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Konsens in zwei Sprachversionen

Wissenskulturen in der en- und de-Wikipedia


10.10.2012
Unter den über 270 Sprachversionen sind die englische und die deutschsprachige Wikipedia die größten Angebote. Auf den ersten Blick erscheinen sie nahezu identisch, vertreten sie doch die gleiche Grundidee und nutzen dieselbe Technik. Was sie zusammenhält, aber auch was sie unterscheidet, zeigt das Beispiel der Diskussionen um die Mohammedabbildungen in der Wikipedia.

Kinder winken mit amerikanischen und deutschen Flaggen beim Staatsbesuch von Bundeskanzlerin Merkel in Washington.Welche Gemeinsamkeiten herrschen in der deutsch- und englischsprachigen Wikipedia? (© AP, Carolyn Kaster)

Wikipedia ist mittlerweile eine der am häufigsten besuchten Websites im Netz. Für viele ist Wikipedia zum wichtigen Nachschlagewerk und zur ersten Anlaufstelle in puncto Wissen geworden. Einige nutzen Wikipedia auch um einen Begriff in einer anderen Sprache zu übersetzen: In der Navigationsleiste wird angezeigt, ob und in welchen anderen Sprachen ein Artikel zur Verfügung steht. Dabei wird schnell klar, Wikipedia ist nicht gleich Wikipedia. Die Mitmach-Enzyklopädie umfasst aktuell über 270 Sprachversionen, die relativ autonom voneinander agieren (können). Inwiefern unterscheiden sie sich? Und andersherum gefragt: Was hält die verschiedenen Sprachversionen außer Wiki-Technologie zusammen? Gibt es einen (Meta-)Konsens darüber, wie Wissen auf der Wikipedia ausgewählt, dargestellt und bearbeitet werden soll?

Gemeinsamkeiten in den Wurzeln



Die 'Mission‘ der (mittlerweile über 270 Sprachversionen umfassenden) Online-Plattform ist es, eine frei bearbeitbare, frei zugängliche Enzyklopädie unter einer freien Lizenz zu schreiben. Die Festlegung auf dieses Ziel wurzelt in den ersten beiden Entstehungsjahren von Wikipedia. Bereits im ersten Jahr – 2001 – äußerten User der Wikipedia Bedenken hinsichtlich einer kommerziellen Nutzung. Das Ergebnis: Die Plattform migrierte 2002 von der "dot-com"- zur "dot-org"-Domain. Spätestens seitdem zeigt sich Wikipedia in den Selbstbeschreibungen als freie Enzyklopädie. Vor diesem Hintergrund gilt die mehrsprachige Plattform als eines der prominentesten Beispiele für den Transfer der Prinzipien von F(L)OSS – Free/Libre/Open Source Software – auf die Ebene der Wissenskoproduktion[1]. Diese F(L)OSS-Prinzipien werden unter anderem als die vier Freiheiten in der Definition freier Software verhandelt:

  • Freiheit 0: Das Programm zu jedem Zweck auszuführen.
  • Freiheit 1: Das Programm zu studieren und für den eigenen Zweck zu verändern. Zugang zum Quellcode ist eine Vorbedingung für diese Freiheit.
  • Freiheit 2:. Das Programm zu verbreiten, um andern zu helfen.
  • Freiheit 3:Das Programm zu verbessern und diese verbesserten, modifizierten Programmversionen zu verbreiten und so einen Nutzen für die Gemeinschaft zu erzeugen.


Praktisch wurden diese vier Freiheiten in der Wikipedia durch die Wahl der GNU Free Documentation License umgesetzt, welche im Frühling 2010 durch die Creative Commons Lizenz "Namensnennung, Weitergabe unter gleichen Bedingungen" (CC-By-SA) – ersetzt wurde.

Dem nicht genug: Auch der Prozess der Wissenskoproduktion von F(L)OSS und Wikipedia ähneln sich: Schreiben hier verschiedene Entwickler und Entwicklerinnen an einem Softwareprogramm, schreiben dort verschiedene User an einem Artikel. Wikipedia umfasst gewissermaßen das Herstellen, Veröffentlichen, Bewahren und Modifizieren von 'Kulturprodukten‘. Ähnlich wie bei der Programmierung von Software, können auch in der Wikipedia verschiedene User gemeinsam an einem 'Produkt‘ schreiben. Wie entscheidet man aber darüber, ob ein Artikel gut ist oder nicht? Bei der Software ist dies relativ einfach: Guter (nicht unbedingt sauberer) Code ist – verkürzt gesprochen – nach relativ objektiven Maßstäben messbar: Läuft ein Programm fehlerfrei? Läuft es schnell etc.?

In der Wikipedia soll über die Frage "Was ist ein guter Artikel?" der sogenannte Neutrale Standpunkt (englisch "neutral point of view"NPOV) entscheiden. Der Neutrale Standpunkt bildet eines der unveränderlichen Wikipedia-Grundprinzipien und damit eine Art Meta-Konsens, denn: Als prozedurales Wissen soll der Neutrale Standpunkt Orientierung für die Art und Weise der Wissensdarstellung und -bearbeitung in der Wikipedia geben: Wie sieht ein guter Artikel aus? Was soll bei der Erstellung oder Bearbeitung eines Wikipedia-Artikels beachtet werden? Zudem kann der Neutrale Standpunkt als normativer Kern der Online-Enzyklopädie verstanden werden, da dieser Aussagen darüber trifft, wie ein guter Wikipedia-Artikel geschrieben werden kann. So war und ist zum Beispiel im deutschsprachigen Wikipedia-Artikel, der den Neutralen Standpunkt erklärt, zu lesen: "Die Einhaltung des Neutralen Standpunkts gilt als Voraussetzung eines guten Wikipedia-Artikels." (Wikipedia:Neutraler_Standpunkt) Dieser normative Kern ist allerdings nicht fix: Wie auch andere (Meta-)Seiten der Wikipedia kann der Artikel zum Neutralen Standpunkt laufend verändert werden. Damit bildet der Neutrale Standpunkt paradoxerweise ein unveränderliches Grundprinzip, das – in den Sprachversionen unterschiedlich ausgefüllt und formuliert, aber auch im Zeitverlauf verändert werden kann; auf den Punkt gebracht: Der Neutrale Standpunkt ist ein unveränderliches Grundprinzip, das verändert werden kann.

Schnappschuss: en- und de-Wikpedia im Vergleich



Unterschiede in den Sprachversionen gibt es, da Artikel zu verschiedenen Zeitpunkten entstehen und modifiziert werden, aber zum Teil auch unterschiedlich benannt werden. Zudem sind in den Sprachversionen in der Regel unterschiedliche User am Werk. Kurzum: Die Wikipedia-Community besteht aus vielen verschiedenen Communitys, die aktiv die Wikipedia verändern. Wählt man Länder als Ausgangspunkt, zeigt sich schnell, dass die Zusammensetzung der englischsprachigen Community heterogener ist: Dort kommen im Jahr 2011 zirka 43 Prozent der "editors" aus den USA, knapp 16 Prozent aus Großbritannien und die restlichen 41 Prozent aus verschiedenen Ländern wie Australien, Indien oder Deutschland. In der deutschsprachigen Wikipedia loggen sich mit zirka 82 Prozent "Autoren" und "Autorinnen" am häufigsten von Deutschland aus ein[2]. Die Zahlen geben allerdings nur erste Anhaltspunkte, da sie von einer quantitativen Auswertung der IP-Adressen und nicht von einer direkten User-Befragung ausgehen. Sieht man vom institutionellen Rückgrat der Wikimedia-Foundation mit ihren Chaptern in verschiedenen Ländern ab, ist eine Wikipedia-Kultur im Plural zudem nicht in die Kategorie Nationalstaat gefasst: Die Plattform unterteilt ihre Communitys nach Sprachen, so dass im Folgenden explizit von den Kulturen der englisch- ("en") bzw. deutschsprachigen ("de") Wikipedia die Rede sein wird.

Die englisch- ("en") und deutschsprachigen ("de") Wikipedia-Versionen sind nicht nur die ältesten, sondern auch die größten Versionen. Gegründet wurde Wikipedia als englischsprachige Version im Januar 2001, im März desselben Jahres ging die deutschsprachige Version online. Vergleicht man die Anzahl der Artikel, so ist die englischsprachige Version mit zirka 4 Millionen Artikeln die größte Version, gefolgt von der deutschsprachigen Wikipedia mit ungefähr 1,4 Millionen Artikeln. Auch ähneln sich die beiden Sprachversionen, da hier durchaus User die Wikipedia schreiben und nicht wie oft in kleineren SprachversionenBots – automatisierte Skripts – Artikel erstellen oder verändern. Mit neun (en-Wikipedia) und elf Prozent (de-Wikipedia) Bot-Aktivität im Jahr 2011 liegen die beiden Versionen nah beieinander. Wenn nun überwiegend Menschen in der en- und de-Wikipedia Wissen sammeln, darstellen, diskutieren, dann liegt es auf der der Hand, dass die Sprachversionen auch verschiedene sozio-technische Kulturen im Prozess der Wissenskoproduktion widerspiegeln. Inwiefern unterscheiden sich dann also die en- und de-Wikipedia? Wo und wie wird zum Beispiel entschieden, was in die Wikipedia gehört und was nicht?

In der Wikipedia gibt es verschiedenste Wege, Artikel zu modifizieren und/oder über sie zu streiten: Jede und jeder kann – sofern ein Artikel nicht gesperrt ist – Artikel verändern oder aber auf der Diskussionsseite über Änderungen diskutieren. Gibt es Streit, bieten die Wikipedia-Communitys verschiedene (in)formelle Wege, die von der Abstimmung bis zu einem Wikipedia-Vermittlungsausschuss reichen können. Vergleicht man die de- und en-Wikipedia, so zeigt sich im Vergleich zu anderen Sprachversionen besonders, dass stärker Diskussionsseiten genutzt werden, um sich über Artikelmodifikationen und/oder gar 'Existenzberechtigungen‘ auszutauschen oder zu streiten. Hier wurde von einem User insbesondere die en-Wikipedia gar als zentrales 'Kampffeld‘ beschrieben: "The whole world comes to 'fight‘ on the English Wikipedia". Quantitativen Forschungen des spanischen Wissenschaftlers Felipe Ortega, der sich mit den bisherigen Entwicklungen im Bereich der Editor- und Artikelzahlen in zehn Sprachversionen beschäftigt hat, zeigen jedoch, dass der Stellenwert der Diskussionsseiten auch in der deutschsprachigen Version hoch ist, wohingegen in anderen Sprachversionen die Diskussionsseite eine untergeordnete Rolle zu spielen scheint (vgl. Grafik).

Die Grafik zeigt das prozentuale Verteilung von Diskussionsseiten in verschiedenen Sprachversionen der Wikipedia, besonders hoch ist die Zahl der Diskussionsseiten in der englisch- und deutschsprachigen Wikipedia.Vor allem in der englisch- und deutschsprachigen Wikipedia gibt es Diskussionsseiten. Lizenz: cc by-sa/3.0/ (Felipe Ortega)



Konsensfindung oder der Versuch einer Konsensfindung auf Diskussionsseiten werden gegenüber Abstimmungen von der Community in der Regel vorgezogen. In der en-Wikipedia zeigt sich dies deutlich: Konsens wird dort gefasst als ‘the primary way in which editorial decisions are made’ (Wikipedia:Consensus). Damit knüpft Wikipedia explizit an netzkulturelle Praktiken an: ‘We reject kings, presidents and voting. We believe in rough consensus and running code’. Diesen mittlerweile bereits vielzitierte Satz, sagte Internet-Vordenker und einer seiner "Gründerväter" David D. Clark im Juli 1992 auf der 24th Annual Internet Engineering Task Force-Konferenz. Der Satz ist mittlerweile zu einem "Glaubenssatz" für diejenigen geworden, die an einen groben Konsens glauben und denen es primär darum geht, gemeinsam ein System am Laufen zu halten. "Rough consensus" betont, dass Konsens nie fixiert werden kann, stets veränderbar ist und Raum für Ambiguität in der Interpretation und Aneignung lässt. Zudem bedeutet "rough consensus" nicht, dass jede und jeder inhaltlich einen Konsens akzeptiert, sondern dass das Zustandekommen eines Konsens‘ als legitim betrachtet wird. In den Worten einer Wikipedianerin:

Consensus as Jimmy was saying is not that everyone has to agree with every decision but you have to be able to agree to accept it. I think that is an idea that has been lost over the while. People have this idea that consensus means that everyone has to agree not that everyone has to accept it, has to accept that it was done fairly, that is was done reasonably


Der Neutrale Standpunkt im Plural



Wikipedia knüpft an dieses netzkulturelle Deutungsmuster des groben Konsens‘ an, indem – trotz der mittlerweile vielen Artikel und Essays zu den Grundprinzipien der Wikipedia – Konsens sprachversionsübergreifend als Funktionsprinzip wie Konfliktlösungsmechanismus dominiert, denn: Auf der Möglichkeit von Konsens baut die Online-Enzyklopädie auf; diese Möglichkeit ist der "Grundstein" des Projektes. In der Wikipedia basiert der "rough consensus" dabei auf dem Prinzip des Neutralen Standpunktes. Dieses Grundprinzip soll Orientierung bieten. Wie es aber nicht nur eine Wikipedia oder eine Community gibt, so gibt es auch nicht nur einen Neutralen Standpunkt wie der Blick auf die ersten Sätze zum Grundprinzip in beiden Sprachversionen zeigt:

  • "Der »Neutrale Standpunk«t (Neutraler Gesichtspunkt/Neutrale Sichtweise, engl. Neutral Point Of View, kurz NPOV) ist eines der vier unveränderlichen Grundprinzipien der Wikipedia. Der Neutrale Standpunkt dient dazu, Themen sachlich darzustellen und den persönlichen Standpunkt des WP-Autors zum Thema nicht nur in den Hintergrund treten zu lassen, sondern aus WP-Artikeln möglichst ganz herauszuhalten."
  • "»Neutral point of view« (NPOV) is a fundamental Wikimedia principle and a cornerstone of Wikipedia. All Wikipedia articles and other encyclopedic content must be written from a neutral point of view, representing fairly, and as far as possible without bias, all significant views that have been published by reliable sources."


Während also die deutschsprachige Sprachversion Sachlichkeit in den Vordergrund stellt, wird auf der englischsprachigen Artikelseite Ausgewogenheit betont; Standpunkte sollen angemessen (en: fair) repräsentiert werden und alle wesentlichen Standpunkte sollen berücksichtigt werden. Beide Ausschnitte zeigen zudem, dass Wikipedia von den Usern nicht als primärer Ort von Wissenskoproduktion beschrieben wird, sondern als Tertiärquelle von Wissen. Der eigene Bezug auf Quellen, der in beiden Sprachversionen eng an das 'unveränderliche‘ NPOV-Grundprinzip geknüpft wird, wird als Voraussetzung für Neutralität bzw. Ausgewogenheit angesehen. Die an der Diskussion auf den untersuchten NPOV-Seiten beteiligten User möchten Wikipedia idealerweise als Medium verstanden wissen, das auf Sekundärquellen fußt. Wissen soll quellenbasiert 'gemappt‘ werden, also vorhandenes Wissen soll in strukturierender Form nach dem NPOV-Grundprinzip dargestellt werden. Ein User der englisch-sprachigen Community beschreibt dies folgendermaßen: "We’re providing a roadmap to the discussion/debate/views on it. That’s a lot easier. NPOV makes editing easy."


Fußnoten

1.
Vgl. dazu Stalder, Felix (ohne Datum): On the Differences between Open Source and Open Culture. Online unter: »http://felix.openflows.com/node/49«
2.
Zachte, Eric (2012): »Wikimedia Traffic Analysis Report - Page Edits Per Wikipedia Language – Breakdown«.
Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/de/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/de/ Autor: Johanna Niesyto für bpb.de

 
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