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Funktionalisierung und Repräsentation von multikulturellen Images in DDR-Comics


2.11.2004
Obwohl sich die DDR die Schaffung einer sozialistischen Persönlichkeit auf ihre Fahnen geschrieben hatte, kam dieser neue Mensch nicht ohne Trivialem aus. Vieles davon ist längst vergessen, nur das "Mosaik" mit seinen mittlerweile Kult gewordenen Serien "Digedags" und "Abrafaxe", aber auch "Fix und Fax" erlebten eine Renaissance.

Zur Ambivalenz sozialistisch motivierter "Bildergeschichten" oder: Ein System beugt sich dem Trivialen

Cover Mosaik: Abenteuer am Bosporus.Cover Mosaik: Abenteuer am Bosporus. (© Buchverlag Junge Welt)


Obwohl sich die DDR die Schaffung einer sozialistischen Persönlichkeit auf ihre Fahnen geschrieben hatte, kam dieser neue Mensch nicht ohne ein gewisses Quantum an Trivialem aus. Eine gewisse Lust an den re-definierten "Bildergeschichten" – ein Begriff, der als Losung von Ludwig Renn (Neger Nobi/Camilo) geprägt wurde – war nicht aus dem real existierenden Menschen herauszubekommen. Während westdeutsche Comics bis zum Ende der DDR auf dem Index verbotenen Materials ("Schund- und Schmutzliteratur") standen, baute man schon frühzeitig eigene "Bildergeschichten" zur politisch motivierten Serienreife aus.

Die "Atze"-Hefte und "Digedags" der Mosaik-Bände erschienen seit 1955 ("Digedags" 1955-1975, "Abrafaxe" – Abrax, Brabax, Califax von 1976 bis heute). Der Aufruf zum Kampf gegen den Klassenfeind war den meisten Comicstrips eingeschrieben. Die politische Einflussnahme war groß und spiegelte sich im Widerhall tagespolitischer Ereignisse wider. So mussten die Digedags wie die sowjetischen Sputniks ins All aufbrechen und die technische Überlegenheit des Sozialismus durch eine symbolische Inbesitznahme des Weltalls demonstrieren.

Das Medium "Bildergeschichten" – auf diesem Weg neu definiert und damit in eine gewisse Normalität erhoben – durfte fortan in eben jenen Grenzen betrieben werden. Neben den beiden oben genannten reinen Comicmagazinen fanden sich diese Bildgeschichten auch in anderen regelmäßig erscheinenden Jugendzeitschriften (Frösi, Trommel) und nach einer kurzzeitigen Lockerung des politischen Klimas Anfang der 70er Jahre auch in Wochen-Illustrierten (NBI, Für Dich, Freie Welt, usw.). Unter dem wachsamen Auge der staatlichen Jugendorganisation FDJ sollten mit Qualität und eigenen Werten vor allem ein erfolgreiches Gegengewicht zu Micky Maus und anderen 'Hollywood-Produkten' entwickelt und gesetzt werden.

So existierte eine, wenn auch bescheidene, Comicszene in Kinder- und Pionierzeitungen, dem Eulenspiegel, in Wochenendbeilagen und in den wöchentlich erscheinenden Illustrierten. Vieles, mit dem die DDR-Zensur noch große Mühe hatte, ist längst vergessen – nicht zuletzt aufgrund der häufigen Ausrichtung zu Werbe- und Propagandazwecken. Schließlich: Die Geschichte des DDR-Comics ist eine Geschichte der Instrumentalisierung. Allerdings hatten die SED-Oberen Schwierigkeiten, ein dermaßen ideologisch belastetes Medium durchzusetzen. Statt zu den stark politisierten "neuen Bilderheften für Jungen und Mädchen" griffen die Kinder – und zunehmend auch Erwachsene – nämlich viel lieber zu den 'unpolitischen' Mosaik-Abenteuern der "Digedags" (1955-1975) und "Abrafaxe" (seit 1976).

Im Folgenden möchte ich an den bereits in den 60er Jahren Kult gewordenen Serien der ersten Mosaik-Reihe diese These diskutieren: Vor dem Hintergrund der dominierenden Meinung in der DDR – "Rasse" sei ein für sie irrelevantes Konzept – werden in den weltumspannenden Abenteuern der Comic-Helden die Begriffe der sozialistischen Verbundenheit – internationale Völkerfreundschaft und Solidarität – mit 'multikulturellen' Szenarien gefüllt, deren Images sich jedoch in rassistischen Zuschreibungen und anderen Stereotypen verlieren. Diese These geht von der Frage aus, inwieweit die viel beschworene gesellschaftliche Ventilwirkung der (DDR-)Comics weniger einen oppositionellen Charakter trägt, als vielmehr in den Angeboten der Abgrenzung und damit in denen der Selbstkonstituierung liegt.



 

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