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Formale Organisation und informale Gemeinschaft

Wikimedia und Wikipedia


23.11.2012
Das Tandem aus informeller Wikipedia-Community und der Wikimedia-Stiftung als Trägerorganisation ist das bislang größte Experiment für partizipatives Management einer global-digitalen Gemeinschaft – ein Experiment, das alles andere als abgeschlossen ist.

Die Mitarbeiterin der Wikimedia Foundation Mallory Whitt arbeitet an ihrem Schreibtisch in San Francisco. Am 18.1.2012 wurde die englische Wikipedia aus Protest gegen die us-amerikanische Internetgesetzgebung für einen Tag abgeschaltet.Die Mitarbeiterin der Wikimedia Foundation Mallory Whitt arbeitet an ihrem Schreibtisch in San Francisco. (© picture-alliance/AP, Eric Risberg)

Wenn es um digitale Gemeinschaften ("Communities") geht, betonen Beobachter häufig deren informellen Charakter und ein hohes Maß an Selbststeuerung. Dabei ist die Bedeutung formaler Organisationen für das Funktionieren und das Wachstum digitaler Gemeinschaften von großer Bedeutung – das gilt für Unternehmen hinter sozialen Netzwerken wie Facebook oder YouTube und das gilt auch für den Fall der Wikipedia. Denn sämtliche Inhalte der Wikipedia werden von einer Gemeinschaft weltweit verstreuter Freiwilliger erstellt. Diese Wikipedia-Community entscheidet, ob ein Artikel relevant für eine Online-Enzyklopädie ist und ob er den geforderten "neutralen Standpunkt" widerspiegelt, sie vergibt virtuelle Orden für besondere Leistungen und wählt Administratoren. Die formale Trägerorganisation der Wikipedia – die gemeinnützige Wikimedia Foundation in den USA – kümmert sich um den Betrieb der Server, das Einsammeln von Spendengeldern und kontrolliert die Rechte an der Marke "Wikipedia". Hinzu kommt ein grenzüberschreitendes Netzwerk aus Wikimedia-Vereinen ("Wikimedia Chapters"), das sich rund um die freie Online-Enzyklopädie herausgebildet hat und von der Wikimedia-Foundation koordiniert wird. Aber während Unternehmen wie Facebook oder YouTube die Regeln ihrer Plattformen meist ohne Konsultation der Nutzer festlegen, fehlen im Wikipedia-Universum derartig klare Entscheidungsstrukturen das Verhältnis zwischen formaler Organisation und informaler Gemeinschaft betreffend.

Wikipedia ist deshalb nicht nur eine neue Art der Sammlung und Aufbereitung enzyklopädischen Wissens. Das Tandem aus informeller Wikipedia-Community und formalem Wikimedia-Netzwerk ist auch das bislang größte Experiment für partizipatives Management einer global-digitalen Gemeinschaft – ein Experiment, das auch mehr als zehn Jahre nach der Gründung der Wikipedia alles andere als abgeschlossen ist.

Foundation und Mitbestimmung gegen Gefahr der Spaltung



Vor der Gründung der Wikimedia Foundation im Jahr 2003, lagen die Markenrechte sowie die Server-Infrastruktur der Wikipedia bei einem Startup-Unternehmen des Wikipedia-Gründers Jimmy Wales mit Namen "bomis.com". Das Geschäftsmodell von bomis.com bestand im Wesentlichen aus dem Verkauf von Anzeigen einer auf erotische Inhalte spezialisierten Suchmaschine mit dezidiert männlicher Zielgruppe.

Die gemeinnützige Wikimedia Foundation wurde von Jimmy Wales erst als Trägerorganisation für Wikipedia und ihre Schwesterprojekte wie Wiktionary oder Wikibooks initiiert, nachdem Teile der Wikipedia-Community aus Sorge um Meinungs- und dauerhafte Werbefreiheit mit Spaltung gedroht, bzw. diese teilweise sogar vollzogen hatten. So gründeten Autoren in der spanischen Wikipedia-Community die "Enciclopedia Libre Universal en Español”, die daraufhin sogar bis zur Gründung der Wikimedia Foundation ein schnelleres Artikelwachstum als die spanische Wikipedia zu verzeichnen hatte. Die alternative Urheberrechtslizenz, unter der sämtliche Inhalte der Wikipedia stehen, erleichtert eine derartige Abspaltung, weil sie eine Übernahme des bis dahin kollektiv erarbeiteten Wissensbestandes in ein neues Projekt erlaubt. Die Gründung der Foundation als glaubwürdigere Trägerorganisation diente also nicht zuletzt dazu, weiteren Abspaltungen vorzubeugen, und sollte einen Rahmen für eine stärkere Einbindung der schnell wachsenden Gemeinschaft an Beitragenden schaffen.

So verband Wales mit dem Wechsel der Trägerorganisation hin zu einer nicht profitorientierten Körperschaft das Versprechen, die Wikipedia-Community auch in die formalen Entscheidungsprozesse einzubeziehen – zuerst in Form von zwei Plätzen im Vorstand der Foundation. Diese Community-Vertreter werden in geheimer Wahl von den Wikipedia-Autorinnen bestimmt. Voraussetzung für die Teilnahme an diesen Wahlen sind mindestens 400 Beiträge in einem Wikimedia-Projekt; durchschnittlich ca. 3.000 Autoren machen von ihrem Wahlrecht auch Gebrauch. Der Formalisierung dieser Mitbestimmungsrechte ging dabei eine gemeinschaftsöffentliche Debatte – natürlich via Wikis – über die Kriterien voran, nach denen die stimmberechtigte Gemeinschaft ein- und abgegrenzt werden sollte.

Wikimedia als Franchising-Netzwerk



Parallel zur Gründung der Foundation und ersten Versuchen einer stärkeren Einbindung der Community in formale Entscheidungsprozesse begann auch die organisationale Internationalisierung von Wikimedia. Inhaltlich war die Wikipedia bereits von Anfang an mehrsprachig und damit international angelegt. Die Wikipedia-Software erlaubte immer schon unterschiedliche Sprachversionen, was sich binnen weniger Monate in eigenen Wikipedia-Versionen auf Deutsch, Katalanisch, Japanisch, Französisch und Spanisch niederschlug.

Organisatorisch nachvollzogen wurde diese Internationalität erst viel später, als im Jahr 2004 eine Gruppe deutscher Wikipedianer Wikimedia Deutschland - Gesellschaft zur Förderung Freien Wissens e.V. gründete. Hervorgegangen aus lokalen und selbstorganisierten Wikipedia-Stammtischen war das vorrangige Ziel der Vereinsgründung die Sammlung von Spendengeldern, um die damals noch ausfallanfällige Server-Infrastruktur zu verbessern und gleichzeitig die Wikipedia werbefrei zu halten. Die US-Foundation stand der deutschen Initiative zunächst skeptisch gegenüber, entschloss sich dann jedoch dazu, den Verein als erste lokale Außenstelle ("Chapter") formal anzuerkennen. Die Einrichtung von nationalen Wikimedia Chaptern war also nicht zentral geplant worden, sondern Reaktion auf unabhängig von der US-Foundation entstandenen Vereinen von Wikipedianern.

Mit der offiziellen Anerkennung des deutschen Mitgliedervereins als erstes "Wikimedia Chapter" ebnete die Foundation aber den Weg für weitere lokale Wikimedia-Vereine und machte die deutsche Vereinskonstruktion gleichzeitig zum Vorbild für ebendiese Nachfolger. "Wenn die Deutschen das hinbekommen, dann kriegen wir das auch hin", beschrieb beispielsweise eine Mitgründerin von Wikimedia Niederlande deren Vorbildwirkung. Alle diese lokalen Wikimedia-Vereine haben sich der Förderung der jeweiligen Community sowie von freiem – im Sinne von frei lizenzierten – Wissen allgemein verschrieben. Konkret organisieren die Vereine Veranstaltungen (z.B. die Verleihung des Zedler-Preises für freies Wissen), vergeben Stipendien für aufwändigere Recherchen oder veranstalten Schulungen und Workshops. Auf die Inhalte und Regeln der Wikipedia selbst haben sie aber keinen Einfluss – diese werden weiterhin autonom von der Gemeinschaft der Wikipedianer erstellt und kuratiert.

Aus Sicht der formalen Wikimedia-Organisation bot die Mitgliedschaft in diesen lokalen Vereinen eine weitere Möglichkeit, Wikipedianer in die formalen Entscheidungsprozesse zu integrieren und gleichzeitig stärker auf lokale Besonderheiten Rücksicht zu nehmen. Neue Wikimedia-Chapter mussten dafür von einem "Wikimedia Chapter Committee" offiziell anerkannt und verschiedene rechtliche Vereinbarungen im Rahmen eines "Chapter Agreements" bezüglich der Verwendung von Namen und Logo sowie Spendensammlung unterzeichnen. Wikimedia Chapter sind demnach zwar rechtlich eigenständig und in ihren Entscheidungen unabhängig von der Foundation, müssen für die Nutzung der Marken "Wikimedia" bzw. "Wikipedia" allerdings eine Art Franchising-Vereinbarung unterzeichnen. Sie regelt auch, wie die Spendengelder zwischen Foundation und Chapter aufgeteilt werden. Bis Ende November 2012 hatte Wikimedia offiziell 395 lokale Chapter-Organisationen mit insgesamt circa 6.000 individuellen Mitgliedern anerkannt. Wikimedia Deutschland ist mit ca. 260 Mitgliedern das mitgliederstärkste Chapter, gefolgt von Wikimedia Frankreich (400), dem Vereinigten Königreich (360), Italien (350), Schweden (230), Frankreich (200) und dem Vereinigten Königreich (180). Getragen werden diese Vereine größtenteils von ehrenamtlichen Aktivisten. Hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gibt es nur in den größeren Chaptern wie Deutschland und im Hauptquartier der Foundation, mit inzwischen knapp 100 Angestellten.

Zum Verhältnis von Organisation und Gemeinschaft



Trotz der Versuche, die Community direkt über Vertreter im Vorstand und indirekt als Mitglieder in Wikimedia-Vereinen einzubinden, ist das Verhältnis zwischen formalen Organisationen und informaler Gemeinschaft im Fall der Wikipedia keineswegs frei von Spannungen und Konflikten. Die grundsätzliche Herausforderung ist, dass Wikipedia-Community und Wikimedia-Organisation nicht deckungsgleich sind. Nur ein kleiner Teil der fast 90.000 aktiven Wikipedianer – also jenen, die monatlich mehr als fünf Editierungen vornehmen – ist auch Mitglied in einem der lokalen Wikimedia-Vereine. Hinzu kommt, dass die Vereine nationalstaatlich organisiert sind, die Wikipedia selbst aber entlang von Sprachversionen strukturiert ist. So gibt es Wikimedia-Vereine in Deutschland, Österreich und der Schweiz, obwohl deren Mitglieder größtenteils gemeinsam an der deutschsprachigen Wikipedia mitarbeiten – oder, wie im Fall der Schweiz, sich auf die französische, deutsche und italienische Wikipedia aufteilen.


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Autor: Leonhard Dobusch für bpb.de
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