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Die Macht der Wenigen

Soziale Prozesse und Strukturen


10.10.2012
Fast jeder hat Wikipedia bereits einmal genutzt, im Verhältnis dazu aber tragen nur wenige Menschen aktiv zu ihr bei. Woran liegt diese Zurückhaltung? Oder ist es eher die Zurückweisung einer geschlossenen Gemeinschaft?

Blick in einen leeren Konferenzraum mit einem Schild 'Geschlossene Gesellschaft' an der Tür.Offen für Alle, oder exklusiver Zugang für Wenige? Lizenz: cc by-nd/3.0/ (sel)

Wenn ich zu Vorträgen eingeladen werde, in denen es um meine Forschungsarbeiten zu Wikipedia geht, frage ich oft das Publikum, wer denn Wikipedia benutze. In der Regel melden sich alle. Wenn ich dann weiterfrage, wer denn schon einmal etwas zu Wikipedia beigetragen habe, so melden sich nur noch ganz wenige Zuhörer. Meist frage ich dann noch, ob ihr Beitrag auch akzeptiert wurde. Und viele schildern die Erfahrung, dass ihre Mühe umsonst war. Der neue Beitrag wurde sehr schnell wieder gelöscht. Ganz kleine Korrekturen hingegen wurden oftmals akzeptiert.

Was ist der Grund dafür, dass die angebotene Mitarbeit nicht aufgegriffen wird? Wird nicht gesagt, dass sich jeder an der Erstellung der Artikel beteiligten könne? Ist es nicht die Idee, dass, wenn jeder ein wenig seines Wissens beitrage, das Wissen der Menschheit zusammen getragen werden könne? Und wenn das so ist, stimmt dann überhaupt die Idee heute noch? Hat sich da im Laufe der Zeit etwas verändert?

Zunächst ist zu fragen, welche Ideen eigentlich hinter Wikipedia stecken. Zuerst steht Wikipedia dafür: Jeder kann mitmachen. Mit anderen Worten: Die Inhalte werden mittels "Crowdsourcing" erstellt. Bei der zweiten wichtigen Wikipedia-Idee geht es um die Befreiung des Wissens. Eine Befreiung vom Urheberrecht soll insofern stattfinden, als dass für jedermann das "Wissen der Menschheit" zugänglich wird. Um sich zu informieren ist weder der Gang in eine Bibliothek noch die Anschaffung einer Enzyklopädie notwendig. Man muss nicht mehr die 3.000 € für den Großen Brockhaus aufwenden. Die Möglichkeit, in den Besitz des Wissens zu kommen, wird demokratisiert. Jedem Menschen sind die Inhalte nun zugänglich. Diejenigen, die sich das Bildungsgut leisten können oder wollen, sind nicht mehr im Vorteil. Es werden also Ungleichheiten beseitigt.

In einem längeren Forschungsprojekt haben wir am Institut für Gesellschafts- und Politikanalyse der Universität Frankfurt den Produktionsprozess und die Beziehungen der Wikipedianer untereinander soziologisch untersucht [1]. Besonders interessierte uns, warum die Menschen in der Wikipedia kooperieren und wie sie das tun. Hierzu haben wir eine Reihe Wikipedianer mit unterschiedlicher Position persönlich befragt. Wichtiger waren aber die Analysen der Texte und Änderungen von Artikeln und die Auseinandersetzungen um die Organisation Wikipedia, die im Datenbanksystem im Prinzip für alle zugänglich sind.

Die beiden wichtigsten Ideen von Wikipedia, also 1) die Art und Weise, wie das Wissen unter der Beteiligung möglichst Vieler zusammengetragen wird und 2) die Idee der Befreiung des Wissens, haben wir unter dem Begriff der "Befreiungs-ideologie" zusammengefasst. Ähnliche Ideen finden sich im Internet häufig, etwa in der freien Softwareproduktion. Auch hier wird das sogenannte Prinzip der "bottom-up"-Konstruktion von Inhalten angewendet. Der Hacker und Open-Source-Aktivist Eric Raymond beschrieb das entsprechende Konstruktionsprinzip als Bazar, auf dem Lücken von kleinteiligen Anbietern gefüllt werden, wodurch auf eine sehr aufwändige Planung verzichten werden kann. Bei Kathedralen ist dies nicht möglich: Sie erfordern komplexe Planungen; sie folgen einem Bauplan, der bereits alles enthalten muss und dessen Einhaltung zentral überwacht wird. Auf einem Bazar hingegen ist es die Vielzahl an Anbietern, die in der Lage ist, sich relativ schnell auf verändernde Nachfragen einzustellen. Eine solche Produktionsweise kann, so die Idee, weit mehr bewirken, als der einzelne (Kathedralen-)Baumeister, sei er auch noch so klug. Wenn viele Menschen, auch wenn sie individuell vielleicht nicht so intelligent wie der beste Architekt sein mögen, etwas Besseres, Größeres, an die Bedürfnisse der Nutzer angepassteres Werk zustande bekommen, dann ist vielleicht der einzelne Experte gar nicht mehr so entscheidend. Expertenwissen wird also durch ein solches Produktionsprinzip entwertet.

Die Befreiungsideologie als Lockmittel – Qualität als neuer Anspruch



Teilnehmer, die sich in Wikipedia engagieren wollen, leiten aus diesen Prinzipien ab, dass in Wikipedia alle gleichberechtigt sind und die Organisation selbst demokratisch aufgebaut sei. Dies wird jedoch oft von Aktivisten mit der Begründung zurückgewiesen, dass man über Wissen nicht abstimmen könne, denn oft liegt die Masse mit ihrer Einschätzung falsch. Der Internetaktivist Jaron Larnier hat dafür den Begriff des »digitalen Maoismus« geprägt. Gleichzeitig wird in einer Erklärung von Wikipedia zur Bedeutung von Administratoren in der Online-Ezyklopädie behauptet, diese hätten »keine Sonderstellung gegenüber anderen Benutzern, ihre Stimme zählt wie jede andere«.

Für die Befreiungsideologie spricht aber, dass damit neue Teilnehmer angelockt werden können, denn damit verbindet sich eine prosoziale Aktivität. Aus der Perspektive von Wikipedia kann eine Beteiligung mit denselben Argumenten begründet werden, wie andere Tätigkeiten im Bereich sozialer Unterstützung. Das Argument der Befreiung wird häufig auch in der jährlichen Spendenwerbung eingesetzt.[2]

Dabei wird darauf hingewiesen, dass es sich bei dem Trägerverein der Wikipedia um einen gemeinnützigen Verein handelt. Es kann vermutet werden - und teilweise lässt sich dies auch durch unsere Untersuchung unterstützen -, dass die Anfangsbeteiligungsmotivation durch die Befreiungsideologie stimuliert wird. Nur – bewährt sie sich hinsichtlich der Organisation des Projekts Wikipedia, der Arbeitsteilung bei der Erstellung und Verwaltung von Inhalten und der Herstellung der entsprechenden Rahmenbedingungen?

Zunächst hat kaum jemand es für möglich gehalten, dass Wikipedia durch ein Produktionsprinzip weitgehend ohne etablierte Experten - das auf die Beteiligung aller setzt - funktionieren kann: Kaum jemand hat für möglich gehalten, dass so viele Artikel geschrieben werden und auch so viele gute Inhalte entstehen. Allerdings lassen sich auch in der Masse der Artikel immer wieder Schnitzer, manchmal auch Fälschungen finden. Auch Experten der verschiedenen Fachgebiete haben immer wieder Schwierigkeiten mit der Qualität der Inhalte.

Das hat verschiedene Ursachen. Am Anfang war Wikipedia als Organisation nicht sehr ausgeprägt. Die Teilnehmer waren in erster Linie Autoren, hinzu kamen aber immer mehr Verwaltungsaufgaben. Es waren Anfragen von außen zu beantworten, besonders nach Berichten in den Medien kam ein Zustrom neuer Teilnehmer auf Wikipedia zu, der kaum zu bewältigen war. Neue Administratoren konnten nicht mehr einfach bestimmt werden, sondern es musste ein Wahlverfahren eingeführt werden. Sehr oft kam es auch zum Streit – häufig um Inhalte, oft aber auch um Weltanschauungen – hierzu mussten Lösungen gefunden werden. Mancher Streit eskalierte in der Hinsicht, dass es gar nicht mehr um die Sache selbst ging, sondern darum, in der Auseinandersetzung das eigene Gesicht zu wahren. Nicht nur Unterlegene in solchen Streits verführte die Offenheit von Wikipedia dazu, Inhalte zu zerstören. Inhalte mussten also geschützt, Vandalismus bekämpft werden. Hinzu kamen rechtliche Auseinandersetzungen um die Inhalte und eine interessensgesteuerte Produktion von Inhalten, beispielsweise wenn eine Vereinigung oder ein Unternehmen einen "positiven" Artikel über sich selbst anlegen wollte.

All das erforderte Reaktionen. Die Entwicklungen im Wachstum der Wikipedia - vermehrte Hinweise auf Fehler, die stellenweise schlechte Qualität einiger Artikel, interne Konflikte und die negative Berichterstattung in den Medien – führten in der Wikipedia-Gemeinschaft zu der Frage, wie man darauf reagiert und welches die Ursachen dafür sind. Schon 2005 forderte so der Gründer von Wikipedia, Jimmy Wales die Aktivisten auf einer großen Wiki-Konferenz in Frankfurt auf, sich stärker mit Qualitätsaspekten zu befassen. Nach dem Vorhalten des Spiegels durch die Medien und Wales‘ Ankündigung zeigten sich schon bald erste Hinweise auf eine Veränderung in der Ideologie von Wikipedia: Auf der Hauptseite von Wikipedia, wo Hinweise für Autoren zu finden sind, wurde die ursprünglich breite Einladung "Jeder kann mitmachen" in eine deutlich schmalere Version abgewandelt: "Gute Autoren sind hier immer willkommen".[3]


Fußnoten

1.
Stegbauer, Christian (2009): Wikipedia. Das Rätsel der Kooperation. Wiesbaden: VS.
2.
So auch in der Spendenkampagne im Herbst 2011: »spenden.wikimedia.de/spenden/« (27.08.2012).
3.
»de.wikipedia.org/wiki/Hauptseite« (Versionsgeschichte abgerufen: 27.08.2012). Der Wandel wird in der auf der Hauptseite dokumentierten Änderung der Einladung neuer Autoren deutlich: Hieß es ursprünglich noch: "Jeder kann mit seinem Wissen beitragen – die ersten Schritte sind ganz einfach!“ (Version vom 23:58, 14. Jul. 2005), lautete in der folgenden Version die Formulierung: "Wir suchen immer fähige Mitarbeiter – die ersten Schritte sind ganz einfach!“ (Version vom 15:26, 26.Jul. 2005). Ab Version vom 16:16, 10. Aug. 2005 heißt es: "Gute Autoren sind hier immer willkommen – die ersten Schritte sind ganz einfach!“.
Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/de/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/de/ Autor: Christian Stegbauer für bpb.de

 
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