Dossierbild Afrikanische Diaspora

30.7.2004 | Von:
Fatima El-Tayeb

Medien, Machos und Mädchenrap

Die Musikgruppe "Tic Tac Toe"

Rezeption und Wirkung von "Tic Tac Toe"

Dennoch finden "Tic Tac Toe" kaum Erwähnung in Darstellungen der deutschen Hip-Hop-Geschichte, und wenn, dann zumeist als apolitische Mädchenband ohne eigene Identität, eine Art Boney M. der Neunziger. Nun waren Rickie, Lee und Jazzy sicher musikalische Leichtgewichte, aber dass sie kaum als Teil der deutschen Hip-Hop-Kultur begriffen werden, hat vielleicht auch etwas damit zu tun, dass ihre Fanbasis hauptsächlich aus 12- bis 16-jährigen Mädchen bestand – für viele Kritiker ein Synonym für nicht ernstzunehmend. Der Erfolg "Tic Tac Toes" gerade bei dieser Gruppe von Fans hatte allerdings weniger mit den eingängigen, anspruchslosen Melodien ihrer Songs zu tun, als mit den Texten, welche die Perspektive eben dieser, sonst eher selten repräsentierten Bevölkerungsgruppe widerspiegelten.

Auch wenn sie oft nicht gerade brillant waren, hatten "Tic Tac Toes" Lieder doch nicht unbedingt triviale Themen: Sexualität, Beziehungen, Drogen, Missbrauch, Verhütung, Menstruation – klassisch weibliche Themen, von der Frauenbewegung der Siebzigerjahre als politisch definiert, aber in der Mehrheitsgesellschaft immer noch als unwichtig abgetan. Es wäre sicher absurd, "Tic Tac Toe" als feministische Aktivistinnen zu definieren, es stellt sich allerdings die Frage, ob der qualitative Unterschied zwischen den Rhymes sich in spätpubertären Posen ergehenden männlicher Rapper und den "Tic Tc Toe"-Songs wirklich allzu groß ist. Dass er als solcher wahrgenommen wird, hat mit der Männlichkeitsfixierung der internationalen Hip-Hop-Szene zu tun, aber auch mit einer deutschen intellektuellen Kultur, die bereit ist, die Gangsta-Imitationen insbesondere afro- und türkisch-deutscher Rapper als authentische Ghettokultur ernst zu nehmen; Ausdruck einer wilderen, echteren Gefühlswelt, die der zivilisierte weiße Mann mit einer Mischung aus Neid und Herablassung analysiert – hier scheint sich seit Norman Mailers "White Negro"-Fantasie wenig getan zu haben.

Die postmoderne Entertainment-Kultur bedient sich exzessiv bei Subkulturen, die längst zum Inbegriff von "coolness" geworden sind. Subversives Potenzial wird so zum Verkaufsmittel domestiziert. In Deutschland sind Vertreterinnen und Vertreter von Minderheiten erstmals massiv in der Mainstream-Kultur präsent und haben so die Chance, ihre Repräsentation zumindest teilweise selbst zu bestimmen. Die Präsenz beschränkt sich jedoch noch weitestgehend auf den Entertainment-Bereich, in dem Minderheiten traditionell zu einer Gratwanderung zwischen Reduzierung auf systemerhaltende Stereotypen und einziger Repräsentationsmöglichkeit gezwungen sind.

Gefährlich wird es, wenn die Klischees nicht mehr benutzt, sondern geglaubt werden und etwa afro-deutsche Mittelklasse-Rapper die "dickhosige, posige Dickeier-Macho-Nummer" (MC Nina) verinnerlichen, die (von) ihnen als authentische Schwarze Kultur verkauft wurde. Das bedeutet nicht nur einen Bruch mit der Tradition des afro-deutschen Aktivismus, der in den letzten zwanzig Jahren zu einem großen Teil von feministischen Inhalten geprägt wurde. Es heißt auch, sich an der Instrumentalisierung von Minderheiten zu beteiligen, denen bestimmte reaktionäre Strukturen unterstellt werden, die dann als "authentisch" (und nicht etwa Teil eines allgemeinen konservativen "backlash") definiert werden und so wiederum ihren Ausschluss aus dem aufgeklärten, westlichen Diskurs rechtfertigen.

"Tic Tac Toe" und die Presse

Der Presseumgang mit "Tic Tac Toe" zeichnet allerdings ein anderes Bild: Während den Inhalten ihrer Songs meist wenig Aufmerksamkeit gewidmet wurde, fabrizierte die Presse eine Reihe von "Skandalen", die in den zwei Jahren des großen Erfolgs den überwiegenden Anteil der Berichterstattung über "Tic Tac Toe" ausmachte und zweifellos einen Anteil an der Trennung der Gruppe hatte. Beginnend mit der Enthüllung, dass die Bandmitglieder ihr Alter nach unten korrigiert hatten, den Berichten über Lees angebliche Drogen- und Prostitutionsvergangenheit und schließlich Spekulationen über ihre Mitschuld am Selbstmord ihres Ex-Mannes, entwickelte sich ein voyeuristisches, moralistisches Klima der Berichterstattung, das so für den Umgang mit männlichen Rappern unvorstellbar ist. Während es kaum überrascht, dass die Bild-Zeitung sich innerhalb dieser Kampagne hervortat, schlich sich etwa auch in den Ton des linken Schweizer Jugendmagazins Biwidus ein moralinsaurer Unterton ein:
    "Die drei Rapperinnen, die mit ihrer Art den Übergang vom Kind zur erwachsenen Frau auszuleben scheinen, haben innert kürzester Zeit einen Hype entfesselt, der sich interessanterweise vor allem unter SEHR jungen Jugendlichen wie ein Lauffeuer ausbreitet, gerade unter Mädchen. Und ihr gerade erschienenes Album "Tic Tac Toe" wird zum Manifest dieser frühreifen Jugend, der Texte wie "Ich find dich Scheisse!" und "Verpiss dich" genauso eingetrichtert werden, wie die Thematisierung von Sex. Selbstbewusstsein wollen die drei Girls dort auf der Bühne ausdrücken, die 12- bis 14-Jährigen jedoch könnten diese Attitüde durchaus auch als Aufruf zur Rücksichtslosigkeit und zur Glorifizierung des Individuums auslegen, geistig unreif und beeinflussbar, wie Mensch in diesem Alter halt nun mal ist."[3]
Das doppelte Maß, mit dem sowohl Inhalte als auch Images von männlichen und weiblichen Hip- Hop-Crews und MCs gemessen werden, zeigt deutlich, dass Sexismus und Macho-Allüren nicht allein oder auch nur in größerem Maß kennzeichnend für die Hip-Hop-Szene sind, sondern nach wie vor die Gesamtheit der deutschen Gesellschaft prägen. Was immer man letztlich auch von "Tic Tac Toe" halten mag, haben sie mit ihrem "Gören-Rap" doch zweifellos zumindest zeitweise Bewegung in diese verstaubten Strukturen gebracht.

Fußnoten

3.
"Alles verscheissender Gören-Rap", in: Biwidus, 15.4.1996.

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