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Die Wikipedisierung des Journalismus

Journalistische Recherche und Wissensvorsprung im Netz


10.10.2012
Die Wikipedia als Wissensquelle hat viele Vorteile: sie ist schnell, kostenfrei und international frei zugänglich – und so wird sie auch von Journalisten als Recherchequelle verwendet. Büßt der Journalismus damit seinen Wissensvorsprung ein?

An einem Rondell arbeiten Journalisten im Newsroom der Tageszeitung "Frankfurter Rundschau" am 09.01.2013. Die Zukunft des insolventen Traditionsblattes ist weiter ungewiss. Foto: Boris Roessler/dpaVerlieren Journalisten durch das Netz ihren Informationsvorsprung? - Blick in den Newsroom der DAPD (© picture-alliance/dpa)

Das Internet macht es einfach, an Informationen zu gelangen. Suchmaschinen liefern in Sekundenschnelle zu jedem beliebigen Thema eine Fülle an Treffern: kostenfrei und bequem abrufbar. Doch die Herkunft der Informationen und die Glaubwürdigkeit der Quellen bleibt oft unklar. Der User muss selbst entscheiden, wie relevant die Antworten sind und welche Qualität sie besitzen. In den alten Medien haben Redaktionen diese Aufgabe übernommen. Im Internet tritt neben das Prinzip "Profession" bei der Qualitätssicherung nun auch das Prinzip "Partizipation": Können die Internetbürger gemeinsam gesichertes Wissen schaffen? Die Online-Enzyklopädie Wikipedia will dafür den Beweis antreten. Die breite Nutzung der Wikipedia spricht dafür, dass es ihr in den Augen vieler User auch gelingt. Selbst Journalisten bedienen sich der neuen Wissensquelle im Netz. Allerdings werden an die professionellen "Gatekeeper" besonders hohe Ansprüche gestellt – werden sie ihnen gerecht oder handeln sie fahrlässig, wenn sie ihr Wissen aus der Wikipedia und anderen Internetangeboten beziehen?

Wie Journalisten im Internet recherchieren



Längst ist die Recherche im Internet in den Redaktionen aller Medien ein gängiger Weg geworden, um an Informationen zu gelangen. Dass sich die Netzrecherche im Journalismus etabliert hat, belegten beispielsweiseLeipziger Forscher. Ihre Befragung aus dem Jahr 2007 zeigt, dass besonders Internetjournalisten eine hohe Affinität zum eigenen Medium besitzen. Zum gleichen Befund kam 2005 die repräsentative Befragung "Journalismus in Deutschland". Danach investierten Journalisten durchschnittlich 66 Minuten pro Tag für die Online-Recherche – von insgesamt 117 Minuten, die ihnen für die Recherche zur Verfügung standen. Mehr als die Hälfte der Recherchezeit fand also bereits online statt. Seither hat der Anteil sicher noch zugenommen – neuere Forschungsergebnisse liegen allerdings nicht vor.

Wo suchen die Journalisten? In erster Linie läuft die journalistische Internetrecherche über Suchmaschinen ab, ergab die Leipziger Studie. Google ist hier das wichtigste Recherchemittel. Daneben sind auch die Ableger traditioneller Massenmedien selbst wie Spiegel Online bedeutsame Anlaufstellen. Social Media erweitern seit einigen Jahren das Spektrum der Recherchequellen, wie Befragungen von Redaktionsleitern an der Universität Münster belegen: Sowohl in Nachrichtenredaktionen von Presse und Rundfunk (93 Teilnehmer, entspricht 43 Prozent aller Redaktionen) als auch in Internetredaktionen (183, 44 Prozent) war in den Jahren 2006/07 die Nutzung von Weblogs zurückhaltend war, während die Wikipedia in fast allen Redaktionen Verwendung fand. Drei Viertel der befragten Internetredaktionen nutzten die Wikipedia sogar "häufig", während dies bei den Print- und Rundfunk-Nachrichtenredaktionen immerhin noch für zwei Drittel galt. Besonders verbreitet war die Wikipedia-Nutzung in den Online-Abteilungen von Zeitungen und Zeitschriften.

Großes Zutrauen in die Wikipedia



Wonach suchen die Journalisten in der Wikipedia? Sowohl in den Nachrichtenredaktionen der alten Medien als auch in den Internetredaktionen diente die Wikipedia in erster Linie als Nachschlagewerk für Hintergrundwissen. Auch die Orientierung über Internetquellen wurde oft als Ziel angegeben. Im Unterschied dazu lasen Journalisten Weblogs vor allem, um neue Themen aufzuspüren und Fakten über ein aktuelles Ereignis zu sammeln. Mehr als die Hälfte der Internetredaktionen gab außerdem an, die Wikipedia häufig für die Gegenprüfung von Informationen zu nutzen – dies zeugt von einem großen Vertrauen der Redakteure. Und in der Tat: Die befragten Redaktionsleiter stellten der Enzyklopädie ein erstaunlich gutes Zeugnis aus. 83 Prozent der Leiter von Internetredaktionen sagten, dass die Informationen der Wikipedia "meistens" zuverlässig seien. Zwölf Prozent hielten sie sogar "(fast) immer" für richtig. Auch die Redaktionsleiter der Nachrichtenredaktionen von Presse und Rundfunk schätzten die Informationen in 76 Prozent der Fälle als "meistens" zuverlässig ein. Ein weiteres Fünftel (21 Prozent) sagte, sie seien "fast immer" zuverlässig. Eine grundsätzliche positive Bewertung der Wikipedia vermag zu erklären, weshalb auch Qualitätszeitungen auf sie zurückgreifen, wie eine Studie aus den USA zeigt. In Deutschland verweist Spiegel Online in seinem Themenarchiv durch eine Kooperation mit der Wikimedia auch auf die passenden Wikipedia-Einträge.

Das große Vertrauen der Journalisten erstaunt umso mehr, als es bereits eine Reihe von Fällen gab, in denen falsche Informationen aus der Wikipedia in die journalistische Berichterstattung gelangt sind. Ein Beispiel: Der 22-jährige britische College-Student Shane Fitzgerald wollte beweisen, dass es ein Leichtes ist, Journalisten mittels Wikipedia zu manipulieren. Zu diesem Zweck veränderte er die Biografie des französischen Filmmusik-Komponisten Maurice Jarre unmittelbar nach dessen Tod und dichtete dem Verstorbenen ein falsches Zitat an. Das Zitat erschien daraufhin in den Nachrufen verschiedener britischer Zeitungen, allen voran im Guardian. Die Fehlinformation wurde erst als solche erkannt, als sich der Student öffentlich zu Wort meldete und auf seine Manipulation hinwies.

Verlorener Wissensvorsprung



Die von der Universität Münster 2006/2007 befragten Redaktionsleiter waren fast ausnahmslos der Auffassung, dass das Internet die Qualität der Berichterstattung positiv beeinflusst. Gerade im Fall der Wikipedia kann diese Einschätzung aber nicht unwidersprochen bleiben. Der Journalismus büßt seinen Wissensvorsprung ein, wenn er sich in einer Enzyklopädie bedient, die jedem User offen steht. Die 2001 gegründete Wikipedia zählt seit Jahren zu den erfolgreichsten Internetangeboten, belegt die Nutzungsstatistik von Alexa [http://www.alexa.com/topsites]: Im April 2012 stand die Wikipedia auf Platz 6 der "Top Sites", und zwar sowohl weltweit als auch in Deutschland. Damit ließ sie Websites wie Spiegel Online, Bild.de und Twitter hinter sich. Nach einer Forsa-Befragung im Januar 2011 ist für rund ein Viertel der Internetnutzer (24 Prozent) die Wikipedia der erste Anlaufpunkt für Recherchen im Netz . Bei Männern (28 Prozent) ist der Anteil höher als bei Frauen (19 Prozent).

Aber auch bei den Usern, die sie nicht als erste Adresse für das Nachschlagen im Netz nutzen, ist die Wikipedia überaus präsent. Die repräsentative ARD/ZDF-Onlinestudie zeigt einen starken Anstieg der Nutzung über die letzten Jahre in Deutschland: Die zumindest gelegentliche Nutzung der Enzyklopädie stieg von 47 Prozent (2007) auf 70 Prozent (2011). Etwas mehr als ein Drittel der deutschsprachigen Internetnutzer über 14 Jahren nutzten die Wikipedia sogar mindestens einmal in der Woche. Besonders beliebt ist die Wikipedia bei jüngeren Internetnutzern: Unter den 14- bis 29-Jährigen besuchen sie sogar 89 Prozent. Für 97 Prozent aller Wikipedia-Nutzer dient die Website nur der Informationsbeschaffung – der winzige Rest ist es schließlich, der auch schreibt und die Artikel redigiert.

Es ist das Wissen einer Minderheit, nicht die "Weisheit der Vielen", die auf der Wikipedia anzutreffen ist – was nicht von Nachteil sein muss, solange sich die Experten motivieren lassen, ihr Wissen weiterzugeben.

Schleichende Wikipedisierung



Die Wikipedisierung der journalistischen Recherche muss wohl vor allem als ein Symptom für die Arbeitsverdichtung und Kostenkürzung in vielen Redaktionen gewertet werden. Man spart Zeit und Geld, wenn man sich mit der Wikipedia begnügt. Im Verhältnis zur umfangreichen Nutzung in den Redaktionen wird aber selten auf die Wikipedia als Quelle verwiesen – auch wenn 83 Prozent der Leiter von Internetredaktionen der Auffassung sind, dass eine Quellenangabe im Fall der Wikipedia notwendig ist. Auch wenn es darüber keine Studien gibt: Allgemein dürfte die Neigung vorherrschen, Wikipedia als Quelle zu unterschlagen. So wie Schulaufgaben und Hausarbeiten oft nicht zu erkennen geben, wie stark sie von der Enzyklopädie profitieren, so ist auch im Journalismus ein großer versteckter Einfluss der Wikipedia zu vermuten. Umso peinlicher für den Ruf recherchierender Journalisten ist es dann, wenn fehlerhafte Übernahmen die unterschlagene Quelle offensichtlich machen:

Dem damals neu ernannten Wirtschaftsminister Karl-Theodor von und zu Guttenberg wurde 2009 in seinem Wikipedia-Eintrag von einem anonymen Autor mit "Wilhelm" ein zusätzlicher Vorname angedichtet. Der falsche Vorname wanderte daraufhin von Spiegel Online quer durch die deutsche Medienlandschaft und entlarvte die Bedeutung der Wikipedia für die journalistische Recherche und ihren bedenkenlosen Gebrauch. Im Fall des Journalismus ist blindes Vertrauen in die Wikipedia im Verbund mit Intransparenz besonders problematisch: Ohne dass es den Lesern bewusst wird, verbreiten so die reichweitenstarken Massenmedien Presse und Rundfunk die Wikipedia-Inhalte.

Partizipation statt Profession



Die Wikipedia ist ganz ohne Frage eine Verlockung – für Journalisten genauso wie für andere Nutzer: Wie praktisch wäre es, einen riesigen Wissenspool im Internet zu haben, in den man bequem und bedenkenlos greifen kann? Und tatsächlich hat die Wikipedia viele Vorteile gegenüber anderen Quellen: Sie ist aktuell, schnell, international, billig und leicht zugänglich. Via Smartphone kann sie von jedem Ort der Welt mit Internetempfang angezapft werden. Aber kann man der Wikipedia wirklich einfach so vertrauen?

Das Prinzip, nach dem sie funktioniert, stellt den Journalismus auf den Kopf: Jeder kann Artikel anlegen, korrigieren und ergänzen – nicht nur jene, die sich qua Beruf dafür qualifiziert haben. Und: Erst wird veröffentlicht und dann geprüft – und nicht umgekehrt, wie es in Nachrichten- oder Lexikonredaktionen bisher üblich war.

Diese Offenheit ist zugleich Stärke und Schwäche der Wikipedia. Ein Ergebnis sind die erheblichen Qualitätsschwankungen, worauf die Wikipedia selbst aufmerksam macht: "[W]hile some articles are of the highest quality of scholarship, others are admittedly complete rubbish."

Um die Qualität zu verbessern, werden Kontrollaufgaben an einzelne Mitglieder delegiert. So können Administratoren Einträge löschen und Autoren verbannen. Voraussetzung für diese Form der Qualitätssicherung ist aber, dass die falschen Informationen jeweils auch tatsächlich entdeckt werden. Außerdem wird durch diese Rollenverteilung das Prinzip des "Open Knowledge" in Frage gestellt. Es kommt durchaus vor, dass Administratoren ihre Machtposition ausspielen. Und immer wieder kommt es auch zu sogenannten "Edit wars" zwischen Autoren.


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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-sa/3.0
Autoren: Julia Neubarth, Christoph Neuberger für bpb.de
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