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Wikipedia im Schulunterricht

Vermittlung von Informationskompetenz?


10.10.2012
Für Schüler ist Wikipedia längst die zentrale enzyklopädische Anlaufstelle. Wie können Bildungseinrichtungen mit ihr umgehen - statt sie zu verbieten? Der Beitrag zeigt unterschiedliche Ansätze, wie Wikipedia im Unterricht eingesetzt werden kann, um einen selbstbestimmten und kritischen Umgang mit Informationen zu fördern.

Whiteboard StandardUnterricht am Whiteboard (© ddp/AP)

Wozu braucht es im 21. Jahrhundert noch Schulen, Hochschulen und Bildungseinrichtungen? Ist nicht bereits das gesamte Wissen im Internet verfügbar? So ermöglichen Google, Wikipedia den kinderleichten Zugriff auf das 'Kollektive Gedächtnis' in der digitalisierten Welt — Nicht wenige Menschen sehen in der Wikipedia die wahrgewordene Vision eines basisdemokratisch geschaffenen Wissensschatzes. Kritiker hingegen beklagen kulturpessimistisch den Verlust einer von Experten gestalteten und von professionellen Redakteuren geprüften Wissenskultur.

Tatsächlich ist zu fragen, wie Bildungseinrichtungen, Lehrer, Dozenten und Eltern auf die Informationsgewohnheiten der Digital Natives reagieren wollen: Verbote, Vorschriften, Zensur, Begrenzung? Alle möglichen Varianten werden ausprobiert. Unabhängig davon, wie jeder Einzelne die Potenziale und Grenzen von Wikipedia einschätzt, taugen persönliche Präferenzen im pädagogischen Feld kaum. Denn: Für Viele ist Wikipedia längst die erste enzyklopädische Anlaufstelle und somit zentraler Schlüssel beim Zugang zu Wissen.

Vermittlung von Informationskompetenz



Vor diesem Hintergrund stellen sich drei zentrale Fragen: 1.) Wie kann es gelingen, Wikipedia als Ressource und Werkzeug in Lehr-und Lern-Kontexte sinnvoll zu integrieren? 2.) Über welche Voraussetzungen müssen Lehrer und Schüler verfügen, um sich bei Wikipedia kompetent zu informieren? Und ganz allgemein: 3.) Wie lassen sich Schüler für die Problematiken der 'Copy & Paste'-Mentalität und Umsonst-Kultur sensibilisieren? Wikipedia dient im Folgenden als Folie zur Vermittlung und den Erwerb von Informationskompetenz.

Informationskompetenz wird unter Experten als Fähigkeit verstanden, "bezogen auf Herausforderungen in Schule, Hochschule, Wissenschaft, Wirtschaft oder Gesellschaft, Informationsbedarf zu erkennen, Informationen zu ermitteln, zu beschaffen, zu bewerten und effektiv zu nutzen. Denn diese fördert das Grundwissen in Bildung und Berufsleben, führt zu Erfolgen und Innovationen in der Forschung und Entwicklung, ermöglicht Kreativität und Zufriedenheit im Alltag." So beschreibt es die Deutsche Gesellschaft für Informationswissenschaft und Informationspraxis.

Bezogen auf den Schulunterricht bedeutet dies, Schüler in die Lage zu versetzen, mit Informationen selbstbestimmt, souverän, kritisch und emanzipiert umzugehen, um diese in eigene Wissensbestände zu integrieren oder für eigene kommunikative Ziele nutzbar zu machen. Aus Emittentensicht (Informationen zur Verfügung stellen) umfasst Informationskompetenz die Fähigkeit und Fertigkeit, Information zweckorientiert-, zielgruppen-, sach- und medienadäquat aufzubereiten und zu vermitteln. Aus Rezipientensicht (Informationen nutzen) umfasst sie die Fähigkeit und Fertigkeit, Information zu recherchieren und zu organisieren, zu analysieren und zu evaluieren. Da jeder fortwährend sich selbst oder aber andere informiert, sind beide Sichtweisen gleich relevant.

Wikipedia als Untersuchungsgegenstand



Wikipedia ist – so betrachtet – ein prädestiniertes Anschauungs- und Experimentierfeld, um die Facetten von Informationskompetenz im Unterricht durch zu deklinieren. Aus mindestens drei Quellen speisen sich die nachfolgend skizzierten Ideen:
  1. Den klassischen Verfahren der Textarbeit: Das Analysieren, Redigieren oder Interpretieren von Texten kann durch gezielte Anschlussaufgaben ergänzt werden, zum Beispiel durch Exzerpieren und Kommentieren. Lesestrategien und Texterschließungsverfahren können auf beliebige Stichwörter und Unterrichtsfächer angewendet werden, da sie zunächst fachunspezifisch sind.
  2. Methoden und Vorgehen des wissenschaftlichen Arbeitens (Zitieren, Quellenrecherche, Bibliographieren…) bilden einen weiteren Bezugspunkt. In einer Wissensgesellschaft, in der jeder alles sagen kann, werden diese ursprünglich höhere Anforderungen, bereits in der Schule verlangt, um Schülern eine Orientierung in den 'Weiten des Internets' zu ermöglichen.
  3. Schließlich handelt es sich um leicht modifizierte oder klassische Aspekte der Wörterbucharbeit, wie sie im Deutschunterricht vermittelt wird.
Die im Folgenden kursiv gesetzten Fragen dienen als Impulse für schüler- und unterrichtsorientierte Aufgabenstellungen und sind gegebenenfalls fachspezifisch und situativ zu modifizieren.

Ein Blick hinter die Kulissen



Grundlegend können Schüler zunächst durch kleine Arbeitsaufgaben bzw. Rechercheaufträge Fakten und Hintergründe über Wikipedia sammeln:
  • Wer hat Wikipedia erfunden?
  • Seit wann gibt es Wikipedia?
  • In wie vielen Sprachen gibt es sie?
  • Wie viele Artikel umfasst die englische, deutsche Wikipedia?
  • Welche Ziele verfolgt Wikipedia?
  • Wie kann man bei Wikipedia mitmachen?
  • Wer darf Inhalte einstellen, wer darf sie verändern?
  • Welche Regeln sind zu beachten?
  • Nach welchem Prinzip werden die Inhalte geschützt?
  • Welche Lizenzen sind zu beachten und welche nutzt Wikipedia?
Hinweise finden sich dazu auch auf den zentralen Einstiegsseiten der Wikipedia: Tutorial, FAQs, Hilfe, Glossar.

Im nächsten Schritt kann vertiefend die Berichterstattung über Wikipedia thematisiert werden. Schüler können dazu Zeitungs- oder Zeitschriftenartikel recherchieren und auswerten:
  • Was versprechen sich die Befürworter von Wikipedia?
  • Wie sind die Chancen einzuschätzen, dass Wikipedia erstes digitales Weltkulturerbe wird?
  • Welche Pro- und Contra-Argumente führen Befürworter und Gegner ins Feld?
  • Warum gibt es Versuche, Wikipedia-Artikel zu manipulieren und zu welchem Zweck?
Indem sich Schüler mit den Hintergründen sowie den Pro- und Contra-Argumenten auseinandersetzen, werden sie für die Funktionsweisen sowie die unterschiedlichen Wahrnehmungen darauf, sensibilisiert. Ein Blick in die Nutzungsbedingungen kann das Verständnis für die Komplexität der Wikipedia fördern; interessant auch vor dem Hintergrund einer im Mai 2012 vollzogenen Aktualisierung.

Informationsbedarf erkennen – Suchkriterien definieren – Suchstrategien prüfen



Schüler benötigen ein breites Repertoire an Informationsquellen und Suchstrategien. Dazu ist es hilfreich, ihnen unbewusste Abläufe und Entscheidungen des Informationsverhaltens bewusst werden zu lassen und diese systematisch zu trainieren. Enzyklopädien und Lexika übernehmen hierbei eine ganz wichtige, leitende und orientierende Funktion, wodurch es sinnvoll ist, Recherchen mit deren Konsultation zu starten:

  • Wonach suche ich?
  • Was weiß ich bereits über den Sachverhalt?
  • Wofür benötige ich die Informationen?
  • Will ich mir einen Überblick verschaffen ("Suche in die Breite") oder etwas im Detail verstehen ("Suche in die Tiefe")?
  • Wie werden die gefundenen Informationen weiterverarbeitet?
  • Welche Art von Information benötige ich (Literatur, Quellen, fachliche, historische oder aktuelle Information etc.)?
  • Welche Informationsquellen könnten geeignet sein? Welche Suchanfragen (Stichwörter, Begriffe, Phrasen…) sind erfolgversprechend?
  • Welchen Aufwand will ich betreiben?

Analysieren und Selektieren



Quellen, Texte und Informationen zu analysieren ist eine komplexe Tätigkeit, aber notwendig, um zum Beispiel Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden zu können. Analysieren bedeutet zudem die Aussageabsichten von Autoren erkennen und verstehen, aber auch Informationen zu synthetisieren, also Gelesenes mit anderen Quellen in Beziehung zu setzen und Verbindungen zu eigenen Erfahrungen und Vorwissen herzustellen. Alle Wikipedia-Artikel sollten zwar gewissen Standards und Konventionen in Form und Stil entsprechen. Gleichwohl differiert die Qualität der Texte deutlich. Wikipedia bietet Anreize für eine Kandidatur von Artikeln auf die Kategorien: lesenswert und exzellent.

In diesem Feld sind der Phantasie für eine vertiefte Auseinandersetzung keine Grenzen gesetzt. Wikipedia selbst bietet eine riesige Werkzeug-Kiste zur technischen Unterstützung an. Auch rein intellektuell ergeben sich jede Menge spannender Fragen im Unterricht. Indem Schüler den formalen Aufbau der Artikel beschreiben oder sprachliche Ausdrucksformen analysieren, beginnen sie 'den Wert‘ der Aussagen zu hinterfragen:
  • Wann ist ein Artikel besonders gelungen, wann verbesserungsfähig?
  • Woran lassen sich textuelle Qualitätsmerkmale festmachen?
  • Wie können Artikel konkret verbessert werden?
Auch formale Fragen können mit Schülern besprochen oder von diesen aktiv selbst bearbeitet werden:
  • Mit welchen stilistischen Mitteln arbeiten die Autoren?
  • Welchen Aufbau haben Lexikonartikel, welche Textteile und welche Argumentationsstrukturen sind erkennbar?


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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Matthias Ballod für bpb.de
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