Dossierbild Afrikanische Diaspora

30.7.2004 | Von:
Katharina Oguntoye

Afrikanische Zuwanderung nach Deutschland zwischen 1884 und 1945

Weimarer Republik – Hoffnung auf Demokratie und Gerechtigkeit

Porträt der Familie von Mandenga Diek, ca. 1920 (mit Frau Emilie Diek, geb. Wiedelinski, und den Töchtern Erika und Doris).Porträt der Familie von Mandenga Diek, ca. 1920 (mit Frau Emilie Diek, geb. Wiedelinski, und den Töchtern Erika und Doris). (© Privatbesitz Herbert Reiprich/Oguntoye)
Deutschland hatte den Ersten Weltkrieg verloren und daraus resultierend waren die deutschen Kolonien in Afrika unter das Mandat der britischen und französischen Regierungen gelangt. Die Lage der Afrikaner in Deutschland und ihrer Familien veränderte sich hierdurch in mancherlei Hinsicht. Hatten die Afrikaner zum Beispiel einen deutschen Ausweis besessen, der sie als Angehörige einer deutschen Kolonie bezeichnete, wurde ihnen nun ein Status zugewiesen, der sie als "Angehörige der ehemaligen Schutzgebiete" auswies. Nach dem Versailler Vertrag sollten die Afrikaner aus den vormals deutschen Kolonien, die sich außerhalb dieser Kolonien aufhielten, nun automatisch zu Bürgern der jeweiligen Mandatsländer werden. Für die meisten Afrikaner in Deutschland war dies jedoch keine Option, da sie zum Teil bereits über mehrere Jahrzehnte in Deutschland lebten. Hier hatten sie ihren Lebensmittelpunkt – sie arbeiteten in Deutschland, waren Familienväter geworden und sprachen häufig auch keine andere europäische Sprache außer Deutsch.

Schon in den letzten Jahren der deutschen Kolonialherrschaft hatten die Afrikaner, deren Verbindungen zu ihren Heimatländern oft noch bestanden, auf die Kolonialverwaltung einzuwirken versucht, um die Härten für die Menschen vor Ort zu mildern. In zahlreichen Petitionen und Eingaben (vor allem für Togo bei P. Sebald und Kamerun bei A. Rüger gut dokumentiert) wendeten sie sich an den deutschen Reichstag und versuchten mit Hilfe deutscher Unterstützer die deutsche Öffentlichkeit über die Zustände in den Kolonien zu informieren. Zu den zahlreichen politischen Aktivitäten der Afrikaner gehörte die Gründung einer zweisprachigen Zeitschrift, die in Deutsch und Duala erscheinen sollte und den Titel 'Elolombe ya Kamerun' (Sonne von Kamerun) trug.

Eine Gruppe politisch links orientierter Afrikaner rief den deutschen Zweig einer Menschenrechtsorganisation ins Leben, deren Hauptsitz sich in Paris befand: "Die deutsche Sektion der Liga zur Verteidigung der Negerrasse". Die wirtschaftliche Depression der Zwanzigerjahre traf viele der Afrikaner in Deutschland hart. Es war schwer Arbeit zu finden und die von Arbeitslosigkeit Betroffenen hatten keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld, da dieser an die deutsche Staatsangehörigkeit gebunden war. Einige Afrikaner wurden durch einen kleinen Etat aus Haushaltsmitteln des Auswärtigen Amtes unterstützt, der von der Gesellschaft für Eingeborenenkunde, einem deutschen Kolonialverein verwaltet wurde. Die monatliche Zuteilung der Gelder war an Wohlverhalten geknüpft und konnte ohne Begründung gewährt oder verweigert werden.

Die Besatzungszeit nach dem Ersten Weltkrieg wurde begleitet von einer breiten Schmähkampagne gegen französische Besatzungstruppen, die aus Nordafrika stammten. Diese Kampagne hatte Folgen für die Afrikaner, so finden sich gehäuft Beschwerden von langjährig in Deutschland ansässigen Afrikanern, deren Bewegungsfreiheit durch Anfeindungen aufgrund der Schmachkampagnen eingeschränkt war. Vor allem der Aufenthalt im Rheinland war nun problematisch. Doch so schwer diese Zeiten gewesen waren, die schlimmste Periode sollte noch kommen.

Leben unter dem NS-Terrorregime

In der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur wurden die Lebensumstände für die Afrikaner, die Afro-Deutschen und deren Ehefrauen und Mütter stetig schwerer. Nun verloren auch die Afrikaner, die eingebürgerte Deutsche waren, ihre Pässe. Sie wurden zumeist durch staatenlose Ausweise ersetzt. Reisen ins Ausland waren erheblich erschwert und für die in Musik, Varieté, Zirkus oder Film beschäftigten Schwarzen Deutschen verkomplizierten sich die Arbeitsbedingungen. Später kam für sie eine wöchentliche Meldepflicht bei der Polizei hinzu.

In Deutschland selbst wurde es immer schwieriger eine Anstellung zu finden, denn aufgrund der rassistischen Propaganda wurde es selbst bereitwilligen Arbeitgebern unmöglich, Schwarze Angestellte zu behalten oder neu einzustellen. Die Lebensbedingungen der Afrikaner und Afro-Deutschen waren von Mühsal und kreativen Überlebensstrategien geprägt. Zwischen augenscheinlicher Sichtbarkeit und dem Zwang sich unsichtbar machen zu müssen, war das Leben nun umso mehr ein Balanceakt geworden.

Überraschend waren die Forschungsergebnisse, welche bei meiner Recherche für diese Periode zu Tage traten. Die Politik des NS-Staates und seiner Behörden gegenüber den Afrikanern in Deutschland erscheint beim ersten Ansehen überaus widersprüchlich und irrational. So finden sich 'streng geheime', keinesfalls für die Öffentlichkeit bestimmte Dokumente und Papiere über intern geführte Diskussionen, wie NS-Funktionäre im Auftrag 'ihres Führers' über die Möglichkeiten spekulierten, wie Afrikaner aus den ehemaligen deutschen Kolonien "... in Lohn und Brot zu bringen ..." seien.

Die Argumentation der NS-Bürokratie lief darauf hinaus, dass man doch einige Afrikaner für eine pro-deutsche Kolonial-Propaganda zu gewinnen hoffte; denn die Nazis planten die Errichtung eines "Mittelafrikanischen Kolonialreiches unter deutscher Vorherrschaft". Die gesamte Gesetzgebung für das geplante Apartheidsystem, einschließlich der Gesetze für die Sklavenarbeit der Afrikaner bis hin zu Passentwürfen in diesem deutschen Kolonialreich, lag im Entwurf bereits 1940 vor. Deutschland kam der Realisierung seiner Kolonialträume niemals nahe. Trotzdem wurde dieser Traum kontinuierlich bis 1945 weiter geträumt.

Neben ihrer Ausgrenzung als Schwarze Menschen waren die schlimmsten Verfolgungsformen für Afrikaner und Afro-Deutsche die Zwangssterilisation junger Schwarzer Deutscher und die Verschleppung in Konzentrationslager. Hier dienten oft Ehen oder Partnerschaften zu weißen Deutschen oder ein vermuteter Sabotageakt als Grund. Aber die Afrikaner und Afro-Deutschen erfuhren in dieser Zeit auch Solidarität und Unterstützung von anderen Deutschen. Es war mir wichtig auch dies darzustellen; ein Zeitzeuge sagte: "Was unsere Frauen und Mütter damals geleistet haben, kann sich keiner vorstellen. Wir konnten ja oft nicht mal auf die Straße gehen und dann mussten sie für uns einkaufen und zwar ohne die ausreichenden Lebensmittelmarken zu haben. Ohne sie hätten wir nicht überleben können." Und eine andere Zeugin berichtete von einem deutschen Arbeitgeber, der sie im Betrieb versteckt hielt und alle Kollegen schützten sie vor dem Zugriff der Nazis.

Für die Menschen heute ist es wichtig, ein möglichst vollständiges Bild der Geschichte von Schwarzen Menschen in Deutschland zu haben und nicht auf Vermutungen und falsche Vorstellungen angewiesen zu sein. Das Leben von Menschen afrikanischer Herkunft in Deutschland hat vielerlei Aspekte und wir sollten uns bemühen sie in ihrer Vielfalt und Komplexität zusammenzutragen.


Dossier - Afrika

Afrika

Rund 885 Millionen Menschen leben in 54 afrikanischen Staaten. Auf dem Kontinent gibt es über 3.000 Bevölkerungsgruppen und mehr als 2.000 Sprachen. Das Dossier präsentiert Afrika gestern und heute und beleuchtet die Perspektiven zukünftiger Entwicklungen.

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