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Wikipedia und Geschichtslernen

- Ein Problem?

10.10.2012
Dennoch ist festzustellen, durchaus im Einklang mit Marias Einschätzung, dass insbesondere die Artikel zu wichtigen und zentralen Geschichtsthemen (1. Weltkrieg, Che Guevara, Französische Revolution) kaum Fehler aufweisen und in ihren Kernaussagen den aktuellen Stand der wissenschaftlichen Diskussion abbilden. Bei weniger geläufigen Themen, unbekannteren Persönlichkeiten oder kleineren Ereignissen, für die sich nur Wenige interessieren - und wozu ebenso Wenige Informationen beitragen können und wollen - ist dies jedoch nicht in jedem Fall gewährleistet. Aufgrund der intensiven Verlinkung innerhalb der Wikipedia gelangt man schnell von einem Bereich in den anderen.

Aus den geschilderten Gründen lassen sich auch keine allgemeingültigen Aussagen dazu treffen, ob Einträge in der Wikipedia für die Verwendung im Unterricht oder allgemein zum Lernen von Geschichte taugen. Die Beurteilung ist nicht nur von der jeweiligen Qualität des einzelnen Artikels abhängig, sondern auch von den konkreten Umständen seiner Verwendung: Geht es darum, einen Begriff zu klären oder ein Detail zu überprüfen? Oder soll ein erster Überblick gewonnen oder die Grundlagen einer Facharbeit gelegt werden? Je nach Verwendungszusammenhang, Verwendungszweck und konkreter Gestalt eines Artikels kann die Nutzung sinnvoll oder problematisch sein.

Schülerinnen und Schüler, aber auch Lehrpersonen müssen folglich in jedem einzelnen Fall abwägen, ob sie den in Frage kommenden Wikipedia-Artikel verwenden können oder nicht. Sie sind mit anderen Worten selbst dafür verantwortlich, die Qualität der Informationen sicherzustellen.

Die Objektivitäts- und Totalitätsfalle



Aus der Warte der Geschichtsdidaktik ist der Anspruch einer objektiven und ausgewogenen Darstellung, einer der zentralen Grundsätze der Wikipedia, besonders problematisch. Wikipedia selbst nennt es das Grundprinzip des Neutralen Standpunktes (NPOV) "Ein Artikel und seine Unter-Artikel sollen alle unterschiedlichen Standpunkte, Meinungen und Streitigkeiten eines Themas klar beschreiben und charakterisieren, ohne einzelne davon zu befürworten, zu vertreten oder abzulehnen."

Es ist unstrittig, dass eine Enzyklopädie sachlich objektiv den Stand wissenschaftlicher Erkenntnis abbilden will. Ebenso unstrittig ist der Befund, dass die Geschichtswissenschaft wissenschaftliche Methoden entwickelt hat, um möglichst objektiv Aussagen über die vergangene Wirklichkeit zu erstellen. Weil dieses Ansinnen in vielen Fällen jedoch nicht in letzter Instanz und mit letzter Sicherheit möglich ist, sind plausible Interpretationen des vergangenen Geschehens nötig. Hierüber kann es einen wissenschaftlichen Disput geben. Es gibt also nicht eine einzig wahre, wissenschaftliche belegte Geschichte. Unter diesen Voraussetzungen erscheint die Vorgabe einer ausgewogenen Darstellung der Standpunkte durchaus sinnvoll.

Doch gerade in Bezug auf Geschichte gerät der Versuch einer ausgewogenen Darstellung nur zu gerne in Konflikt mit gesellschaftlichen Setzungen. Es wäre undenkbar, dass zum Holocaust in "ausgewogener Art und Weise" alle Ansichten dargelegt und damit den Holocaust-Leugnern eine Plattform geliefert würde. Hier ist allerdings anzuerkennen, dass die Wikipedia gerade in Bezug auf den Nationalsozialismus sehr wohl differenziert vorgeht und Routinen entwickelt hat, die gesellschaftlich akzeptierte Deutung in den meisten Fällen zu garantieren.

Doch muss auch festgehalten werden, dass in gewissen Grenzbereichen der Umgang mit dem Gebot der Objektivität und Sachlichkeit nicht einfach anzuwenden ist: Welche Bedeutung wird beispielsweise in Biografien von Personen dem Umstand beigemessen, dass sie mit dem Nationalsozialismus verstrickt waren? Soll das betont und herausgestrichen werden? Oder ist es in ein "vernünftiges" Verhältnis zu den weiteren Bereichen des jeweiligen Lebenslaufs zu stellen? Auch bezüglich des Leids der armenischen Bevölkerung nach dem Ersten Weltkrieg (handelte es sich hierbei um ein Genozid oder nicht – die deutsche Wikipedia sagt ja ) oder des andauernden Konflikts zwischen Israel und Palästina wird deutlich, dass "ausgewogene" Darstellungen der Geschichte nicht so einfach herzustellen sind – denn was den einen als ausgewogen gilt, halten andere für schönfärberisch, verschleiernd oder schlicht für falsch. Die spezifischen Regeln der Wikipedia, die eine Mischung darstellen aus Konsensfindung, demokratischer Entscheidung und Machtworten von Administratoren (die nicht aufgrund fachlicher Qualifikationen, sondern fleißiger Mitwirkung in der Wikipedia über das Recht verfügen, Artikel zu sperren und Mitwirkende auszuschließen) gelangen hier zuweilen an ihre Grenzen.

Bulletpoint-Prosa (Autorlosigkeit)



Problematisch ist für den Bereich Geschichte auch die Neigung, möglichst sämtliche Aspekte eines Themas zu erfassen. Unvermeidbare Voraussetzung jeder Geschichtsschreibung ist die Partikularität und Perspektivität von Geschichte. Kein Ereignis und kein Sachverhalt der Vergangenheit kann in allen Teilen beschrieben werden. Je umfassender der Versuch ausfällt, alle Details zu einem Sachverhalt der Vergangenheit zusammenzutragen, desto unübersichtlicher und beliebiger droht die Darstellung zu werden und desto schwieriger fällt es den Leserinnen und Lesern, die wichtigen Fakten und Erklärungen von den weniger wichtigen zu unterscheiden.

Diese Unterscheidung nehmen üblicherweise die Autorinnen und Autoren vor. Rosenzweig hat bemängelt, dass die in der Wikipedia zu beobachtende Zusammenstellung von Inhalten durch mehrere Personen zweifellos schnell erfolgt. Zugleich führt dies aber tendenziell zu zerstückelten Texten, die als "Bulletpoint-Prosa" beschrieben werden können: eine Aneinanderreihung von einzelnen, kaum zusammenhängenden Aussagen.[5] Es gibt wohl Beispiele von Wikipedia-Artikeln zu historischen Themen, die diese Feststellung widerlegen und auch in stilistisch-argumentativer Hinsicht die Qualität eines herkömmlichen Handbuch-Artikels erreichen. Meistens sind diese Artikel aber maßgeblich von Einzelpersonen gestaltet worden. Und den unbestritten gelungenen Beiträgen stehen viele mittelmäßige Kompilationen im eben beschriebenen Stil gegenüber.

Darüber hinaus führt die Anlage der Wikipedia als Enzyklopädie zu einer Partikularisierung der Geschichte. Sie lässt einen ereignisgeschichtlichen und personenorientierten Zugang zu Geschichte wiederaufleben, den die Geschichtswissenschaften und die Geschichtsdidaktik glaubten überwunden zu haben. Ansätze der Sozial- und Strukturgeschichte, der Geschlechter- oder der Alltagsgeschichte kommen in der Wikipedia kaum zur Geltung. Im Artikel zu den Goldenen Zwanziger (Jahren) wird die Emanzipation der Frauen in drei Zeilen abgehandelt, im (als lesenswert ausgezeichneten) Artikel zum 1.Weltkrieg[6] wird wohl das Kriegsgeschehen ausführlich protokolliert. Die gesellschaftlichen Auswirkungen und Folgen erhalten darin jedoch nur marginale Beachtung.

nsgesamt führt die Abhandlung historischer Ereignisse, Kategorien, Themen, Begriffe, Personen, Unterbegriffe, Orte und Epochen als Anordnung zahlloser, miteinander vielfach verbundener Hypertext-Module zu einer gänzlich neuen Form der Präsentation von Geschichte, die mit herkömmlichen Formen der Geschichtsschreibung bricht. Hier führt nicht ein Autor oder eine Autorin den Leser oder die Leserin durch eine Darstellung, in der er oder sie historische Fakten möglichst sinn- und bedeutungsvoll zusammenstellt und vorträgt. In der Wikipedia werden die Nutzerinnen und Nutzer zu Akteuren, die durch ihre Auswahl von Modulen oder durch eigenhändiges Mitwirken an der Geschichte mitschreiben. Es wird sich weisen, ob diese Anordnung modularisierter, hochgradig und vielfältig verbundener Geschichtstexte lediglich zur Reproduktion konventioneller Geschichtsbilder oder zu neuen, erhellenden Einsichten in geschichtliche Zusammenhänge und Entwicklungen führt. Dass zumindest unkonventionelle Explorationen der Geschichte in der Wikipedia möglich sind, zeigt Danny Kringiel im Zeitgeschichtsportal einestages des Spiegel.

Gerade zu Themen der Geschichte kann man die Wikipedia ideal nutzen, wenn man sich vor Augen hält, dass die Wikipedia eher einen Ort der Auseinandersetzung als einen Wissensbehälter darstellt. Die Dynamik und die Heterogenität der Inhalte werden mit dieser Vorstellung weitaus besser erfasst und ermöglichen eine dem Verwendungszweck angepasste Nutzung der Online-Enzyklopädie.

Wikipedia im Geschichtsunterricht



Noch liegen erst wenig Vorschläge und noch weniger Erfahrungsberichte dazu vor, wie Wikipedia im Geschichtsunterricht sinnvoll eingesetzt werden kann. Im Folgenden werden daher verschiedene allgemeine Vorschläge für den Geschichtsunterricht adaptiert.[7]

Die wohl anspruchsvollste Verwendung dürfte das gemeinsame Erstellen eines eigenen Wikipedia-Beitrages durch die Klassengemeinschaft darstellen; beispielsweise zu einem regional- oder lokalgeschichtlichen Sachverhalt (Personen, Ereignisse, Örtlichkeiten). Hierzu gehört sowohl die inhaltliche Arbeit, wozu etwa das gemeinschaftliche Aushandeln des zu behandelnden Sachverhalts, der anzulegenden Perspektive, der daraus resultierenden Gliederung und der darin konkret darzustellenden Inhalte zu zählen ist. Wichtig ist aber auch die Auseinandersetzung mit den Prozessen und Instanzen der Wikipedia, dies umfasst den Umgang mit den spezifischen technischen Anforderungen ebenso wie jenen mit anderen Mitwirkenden und den Administratoren. Dieses Vorgehen könnte man als Königsweg bezeichnen, denn es verbindet die didaktischen Prinzipien der Handlungsorientierung und des eigenverantwortlichen Lernens mit einer anschaulichen Auseinandersetzung mit den Funktionsweisen der Wikipedia selbst. Zu berücksichtigen ist allerdings der beträchtliche Aufwand für ein solches Vorhaben, das gut vorbereitet und begleitet werden muss. Die Wikipedia rät aus diesen Gründen selber mittlerweile eher von solchen schulischen Projekten ab. Weniger spektakulär, aber für den Unterrichtsalltag vielleicht fast wichtiger erscheint das gemeinsame Aufbereiten von Artikeln der Wikipedia. Die Artikel können je nach Thema lange, umständlich gegliedert oder schwer verständlich sein, oder aber sehr kurz und wenig aussagekräftig. Hier können jene Bearbeitungsvorgänge, die Schülerinnen und Schüler sonst außerhalb des Unterrichts vornehmen, zum Teil des Unterrichts gemacht werden. Dies beginnt beispielsweise mit der Sichtung und Selektion von Artikeln, die zu einem bestimmten Unterrichtsthema Inhalte bereitstellen. Es kann schließlich münden in die gemeinsame Erstellung eines "Readers", den die Klasse auf der Basis der aufgefundenen Wikipedia-Texte zusammenstellt.

Ergiebig kann auch der Vergleich von Wikipedia-Artikeln sein: einerseits mit anderen Materialien zu gleichen Inhalten (Schulbuchtexten oder Lexika-Einträge), mit Versionen des Artikels in anderen Sprachen der Wikipedia oder mit früheren Versionen des gleichen Artikels. Interessant werden Vergleiche insbesondere dann, wenn sie nicht nur dazu dienen, anhand der Schnittmenge verschiedener Darstellungen die unbestrittenen und damit vermutlich gesicherten Aussagen zu ermitteln. Mittels Vergleich lassen sich die Texte im Hinblick auch auf die darin jeweils erkennbaren unterschiedlichen Perspektiven untersuchen. Dies macht deutlich, dass Geschichte auf verschiedene Weise geschrieben werden kann, ohne im einen Fall falsch und im anderen richtig zu sein. Unterschiede lassen sich am besten an kontroversen Beispielen wie etwa der bis heute sagenumwobenen Ermordung John F. Kennedys zeigen. Aber auch weniger politisch besetzte Themen wie die Geschichte der Eisenbahn bringt im Vergleich der deutschen und englischen Version den interessanten Befund zu Tage, dass in derenglischen Version History of Rail transport, die Verbreitung der Eisenbahn in Deutschland überhaupt nicht erscheint.[8] Vergleiche dieser Art verdeutlichen den Umstand, dass Auswahl und Gliederung der Inhalte von den Erkenntnisinteressen der Autorinnen und Autoren abhängen.

Wenn die Wikipedia bereits Gegenstand der Bearbeitung und des Vergleichs geworden ist, kann sie auch als Ausgangspunkt für das Explorieren von Geschichte dienen. Gerade zu Beginn, aber auch am Ende der Behandlung geschichtlicher Themen im Unterricht kann das Erkunden der vielfältigen Verzweigungen, die der Hypertext Wikipedia anbietet, zu interessanten Entdeckungen führen, die Zusammenhänge und Widersprüche erkennen lassen. Das Zusammentragen solcher Erkundungen im Klassenverband kann die Schülerinnen und Schüler dazu anregen, Fragen zu generieren, oder im Sinne einer Repetition die Fundstücke mit bereits erarbeiteten Unterrichtsergebnissen zu verbinden.


Fußnoten

5.
Vgl. Rosenzweig, Roy: Can History be Open Source? Wikipedia and the Future of the Past. In: Journal of American History 93 (2006), Nr. 1, S. 117-146, verfügbar unter ecpdata.mdsa.net (6.4.2012)
6.
Stand: 6.4.2012
7.
Hinweise zu Einsatzmöglichkeiten (und Verweise auf entsprechende Materialien und Tipps) gibt es bei Wikipedia selber: de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Wikipedia_im_Unterricht
8.
Stand: 6.4.2012
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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Jan Hodel für bpb.de
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