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Die Welt in der Wikipedia als Politik der Exklusion

Palimpseste des Ortes und selektive Darstellung


10.10.2012
Große Teile der Welt werden in der Wikipedia nicht abgebildet, andere sind hingegen überrepräsentiert, zeigen die Untersuchungen von Mark Graham: Übersetzt man ihre geokodierten Inhalte in eine Karte, offenbaren sich noch viele weiße Flecken.

Afrikakarte aus dem Jahr 1861, unerforschte Gebiete werden als weiße Fläche dargestellt.Auch Wikipedia kennt 'weiße Flecke' (© Public Domain, 2003 als Teil des Florida Map Collection Projektes digitalisiert, palmm.fcla.edu/map)

Konkrete und virtuelle Orte



"Welche Grenzen wir in welcher Weise ziehen, wie sich dies auswirkt und wie sich die Grenzen verändern – das sind die entscheidenden Fragen." (John Pickles: A History of Spaces)


Wikipedia wird oft als ein Beispiel für zwei Dinge genannt: Anarchie und Demokratie. Gängige Erklärungsansätze und Darstellungen können hier dekonstruiert, vielfältige Auffassungen und Auslegungen der Welt sichtbar gemacht werden. Es heißt jedoch ebenso, die in den Wikipedia-Debatten erkennbaren Machtverhältnisse spiegelten häufig jene der "Offline-Welt" wider, die alternative Darstellungen ausschließen: So stammt ein unverhältnismäßig großer Anteil der Beiträge von jüngeren männlichen Autoren aus westlichen Ländern. Im Kontext virtueller Repräsentation realer Orte erhält diese Diskussion besondere Bedeutung. Inzwischen ist Wikipedia de facto die globale Quelle dynamisch organisierten Wissens; daher bilden die Repräsentationen in der Enzyklopädie einen wesentlichen Bestandteil räumlicher Palimpseste1. Im Grunde wird hier die Auffassung vertreten, dass die Art und Weise, wie Orte in Wikipedia repräsentiert, also dargestellt und sichtbar (oder auch unsichtbar) gemacht werden, sich massiv auf unsere kulturelle, ökonomische und politische Interaktion mit diesen Orten auswirkt. Anders ausgedrückt: Das Machtgefälle und die Gräben in der realen Welt (d.h. mit Klasse, Geschlecht, Nationalität usw. verbundene Brüche) sind häufig mit der Ausblendung bestimmter Arten von Wissen in der Darstellung der Online-Welt verbunden.

Wie wir Orte begreifen, ist geprägt durch zahllose Schichten von Ziegeln, Stahl und Beton, Erinnerungen und Geschichte. Mit anderen Worten spielt nicht nur unsere konkrete Erfahrung eines Ortes eine wichtige Rolle – auch Fotografien, Filme, Erzählungen und ebenso Lexikoneinträge bestimmen, wie wir zu einem Ort kulturell, ökonomisch und politisch in Beziehung treten. Nennen wir diese realen und virtuellen Schichten die Palimpseste eines Ortes. Da Wikipedia praktisch zu einer globalen Quelle dynamisch organisierten Wissens geworden ist, bilden die Repräsentationen in der Enzyklopädie ein wesentliches Element räumlicher Palimpseste. Die räumlichen Repräsentationen, die uns Wikipedia liefert, werden letztendlich zu einem performativen Medium, eingebettet in die unzähligen kulturellen, ökonomischen und politischen Entscheidungen hunderter Millionen Nutzer.

Es ist zuweilen schwierig, die Bedeutung unterschiedlicher Schichten von Informationen über Orte anhand konkreter Beispiele zu veranschaulichen. Ich will daher kurz auf ein Gespräch eingehen, dass ich im Rahmen eines Forschungsprojekts in Kenia geführt habe – es ging darum, wie sich Ostafrika durch veränderte Kommunikationsmöglichkeiten selbst verändert.

Ein Reiseveranstalter in Nairobi schilderte mir, wie das schnellere Internet ihm ermöglicht, eine größere Zahl von Touren in Länder der Region anzubieten, etwa nach Ruanda und Uganda. Ich wollte mir dies genauer erklären lassen: Was ist es eigentlich, was er vorher nicht konnte? Nun, er könne "viel mehr Dinge googlen - schneller und effizienter", erklärte er. Aber das reichte mir noch nicht, ich hakte nach: Was genau bedeute das für ihn? Seine Antwort: Google liefere ihm Informationen, durch die er neue Orte und Reiseziele besser erschließen könne. Durch Google finde er also einschlägige Wikipedia-Artikel, in denen er Vieles über Nationalparks, Abenteuertouren und Sehenswürdigkeiten erfahre, das er an seine Kunden weitergeben könne. Dieses Beispiel zeigt, wie die geografische Repräsentation nicht nur unsere Vorstellungen von Orten beeinflusst, sondern auch in einem durchaus realen Sinne die Art und Weise beeinflusst, wie wir uns an Orten bewegen, zu ihnen in Beziehung treten und sie erschließen. 

Statistiken zufolge lassen sich nahezu die Hälfte der Zugriffe auf Wikipedia auf die Suchtreffer von Google, zurückführen. Denn Wikipedia-Artikel stehen bei den Google-Suchergebnissen zu fast jedem beliebigen Begriff an prominenter (also sichtbarer) Stelle. So lässt sich nicht leugnen, dass Google für einen erheblichen Anteil der Zugriffe auf Wikipedia-Artikel über Orte sorgt und damit den Beitrag der Enzyklopädie zu ihren Palimpsesten steigert.

Orte verwandeln Text, konfligieren und überschneiden sich mit ihm. Wie Orte dargestellt werden, darum wurden schon immer Machtkämpfe geführt. Jede räumliche Darstellung "festigt eine bestimmte Bedeutung unter unzähligen anderen. In der heutigen Welt geschieht dies meist durch die Aufforderung, uns diese Sache, diesen Gegenstand oder jenen Ort anzusehen", wie es »John Pickles« in seiner "History of Spaces" ausdrückt. Als Abstraktion von konkreter Wirklichkeit kann die Abbildung der realen Welt die Herrschaft und Kontrolle über den Gegenstand der Abbildung potenziell erleichtern. Ian Barrow beispielsweise zeigt mit seiner Arbeit, dass die kolonialen Landkarten Indiens dazu dienten, die britische Herrschaft als natürlich erscheinen zu lassen. Ähnlich hat P.J. Stickler untersucht, wie während der Apartheid die Siedlungen der Schwarzen von den Karten Südafrikas verschwanden.

In den letzten Jahren haben sich unsere Möglichkeiten, die reale Welt virtuell zu repräsentieren, tiefgreifend gewandelt. Was ich an anderer Stelle die "Cloud-Kooperation" ("cloud collaboration”) genannt habe, ermöglicht heute nahezu jedem Menschen mit Internetzugang, an den virtuellen Schichten der Palimpseste von Orten mitzuwirken. Solche Repräsentationen werden Teil der uns umgebenden Palimpseste, durch die wir uns bewegen, die wir berühren, sehen und hören. Orte können auf unterschiedlichste Weise online abgebildet werden. Unter allen Projekten, die sich auf Cloud-Kooperation stützen, ist Wikipedia mit seinen hunderten Millionen von Nutzern bei weitem dasjenige mit den meisten Zugriffen http://www.alexa.com/topsites, den meisten Beiträgen und der größten Sichtbarkeit.

Durch ihre herausragende Stellung bei den meisten Suchmaschinen und ihre weltweite Popularität kommt Wikipedia eine große Bedeutung für die Konstruktion von Palimpsesten bei. Das macht es noch wichtiger zu verstehen, sowohl was in Wikipedia abgebildet wird, als auch wie Orte und ihre Merkmale dort sichtbar oder unsichtbar gemacht werden. Die Enzyklopädie spielt eine wichtige Rolle dafür, dass es möglich wurde die Produktion und Repräsentation von Geografie und die Atmosphäre und den Geist eines Ortes (des genius loci)in die Hände der Massen im Web zu übergeben. Der genius loci2 gründet stets im Lokalen, weniger im Globalen. Heute jedoch, da die Palimpseste von Millionen Orten virtuelle Schichten besitzen, beginnen diese virtuellen Abbildungen auch unsere Auffassung und Vorstellung von der realen, der Offline-Welt zu beeinflussen. Wichtiger noch: Weil die virtuellen Elemente der Palimpseste die geografische Vorstellung beeinflussen, schaffen und legitimieren sie Machtverhältnisse.

Hier wird davon ausgegangen, dass es im Wesentlichen drei Gründe dafür gibt, warum Wikipedia alles andere als ein wertfreies Wissensangebot ist. Im Einzelnen zeige ich, dass Asymmetrien in Geografie, Informationsflussrichtung und Politik für Wikipedia kennzeichnend sind. Daher geht dieser Abschnitt ausführlich auf die Möglichkeiten der Enzyklopädie ein, die Palimpseste des Ortes in dreierlei Hinsicht zu beeinflussen. Zunächst wird der Datenbestand aller geokodierten3 Artikel untersucht, um die Wikipedia-typische Geografie darzustellen. Einige Teile der Welt fallen durch eine sehr dichte virtuelle Repräsentation auf, andere hingegen wurden praktisch zur virtuellen terra incognita. Zweitens betrachten wir die Geografien verschiedener Sprachfassungen, um die spezifische Richtung der Informationsflüsse in der Enzyklopädie zu untersuchen. Schließlich werden anhand einiger Fallstudien verschiedene Strategien und Kräfteverhältnisse bei Repräsentationen in Wikipedia herausgearbeitet.

Wikipedia stellt gewiss in vielerlei Hinsicht ein radikales Novum in der Schaffung, Organisation und Verbreitung von Inhalten dar; doch bedeuten ihre Macht und ihre Stellung als eine der ersten Autoritäten globalen Wissens heute auch, dass die Enzyklopädie und ihre Macher ein neue Form des kooperativ produzierten planetarischen Bewusstseins schaffen konnten. Stets sollte man sich daher jener drei Dimensionen der Asymmetrie als Merkmal der Enzyklopädie bewusst sein: nicht um Wikipedia als unbrauchbar abzuwerten, sondern vielmehr, um das aus ihr bezogene Wissen im Rahmen der zahlreichen unausgewogenen Geografien der realen Welt und nicht der unterstellten Allwissenheit der Cloud zu kontextualisieren.

Asymmetrien der Geografie



"Die Welt wurde buchstäblich geschaffen, domestiziert und geordnet durch Grenzziehungen, Unterscheidungen, Taxonomien und Hierarchien: Europa und die andern, der Westen und der Nicht-Westen, Menschen mit und solche ohne Geschichte." (John Pickles: A History of Spaces)


Seit kurzem wird viel über die Behauptung diskutiert, Wikipedia sei mindestens so zuverlässig wie herkömmliche, professionell-kommerzielle Wissensangebote (wenn nicht sogar zuverlässiger). So befand beispielsweise eine häufig zitierte Untersuchung des Nature-Magazins, dass die Encyclopaedia Britannica ebenso viele Unrichtigkeiten enthalte wie Wikipedia. Ähnlich bemerkte der Geograf Michael Goodchild nach der Untersuchung der Zuverlässigkeit von Karten, die ebenso wie Wikipedia-Artikel von Freiwilligen produziert werden:http://en.wikipedia.org/wiki/Michael_Frank_Goodchild "Soweit wir das bislang beurteilen können, sind diese neuen Quellen genauso zuverlässig wie herkömmliche." 4 Ein Weg, den Gehalt solcher Behauptungen im Kontext von Informationen über Orte in Wikipedia zu untersuchen ist der, alle geokodierten Artikel in Karten zu übersetzen. Das Ergebnis fassen die Abbildungen 1 bis 3 zusammen, und zwar anhand der im »Wikipedia-Projekt Georeferenzierung« gesammelten Daten.

Die Daten wurden anschließend auf ein geografisches Informationssystem (GIS) portiert. Zum Zeitpunkt der Datensammlung gab es nahezu eine halbe Million geokodierter Wikipedia-Artikel (d.h. Wikipedia-Artikel über Orte bzw. über Ereignisse an bestimmten Orten). Aus Abbildung 1 ist die Gesamtzahl solcher Artikel je Land ersichtlich. Die meisten entfallen auf die Vereinigten Staaten (fast 90.000), die wenigsten geokodierten Artikel hat karibische Insel Anguilla (vier) – wie auf die meisten kleinen Inselstaaten und Stadtstaaten kaum hundert Artikel kommen. Allerdings sind es nicht bloß die Mikrostaaten, die durch eine höchst geringe Repräsentanz in Wikipedia auffallen. Nahezu alle afrikanischen Länder sind dort unterrepräsentiert. Bemerkenswerterweise wurden mehr Wikipedia-Artikel über die Antarktis als über alle 53 Staaten Afrikas (bis auf einen) geschrieben. Vielleicht noch erstaunlicher: Es gibt mehr Artikel über fiktive Orte in Mittelerde und Scheibenwelt als über viele reale Länder in Afrika, Amerika und Asien. Ein völlig anderes Bild ergibt sich, wenn man die Daten nach Flächen auswertet (s. Abb. 2). Danach haben Mittel- und Westeuropa, Japan und Israel die meisten Artikel, große Länder wie Russland und Kanada hingegen verzeichnen niedrigere Quoten.

Gesamtzahl aller geogetaggten Wikipedia-Artikel, pro Land in allen SprachenGesamtzahl aller geogetaggten Wikipedia-Artikel, pro Land in allen Sprachen Lizenz: cc by-nc-sa/3.0/ (CC, Mark Graham, Oxford Internet Institute)



Schließlich wurden die Daten auch nach der Bevölkerungsgröße ausgewertet (siehe Abb. 3). Hier rücken Länder mit geringer Einwohnerzahl und großer Fläche nach oben. Für Kanada, Australien und Grönland ergeben sich extrem hohe Artikelzahlen pro 100.000 Einwohner. Ähnlich verhält es sich mit kleineren Staaten mit zahlreichen Sehenswürdigkeiten oder räumlich bedeutsamen Ereignissen (etwa Pitcairn oder Island).

Festzuhalten wäre, dass nur eine relativ geringe Zahl von Wikipedia-Artikeln geokodiert ist. Dies liegt vor allem daran, dass sehr viele Informationen einfach kein räumliches Profil haben: Es wäre sinnlos, der großen Mehrzahl von Artikeln zu Themen wie "Apfel" oder "Abseitsregel" Koordinaten zuzuweisen. Andererseits sind einige explizit raumbezogene Artikel nach wie vor nicht geokodiert. Dass Burkina Faso mehr geokodierte Artikel (nämlich 1071) als Südafrika (945), Kenia (217) und das übrige Afrika verzeichnet, liegt wahrscheinlich eher an der sorgfältigen Bearbeitung und weniger am Vorhandensein von mehr Inhalt. Allerdings verblassen diese Zahlen bei einem Vergleich mit Ländern wie USA oder Deutschland und ihrer hohen Artikelanzahl (89.549 bzw. 54.634). So lässt sich resümieren: 1. Die geografischen Verzerrungen in kodierten bzw. unkodierten Artikeln sind relativ unbedeutend. 2. Da solche Verzerrungen vorkommen, sollten wir uns mehr dem allgemeinen Muster geografischer Unterschiede in den Inhalten zuwenden (also der Tatsache, dass es mehr Inhalte zur Nord- als zur Südhalbkugel gibt) und weniger den relativ geringen Unterschieden zwischen Orten.

Zahl aller geogetaggten Wikipedia-Artikel pro 100 km²Zahl aller geogetaggten Wikipedia-Artikel pro 100 km² Lizenz: cc by-nc-sa/3.0/ (CC, Mark Graham, Oxford Internet Institute)




»Oft wird behauptet«, den Wikipedia-Autoren gingen die Themen aus. Tatsache ist, und das belegen Untersuchungen, dass die eigentliche Arbeit an Artikeln abnimmt und die indirekten Arbeiten zunehmen – was die These stützt, das Potenzial an Inhalten sei ausgeschöpft. Dies aber können die obigen Zahlen keineswegs bestätigen. Große Teile der Erde sind eine digitale terra incognita: Somit bietet Wikipedia einen verzerrten Blick auf die Welt, der bestehende Asymmetrien der Repräsentation nur reproduziert. Und das muss aus zweierlei Gründen beunruhigen. Erstens schenkt man den Darstellungen in Wikipedia – anders als bei den deutlich "einseitigen" Karten des kolonialen Indien oder Südafrikas während der Apartheid – allgemein Vertrauen und unterstellt ihnen keine signifikanten oder systematischen Fehler. Zweitens: Die Wikipedianer konnten zwar auf nie dagewesene Weise Informationen sammeln, doch erweist sich die Enzyklopädie als wenig brauchbar für eine transparente Vermittlung ihrer Wissenslücken, also der unsichtbaren Orte auf der digitalen Landkarte.

Zahl der geogetaggten Wikipedia-Artikel pro 100.000 EinwohnerZahl der geogetaggten Wikipedia-Artikel pro 100.000 Einwohner Lizenz: cc by-nc-sa/3.0/ (CC, Mark Graham, Oxford Internet Institute)



Fazit



Dieser Beitrag zeigt, dass sich die Debatte um die Wikipedia-Politik wohl neu ausrichten muss. Die Diskussion in Wissenschaft und Öffentlichkeit dreht sich meist um Einseitigkeiten bereits vorhandener Inhalte und um die Behauptung, das Potenzial an Themen in der englischsprachigen Wikipedia sei bereits erschöpft. Nach unserer Auffassung aber ist mehr in den Brennpunkt zu rücken, was an Informationen und Standpunkten schlicht ausgeblendet wird.

Das Wikipedia-Projekt verbucht für sich als unvorstellbaren Erfolg, von Freiwilligen erstellte Wissensangebote für praktisch jedermann kostenlos verfügbar zu machen. Weniger aber gelingt es ihm, den Nutzern die Lücken in der Darstellung zu vermitteln. Das Problem liegt teils in der Formulierung eines seiner Grundprinzipien begründet, des neutralen Standpunkts. In der englischen Wikipedia werden die Bearbeiter angehalten, "Tatsachen wiederzugeben, wozu auch Fakten über Meinungen gehören – nicht aber die Meinungen selbst." Diese Regel mag bei zahlreichen Artikeln sinnvoll sein – etwa über die Anatomie der Fische, über Colibakterien oder einen bestimmten Fußballclub –, nicht aber zwangsläufig auch bei Artikeln über Orte. Die zahllosen Möglichkeiten, ökonomisches, soziales und politisches Gelände auszuloten, bedeuten, dass Artikel, die zu den Palimpsesten der Orte beitragen, zwangsläufig nur selektive Aspekte auf selektive Weise darstellen können.

Die Debatten und Bearbeitungskriege ("Edit-Wars"), die um die Darstellung höchst umstrittener Orte geführt werden, sind zweifellos wichtig (siehe Palästina oder Londonderry); doch sind es gerade die Darstellungen eher "alltäglicher" Orte, die nicht im Brennpunkt der Auseinandersetzung stehen, die den meisten solcher Verzerrungen ausgeliefert sein können. Zudem, Neben der Erkenntnis, dass es wichtig ist, die Machtbeziehungen im Blick zu behalten, die der Darstellung von Orten innewohnen, sollten wir nicht vergessen, dass große Teile der Erde noch gar nicht abgebildet sind.

Über manche Orte liegt schlicht nichts Schriftliches vor, andere sind nur unter bestimmten (z.B. sprachlichen) Voraussetzungen zugänglich; selbst dort, wo ein Ort (auch in der richtigen Sprache) vertreten ist, können viele Merkmale durchaus in den virtuellen Palimpsesten verhüllt und unsichtbar bleiben. Auslassungen und Lücken in virtuellen Darstellungen sollten unbedingt mehr ins Zentrum des Diskurses über die digitale Kluft gerückt werden. Manch frühere Arbeit hat gezeigt, dass Klüfte dort entstehen können, wo die Verbindung zwischen Mensch, Technologie und Information fehlt. Klar ist allerdings, dass die digitale Kluft mehr als eine Frage des Zugangs ist. Es sind daher die vielen anderen Faktoren zu bedenken, die Menschen und Orte von digitalen Palimpsesten ausschließen. Wikipedia-Artikel wie auch die konkreten Orte und Ereignisse, die dargestellt werden sollen, sind zwangsläufig stets im Werden. Um also die zahlreichen Dimensionen der Asymmetrie in der Repräsentation aufzugreifen, müssen wir uns des Fehlenden ebenso bewusst sein wie des Abgebildeten. Dazu entscheidend beitragen könnten bessere Richtlinien zur Aufnahme oder zum Ausschluss der vielen Aspekte von Orten ebenso wie transparentere Verfahren zum Aufweisen von Unausgewogenheiten. Anders ausgedrückt: Statt immer wieder zu behaupten, uns würden die Themen ausgehen, oder Wikipedia habe den Planeten mit einer Deckschicht von Information überzogen, sollten wir uns eher der Mechanismen bewusst sein, wie sich die zahlreichen Machtbeziehungen und Gräben der realen Welt oftmals mit der Ausblendung bestimmter Arten von Wissen aus der digitalen Repräsentation verbinden. Das Fehlende in den digitalen Palimpsesten der Orte ist von entscheidender Bedeutung, weil es unsere Auslegung der Welt und damit letztendlich unsere Interaktion mit ihr beeinflusst. Dies sind ganz entscheidende Dinge, denn man kann sich denken, dass in den Palimpsesten der Orte nicht nur viele "ausgelassen" werden; auch werden, wie es die Columbia-Professorin für Literaturwissenschaft Gayatri Spivak ausdrückt,http://en.wikipedia.org/wiki/Gayatri_Chakravorty_Spivak die Subalternen selbst in den vorhandenen Repräsentationen sprachlos und damit ungehört bleiben. Alles Wissen stellt sich in Beziehung zu Auslassungen, Fehlendem und Asymmetrien dar; so gibt es in Wikipedia zwangsläufig Orte, die nicht abgebildet, und Menschen, die nicht gehört werden. Was aber am meisten beunruhigt: Aufgrund der Öffentlichkeitswirkung der Wikipedia wird sich diese westliche Dominanz in der Repräsentation und Hörbarkeit wohl in unzähligen sozial-räumlichen Praktiken weltweit stets auf neue herstellen und reproduzieren. Eben dies müssen wir als Unausgewogenheit in Repräsentation und Ausdrucksmöglichkeiten bloßstellen.

Für Wikipedia gibt es gewaltige Potenziale, die Teilhabe am Aufbau von Wissen zu ermöglichen und die etablierte Klammer zwischen global zugänglichen Darstellungen und der hegemonialen Kraft herrschenden westlichen Wissens zu lösen. Die Wissensplattform, in fast 280 Sprachfassungen verfügbar, ermöglicht marginalisierten Gruppen theoretisch, sich bei Produzenten und Nutzern von Information weltweit Gehör zu verschaffen. Dabei ist eines wichtig: Wir sollten nicht überschätzen, wie die Enzyklopädie die digitale Repräsentation demokratisiert hat, und uns bei den Palimpsesten der Orte stets der Asymmetrien in Geografie, Informationsflussrichtung und Politik bewusst sein.

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Bei dem Beitrag handelt es sich um eine gekürzte und aus dem Englischen übersetzte und bearbeitete Fassung, zuerst erschienen in: "»Geert Lovink and Nathaniel Tkacz (Hrsg.): Critical Point of View: A Wikipedia Reader«". 2011

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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-sa/3.0/ Autor: Mark Graham für bpb.de

 
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