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Wikipedia und Geschichtslernen

- Ein Problem?


10.10.2012
Gerade bei geschichtlichen Themen können sich Probleme durch die Art der Informationen ergeben, die Wikipedia bietet: Sie konzentriert sich auf Faktenaussagen, überrepräsentiert Ereignisgeschichte und in ihrem Anspruch auf Vollständigkeit vernachlässigt sie Partikularität und Perspektivität von Geschichte. Wie kann die Geschichtsdidaktik mit ihr umgehen?

Bettelnder Kriegsinvalide in Berlin, 1923: Trotz einiger Rentenerhöhungen blieben die Renten gering und konnten mit den Preissteigerungsraten nicht mithalten, ein Problem, das sich in der Nachkriegszeit potenzierte.Geschichte ist mehr als eine Aufzählung von Ereignissen (© Bundesarchiv, Bild 146-1972-062-01 / Fotograf: o.A.)

Kann man, darf man, soll man Wikipedia vertrauen, wenn es um Geschichte geht? Im Rahmen meiner Forschungsarbeiten habe ich vor einiger Zeit eine 18-jährige Schülerin kurz vor dem Abitur - nennen wir sie Maria - befragt, mit welchen Hilfsmitteln sie sich bevorzugt historische Informationen beschafft.[1] Wie erwartet nennt Maria Wikipedia, versieht die Aussage allerdings mit einer Einschränkung: Für Vorträge im Geschichtsunterricht würde sie noch andere Informationsquellen angeben. "Denn mein Geschichtslehrer, der hasst sowieso Wikipedia", sagt Maria und kann diese Abneigung sogar bis zu einem gewissen Grad verstehen, da jeder und jede die Inhalte der Wikipedia bearbeiten könne.

Gerade bei geschichtlichen Themen, so Maria, sei dies wegen der "verschiedene[n] Meinungen über gewisse Themen" mitunter problematisch. Diese Vorbehalte hindern sie jedoch nicht an der Nutzung: "Es ist halt einfach der einfachste Weg…Klar passt man manchmal auf [und] geht dann eben auch auf andere Seiten um genau zu schauen". Wie viele ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler hat Maria gelernt, auf pragmatische Weise mit den Unwägbarkeiten der Informationsbeschaffung im Internet und insbesondere in der Wikipedia umzugehen. Zur Absicherung vergleicht sie die vorgefundene Information mit ähnlichen Aussagen aus anderer Quelle. Das schließt Irrtümer nicht vollständig aus, erfüllt jedoch in der Regel den konkreten Alltagsnutzen.

Kritische Leserinnen und Leser mögen nun – nicht ganz unberechtigt – einwenden, dass keineswegs sicher sei, ob Maria (oder andere Schülerinnen und Schüler) wirklich solcherlei Vergleiche anstellen oder dies nur vorgeben zu tun. Es bleibt außerdem unklar, unter welchen Bedingungen sie dies tun und mit welchen Kriterien sie dabei zu welchen Ergebnissen gelangen. Allzu oft dürfte Maria wohl keine Vergleiche anstellen, schließt sie doch ihre Ausführungen zur Wikipedia mit der Aussage: "Ich habe noch nie, also ich habe noch nie irgendwie [...] bei Wikipedia das Gefühl gehabt [.], das sei Mist, was die da geschrieben haben." Auch hier ließe sich einwerfen, dass Maria wohl kaum ausreichend qualifiziert sei, um abschließend die inhaltliche Qualität von Wikipedia-Beiträgen zu beurteilen. Allerdings ist sie wohl in der Lage, zu beurteilen, ob die Wikipedia für ihre Bedürfnisse Informationen in ausreichender Qualität bereitstellt.

Denn die Online-Enzyklopädie ist hilfreich, wenn man kurz etwas nachschlagen, sich vergewissern oder sich einen ersten Überblick verschaffen will. Im Alltag – gerade auch für schulische Zwecke – bewährt sich ihre Nutzung. Die Erfahrung von Maria lässt sich in dieser Hinsicht verallgemeinern: Nur ganz selten gelangen die Schülerinnen und Schüler zu Informationen, die sich bei ihrer Verwendung im und für den Unterricht als falsch oder unbrauchbar erweisen. Warum soll man die Wikipedia in Frage stellen, wo sie sich im Alltagsgebrauch doch bewährt? Gerade darin liegt das eigentliche Problem.

"Wikipedia told me so" - Handschrift auf rotem Grund"Das hat Wikipedia mir aber gesagt". Diese Eltern-Postkarte betrachtet auf witzige Weise eine verbreitete Ansicht: "Das stand in der Wikipedia - also muss es auch stimmen" Lizenz: cc by-nc-nd/2.0/ (Carolyn Sewell www.flickr.com/photos/pedestriantype/)
Denn aus geschichtswissenschaftlicher und geschichtsdidaktischer Perspektive weist die Wikipedia doch einige problematische Aspekte auf. Dabei ist die anzutreffende Qualität der Einträge im Sinne ihrer Richtigkeit und Verwendbarkeit nur der kleinere, aber offensichtlichere Teil der Problemlage. Dieser besteht vor allem in der Zumutung, dass die Nutzerinnen und Nutzer prüfen müssen, ob sich die Inhalte der Wikipedia zur Verwendung eignen. Problematischer einzuschätzen sind die grundsätzlichen Auswirkungen auf den Umgang mit Geschichte, die der Popularität der Wikipedia und ihren spezifischen Eigenschaften als endloser Mitmach-Hypertext entspringen. Diese Effekte drohen einerseits die Errungenschaften geschichtswissenschaftlicher Forschungsbemühungen und die Ergebnisse geschichtsdidaktischer Erwägungen der letzten Jahrzehnte zu unterlaufen: Aspekte der Alltags- oder Geschlechtergeschichte kommen gegenüber ereignisgeschichtlichen Ansätzen zu kurz. Und die sachlich-objektive Sprache lässt Geschichte als Anhäufung von Fakten-Aussagen ("wie es wirklich war") statt als Konstrukt gegenwärtiger Erkenntnisinteressen erscheinen. Andererseits ermöglichen sie aber auch neue und wenig vertraute Formen geschichtlicher Erkenntnis, die hinsichtlich ihrer Chancen und Risiken nur schwerlich einzuschätzen sind. Ob Wikipedia für das Geschichtslernen als Segen oder als Fluch zu betrachten sei, beruht auf der Fähigkeit der Nutzerinnen und Nutzer, mit ihren Eigenschaften und Eigenheiten angemessen umzugehen.

Wikipedia und die "Do it yourself”-Ideologie



Die Beurteilung von Wikipedia-Artikeln ist zugleich einfach und schwierig. Zwar ist dank der Archivierung älterer Versionen und der Diskussionen rund um den dargestellten Sachverhalt die Entstehung jedes Artikels für alle Interessierten transparent und nachvollziehbar. Doch die Offenheit zu Mitwirkung für alle Interessierte führt zu einer unüberblickbaren Fragmentierung und Heterogenität der Wikipedia. Sie wird im Kern nur von der gemeinsamen Idee einer "Enzyklopädie"[2] und durch ein kleines Set von grundlegenden Regeln zusammengehalten. Jeder Artikel hat seine eigene Entstehungsgeschichte und ist geprägt durch einen jeweils unterschiedlich zusammengesetzten Kreis von unterschiedlich qualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.[3] Es ist daher praktisch unmöglich, allgemeingültige und doch konkrete Aussagen über die Qualität von Wikipedia-Artikeln zu treffen.

Dies wird schon deutlich durch die stetig wachsende Menge an Informationen, die sich in der Wikipedia mit Geschichte befassen. Eine Schätzung anhand einer repräsentativen Stichprobe geht davon aus, die sich 20 bis 25 Prozent der Artikel im engeren oder weiteren Sinne Geschichte behandeln.[4] Hierzu gehören nebst Beiträgen zu historischen Ereignissen oder Epochen vor allem Artikel zu Personen, zu Örtlichkeiten (Siedlungen oder Bauwerken), Institutionen oder Objekten, die in der Geschichte eine Rolle spielen oder deren Geschichte Teil des Beitrags darstellt. Nimmt man diesen Schätzwert und rechnet ihn auf den aktuellen Bestand (Ende August 2012) von 1.453 Millionen Wikipedia-Artikeln hoch, dann wird deutlich, um welche Menge an Informationen es sich hier handelt.

Es leuchtet daher ein, dass die »Redaktion Geschichte« der Wikipedia vor einer schier unlösbaren Aufgabe steht. Die Redaktion besteht aus Freiwilligen, zum Teil Historikern, die kaum mehr gemein haben als das Ansinnen, möglichst viele Artikel zur Geschichte zu verbessern, verständlicher zu schreiben und besser mit Quellen und Literatur zu belegen. Zieht man in Betracht, dass die Redaktion monatlich zwischen fünf und fünfzehn Artikel überarbeitet, wird deutlich, dass diese Arbeit in absehbarer Zeit wohl nicht zum Abschluss gebracht werden kann.


Fußnoten

1.
Alle Zitate aus einem Interview mit einer 18-jährigen Schülerin im September 2007 im Rahmen des Dissertationsprojekts von Jan Hodel, vgl. Hodel, Jan: "… dann schreibe ich es in meinen eigenen Wörtern". Geschichtslernen im Zeitalter von Social Software . In: ders.; Ziegler, Béatrice (Hg.): Forschungswerkstatt Geschichtsdidaktik 07. Beiträge zur Tagung «geschichtsdidaktik empirisch 07», Bern 2009, S. 226-234.
2.
Selbst die Idee der "Enzyklopädie" wird nicht von allen Mitwirkenden der Wikipedia gleich verstanden, wie die Debatte über die Auswahlkriterien für Artikel zeigt, also der Streit um die Frage, zu welchen Themen überhaupt Artikel in der Wikipedia angelegt werden sollen, vgl. Biermann, Ralf: Die Diktatur der Relevanz. In: Zeit online, 23.10.2009, verfügbar unter »zeit.de/digital/internet/2009-10/wikipedia-streit-fefe/komplettansicht« (6.4.2012).
3.
Eine aufschlussreiche, wenngleich kritische Würdigung der Funktionsweise der Wikipedia hat die Historikerin Maren Lorenz verfasst: Lorenz, Maren: Wikipedia. Zum Verhältnis von Struktur und Wirkungsmacht eines heimlichen Leitmediums. In: WerkstattGeschichte 43 (2006), S. 84-95, verfügbar unter »werkstattgeschichte.de« (6.4.2012) - Eine empfehlenswerte Alternative ist die Einführung des Wikipedianers: Stöcklin, Nando: Wikipedia clever nutzen in Schule und Beruf, Zürich 2010.
4.
Vgl. hierzu Hodel, Jan: Wikipedia und Geschichte (II): Zahlenspiele. In: weblog.hist.net, 28.8.2009, verfügbar unter »weblog.hist.net/archives/2686« (4.4.2012).
Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/de/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/de/ Autor: Jan Hodel für bpb.de

 
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