht dieser Akteure überhaupt möglich machen.

Die Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) ist eine der wichtigsten Methoden, die relationale Machtbegriffe in die Wissenschafts- und Technikforschung eingeführt haben. Sie geht auf Bruno Latour zurück und sieht die Soziologie als "machttrunken", da es Wissenschaftler gibt, die "die Verbreitung machtvoller Erklärungen mit der Zusammensetzung des Kollektivs verwechseln."(3) Nach Latour sollte Macht nicht erklärt werden, indem machtvolle Akteure herausgegriffen werden, sondern indem die Handlungen erklärt werden, die Akteure als machtvoll konstituieren.(4)

Die Abkehr von mechanistischen, zentralistischen und linearen Begriffen der Macht macht es möglich, sozio-technische Umgebungen einer sensibleren Analyse ihrer inneren Dynamik zu unterziehen. Anstatt einfach nur die Auswirkungen der Technik auf die Gesellschaft (oder umgekehrt) zu behandeln, "kann man sagen, dass Technik und Akteure sich zusammen entwickeln."(5) Diese veränderte Perspektive führt zu einer topologischen Sicht der Beziehungen zwischen den Akteuren. Der jeweilige Stand der Dinge wird als vorläufige Stabilisierung dieser Akteurs-Netzwerke verstanden. Stabilität wird nicht als gegeben begriffen, sondern als Phänomen, das einer Erklärung bedarf.

Bowker/Star sprechen sich in ihrer Analyse der technischen Infrastruktur für eine derartige "Gestalt-Wende" aus: "Infrastrukturelle Umkehrung bedeutet, die Tiefe der Interdependenz von technischen Netzwerken und Standards einerseits, und die wirklichen Auswirkungen der Politik und der Wissensproduktion andererseits anzuerkennen."(6) Der ANT wurde vorgeworfen, sie erzähle nur die Erfolgsgeschichten der Technikanwendung nach, wobei ihr der Blick auf die Machtbeziehungen abhanden komme.(7) Wie Bowker/Star jedoch zeigen, müssen ANT-Analysen nicht auf diese Art von Konsens-orientierten Zugang beschränkt werden. Stattdessen können Begriffe wie "Stabilisierung" und "Irreversibilität" analytisch eingesetzt werden, um die mikro-politischen Verhandlungen zwischen den Akteuren sichtbar zu machen. Lucas D. Intronas Forderung, die "reversibility of foldings"(8) zu erhalten, fügt dieser Diskussion einen normativen Standpunkt hinzu. Er denkt dabei an eine Technikanalyse, deren Aufgabe es ist,
    nicht nur dieses oder jene Artefakt zu untersuchen, sondern die moralischen Implikationen (des Abschlusses) dieser scheinbar pragmatischen oder technischen Entscheidungen zu verfolgen – auf der Ebene des Codes, der Algorithmen usw., aber auch der sozialen Praktiken und letztlich der Herstellung bestimmter sozialer Ordnungen.(9)
Die "ethische Archäologie" Intronas untersucht die Akteure, die an Punkten, wo es zu (technischen) Abschlüssen kommt, aktiv sind, und die Entwicklungen, die aus diesen Konstellationen hervorgehen. Das normative Ziel ist es, eine Situation zu schaffen, wo diese Abschlusspunkte untersucht und erneut geöffnet werden können, um andere Entwicklungen zu ermöglichen.

Obwohl die Stabilisierung eines Akteur-Netzwerks bedeutet, dass alternative Richtungen aufgegeben werden,(10) bedeutet dies nicht, dass Macht nur in der Form der Unterdrückung dieser alternativen Richtungen zum Ausdruck kommt. Nach Foucault sollte Macht nicht allein als hemmende Kraft verstanden werden, als etwas, das die freie Entfaltung von Beziehungen und Diskursen hemmt, sondern als Produktivkraft, die bestimmte Beziehungen fördert und andere nicht. In der Terminologie der ANT ist dieser produktive Aspekt der Macht im Begriff der "Übersetzung" enthalten. Akteure sind ständig bestrebt, andere Akteure in ihr Netzwerk aufzunehmen, und sie im Rahmen ihres eigenen "Handlungsprogramms" produktiv zu machen.(11)



 

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