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Journalismus im Umbruch

Wikimedia, Bürgerjournalismus und 'Open News'


10.10.2012
Indem sie Informationen zusammenstellt, sortiert und aktualisiert, betreibt die Wikipedia eine Form der Nachrichtenkuration. Besonders daran ist aber nicht allein, dass nicht Journalisten die Inhalte produzieren, sondern dass ein Kollektiv aus "Produtzern" dahintersteht: Der Nutzer wird zum Produzenten.

Eine Frau fotografiert mit einem Tablet-Computer Präsident Barack Obama in der Boeing Fabrik in Everett im Bundesstaat Washington.Schon auf dem Weg zum 'Produtzer'? Heutzutage produzieren nicht mehr nur Journalisten Bilder und Schlagzeilen. (© picture-alliance/AP, Ted S. Warren)

Es ist eine etwas eigenwillige Umsetzung des Märchens von den drei kleinen Schweinchen, die uns die renommierte englische Zeitung The Guardian da präsentiert: in ihrem Werbeclip wird der Kampf der Schweine gegen den bösen Wolf, der ihre Häuser niederzupusten sucht, in die heutige Zeit übersetzt. Das Märchen wird zu einem politischen Skandal um das Selbstverteidigungsrecht von Hausbesitzern, der von den Medien reichhaltig kommentiert und ganz besonders von Nichtjournalisten – über Internetmedien wie Blogs, Facebook, und Twitter – intensiv diskutiert wird. Die Moral der Story: Es gibt keinen Skandal, keine Kontroverse, kein Politikum, das heute nur noch unter Ausschluss der weiteren Öffentlichkeit von journalistischer Berichterstattung alleine abgedeckt würde. Und: der Guardian – so sagt er jedenfalls – hat die Zeichen der Zeit erkannt, und setzt ganz dezidiert auf Bürgerjournalismus und 'Open News‘.



Die 'Open News‘-Idee selbst ist nicht gerade neu: ihre Wurzeln reichen mindestens bis in die Anfänge der 'Web 2.0‘-Ära. Um ihre alternative Berichterstattung vom Gipfel der World Trade Organisation in Seattle im Jahre 1999 zu unterstützen, entwickelten Aktivisten die erste Indymedia-Plattform: eine Webseite, die es allen Teilnehmern ermöglichte, direkt und ohne redaktionelle Eingriffe über Alternativveranstaltungen, Proteste und eventuelle Polizeiaktionen zu berichten. Über die folgenden Jahre entstanden nach diesem ersten Muster mehr als 300 Independent Media Center in der ganzen Welt: örtliche Aktivistengruppen, die sich für ihre öffentliche Kommunikation derselben Webplattform bedienten und sich als Indymedia-Netzwerk zusammenschlossen. Heutzutage – nachdem sich Blogs, Wikis und Social Media als Teile der Medienlandschaft etabliert haben – sind derlei Plattformen nicht mehr sonderlich ungewöhnlich; Ende der 90er Jahre allerdings waren sie noch geradezu revolutionär.

Von Produktion zu Produtzung



Von Indymedia bis ‚Open News‘ und weit darüber hinaus: Hinter diesen Entwicklungen steht ein sehr viel grundlegenderer Wandel in unserem Umgang mit Informationen, der letztlich eng mit der wachsenden Rolle des Internets als gesellschaftliches Basismedium zusammenhängt – ein Wandel, den man mit einiger Berechtigung durchaus als Übergang vom industriellen ins informationelle Zeitalter ansehen darf. Die traditionellen Massenmedien waren (und sind vielfach immer noch) industriell organisiert: Die Produktion und Verbreitung von Inhalten benötigt technische Hilfsmittel und spezialisiertes Personal und kann daher nur von entsprechend ausgerüsteten Verlagen und Sendern unternommen werden. Im Internet gelten diese Regeln dagegen nur noch sehr begrenzt: sind die Plattformen erst einmal verfügbar, ist das Erstellen und Verbreiten von Inhalten eine Aktivität, an der auch ganz normale Nutzer erfolgreich teilnehmen können. Die Trennlinien zwischen Nutzern und Produzenten von Inhalten verblassen, und es entwickelt sich ein Hybrid: ein ‚productive user‘ bzw. produktiver Nutzer, den ich alsproduser bezeichnet habe – auf Deutsch ‚Produtzer‘, und wenn das ein wenig nach ‚Revoluzzer‘ klingt, ist das schon ganz richtig.

Das klassische, bekannteste Beispiel für solche Produtzung ist natürlich die – laut dem Online-Ranking von Alexa.com, welches globale Nutzer und Nutzung erfasst – sechstwichtigste Webseite der Welt: Die komplett auf Produtzung basierende Enzyklopädie Wikipedia http://de.wikipedia.org/. An sich sollte Wikipedia gar nicht funktionieren dürfen: Eine offene Informationsplattform mit einer großen Zahl von Teilnehmern, die – trotz gelegentlicher Kontroversen – letztlich doch nur recht lose koordiniert sind, ist aus Sicht traditioneller Enzyklopädisten ein Unding. Und dennoch ist sie erfolgreich. Nicht nur, was ihre Publikumsakzeptanz angeht, sondern auch im Hinblick auf die Qualität ihrer Inhalte, die denen konventioneller Nachschlagewerke zumeist in nichts nachstehen. Darüber hinaus bleibt Wikipedia in der Breite ihres Inhalts unerreicht. Selbst eher obskure Themen, von abgelegeneren Nebenschauplätzen der Weltgeschichte bis hin zu eher unbekannten Akteuren der deutschen Musikszene, werden hier von interessierten Teilnehmern liebevoll dokumentiert. Industriell produzierte Enzyklopädien würden solche Einträge wohl schon allein aus Kostengründen ausklammern.

Unverständlicherweise nutzen einige Wikipedia-Skeptiker diese Bandbreite als Argument für ihre Kritik. Die Logik solcher Angriffe scheint dabei zu sein, dass die Arbeit, die zum Beispiel in den Eintrag für die Krautrockband Wallenstein geflossen sei, nun für die Weiterentwicklung des Eintrags über Albrecht von Wallenstein fehle. Derlei Nullsummenlogik ist allerdings leicht zu widerlegen – und ihr gegenüber steht der Fakt, dass viele Wikipedia-Einträge Themen abdecken, die so noch nie in eine Enzyklopädie einbezogen worden sind: Die Mission, menschliches Wissen in all seinen Formen möglichst komplett abzudecken, erfüllt Wikipedia also deutlich besser als konventionelle Nachschlagewerke. Nicht zuletzt sollte in diesem Zusammenhang auch erwähnt werden, dass Wikipedia in weit mehr Sprachen verfügbar ist, als dies für konventionelle Enzyklopädien der Fall war. Wie Thomas Petzold gezeigt hat, stellen z.B. die beiden Wikipedia-Versionen in Obersorbisch und Niedersorbisch für diese Sprachfamilie aus der Lausitz die ersten enzyklopädischen Aktivitäten überhaupt dar, in 1.500 Jahren Sprachgeschichte.

Diese Breite und Tiefe der Inhalte auf Wikipedia wird erst durch ihre Produtzungspraktiken ermöglicht. Konventionelle Inhaltsproduktion baut auf die Arbeit einer kompakten Gruppe professioneller Mitarbeiter, die meist hierarchisch organisiert ist; Produtzung dagegen ist – getreu dem Wikipedia-Slogan ‚anyone can edit‘ – offen für alle. Mögliche Beiträge zur Wikipedia reichen von kleinsten Korrekturen bis hin zur Erstellung komplett neuer Artikel, können jederzeit beigesteuert werden, und sind dann sofort für alle Nutzer sichtbar; die (berechtigte) Hoffnung ist dann, dass zumindest ein Teil dieser Nutzer auch wieder selbst produktiv tätig wird uns so den Schritt zum Produtzer macht. Es entwickelt sich dadurch ein kontinuierlicher, öffentlicher und transparenter Verbesserungsprozess, der sich deutlich von den oft eher langsamen Updates (etwa durch jährliche Neuauflagen) traditioneller Enzyklopädien unterscheidet. Zusätzlich entsteht dabei auch eine Wikipedia-Community um bestimmte Einträge oder Themenbereiche, an deren Spitze die aktivsten und wertvollsten Teilnehmer stehen, ohne dass diese dabei jedoch eine wirkliche Kontrolle über die weitere Entwicklung dieser Inhalte erlangen. Produtzung hat viele Köpfe und ist bestenfalls heterarchisch, nicht hierarchisch angelegt.



 
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