Dossierbild Afrikanische Diaspora
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Irgendwo ist immer Afrika ...

"Blackface" in DEFA-Filmen


30.7.2004
Afrika wurde in den 70er Jahren durch die DDR-Medien zum Kampfplatz des proletarischen Internationalismus stilisiert. Vor allem mit Hilfe von Kinofilmen wie "Die Geschichte des kleinen Muck" sollten Verbündete gegen das westliche Weltsystem gefunden werden.

DEFA-Film "Blauvogel" 1979, Berlin/Babebelsberg.DEFA-Film "Blauvogel" 1979, Berlin/Babebelsberg. (© Bundesarchiv Film, Foto: Dietram Kleist)

Ausgangspunkt meiner Arbeit waren Überlegungen zu den Symbolen und Symbolisierungen des 'Anderen'/'Fremden' in der visuellen Kunst der DDR. Dies schließt auch Literatur bzw. deren Verbildlichung – u.a. Comics – mit ein. Meine These ist dabei auch, dass diese eine Art Leerstelle eines eher imaginierten Gegenüber in der DDR-Kunst bildeten.

Vor allem in den (orientalischen) Märchen- und so genannten Indianerfilmen der DEFA finden sich diese häufig als Verdichtungen und Doppelcodierungen: Das will heißen, Stichwörter wie die Bedeutung von Afrika bzw. die Symbolik eines dem untergelagerten Afrikabildes und die Verwendung von Blackface bzw. ethnischen Stereotypisierungen finden sich in diesen Filmen oft in Oppositionen zueinander.

Anhand der DEFA-Märchen- und Indianerfilmtradition möchte ich dies im Folgenden darstellen. Ausschnitte aus "Die Geschichte des kleinen Muck" (1953) und dem ersten DEFA-Indianerfilm "Die Söhne der großen Bärin" (1966), außerdem "Die Geschichte des armen Hassan" (1958) und einem eher abseitigen so genannten Indianerfilm – "Blauvogel" (1979) – können als Beispiele für die Argumentation herangezogen werden.

Zu Beginn soll jedoch noch einmal auf den hier angekündigten Titel zurückgegriffen werden, beinhaltet er doch zwei Thesen meiner Arbeit.

Irgendwo ist immer Afrika ...

In der DEFA-Filmgeschichte findet sich eine Reihe von Filmen mit deutlichem Afrika-Bezug. Neben einem ausgebreiteten Dokumentarfilmrepertoire über die angehenden bzw. jungen/neuen Nationalstaaten und deren Einbindung in die sozialistische Staatengemeinschaft – und hier vor allem die Gestaltung der vor uns, d.h. der DDR liegenden Aufgaben als Helfer und Lenker – griffen auch Spielfilme ein Themenspektrum auf, das vom Sklavenhandel beginnend in Afrika und den Bedingungen dieser 'Fremden' im neuen Amerika über die Organisierung und Durchführung von Aufständen und strukturellem Widerstand in den Sklaverei-Hochburgen reichte und schließlich in komplexen Erörterungen von sinnvoller 'Entwicklungshilfe' sozialistischer Prägung in den jungen Nationalstaaten mündete.

Hierzu zählen Filme wie "Hatifa" (1960; führt Menschenhandel und Sklaverei eines jungen Mädchens vor), "Hamida" (1966; beschreibt das Leben eines Hütejungen in Nordafrika während der französischen Kolonialherrschaft), "Das Licht auf dem Galgen" (1976; favorisiert europäische Hilfe bei der Organisierung eines Sklavenaufstandes in Jamaika) bzw. "Rückkehr aus der Wüste" (1989).

Darüber hinaus wurde häufig auf der Assoziationsebene auf allzu bekannte Semantiken der Topoi Schwarz-Wild-Afrika verwiesen und diese auch für nur in Anlehnung an oder bestenfalls als Analogie zu denkende(n) Stoffe(n) verwendet: So z.B. in "Schwarze Panther" (1966), einem seichten, die Geschlechterproblematik aufgreifenden Spielfilm im Zirkusmilieu; in "Die schwarze Mühle" (1975), einer Geschichte aus der Märchenwelt – unter Vorlage einer Erzählung von Jurij Brezan – und schließlich in der Dokumentation "Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann" (1989), in der sich Männer einer Berliner Kohlehandlung zusammen mit ihrer Chefin in ihrem Beruf vorstellen.

Afrika wird in den 70er Jahren in der DDR-Medienlandschaft als Chiffre des Kampfplatzes des proletarischen Internationalismus besetzt, wobei es galt, Verbündete gegen das westliche Weltsystem zu sichern. Ganz in der Tradition von Marx, der die internationale sozialistische Revolution nicht nur von Europa ausgehend, sondern auch unter 'natürlicher' Führung eines aufgeklärten, zivilisierten – sprich europäischen – Proletariats betrachtete, wurde Afrika eher als mystisches, von lernenden Menschen und aufzubauenden Gesellschaften betrachtet.

Dieses globale Dorf Afrika wurde mit seiner dahinter liegenden Semantik noch unterstützt durch die auch noch in den 70er Jahren gängige völkerkundliche Wissenschaftsperspektive: Das Studienbuch "Völker. Rassen. Kulturen" ordnet die Völker dieser Erde verschiedenenen Rassen zu und entwirft vornehmlich an den 'anderen Rassen' entsprechende 'typische' Merkmale wie Körpergewicht und -proportionen. Im Bildertextbuch "Kinder in Afrika" von 1969 wird das Bild eines ganzen Kontinents und seiner Menschen im Vergleich mit dem kleinen europäischen Land der DDR so marginalisiert dargestellt, dass schließlich nur die Tiere in unserem Zoo von jenem ominösen Afrika zeugen, in dem ein einzelner kleiner Junge zum Abschied winkt.



 

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