Dossierbild Afrikanische Diaspora
1|2|3 Auf einer Seite lesen

30.7.2004 | Von:
Fatima El-Tayeb

Medien, Machos und Mädchenrap

Die Musikgruppe "Tic Tac Toe"

Männliche und weibliche Hip-Hop-Bands werden in der Gesellschaft unterschiedlich beurteilt, basierend auf veralteten Stereotypen und geglaubten Klischees. Vor allem das in der Öffentlichkeit diskutierte Ende der Gruppe "Tic Tac Toe" illustriert, wie stark diese Mechanismen greifen, obwohl die Sängerinnen mit mehr als drei Millionen verkaufter CDs einen enormen Erfolg verzeichnen konnten.
Tic Tac Toe mit Bandmanagerin Claudia Wohlfromm (2.v.r.).Tic Tac Toe mit Bandmanagerin Claudia Wohlfromm (2.v.r.). (© Wikimedia, Foto: Axl Jansen)

Hip-Hop: Ein männliches Phänomen?

Sowohl in der öffentlichen Wahrnehmung als auch der Selbstdarstellung der Hip-Hop-Bewegung wird Rap meist mit aggressiver Männlichkeit identifiziert. Tatsächlich waren Frauen von Anfang an Teil dieser Kultur, in den USA ebenso wie in Deutschland. Dass ihr Beitrag zur Geschichte des Hip-Hop – sei es als Mitglieder der New Yorker "Rock Steady Crew" oder als afro-deutsche MCs – meist unerwähnt bleibt, hat ebensoviel mit dominanten Gender- (und Ethnizitäts-) Diskursen zu tun wie mit dem Machismo der Rap-Szene.

Die berechtigte Kritik an einigen männlichen Rappern neigt dazu, sexistische und homophobe Inhalte als ausschließlich der Hip-Hop-Kultur immanente Probleme zu definieren, statt sie in ihrer Wechselwirkung mit dominanten Geschlechterbildern zu analysieren. Wie beide Faktoren ineinander greifen, lässt sich besonders gut am Schicksal der Gruppe "Tic Tac Toe" aufzeigen, die mit annähernd drei Millionen verkaufter CDs immer noch die kommerziell erfolgreichste deutsche Rap-Crew ist.

Hip-Hop entstand in den Siebzigerjahren als Produkt der Vermischung afro-amerikanischer und karibischer Traditionen in den urbanen Metropolen des Nordens der USA. Filme wie "Beat Street" und "Wild Style" reflektierten den neuen Trend und leisteten gleichzeitig einen wichtigen Beitrag zu seiner weltweiten Verbreitung. In Deutschland waren es zunächst vor allem migrantische und minoritäre Jugendliche, welche die Hip-Hop-Kultur aufgriffen und sich mit ihren Inhalten identifizierten, nicht zuletzt angesprochen durch die direkte Auseinandersetzung mit dem Thema Rassismus – auch in Deutschland Teil der Alltagserfahrungen von Minderheiten.

Meli von "Skillz en Masse" erinnert sich: "Das fängt ja schon an, sobald man in Deutschland in die erste Institution reingerät, ob das nun der Kindergarten ist oder die Schule - man ist mit Ausgrenzung, Anderssein, Schwarzsein konfrontiert. Und da hab ich "Public Enemy" gehört, hab mir die T-Shirts geholt – das war für mich eine Befreiung, ein Ventil, die Texte mitzurappen, die Energie zu spüren, die rüberkam, das hat mich einfach berührt. Das waren Leute, die waren neuntausend Kilometer von mir entfernt und die haben Dinge gesagt, die für mein Leben hier in Deutschland relevant waren. "[1]


Hip-Hop spielt seit der zweiten Hälfte der 80er Jahre eine immer wichtigere Rolle im Selbstdefinierungsprozess der afro-deutschen Community. Letzteres ein schwieriger Prozess in einem Land, das erst jetzt zögernd beginnt, sich als Einwanderungsgesellschaft zu begreifen und die Realität einer multi-ethnischen Bevölkerung noch immer durch statische Definitionen von (implizit weißen, christlichen) "Deutschen" und "Ausländern" negiert. Seit "Fresh Familee's" "Ahmed Gündüz" (1990) und "Advanced Chemistry's" "Fremd im eigenen Land" (1992) nutzen die so ausgeschlossenen Nicht-Mehrheitsdeutschen – Migrantinnen und Migranten, "Zweite Generation", Sinti, Afro-Deutsche – Hip-Hop als Mittel, eine alternative deutsche Identität zu kreieren, die nicht auf ethnischen Kriterien beruht, es aber gleichzeitig erlaubt, die gemeinsame Erfahrung ethnisierender Ausgrenzung zu benennen.

Politische Botschaften

Die politische Funktion schwarzer Rapper wurde spätestens mit dem Projekt "Brothers Keepers" deutlich, dem es gelang, deutschen Rassismus und die Existenz einer afro-deutschen Minderheit offensiv in Mainstream-Debatten zu tragen. Während die emanzipatorische Funktion der Hip-Hop-Community innerhalb der Auseinandersetzung um Rassismus und nationale Identität in Deutschland außer Frage steht, ist ihre Rolle in Gender-Fragen jedoch wesentlich ambivalenter; beispielhaft hier wiederum "Brothers Keepers" bzw. deren weibliche Sidekicks "Sisters Keepers". Auf der CD Lightkultur ergänzen die Rapperinnen ganz im Sinne konservativer Geschlechterbilder den Aufruf von "Brothers Keepers" zum (gewaltsamen) Widerstand mit einem Appell an "Liebe und Verstand" oder in den Worten Aziza A.s:
    "Die Jungs kommen an, so in der Art: Ich haue dir eine rein und schiebe den Harten. Demgegenüber kommen die Frauen so echt klischeemäßig rüber. Die Frauen reichen dann ihre Hand und setzen auf Liebe. Die Begründungen, die man dann hört, dass man die Songs dann eben zusammen hören muss, machen für mich die Sache auch nicht besser. "[2]
Während so ausgerechnet das politisch ambitiöse und auf Breitenwirkung setzende "Brothers Keepers"-Projekt alte Klischees reproduziert, lassen sich Rapperinnen im Allgemeinen nicht auf eindimensionale Rollenvorgaben beschränken – das gilt für Aziza A. genauso wie die Soloprojekte der "Sisters Keepers". Der in der Szene vorherrschende Machismo war allerdings selten explizites Thema; anders als in den USA, wo Mitte der Achtziger die "Roxanne Wars" tobten (Jones 1994, 246) – bis Nina 2001 ihr "Doppel X Chromosom" veröffentlichte; mit einer interessanten Ausnahme: der "Girlie Group" von "Tic Tac Toe".

"Tic Tac Toe", bestehend aus Lee, Rickie und Jazzy, debütierten 1996 mit den Singles "Verpiss Dich" und "Ich find Dich Scheiße", beides Auskopplungen des Debüt-Albums "Tic Tac Toe", das sich rund eine Million Mal verkaufte. Das Folgealbum "Klappe Die 2te" konnte diese Verkaufszahlen noch einmal verdoppeln und als sie sich 1997 trennten, waren "Tic Tac Toe" zur kommerziell erfolgreichsten deutschen Hip-Hop-Crew geworden (Lee und Jazzy versuchten zunächst zu zweit, dann mit dem neuen Bandmitglied Sara an alte Erfolge anzuknüpfen, gaben aber schließlich im Jahr 2000 endgültig auf).

Rezeption und Wirkung von "Tic Tac Toe"

Dennoch finden "Tic Tac Toe" kaum Erwähnung in Darstellungen der deutschen Hip-Hop-Geschichte, und wenn, dann zumeist als apolitische Mädchenband ohne eigene Identität, eine Art Boney M. der Neunziger. Nun waren Rickie, Lee und Jazzy sicher musikalische Leichtgewichte, aber dass sie kaum als Teil der deutschen Hip-Hop-Kultur begriffen werden, hat vielleicht auch etwas damit zu tun, dass ihre Fanbasis hauptsächlich aus 12- bis 16-jährigen Mädchen bestand – für viele Kritiker ein Synonym für nicht ernstzunehmend. Der Erfolg "Tic Tac Toes" gerade bei dieser Gruppe von Fans hatte allerdings weniger mit den eingängigen, anspruchslosen Melodien ihrer Songs zu tun, als mit den Texten, welche die Perspektive eben dieser, sonst eher selten repräsentierten Bevölkerungsgruppe widerspiegelten.

Auch wenn sie oft nicht gerade brillant waren, hatten "Tic Tac Toes" Lieder doch nicht unbedingt triviale Themen: Sexualität, Beziehungen, Drogen, Missbrauch, Verhütung, Menstruation – klassisch weibliche Themen, von der Frauenbewegung der Siebzigerjahre als politisch definiert, aber in der Mehrheitsgesellschaft immer noch als unwichtig abgetan. Es wäre sicher absurd, "Tic Tac Toe" als feministische Aktivistinnen zu definieren, es stellt sich allerdings die Frage, ob der qualitative Unterschied zwischen den Rhymes sich in spätpubertären Posen ergehenden männlicher Rapper und den "Tic Tc Toe"-Songs wirklich allzu groß ist. Dass er als solcher wahrgenommen wird, hat mit der Männlichkeitsfixierung der internationalen Hip-Hop-Szene zu tun, aber auch mit einer deutschen intellektuellen Kultur, die bereit ist, die Gangsta-Imitationen insbesondere afro- und türkisch-deutscher Rapper als authentische Ghettokultur ernst zu nehmen; Ausdruck einer wilderen, echteren Gefühlswelt, die der zivilisierte weiße Mann mit einer Mischung aus Neid und Herablassung analysiert – hier scheint sich seit Norman Mailers "White Negro"-Fantasie wenig getan zu haben.

Die postmoderne Entertainment-Kultur bedient sich exzessiv bei Subkulturen, die längst zum Inbegriff von "coolness" geworden sind. Subversives Potenzial wird so zum Verkaufsmittel domestiziert. In Deutschland sind Vertreterinnen und Vertreter von Minderheiten erstmals massiv in der Mainstream-Kultur präsent und haben so die Chance, ihre Repräsentation zumindest teilweise selbst zu bestimmen. Die Präsenz beschränkt sich jedoch noch weitestgehend auf den Entertainment-Bereich, in dem Minderheiten traditionell zu einer Gratwanderung zwischen Reduzierung auf systemerhaltende Stereotypen und einziger Repräsentationsmöglichkeit gezwungen sind.

Gefährlich wird es, wenn die Klischees nicht mehr benutzt, sondern geglaubt werden und etwa afro-deutsche Mittelklasse-Rapper die "dickhosige, posige Dickeier-Macho-Nummer" (MC Nina) verinnerlichen, die (von) ihnen als authentische Schwarze Kultur verkauft wurde. Das bedeutet nicht nur einen Bruch mit der Tradition des afro-deutschen Aktivismus, der in den letzten zwanzig Jahren zu einem großen Teil von feministischen Inhalten geprägt wurde. Es heißt auch, sich an der Instrumentalisierung von Minderheiten zu beteiligen, denen bestimmte reaktionäre Strukturen unterstellt werden, die dann als "authentisch" (und nicht etwa Teil eines allgemeinen konservativen "backlash") definiert werden und so wiederum ihren Ausschluss aus dem aufgeklärten, westlichen Diskurs rechtfertigen.

"Tic Tac Toe" und die Presse

Der Presseumgang mit "Tic Tac Toe" zeichnet allerdings ein anderes Bild: Während den Inhalten ihrer Songs meist wenig Aufmerksamkeit gewidmet wurde, fabrizierte die Presse eine Reihe von "Skandalen", die in den zwei Jahren des großen Erfolgs den überwiegenden Anteil der Berichterstattung über "Tic Tac Toe" ausmachte und zweifellos einen Anteil an der Trennung der Gruppe hatte. Beginnend mit der Enthüllung, dass die Bandmitglieder ihr Alter nach unten korrigiert hatten, den Berichten über Lees angebliche Drogen- und Prostitutionsvergangenheit und schließlich Spekulationen über ihre Mitschuld am Selbstmord ihres Ex-Mannes, entwickelte sich ein voyeuristisches, moralistisches Klima der Berichterstattung, das so für den Umgang mit männlichen Rappern unvorstellbar ist. Während es kaum überrascht, dass die Bild-Zeitung sich innerhalb dieser Kampagne hervortat, schlich sich etwa auch in den Ton des linken Schweizer Jugendmagazins Biwidus ein moralinsaurer Unterton ein:
    "Die drei Rapperinnen, die mit ihrer Art den Übergang vom Kind zur erwachsenen Frau auszuleben scheinen, haben innert kürzester Zeit einen Hype entfesselt, der sich interessanterweise vor allem unter SEHR jungen Jugendlichen wie ein Lauffeuer ausbreitet, gerade unter Mädchen. Und ihr gerade erschienenes Album "Tic Tac Toe" wird zum Manifest dieser frühreifen Jugend, der Texte wie "Ich find dich Scheisse!" und "Verpiss dich" genauso eingetrichtert werden, wie die Thematisierung von Sex. Selbstbewusstsein wollen die drei Girls dort auf der Bühne ausdrücken, die 12- bis 14-Jährigen jedoch könnten diese Attitüde durchaus auch als Aufruf zur Rücksichtslosigkeit und zur Glorifizierung des Individuums auslegen, geistig unreif und beeinflussbar, wie Mensch in diesem Alter halt nun mal ist."[3]
Das doppelte Maß, mit dem sowohl Inhalte als auch Images von männlichen und weiblichen Hip- Hop-Crews und MCs gemessen werden, zeigt deutlich, dass Sexismus und Macho-Allüren nicht allein oder auch nur in größerem Maß kennzeichnend für die Hip-Hop-Szene sind, sondern nach wie vor die Gesamtheit der deutschen Gesellschaft prägen. Was immer man letztlich auch von "Tic Tac Toe" halten mag, haben sie mit ihrem "Gören-Rap" doch zweifellos zumindest zeitweise Bewegung in diese verstaubten Strukturen gebracht.

Literatur

Arlyck, Kevin: "By All Means Necessary: Rapping and Resisting in Urban Black America", in: Green 1997, S. 269-288

Bax, Daniel: "Abschwellender Straßenslang", in: Die Tageszeitung, 10.10.2001

Decker, Julia: "Interview mit Tic Tac Two", in: Jetzt Online, o.D.

Green, Charles (Hg.): Globalization and Survival in the Black Diaspora: The New Urban Challenge, Albany 1997

Heiser, Jörg: "Rappen in Etappen", in: Süddeutsche Zeitung, 22.11.1997

Jones, Lisa: Bulletproof Diva, New York 1994

Kelly, Robin D.G.: Yo' Mama's Disfunctional! Fighting the Culture Wars in Urban America, Boston 1997

Koch, Ralf: 'Medien mögen's weiß': Rassismus im Nachrichtengeschäft: Erfahrungen von Journalisten in Deutschland und den USA, München 1996

Loh, Hannes/Murat Güngör: Fear of a Kanak Planet: HipHop zwischen Weltkultur und Nazi-Rap, Wien 2002

Mailer, Norman: The White Negro, San Francisco 1957

Menrath, Stefanie: Represent What ... Performativität von Identitäten im HipHop, Hamburg 2001

Popoola, Olumide/Beldan Sezen (Hg.): Talking Home: Heimat aus unserer eigenen Feder: Frauen of color in Deutschland, Amsterdam 1999

Rose, Tricia: Black Noise: Rap Music and Black Culture in Contemporary America, Middleton 1994

"'Schwarz' verstehen wir politisch: Die afrodeutsche HipHop-Gruppe Advanced Chemistry über ihre Erfahrungen mit alltäglichem Rassismus, in: Die Tageszeitung, 25.03.1993

"... Tic Tac Toe am Scheideweg", in: Rhein-Zeitung, 21.11.1997

"Tic Tac Toe – Die ganze Wahrheit", in: Biwidus, 11.04.1997

"Tic Tac Toe – die ganze Wahrheit", TV-Bericht: RTL 2, 23.04.1997

"Was macht eigentlich...Jazzy", in: Stern, 04.02.2003

Wildcat (Fahrettin Calislar): "Alles verscheissender Gören-Rap", in Biwidus, 15.04.1996

Tonträger

Tic Tac Toe: Tic Tac Toe, 1996

Dies.: Tic Tac Toe: Klappe Die 2te, 1997

Dies.: Ist der Ruf erst ruiniert, 2000
1|2|3 Auf einer Seite lesen

Fußnoten

1.
Loh, Hannes/Murat Güngör: Fear of a Kanak Planet: HipHop zwischen Weltkultur und Nazi-Rap, Wien 2002, S. 103.
2.
Ebd., S. 271.
3.
"Alles verscheissender Gören-Rap", in: Biwidus, 15.4.1996.

Dossier - Afrika

Afrika

Rund 885 Millionen Menschen leben in 54 afrikanischen Staaten. Auf dem Kontinent gibt es über 3.000 Bevölkerungsgruppen und mehr als 2.000 Sprachen. Das Dossier präsentiert Afrika gestern und heute und beleuchtet die Perspektiven zukünftiger Entwicklungen.

Mehr lesen

Um das politische Konzept der Sklaverei und des Kolonialismus moralisch "zu legitimieren", erfand Europa sein eigenes Afrika. Der Kontinent sei das homogene und unterlegene "Andere" und bedürfe daher der "Zivilisierung". In diesem Prozess war Sprache ein wichtiges Kriterium.

Mehr lesen