Dossierbild Afrikanische Diaspora

30.7.2004 | Von:
Dr. Julia Okpara-Hofmann

Schwarze Häftlinge und Kriegshäftlinge in deutschen Konzentrationslagern

Schwarze Kriegsgefangene

Stalag VII A, Moosburg.Stalag VII A, Moosburg. (© Stadt Moosburg a.d. Isar)
Schwarze bzw. "farbige" Kriegsgefangene waren im Juli 1940 in 20 der 40 Stalags (Stammlager) untergebracht. Diese befanden sich in zwölf Wehrkreisen, namentlich Wehrkreis I-Königsberg, II-Stettin, III-Berlin, IV-Dresden, VII-München, VIII-Breslau, IX-Kassel, XI-Hannover, XIII-Nürnberg, XVII-Wien, XX-Danzig und XXI-Posen. Die größten Stalags im Juli 1940 waren das Stalag IID in Stargard mit ca. 4.600 und das Stalag IIIA in Luckenwalde mit 4.000 "farbigen" Kriegsgefangenen.[12] Der Wehrkreis VI-Münster wurde September 1939 von dem Oberkommando der Wehrmacht übernommen und als Kriegsgefangenenlager eingerichtet. [13] Die Recherche ergab, dass "farbige" Kriegsgefangene in vier Stalags, namentlich Stalag VIA in Hemer, Stalag VIB in Versen, Stalag VIC in Bathorn und Stalag VIK in Senne interniert waren. Zusätzlich ist der Wehrkreis X-Hamburg mit dem Stalag XB in Sandbostel zu nennen.[14]

Gefangene des Stalags III A als Statisten im Film "Germanin" (1943).Gefangene des Stalags III A als Statisten im Film "Germanin" (1943). (© Dauerausstellung Heimatmuseum Luckenwalde)
Die Verteilung der Kriegsgefangenen über das gesamte Deutsche Reich von Hamburg bis Wien und von Bathorn bis Posen zeigt, dass es sich hierbei nicht um einzelne kleine Gruppen in einer bestimmten geographischen Region handelte. Das Kriegsgefangenenlager Stalag IIIA in Luckenwalde wurde als eines der ersten und größten im September 1939 errichtet. Der größte Teil der Kriegsgefangenen in den verschiedenen Stalags kam aus französischen (z.B. Algerien, Senegal, Marokko, Elfenbeinküste und Obervolta), englischen (z.B. Sudan, Guinea) und niederländischen Kolonien sowie aus den USA. Des Weiteren wurden auch Seeleute aus Afrika in Internierungslagern inhaftiert.[15] "Mit Wirkung vom 1. Oktober 1944 unterstellte die Reichskanzlei die Bewachung der Kriegsgefangenenlager dem Reichsführer der SS und Befehlshaber des Ersatzheeres Heinrich Himmler." [16]

"Alltag" im Kriegsgefangenenlager

Die schwarzen Kolonialsoldaten durften aufgrund der vorherrschenden Ideologie nicht zum Arbeitseinsatz verwendet werden. Sehr ausführliche Berichte über die Lage der "farbigen" bzw. schwarzen Kriegsgefangenen gibt es aus dem Stalag IIIA in Luckenwalde und dem Stalag VIA in Hemer.

Stalag III A, Luckenwalde bei Berlin.Stalag III A, Luckenwalde bei Berlin. (© Dauerausstellung Heimatmuseum Luckenwalde)
"Die Anordnung des OKW (Anm. der Autorin: Oberkommando der Wehrmacht) vom Februar 1939, die eine "rassische Trennung" der Kriegsgefangenen festlegte, [...] dürfte in besonderem Maß auch für die farbigen Kolonialsoldaten Frankreichs, Belgien und Großbritanniens gegolten haben [...]. Nach der Gefangennahme hatten sie im besetzten Gebiet oft unter Misshandlungen und mangelhafter Versorgung zu leiden und willkürliche Tötungen zu befürchten. [...]. Im Sommer 1940 entließ man bereits 75.000 Mann aus deutscher Gefangenschaft [...]. Im Herbst 1940 wurde ein Großteil der französischen Kolonialsoldaten nach Frankreich verbracht." [17]

In Luckenwalde verblieben ca. 500. 20 sind dort beerdigt. Diese 500 Soldaten waren für tropenmedizinische Studienzwecke vorgesehen. Ende 1941 wirkten 300 als Statisten in Propagandafilmen der UFA mit. Was danach geschah, ist ungewiss. [18] Das alltägliche Leben wird eindrucksvoll im Film über das Lager Hemer gezeigt. [19] Die schwarzen Kriegsgefangenen führen Tänze auf bzw. durchsuchen den Abfall des Lagers nach Essbarem.

Ausblick

Weitere Recherchen über schwarze Menschen im Nationalsozialismus sind notwendig. Über die Gruppe der schwarzen Zivilarbeiter beispielsweise ist kaum etwas bekannt. Gerhard Höpp schreibt in einer aktuellen Veröffentlichung: "Es gibt Belege dafür, dass sich schon Ende 1942 die Lage der bei I.G. Farben in Auschwitz-Monowitz beschäftigten algerischen und marokkanischen Zivilarbeiter jener der dort inhaftierten KZ-Häftlinge angeglichen hatte. Die Sterblichkeit war hoch." [20]

Fußnoten

12.
Uwe Mai, Uwe: Kriegsgefangen in Brandenburg: Stalag IIIA in Luckenwalde 1939-1945, Berlin 1999, S. 147-156.
13.
Ebd.
14.
Das Kriegsgefangenenlager Sandbostel. Eine Wanderausstellung des Trägervereins Dokumentations- und Gedenkstätte Sandbostel-Begleitbroschüre, Bremervörde 1994.
15.
Ebd.
16.
Ebd.
17.
Siehe U. Mai, ebd.
18.
Ebd.
19.
Film "Kriegsgefangen! Bilder aus dem Lager Hemer", Art. Nr. V045, Landesbildstelle Westfalen.
20.
Gerhard Höpp: "Im Schatten des Mondes: Arabische Opfer des Nationalsozialismus (1)", in: Sozial. Geschichte: Zeitschrift für historische Analyse des 20. und 21. Jh. – Naher Osten, 4 Seiten, Internet-Adresse: http://www.stiftung-sozialgeschichte.de/naherosten/hoepp.htm, 09.11.2003.

Dossier - Afrika

Afrika

Rund 885 Millionen Menschen leben in 54 afrikanischen Staaten. Auf dem Kontinent gibt es über 3.000 Bevölkerungsgruppen und mehr als 2.000 Sprachen. Das Dossier präsentiert Afrika gestern und heute und beleuchtet die Perspektiven zukünftiger Entwicklungen.

Mehr lesen

Um das politische Konzept der Sklaverei und des Kolonialismus moralisch "zu legitimieren", erfand Europa sein eigenes Afrika. Der Kontinent sei das homogene und unterlegene "Andere" und bedürfe daher der "Zivilisierung". In diesem Prozess war Sprache ein wichtiges Kriterium.

Mehr lesen