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Buchkultur und Wissensgesellschaft

Zwischen Kontinuität und Umbruch


10.10.2012
Ein kollaborativ erstelltes Online-Lexikon verpflichtet sich der Tradition der enzyklopädischen Idee, genauso wie es mit deren strikten Konventionen bricht. Kann die Mediengattung "Enzyklopädie"unter den Voraussetzungen der digitalen Wissensgesellschaft weiterleben?

Sonne scheint auf ein aufgeschlagenes Buch, daneben ist die Tastatur eines Notebooks zu sehen.Buchkultur und die digitale Wissengesellschaft stellen zunächst einen Kontrast dar, beim Erstellen eines Wikis jedoch finden sie sich manchmal unweigerlich zusammen. (CC, flickr.com/photos/quinnanya/) Lizenz: cc by-sa/2.0/

Die freie Enzyklopädie Wikipedia gehört seit Jahren nicht nur zu den beliebtesten Angeboten im World Wide Web, ihr ungemeiner Erfolg markiert auch eine neue Ära der Enzyklopädie und damit des gesellschaftlichen Umgangs mit Wissen. Schon der Name Wikipedia verweist auf die Verschmelzung des Alten und Bewährten (Enzyklopädie) mit dem Neuen und Innovativen (Wiki-Technologie). Dabei darf freilich nicht übersehen werden, dass Innovation in gewisser Weise immer auch die Veränderung des bislang Gültigen bedeutet. Im Falle der Wikipedia scheint der Grat zwischen Kontinuität und Umbruch besonders schmal, denn hier treffen die strengen Qualitätsansprüche der Buchkultur auf die Offenheit, Dynamik und Flexibilität der digitalen Wissensgesellschaft.

1. Die Wikipedia in der Tradition der enzyklopädischen Idee



Das Anliegen der Wikipedia, die enzyklopädische Idee der Sammlung und Zugänglichmachung des verfügbaren Weltwissens, ist bereits aus dem Altertum bekannt und steht vermutlich in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Aufkommen der Schrift als Medium der subjektunabhängigen Speicherung kulturell relevanter Inhalte. Auch Antike und Mittelalter kannten und realisierten die Idee der Enzyklopädie. Ihren großen Durchbruch erlebte sie jedoch erst in der Frühen Neuzeit in Europa. Dabei sind sowohl die Entstehung der Bezeichnung Enzyklopädie als auch ihre physische Erscheinungsform als zusammenhängendes Werk, aber auch und vor allem die mit der Enzyklopädie verknüpften inhaltlichen wie qualitativen Erwartungen in enger Verbindung zum Buchdruck als Medium der Textverarbeitung und -reproduktion zu sehen. So führte im 15. Jahrhundert die Erfindung und Popularisierung eines Druckverfahrens mit beweglichen Metall-Lettern (Typen) durch den Mainzer Druckermeister Johannes Gutenberg zu einer bis dato nicht gekannten Normierung und Standardisierung im Umgang mit Texten und schließlich auch mit dem in diesen Texten prozessierten Wissen, da diese nun genauestens verglichen und eindeutig auf einen Autor als Schöpfer dieses Wissens zurückgeführt werden konnten. Auf diese Weise ist es auch zu erklären, dass das typographische Medium innerhalb der geistig im Aufbruch befindlichen Renaissancegesellschaft nicht nur die Verbreitung von (neuen) Ideen wie Humanismus und Reformation unterstützte, sondern ebenso die Entstehung und Strukturierung der modernen akademischen Wissenschaften beförderte und Konventionen der Herstellung, Abbildung und Weitergabe von Wissen entscheidend mitprägte.

In diesem Konglomerat aus Renaissancegelehrsamkeit, akademischer Wissensordnung und aufklärerischer Popularisierung von Wissen bildete sich das bis heute weitgehend gültige Mediengattungsverständnis (siehe Kasten) der Enzyklopädie heraus. Die Merkmale dieses in seinem gesamten Wesen buchkulturell geprägten Mediengattungsverständnisses, auf das sich auch die Wikipedia bezieht, lassen sich im historischen Rückblick auf die Entstehung des Enzyklopädiebegriffs wie folgt skizzieren:

(1) Die Enzyklopädie als umfassende Sammlung des gültigen Weltwissens:

Wer eine Enzyklopädie zur Hand nimmt, erwartet darin relevante Informationen zu allen Begriffen, Themen, Sachverhalten, Persönlichkeiten und Ereignissen zu finden, deren Kenntnis zum kollektiven Wissenskanon einer Gesellschaft gehört. Je vollständiger und aktueller diese Sammlung ist, umso wertvoller wird die Enzyklopädie für ihre Nutzer. Der Anspruch der umfassenden Wissenssammlung (als Überblick über alle Wissensbereiche oder konkret zu einem Spezialgebiet), der bis heute fest zum Konzept der Enzyklopädie gehört, war so auch prägend bei der Herausbildung des Begriffs "Enzyklopädie“, der erst Ende des 15. Jahrhunderts als eine vom Geist der Zeit getragene, fehlerhafte Rückführung des lateinischen Terminus encyclopaedia auf die griechische Wendung έγκύκλιοπαιδεία (enkýklios paideía) entstand. Wichtiger als der Aspekt einer höheren Grundbildung als Voraussetzung für weitere Studien, die mit dem antiken enkýklios paideía wohl ursprünglich tatsächlich gemeint gewesen ist, erschien den humanistischen Gelehrten dabei offensichtlich die Idee, in der Enzyklopädie ein in sich geschlossenes und strukturell aufeinander bezogenes "Wissensinsgesamt“, die GesamtheitInsgesamt des vorhandenen Weltwissens, zu sehen.

(2) Die Enzyklopädie als Ausdruck eines rationalen Zugangs zur Welt:

Das neue Konzept des allumfassenden, strukturell geschlossenen "Wissensinsgesamt" florierte dabei insbesondere innerhalb der sich ebenfalls neu herausbildenden Akademien, die Forschung und Experiment als neue wissenschaftliche Methode propagierten. So kam es, dass der Begriff der Enzyklopädie ab dem 17. Jahrhundert immer häufiger den ‚Kreis der Wissenschaften’, das heißt, eine Gesamtdarstellung der akademischen Disziplinen und des forschend erworbenen Wissens, bezeichnete. Freilich gingen im Zuge dessen auch die qualitativen Erwartungen der akademischen Welt bezüglich der Herstellung und Kommunikation gültigen Wissens auf die Enzyklopädie über (auch wenn späterhin zudem Wissen aus Handwerk und Gewerbe Eingang in den Kanon des Enzyklopädischen fand). Die enzyklopädischen Inhalte waren fortan dem wissenschaftlichen Anspruch auf Objektivität und Rationalität, also Unparteilichkeit und interindividuelle Nachprüfbarkeit verpflichtet.

(3) Die Enzyklopädie als populäres Nachschlagewerk:

Enzyklopädien sammeln und systematisieren das Weltwissen aber nicht nur, sie machen es zudem – allgemeinverständlich aufbereitet – zugänglich. Dieses dritte Merkmal des Mediengattungsbegriffs Enzyklopädie steht in direktem Zusammenhang mit der Idee der Volksaufklärung, die sich im 18. und 19. Jahrhundert mehr und mehr mit dem Konzept der Enzyklopädie verband. Enzyklopädien wurden so zu mehrheitlich pragmatisch genutzten Nachschlagewerken, wobei das systematische Ordnungsprinzip (Zusammenhänge) durch das alphabetische (Schlagwörter bzw. Lemmata) abgelöst wurde. Als solche dienten sie dem einfachen, außerhalb der Wissenschaften stehenden Bürger bei Bedarf als Zugang zu einem durch Forschung und Entdeckungsreisen immer umfangreicheren Weltwissen. Strukturelle Basis dieses aufklärerischen Ideals der Wissenspopularisierung war jedoch das Prinzip einer hierarchischen Differenz zwischen wissendem Experten und unwissendem Laien, das sich unter dem Einfluss des typographischen Mediums in den Rollenmustern von Produzent (Autor) und Rezipient (Leser) sowie im redaktionellen Prozess des Peer Review auch für die Enzyklopädie verfestigte.

2. Die Wikipedia als Spross der digitalen Wissensgesellschaft



Mit ihrem Anliegen, das verfügbare Weltwissen umfassend zu sammeln und in systematisierter, allgemeinverständlicher Art allen Interessierten zugänglich zu machen, schließt die Wikipedia ohne Frage zunächst nahtlos an den buchkulturellen Mediengattungsbegriff der Enzyklopädie an. Bei der praktischen Realisierung der enzyklopädischen Idee trifft sie jedoch auf vollkommen neuartige soziokulturelle Umstände sowie mediale Voraussetzungen.

Die Wissenszentrierung der Wissensgesellschaft

Soziokulturell betrachtet entstand und entwickelt sich die Wikipedia im Kontext einer Gesellschaft, in der Wissen zum entscheidenden Produktions- und Wettbewerbsfaktor im unternehmerischen Wertschöpfungsprozess geworden ist und somit auch eine zentrale Größe im Alltag der Individuen darstellt. Merkmale dieser sogenannten Wissensgesellschaft sind neben der Ökonomisierung des Wissens auch eine immense Vermehrung neuen Wissens sowie ein zunehmendes Vordringen wissenschaftlichen Wissens in den Alltag der Menschen wodurch sich in der Wissensgesellschaft nicht zuletzt auch das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit nachhaltig verändert. Die Wissensgesellschaft erscheint so gesehen zum einen als eine Gesellschaft fortschreitender Wissenszentrierung (die Herstellung neuen Wissens sowie das Management des vorhandenen Wissens stellt in allen gesellschaftlichen Bereichen ein zentrales Element dar); zum anderen ist sie aber auch eine Gesellschaft, in der aufgrund dieser Wissenszentrierung inzwischen deutliche Auflösungserscheinungen im Hinblick auf Wissen zu beobachten sind. Gemeint ist damit beispielsweise das Erlebnis eines relativ immer geringeren persönlichen Wissensanteils des Einzelnen an den sich zugleich beständig vervielfachenden und vervielfältigenden gesellschaftlichen Wissensbeständen – oder aber die Erfahrung, dass mit der gesellschaftlichen Öffnung der Wissenschaft auch die gesellschaftliche Wahrnehmung der Fragilität des wissenschaftlichen Wissens zunimmt. Diese gewissermaßen paradoxe Situation macht einen neuen Umgang mit Wissen notwendig. So konfrontiert uns die Wissensgesellschaft mit der Herausforderung einer gesellschaftlichen Lebensrealität, die ein prinzipielles Bewusstsein für die Vielgestaltigkeit und Veränderbarkeit des Wissens voraussetzt sowie die permanente Bereitschaft jedes Einzelnen, diesem Umstand flexibel und zugleich effektiv Rechnung zu tragen.

Die libertäre Kultur des Internet

Die Wikipedia spiegelt diese unsteten Wissensbedürfnisse und -realitäten der Wissensgesellschaft nicht nur, sie entspricht ihnen auch in geradezu idealer Weise. Entscheidend dafür ist nicht zuletzt ihre mediale Verfasstheit, denn die Wikipedia ist auch ein typischer Spross des heutigen Internet. In diesem Sinne basiert sie auf zwei zentralen Prinzipien: Zum einen auf dem Prinzip einer freien Teilhabe am verfügbaren Wissen, das im Kontext des Internet gewöhnlich mit dem Begriff »Open Access« bezeichnet wird. Eigentlich ein Grundprinzip der öffentlichen Infrastruktur des Internet schlechthin, richtet sich der Begriff gegenwärtig vor allem auf ein verändertes, nämlich freies Publizieren und damit die Aufhebung eines restriktiven Zugangs zu wissenschaftlichen Informationen. Das zweite Prinzip ist das der freien Partizipation an Wissen – und das nicht nur im Sinne von Teilhabe, sondern vielmehr im Sinne aktiver Teilnahme. Konkret verbirgt sich dahinter die Idee des Open Source, d.h. der freien Software, verstanden als Öffentlichmachung und Weitergabe des dazugehörigen Quellcodes mit der Option, diesen erneut zu verändern, sowie der Creative Commons als Verfahren, mit dem Produzenten von Wissen und Informationen selbstbestimmt Lizenzen erteilen können. Das Prinzip der Open Source steht demzufolge also für einen radikal veränderten Umgang mit Inhalten, da diese nun nicht mehr nur frei zugänglich, sondern auch durch jedermann gestaltbar werden. Massenwirksame Verbreitung und Umsetzung findet diese Idee einer gewissermaßen doppelten Demokratisierung gegenwärtig in den Anwendungen des sogenannten Web 2.0, einer neuen Generation der partizipativen, interaktiven und kollaborativen Internetnutzung, die auf der regen Beteiligung möglichst vieler Freiwilliger basiert und vom Glauben an und das Vertrauen in die kollektive Intelligenz der Gruppe getragen ist.



Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/de/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/de/ Autor: Daniela Pscheida für bpb.de

 
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