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Lernen und Gesellschaft im Read/Write-Modus

Politische Bildung und Wikipedia


10.10.2012
Beteiligungsangebote werden nur ernst genommen, wenn tatsächlich Einfluss möglich ist – lautet einer der Grundsätze, der für die Wikipedia und die politische Bildung gleichermaßen gilt. Neben den Gemeinsamkeiten zeigen sich allerdings auch Inkompatibilitäten.

Politiker verschiedener Parteien diskutieren das gemeinsame Problem, dass sich Bürger zu wenig an Online-Partizipationsprozessen beteiligen. Die Illustration zeigt Thesen und Fragen der Panelteilnehmer: Mathias Richel (SPD), Konstantin von Notz (Die Grünen), Christian Wohlrabe (CDU), Simon Kowalewski (Piraten)
Moderation: Martin OettingPartizipation in der politischen Bildung ist nicht immer einfach - auch in Form von Online-Partizipationsprozessen. Hier skizziert in der Ilustration einer Diskussion von Politikern verschiedener Parteien zu dem Thema. Lizenz: cc by/2.0/ (CC, Anna Lena Schiller)



Politische Bildung … Wollte man sie einem Außerirdischen beschreiben, sollte man bei ihren Idealen beginnen. Sie will, dass alle Menschen sich selbstbestimmt ein Bild von der Welt machen können. Mit ihrer Unterstützung sollen sich die Menschen Hintergrundwissen erschließen, kritisch reflektieren und selbständig eine Meinung bilden. Sie findet, dass möglichst jeder Einzelne aktiv etwas zum großen Ganzen beitragen sollte. Zumindest können sollte. Die Ideen der Aufklärung findet sie immer noch gut. Ihre Zielgruppe: alle Menschen. Kopfzerbrechen macht ihr, dass sie diejenigen am besten erreicht, die sie vielleicht am wenigsten brauchen. Deswegen sucht sie nach niedrigschwelligen Möglichkeiten des Zugangs auch für breitere Schichten. In der praktischen Arbeit ist Text ihr bevorzugtes Medium. Aber eigentlich wünscht sie sich mehr Vielfalt in ihren Formen, würde auch gerne mehr mit Bildern, Videos oder Audios arbeiten. Eines ihrer obersten Gebote lautet: umstrittene Sachverhalte müssen auch als kontrovers dargestellt werden! Ein anderes: Komplexität muss zunächst so reduziert werden, dass ein Einstieg in das Thema möglich ist. Erst dann kommen bei Bedarf Vertiefung und Erweiterung. Ihre Akteure streiten gerne untereinander. Meist kriegt der Rest der Welt das nicht mit und wenn doch, dann versteht er die Diskussion nicht. Überhaupt fühlt sie sich oft gar nicht gut verstanden … Bitte ersetzen Sie am Anfang dieses Abschnittes den Begriff "politische Bildung" durch "Wikipedia".

Bestandsaufnahme: Politische Bildung, die Wikipedia und die Wikipedia in der politischen Bildung



Zugegeben ein spitzfindiges Experiment. Aber es zeigt, wie sich Wikipedia und politische Bildung ähneln – auch je nach der Perspektive und dem Umgang mit ihnen. Der Blick auf beide ist auch geprägt durch die Vorstellung, wie Zusammenarbeit und Bildung funktioniert und funktionieren kann.

Grundsätze

Wir werden nicht als politische Wesen geboren. Eine Grundannahme der politischen Bildung ist daher, dass wir Demokratie tagtäglich und ein Leben lang lernen müssen. Ziel der politischen Bildung sind mündige, aufgeklärte Bürgerinnen und Bürger. Sie soll Demokratie und politische Partizipation fördern; die Menschen sollen mitreden können und politisches Urteilsvermögen entwickeln. Wenn alles gut läuft, dann resultiert aus politischer Bildung aktive Beteiligung am politisch-gesellschaftlichen Leben. Das Handeln des Einzelnen ist dabei immer mit dem Gemeinwohl in Beziehung zu setzen. Und die Wikipedia? Die Menschen sollen nicht nur konsumieren, was die Enzyklopädie hergibt, sondern auch mit daran schreiben, sie sollen sich beteiligen. Sie sollen die Wikipedia mitgestalten und ihre Sicht der Dinge einbringen. Dabei müssen sie bestimmte Standards einhalten, die sicherstellen sollen, dass das Lexikon zur Meinungsbildung beiträgt und nicht manipuliert oder manipuliert wird. So wie die politische Bildung sich nicht einseitig einnehmen lassen darf, so schützt sich die Wikipedia durch Vorgaben, Kontrollen und Abstimmungsprozesse davor, von ideologischen und/oder kommerziellen Interessen vereinnahmt zu werden.

Bildungssituation

Aus der Perspektive der politischen Erwachsenenbildung sieht die Bildungssituation, auf die wir uns hier beziehen, ungefähr so aus: In der Regel haben wir es mit Menschen zu tun, die im Arbeitsprozess stehen und sich maximal einmal im Jahr für eine Woche Bildungsurlaub entscheiden können. Je nach Termin und Thema sind die Gruppen sehr gemischt, auch Rentnerinnen und Renter (häufiger) und Studierende (seltener) gehören zu den regelmäßig Teilnehmenden. Es versammeln sich also unterschiedlichste (Berufs-)Biografien, Erwartungen und Sichten auf die Welt. In der Regel wird eine Woche lang gemeinsam diskutiert, gelernt und häufig auch ein Seminarergebnis produziert.

Wie wird Wikipedia in diesem Zusammenhang eingesetzt?

Wikipedia ist sowohl Inhalt als auch Werkzeug in den Seminaren: Inhaltlich lassen sich an ihrem Beispiel das Engagement für freies Wissen diskutieren und neue Formen von Wissensproduktion und Zusammenarbeit zeigen. Ein Beispiel ist das kollaborative Schreiben, ein anderes die hierarchiearme Organisation. Zudem ist der Umgang mit den Regeln in der Wikipedia Diskussionsthema, also: Wer darf was? Wie wird dort miteinander umgegangen? Wer entscheidet letztendlich, welche Version veröffentlicht wird? Hier lassen sich auch grundsätzliche Fragen von gesellschaftlicher Relevanz, von Meinungsbildung, von Aushandlungs- und Entscheidungsprozessen beobachten und reflektieren. Und die Wikipedia wird natürlich als Werkzeug genutzt: In Rechercheeinheiten ist sie allein deswegen sehr präsent, weil sie in den Suchmaschinen meist unter den ersten Treffern zu finden ist. Bei selbständiger Recherche ist aber auch darüber hinaus die Wikipedia inzwischen für viele Teilnehmende ein erster (und manchmal auch letzter) Anlaufpunkt, um sich zu einem Thema zu informieren.

Wikipedia ist Mainstream – oder?

Ja und nein: Es ist sehr verbreitet, Wikipedia als Nachschlagewerk zu nutzen. (Es gibt aber auch 2012 noch einige wenige Teilnehmende, die noch nie darin gelesen haben.) Was nicht verbreitet ist, ist die aktive Nutzung des Lexikons, also das Einstellen eigener Inhalte oder das Mitschreiben an Artikeln. Grundsätzlich ist die Einschätzung zur Wikipedia und zu anderen Web 2.0-Anwendungen polarisiert: Die einen gehen mit einem gewissen Vertrauen an die Nutzung heran und sehen eher die Chancen, die solche Angebote bieten: Noch nie hatten so viele Menschen so einfachen Zugang zu Wissen. Auf der anderen Seite stehen die eher Skeptischen, die hauptsächlich die Gefahren sehen und allen Inhalten mit Misstrauen und Skepsis begegnen, die nicht von Expertinnen und Experten (wer immer sie dazu macht) erstellt werden. Das geht so weit, dass Teilnehmende die Wikipedia bewusst meiden nach dem Motto: “Ich habe gehört, dass da jeder etwas manipulieren kann und da wird viel Schindluder getrieben.” Beide Sichtweisen sind begründbar und realistisch. Die Diskussion in einer "gelassenen Mitte" (»Jan Hodel«) zwischen den beiden Polen ist erst möglich, wenn sich die Teilnehmenden ausführlich mit dem Thema auseinandersetzen konnten. Nach unserer Erfahrung fällt dies deutlich leichter, nachdem Teilnehmende nicht nur theoretische Hintergründe erfahren haben, sondern auch einen möglichst konkreten eigenen Eindruck erwerben. Entweder selbst durch Veränderungen an Wikipedia-Artikeln oder vermittelt über das Kennenlernen von Menschen, die sich aktiv an der Wikipedia beteiligen.

Gemeinsamkeiten und Inkompatibilitäten



Partizipation und Austausch

Bei Angeboten wie der Wikipedia, aber zum Beispiel auch Facebook, Twitter, YouTube oder Geocaching, weicht die traditionelle Trennung zwischen Konsumenten und Produzenten, Professionalität und Amateurtum auf. Der Anbieter des Dienstes stellt nur eine Plattform zur Verfügung, die Inhalte werden von den Nutzenden selber erstellt und mit anderen geteilt und diskutiert. Die genannten Angebote werden mit den Schlagworten Web 2.0 oder Social Media überschrieben. Eine Beschreibung von Tim Berners-Lee, Erfinder des World Wide Web, hat sich nicht durchgesetzt, obwohl sie das Wesen des "neuen Netzes"auf den Punkt bringt: das Read-/Write-Web – also das Internet, in dem jeder nicht mehr nur liest und konsumiert, sondern auch Autor ist und Inhalte mit der Welt teilt. Die Grundannahmen dieses Read-/Write-Webs sind offensichtlich kompatibel mit denen der politischen Bildung: So wie User im Web 2.0 nicht mehr nur ein passives Publikum bilden, sondern jeder auch Sender ist, so sieht die politische Bildung die Menschen nicht nur als Bewohner eines Staates, sondern als Bürger, die zum Gemeinsamen beitragen, die sich engagieren und gestalten, die sich untereinander verbinden, austauschen und diskutieren – kurz: die partizipieren. Dieses am Leitbegriff Partizipation ausgerichtete Ideal findet sein Abbild auch in der Gestaltung von Veranstaltungsformaten der politischen Bildung. Veranstaltungsteilnehmende sollen in der Regel nicht nur Zuhörende sein, sondern auch diskutieren, sich einbringen und bisweilen, in der projektorientierten Arbeit, auch ein kreatives Ergebnis gestalten.

Diese Grundsätze lassen sich ähnlich auch auf die Wikipedia anwenden. Ohne die Beteiligung der Nutzerinnen und Nutzer kann die Wikipedia nicht existieren. Ohne die Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger kann die Demokratie nicht existieren. Zugespitzt sieht es so aus, als wäre die Wikipedia ein großes Projekt der politischen Bildung, ein Pars pro toto einer Read-/Write-Gesellschaft.

Tatsächliche Gestaltung durch eine Minderheit

In der Wikipedia wie in der politischen Bildung gilt es also als wichtiges Ziel, Räume zur Beteiligung zu schaffen. Und in beiden Sphären ist de facto nicht leicht, Menschen zu bewegen, diese Räume tatsächlich zu nutzen. Obwohl doch technisch und prinzipiell “alle” mitwirken und gestalten können und sollen, ist es jeweils nur eine überschaubare Minderheit, die das auch aktiv wahrnimmt. In der politischen Bildung machen wir die Erfahrung, dass der subjektiv empfundene Gestaltungsraum kleiner wird. Das betrifft die “große” Politik, aber auch die eigene Lebenssituation. Wozu sich also beteiligen? Gleichzeitig haben wir es in vielen Lebensbereichen mit einer Beschleunigung und Verdichtung zu tun. Das erhöht das Bedürfnis nach Orientierung, weniger nach Beteiligung. Auf der anderen Seite haben wir zuletzt mit vermeintlichen Wut- oder Mutbürgern eine neue Bewegung gesehen, die ihre Beteiligung einfordert. Dies geschieht allerdings in aller Regel außerhalb traditioneller Institutionen. Wenn eine Partei oder andere etablierte Organisationen möchten, dass sich Menschen an ihnen beteiligen, dann müssen sie offen sein und Gestaltungsspielraum bieten. Beteiligungsangebote werden nur ernst genommen, wenn es nicht beim Versprechen bleibt, sondern - unter kommunizierten Bedingungen - tatsächlich Einfluss möglich ist. Das ist in der Wikipedia genauso wie in der politischen Bildung. Auch hier gilt: Der Einfluss ist vor allem auf konkreter Ebene erwünscht und effektiv, weniger auf Systemebene. Auch die Wikipedia muss in Zukunft deutlicher signalisieren, dass sie Wert legt auf die Beteiligung der Nutzerinnen und Nutzer, sie muss Hemmschwellen abbauen, und einen guten (besseren) Weg zwischen Qualitätserhalt und Partizipationsmöglichkeiten finden.

Kontroversitätsgebot und Neutraler Standpunkt

Der »Beutelsbacher Konsens«, 1976 formuliert, gilt heute noch als Grundlage politischer Bildung. Das darin enthalten Kontroversitätsgebot gibt vor: “Was in Wissenschaft und Politik kontrovers ist, muss auch im Unterricht kontrovers erscheinen.” Was das Kontroversitätsgebot für die politische Bildung ist, ist die Forderung nach dem “Neutralen Standpunkt” in der Wikipedia. Ersteres soll sicherstellen, dass unterschiedliche Sichtweisen dargestellt werden und sich die Lernenden ein selbständiges Urteil bilden können, unabhängig von der Person des Lehrenden. Der in der Wikipedia eingeforderte neutrale Standpunkt “dient dazu, Themen sachlich darzustellen und den persönlichen Standpunkt des Wikipedia-Autors aus Wikipedia-Artikeln herauszuhalten” (aus der Wikipedia-Darstellung des Grundprinzips “Neutraler Standpunkt”).

Die beiden Kriterien sind trotz der augenfälligen Parallelen doch nicht deckungsgleich. Politische Bildung kann und will nicht in jedem Bereich neutral sein. Für Lernende wie Lehrende gilt es, nicht nur Positionen zu erkennen, sondern auch selbst Position beziehen zu können. Die Meinungsbildung und -artikulation ist elementarer Teil der politischen Bildung. In der Wikipedia ist Meinungsbildung und -artikulation nur ein Ziel, das jenseits der Wikipedia selber erreicht werden kann (gleichsam “vor dem Bildschirm” statt "auf dem Bildschirm“), oder etwas, was sich im Hintergrund im Rahmen von Diskussionen zu Artikeln vollzieht. Im letzteren Fall ist das Urteil des Individuums nur Mittel, in der politischen Bildung ist es Zweck.

Eigenes Handeln und Gemeinwesen

In der politischen Bildung hat dieser Aspekt einen festen Platz: Die Menschen zu verantwortlichem Handeln im Gemeinwesen zu befähigen, ist eines ihrer Ziele. Das Spannungsfeld zwischen Individuum und Gesellschaft gehört dabei zum Kern ihrer Arbeit, das quer zu anderen Fragen immer wieder wichtig wird. In der Wikipedia wird diese Frage relativ eindeutig beantwortet: Der Einzelne verschwindet hinter dem Gemeinschaftswerk. In der politischen Bildung dagegen ist das Individuum in der Regel (mindestens) gleichberechtigt neben der Gemeinschaft verortet - was zu weiterführenden Kontroversen führt.

Öffentlicher Raum

Wenn wir von Read/Write und Partizipation reden, dann ist die Wikipedia in einer weiteren Hinsicht einzigartig: Sie ist das einzige Projekt dieser Größenordnung, das im Read-/Write-Web nicht einem Unternehmen unterworfen ist. Ein öffentlicher Raum, der vergleichsweise tatsächlich öffentlich und demokratisch ist. Erst anhand des Kontrastes zwischen freien und kommerziellen Projekten, z.B. zwischen Wikipedia und Facebook, wird deutlich, dass der öffentliche Raum im Web 2.0 häufig kein öffentlicher Raum nach etablierten Grundsätzen ist, sondern eher eine Einkaufs-Mall, unter deren Dach wir zwar so etwas ähnliches wie öffentlichen Austausch betreiben können, wobei wir aber die Regeln des gemeinsamen Miteinanders nicht mitgestalten können.

Grau ist alle Theorie ...

… und die Praxis ist manchmal mühsam. Beim Schreiben in der Wikipedia wird den Teilnehmenden deutlich, wie sie funktioniert: Zum einen gibt es die eigenen Kriterien an einen Text, zum anderen die der Wikipedia: Sind letztere gerecht, gut so wie sie sind, rational begründet? Wer entscheidet, ob mein Text “durchkommt”? Wie sind die Regeln in der Wikipedia entstanden und kann ich sie beeinflussen? Wenn ja wie?

Das Einstehen für den eigenen Text, das Argumentieren und Streiten, ist vergleichbar mit einer klassischen Situation der politischen Bildung: Zwei Meinungen stehen gegeneinander, beide Seiten müssen argumentieren, ihre Sicht der Dinge darstellen. Das ist anstrengend. Manchmal ist das bei dem Versuch, einen eigenen Artikel zu platzieren so anstrengend, dass die Teilnehmenden die Motivation verlieren. Auch hier lässt sich viel für Prozesse in einer demokratischen und pluralistischen Gesellschaft lernen: Beteiligung ist harte Arbeit, anstrengend und nicht immer von (individuellem) Erfolg belohnt.

Fazit: Was können die Wikipedia und die politische Bildung voneinander lernen?



Die Wikipedia ist ein Glücksfall für die politische Bildung.

Beispielhaft lassen sich an der Wikipedia neue Formen der Zusammenarbeit, der Wissensproduktion und allgemein der kulturelle Wandel diskutieren, der mit den neuen Technologien einhergeht. Das Grundwesen der Web 2.0-Technologien wird an der Wikipedia besonders deutlich: "Ein wesentliches Merkmal der aktuellen Entwicklung ist, dass traditionelle Rollenverteilungen – Experte vs. Laie, Autor vs. Leser – zunehmend aufgebrochen werden zugunsten einer offeneren, vernetzten sozialen Struktur“, beschrieb schon 2008 die Expertin für Kollaborationstechniken Christiane Schulzki-Haddouti. Dies und weitergehende Merkmale des digitalen Wandels lassen sich anhand der Wikipedia beobachten und diskutieren.

Lehrende sind auch Lernende: Der Read/Write-Modus

Mit dem Read/Write-Bild meinte Berners-Lee, dass wir nicht nur konsumieren, sondern die neuen Medien aktiv mitgestalten können. Übertragen auf die Teilnehmenden in der politischen Bildung heißt das, sich in politisch-gesellschaftliche Diskussionen einzumischen und den politischen Raum aktiv mit zu gestalten. Aber wenden wir uns auch der anderen Seite zu: Lernen heißt in den Situationen wie oben geschildert zunächst Verlernen - für beide Seiten. Die neuen Medien zwingen nicht nur Lernende ihr Rollenverständnis in Frage zu stellen. Das gleiche gilt für Lehrende in der politischen Bildung. Gemeinsam mit den Teilnehmenden zu lernen, die eigenen Standpunkte in Frage zu stellen und sich als Teil eines offenen Prozesses zu betrachten: Das ist nicht neu, sondern hat in der politischen Bildung eine Tradition. Wir müssen die Rolle der Lehrenden angesichts der beschriebenen Medien - Wikipedia ist ja nur ein Beispiel - trotzdem neu diskutieren. Der jetzigen Generation (politischer Bildnerinnen und Bildner) kommt eine Schlüsselposition zu: Die Menschen, die sowohl die analoge als auch die digitale Welt kennen, tragen zurzeit die Verantwortung, den Prozess der Digitalisierung mit zu gestalten.

Die politische Bildung muss eine Position zum politischen und kulturellen Wandel entwickeln. Nur wenn sie ihren Standpunkt kennen, werden die Akteure in der politischen Bildung eine Diskussion in Gang setzen können. Und der kann nicht neutral sein, sondern muss ein kritischer sein.

Und umgekehrt: Was kann die Wikipedia von der politischen Bildung lernen?

Die politische Bildung bemüht sich einiger Zeit, neue Wege zu gehen. Sie probiert Dinge aus, die erst einmal nicht so naheliegen und mit denen man ein Risiko eingeht und Kontrolle abgibt. Als ein Beispiel kann hier die “Ahnungslos”- Aktion mit den jungen Moderatoren Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf genannt werden. Eine Art Undercover-TV-Quiz – auch mit politischen Fragen. Ohne die Analogien zwischen Wikipedia und der politischen Bildung überstrapazieren zu wollen: Neue Einflüsse und das Hinterfragen der eigenen Strukturen zulassen sowie konsequent eine Politik des Einladens und nicht des Ausschließens zu verfolgen, könnte ein Weg zu mehr Akzeptanz sein.

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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by/3.0/ Autoren: Ute Demuth, Jöran Muuß-Merholz für bpb.de

 
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