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Geschlossene Gesellschaft?

Wikipedia zwischen Freiheit und Kontrolle


10.10.2012
Die Mitarbeit bei Wikipedia schwankt zwischen dem Anspruch einer freiwilligen kooperativen Zusammenarbeit und dem Bedarf, diese Inhalte durch Regeln und technische Mechanismen zu schützen. Daraus ergeben sich die zentralen Konflikte bei der Organisation von Gemeingütern.

Ein Weidezaun im Schnee.Wie frei ist die Wikipedia? Lizenz: cc by-sa/2.0/ (CC, Alexandre Dulaunoy - flickr.com/photos/adulau/)

Wer die Startseite der Online-Enzyklopädie Wikipedia besucht, wird willkommen geheißen im »Projekt zum Aufbau einer Enzyklopädie aus freien Inhalten in über 270 Sprachen, zu dem du mit deinem Wissen beitragen kannst«. Wikipedia ist frei, im Prinzip zumindest. Ihre Inhalte sind kostenlos aufrufbar, die Texte, Abbildungen und Fotos können unter Beachtung einiger lizenzrechtlicher Vorgaben kopiert und weiterverwendet werden und jeder Interessierte kann an dem Vorhaben selbst mitarbeiten.

Für Wikipedia ist charakteristisch, dass sie zugleich eine freie netzbasierte Ressource enzyklopädischer Informationen und ein freies Projekt zum Aufbau und zur Pflege dieser Sammlung ist. "Wikipedia is both a community and an encyclopedia", wie es der US-amerikanische Kommunikationswissenschaftler Joseph Reagle auf den Punkt bringt. Um aber die Aufgabe zu bewältigen, Produkte von enzyklopädischem Format bereitzustellen, muss das Zusammenwirken organisiert werden. Frei mitzumachen heißt folglich nicht, dass die Art und Weise des Tuns völlig ins Belieben der Teilnehmer gestellt sind und sie autonom mitmachen können. Vielmehr werden die Autoren konfrontiert mit einer breiten Palette an Richtlinien für konstruktive Mitarbeit und verbindliches Miteinander, an Maßstäben für enzyklopädische Beiträge sowie an Formatierungshinweisen und -vorlagen für standardisierte Inhalte. Das heißt: Dem Beteiligen und den hervorgebrachten Resultaten werden verschiedentlich Chancen eröffnet und zugleich Beschränkungen auferlegt. Lob gibt es dabei im Falle, dass Mitmachen und seine Ergebnisse für gut befunden werden; Sanktionen bei negativer Beurteilung. Entsprechend werden einerseits Bilder und Artikel als lesenswerte bzw. exzellente Beiträge prämiert oder »Autoren erhalten Auszeichnungen und werden in gehobene Positionen gewählt«, wie die der Administratoren, Bürokraten, Checkuser, Oversights oder Stewards. Andererseits können Beiträge ebenso gelöscht und Autoren gesperrt werden.

Die Mitarbeit bei Wikipedia schwankt folglich zwischen der Erwartung und dem Anspruch eines kooperativen netzbasierten Zusammenwirkens, in dem sich die freiwilligen Teilnehmer frei entsprechend ihrer Interessen, Kenntnisse und Wünsche kreativ betätigen können, auf der einen Seite, und Grenzen dieses erwünschten freien Tuns auf der anderen Seite. In der öffentlichen Berichterstattung wird diese Spannung von Freiheit und Kontrolle gern mit dem Vermerk aufgegriffen, Wikipedia sei eine geschlossene Gesellschaft vergleichbar mit einem elitären oder zumindest eigenbrötlerischen Klub. Im Projekt wiederum äußern manche Teilnehmer ihre Enttäuschung über reglementierende Umgangsweisen, manche wittern geheime Absprachen oder steigen aus.

Wikipedia als Gemeingut



Um die Möglichkeitsbedingungen für die Wikipedia-typische Projektorganisation zwischen selbstbestimmtem Mitmachen und der ebenso selbst zu erbringenden Abstimmung dieser Tätigkeiten zu verstehen, kann auf das Bewirtschaften von Gemeingütern geschaut werden.

Kurz gesagt sind Gemeingüter (bzw. Allmende oder Commons) in ihrer ursprünglichen Form Ressourcen wie Viehweiden oder Wasserreservoirs, die idealerweise von einem Kreis an dazu befugten Allmendegenossen kollektiv erschlossen und genutzt werden. Gedacht ist hier insbesondere an natürliche und damit zumeist knappe und verbrauchbare Ressourcen, bei denen der Zugriff eines Teilnehmers folglich mit anderen Nutzungswünschen rivalisiert. Zu diesen möglichen Aneignungsproblemen kommen noch Bereitstellungsprobleme, wenn die Gemeingüter erst mit aktivem Zutun bereit stehen. Damit die Nutzung von Gemeingütern nachhaltig erfolgreich ist, haben Kollektive entsprechende Managementformen entwickelt. In einer Reihe von Studien zur genossenschaftlichen Verwaltung von Gemeingütern konnte die US-amerikanische Ökonomin Elinor Ostrom zeigen, wie es erfolgreichen Regimen gelingt, die Bewirtschaftung von Gemeingütern dauerhaft verbindlich sicher zu stellen. Im Kern bestehen die Lösungen darin, das sich die Gemeinschaft der am Gemeingut beteiligten Akteure freiwillig darauf einigt, einige ihrer individuellen Freiheiten zu Gunsten des kollektiven Nutzens zu begrenzen, und zur Einhaltung dieser Selbstverpflichtung Maßnahmen der lokalen Selbstorganisation entwickelt und durchsetzt.[1]

Für die Beschäftigung mit der Organisation von Wikipedia ist das Konzept der Gemeingüter und der von Ostrom festgestellten Praxis ihrer Organisation in zweierlei Hinsichten aufschlussreich: So können netzbasierte Informationsressourcen wie Wikipedia selbst als Gemeingüter verstanden werden. Zudem finden sich in Wikipedia Bedingungen und Prozesse der Projektorganisation, die in weiten Teilen analog zu den von Ostrom herausgearbeiteten Merkmalen erfolgreicher Gemeingüterregime sind.

Wikipedia als Gemeingut umfasst im Grunde drei Ebenen, die gemeinschaftlich gebraucht werden können: Erstens die technische Infrastruktur aus Hard- und Software, was bei Wikipedia vordringlich die vom Projekt genutzte MediaWiki-Software ist. Zweitens die Darstellungsformate von Informationen, wie sie in Wikipedia in Form von Artikeln, Kategorien und Bildersammlungen zugänglich sind. Drittens die Ideen selber, die mittels dieser Formate aufbereitet, präsentiert und erschlossen werden.

Die Aneignung der Wikipedia-Gemeingüter ist besonders für die erste und die zweite Ebene geregelt, das heißt für die Mediawiki-Software und die Weisen, wie Informationen in Wikipedia aufbereitet sind, ob als Text, Bild, Ton oder ähnlichem mehr. Anders als bei knappen stofflichen Gütern ist die Aneignung der Wikipedia-Gemeingüter nicht-rivalisierend; sie können in ihrer digitalen Form ohne Verluste vervielfältigt werden ohne sich aufzubrauchen. Entsprechend sind die freien Lizenzen der GNU General Public License für die Software und der Creative Commons-Lizenz für die Texte und die anderen medialen Formate darauf ausgerichtet, die Nutzung offen und schwach reglementiert zu gestalten. Die dritte Ebene ist in diesem Sinn insofern juristisch geregelt, dass Wikipedia nur Informationen verfügbar machen will, die dazu urheberrechtlich bestimmt sind, auch wenn es praktisch zu zahlreichen Urheberrechtsverstößen seitens der Autoren kommt, wenn sie geschütztes Material in Wikipedia einpflegen.

Entgegen dieser Freiheiten bei der Aneignung der beiden ersten Ebenen der Wikipedia-Gemeingüter ist die Bereitstellung der Gemeingüter auf allen drei Ebenen – also dem Entwickeln der Software, dem Schaffen von Artikeln, Einstellen von Bildern etc. als auch dem Beitragen von Informationen – vergleichsweise stark kontrolliert. Zum einen sind die Wikipedianer als Staatsbürger an die geltenden Gesetze gebunden, beispielsweise hinsichtlich der Einhaltung urheberrechtlichen Schutzes, der Meinungsfreiheit und ihrer Grenzen, dem Persönlichkeitsrecht oder dem Jugendschutz Zum anderen verwalten sie zugleich ihr Projekt selbst. Die hierzu im geltenden juristischen Rahmen aufgestellten und überwachten Maßnahmen der Selbstorganisation entsprechen den von Ostrom genannten Erfolgsprinzipien des Managements von Gemeingütern:

  1. Nicht jeder kann alles beitragen, sondern dem Mitmachen sind technische, formale und inhaltliche Grenzen gesetzt. So kann beispielsweise ein neu hinzukommender Nutzer nicht auf Editierfunktionen zugreifen, die für Administratoren reserviert sind, und Artikel müssen minimalen Anforderungen genügen, sowohl was das Thema als auch die Art der Darstellung angeht, um nicht umgehend gelöscht zu werden.
  2. Die Regeln, mit denen die Bereitstellung geordnet wird, entstehen oft als mehr oder weniger konsensfähige Lösungen von Problemen des Zusammenarbeitens bzw. werden sie im Blick auf bestehende, gewohnheitsmäßig ausgeübte Praktiken entworfen. Auf diese Weise sind Regeln und die Umstände, auf die sie sich beziehen, weitgehend kongruent.
  3. Solcherart Regeln sowie die Durchsetzung dieser Regeln wird von den Nutzern selbst und nicht von externen Instanzen bewerkstelligt. In der Sprache von Wikipedia heißt dies, die Projektorganisation ebenso wie die Inhalte sind 'nutzergeneriert'. Zum Beispiel sind, dem Wiki-Prinzip gemäß, auch die Regeln der Wikipedia grundsätzlich von jedem Interessierten zu bearbeiten. Das Regelwerk besteht somit nicht aus wortwörtlich festgelegten Gesetzestexten, sondern Wortlaut und Sinn von Regeln werden diskutiert und verändert.
  4. Das Recht und die Verantwortung der Nutzer, die Bereitstellung der Software und der Informationen in ihrer jeweiligen Form selbst zu regeln und zu kontrollieren, werden von der Wikimedia Foundation als Betreiberin der Server und Besitzerin der Markenrechte an Wikipedia akzeptiert. Nur in Ausnahmefällen greifen bezahlte Mitarbeiter in die Geschicke des Projekts ein.
  5. Um Regeln effektiv durchzusetzen, muss deren Einhalten überwachbar sein. Auch zu diesem Zweck wird jede über die MediaWiki-Software getätigte Aktion dokumentiert, archiviert und kann über verschiedene Werkzeuge beobachtet und gegebenenfalls korrigiert werden.
  6. Die andere Bedingung, Regeln effektiv durchzusetzen, ist die Verfügbarkeit effektiver Sanktionsmaßnahmen, die entsprechend der unterschiedlichen Schwere des Vergehens variabel angewendet werden können. Auf diese Weise kennt Wikipedia mehrere Stufen, als ungeeignet bewertete Inhalte bzw. als destruktiv eingestufte Nutzer auszuschließen, was im konkreten Fall heißt zu löschen oder zu sperren.
  7. Um Unstimmigkeiten zwischen den Mitarbeitenden beizulegen, wurden Konfliktlösungsmechanismen für unterschiedlich gravierende Meinungsverschiedenheiten entworfen. Geraten Wikipedianer aneinander, können sie etwa die Dritte Meinung eines anderen Nutzers einholen, einen Vermittlungsausschuss oder schließlich ein Schiedsgericht anrufen.
  8. Weil das Projekt in seinen einzelnen Sprachversionen und diese mit steigenden Nutzerzahlen wiederum selbst zunehmend schwerer als Ganzes zu organisieren sind, haben sich projektintern kleinere Organisationseinheiten zusammengefunden. Damit ist auch Ostroms achtes Prinzip erfüllt, wonach das Management von Gemeingütern in verschachtelten Instanzen vonstattengeht. Über ihre allgemeine Mitarbeit an Wikipedia hinaus werden engagierte Nutzer auch Teilnehmer in Portale und Projekten, die wiederum eigene Standards und Richtlinien aufstellen und deren Einhalten überwachen.[2]


Fußnoten

1.
Die grundlegenden Darstellung hier ist das Buch von Elinor Ostrom (1999): Die Verfassung der Allmende. Tübingen: Mohr. Einführend zur Debatte um Gemeingüter vgl. auch Aus Politik und Zeitgeschichte Heft 28-30/2011. Den Blick speziell auf Informationen als Gemeingüter richten die Bücher von Elinor Ostrom & Charlotte Hess (Hrsg.)(2011): Understanding Knowledge as Commons. Cambridge/MA: The MIT Press und von James Boyle (2009): The Public Domain. New Haven/CT: Yale University Press.
2.
Ostroms insgesamt acht Prinzipien wurden in diesen Studien für Wikipedia nachgewiesen: Andrea Forte, Vanesa Larco & Amy Bruckman (2009): Decentralization in Wikipedia Governance. In: Journal of Management Information Systems 26(1); Fernanda B. Viégas, Martin Wattenberg & Matthew M. McKeon (2007): The Hidden Order of Wikipedia. In: Lecture Notes in Computer Science 4564/2007 und Christian Pentzold (2011): Imagining the Wikipedia Community. In: New Media & Society, 13(5), 704-721.
Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/de/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/de/ Autor: Christian Pentzold für bpb.de

 
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