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Dossierbild Afrikanische Diaspora
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Fantasien in Schwarzweiß – Schwarze Deutsche, deutsches Kino


10.8.2004
Das Kino ist eine Geschichte weißer Fantasien: Hotel-Boys, Barmänner, Butler, Musiker, "Wilde", Matrosen, Tänzer, Portiers, Chauffeure – alles Stereotypen, die Schwarze Schauspieler zu erfüllen hatten. Es waren Bilder, die von einem weißen Überlegenheitsanspruch sprachen, von Neid oder Verachtung.

Rassismus, Kolonialismus und die Macht der Bilder



Die Erfahrung der Sichtbarkeit, die Welt der Blicke und des von anderen Angesehenwerdens ist eines der zentralen Felder, auf denen Rassismus im Alltag gelebt und erlebt wird. Denn nur selten war das Recht zu schauen auf alle Mitglieder einer Gesellschaft gleich verteilt, sondern blieb meist Ausdruck von weißen und männlichen Privilegien: Während die einen schauten und dabei selbst unsichtbar blieben, wurden andere als Objekte des Blicks fixiert.

Die Blickverhältnisse und die Bilder, die eine Gesellschaft produziert, sind nicht neutral und unschuldig, sondern von Machtstrukturen durchzogen. Stereotypen nehmen meist die Form von Bildern an und über Bilder werden rassistische Vorurteile "spontan" und unmittelbar reproduziert und "verstanden".

Stummfilm "Die Jagd nach dem Tode" 1920.Stummfilm "Die Jagd nach dem Tode" 1920. (© Stiftung Deutsche Kinemathek, Berlin)
Die Bedeutung des Visuellen hat in der Geschichte des Rassismus eine lange Tradition. Bereits die europäische Antike besaß einen Farbsymbolismus, der "schwarz" negativ besetzte, doch erst als die Anatomen des 18. Jahrhunderts begannen, Menschen afrikanischer Herkunft nach deren verschiedenen körperlichen Merkmalen wie Schädel oder Gesichtsprofil zu vermessen, wurden ästhetische Kriterien zur Legitimation der Idee "höherer" oder "niederer Rassen" eingesetzt.

Die Markierung und Repräsentation visueller Differenz wurde mit dem "wissenschaftlich" argumentierenden Rassismus und der Ethnologie des 19. Jahrhunderts schließlich systematisiert. Neue Reproduktionsmedien wie Fotografie, illustrierter Buchdruck, Panoramen und Dioramen, aber auch die Zurschaustellung der Kolonisierten in "Völkerschauen" lösten einen "Taumel der Sichtbarkeit" aus, der die Wahrnehmung des Restes der Welt durch den Westen nachhaltig prägte: "Durch Reisen, Entdeckungen und Kolonisation wurde die ganze Welt in dem Maße sichtbar, wie sie sich auch tatsächlich aneignen ließ." (Jean-Louis Comolli) Von daher ist es mehr als ein reiner Zufall, dass die Erfindung des Kinos und die Blütezeit des modernen europäischen Kolonialismus historisch in dieselbe Epoche fallen.

Eine "unerhörte Echtheit": Schwarze Migranten im Kino der Weimarer Republik



Aus der deutschen Kolonialzeit (1884-1918) sind zwar viele Fotografien, aber nur sehr wenige Filmaufnahmen überliefert, da sich die Filmindustrie in Deutschland kommerziell erst während der Isolation des Ersten Weltkrieges entwickelte. Umgekehrt fanden viele der meist männlichen afrikanischen Kolonialmigranten aufgrund ökonomischer und politischer Ausschlussmechanismen nach 1918 ihr Auskommen in Berufen, in denen sie als "Repräsentanten ethno-kultureller Differenz" (Pascal Grosse) deutlich zur Schau gestellt wurden: als Artisten, Kellner, Tänzer oder Musiker. Eine ganz besondere Bedeutung besaß dabei jedoch die Filmproduktion, die in den unmittelbaren Nachkriegsjahren eine Unzahl von vor heimischen Kulissen inszenierten Abenteuerfilmen auf den Markt brachte, unter deren "exotischer" Oberfläche eine nur schwer zu übersehende koloniale Nostalgie deutlich wurde.

Sklavenrad in "Die Herrin der Welt" 1919/20, Regie: Joe May.Sklavenrad in "Die Herrin der Welt" 1919/20, Regie: Joe May. (© Stiftung Deutsche Kinemathek, Berlin)
So offensichtlich und naiv der Eskapismus dieser Filme, so beschränkt und undifferenziert blieben die anonymen Rollen, die sie für Schwarze Darsteller vorsahen: dämonische "Mohren", "fanatisierte Eingeborene", "treue Diener", Pagen und Portiers, manchmal "Inder" oder "Malayen", später gelegentlich auch amerikanisierte Musiker oder Boxer – das waren die sich aus dem Bildarchiv des Rassismus speisenden Rollen, die Schwarze Deutsche in Filmen wie "Die Herrin der Welt", "Das indische Grabmal", "Eine Weiße unter Kannibalen" oder "Die Austernprinzessin" zu spielen hatten. Wie die aus "völkerkundlichen" Museen entliehenen Kulissen diente ihre Anwesenheit zu wenig mehr, als die "unerhörte Echtheit" des Dargestellten zu verbürgen.

Da Schwarze Komparsen jedoch vergleichsweise rar waren, stellte die Tätigkeit im Kino für die meisten kolonialen Migranten oftmals nicht nur eine finanziell einträgliche Einkommensquelle dar, sondern, so eine Reihe von neiderfüllten Berichten aus der Berliner Filmpresse über die "tätliche Meckerei" und den Eigensinn Schwarzer Darsteller, war auch mit Möglichkeiten zur dandyhaften Selbstinszenierung, der Verweigerung und dem Gefühl subjektiver Aufwertung verbunden.



 

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