Dossierbild Afrikanische Diaspora

3.6.2009 | Von:
Grada Kilomba

Das N-Wort

II. Gegenwart vs. Vergangenheit

In dem Moment wo Kathleen als 'N.' bezeichnet wird, platziert man sie plötzlich in dieser kolonialen Ordnung, da der Begriff die Beziehung zwischen Weißen und Schwarzen beschreibt, welcher seine Wurzeln in einer Herr-Knecht-Dichotomie hat. Jene, die 'N.' rufen, wiederholen in diesem Moment eine Sicherstellung ihrer Macht als weiße HerrscherInnen, und sie erinnern Kathleen an den Ort, den sie betreten darf – den Ort der Unterlegenheit, d.h. den Platz des 'N.'.

Kathleen ist schockiert. Dieser gewaltige Schock ist das erste Element von Trauma. Die Erfahrung, als 'N.' beschimpft zu werden, umfasst einen Schock, der plötzlich die Beziehung mit anderen auseinander reißt. Kathleens Verbindung zur Gesellschaft wird also plötzlich zerrissen. Sie wird daran erinnert, dass diese Gesellschaft sich als weiß und deutsch versteht. Und in den Augen des Mädchens wird Kathleen weder als das eine oder das andere, sondern stellvertretend für eine 'Rasse' gesehen, die nicht zum weißen Territorium gehört – sie ist eine 'N.'

Heinrich Hoffmanns Geschichte von den schwarzen Buben aus dem "Struwwelpeter" (1917).Heinrich Hoffmanns Geschichte von den schwarzen Buben aus dem "Struwwelpeter" (1917). (© Public Domain, Heinrich Hoffmann: Der Struwwelpeter)
Diese Beschimpfung ist wie eine mise-en-scéne, wo Weiße zu symbolischen HerrscherInnen und Schwarze durch Demütigung, Verletzung und Ausgrenzung zu figurativen Sklaven degradiert werden. Es gibt eine Schande-Stolz- Dynamik in dieser kolonialen Beziehung: Während die Schwarze Frau erniedrigt und beleidigt wird, hat das weiße Subjekt die Möglichkeit, Ehre und Macht zu entwickeln, was jedoch nur durch die direkte Degradierung der Ersteren ermöglicht wird. Die Zeitlosigkeit dieser Szene ist das vierte Element eines Traumas, da Gegenwart und Vergangenheit sich vermischen. Plötzlich wird die Vergangenheit zur Gegenwart und die Gegenwart wird erlebt, als ob man/frau in der Vergangenheit ist. Auf einmal ist Kathleen wieder eine 'N.', so wie sie es in der Vergangenheit bereits gewesen war. In einem Szenario der Gegenwart wird sie in einer kolonialen Szene positioniert.

Das N-Wort re-aktualisiert also ein koloniales Trauma: die Schwarze Frau bleibt verwundbar; das weiße Mädchen, obwohl noch sehr jung, bleibt die privilegierte Autorität. Die benachteiligte Position der einen sichert die Machtposition der anderen.

III. Neid und Begehren

In Kathleens Geschichte erzählen die Worte des Mädchens allerdings nicht nur vom Prozess der Ausgrenzung, sondern enthüllen auch ihr Begehren, Schwarz zu sein. Sie betrachtet den Schwarzen Körper und gibt zu, einen solchen selbst zu wollen. Dieser Vorgang des Schwarz-Sein-Wollens ist tief in der Phantasie verstrickt, Schwarze hätten etwas, das Weißen entgeht – Authentizität, Exotik und Erotik.

Diese Phantasien sind die Grundlage eines primär unbewussten weißen Neids. Ein Neid, der gleichzeitig begehrt, bestimmte beneidete Attribute des Anderen zu besitzen und andererseits den Anderen zerstören will, weil sie/er etwas besitzt, was einem selbst zu fehlen scheint. Daher wird das Schwarze Subjekt in der weißen Welt zum Objekt der Begierde, das gleichzeitig angegriffen und zerstört werden muss.

Kathleen scheint hier begehrt zu werden – sie ist ein Objekt des Exotismus. Aber ihre Position als Objekt weißer Begierde kann nicht vom Neid getrennt werden. D.h. sie kann jederzeit von einer begehrten Schwarzen Frau zu einer gedemütigten ‘N.´ werden. Von einer exotischen Schönheit zu einer ‘Scheiß Ausländerin´. Aus gut wird böse, aus süß bitter, ganz nach Bedarf.

Daher formuliere ich den oben geschriebenen Satz noch einmal neu: Nicht nur süße und bittere Worte machen es schwer, Rassismus zu identifizieren; sondern das Spiel mit süßen und bitteren Worten ist eine Form, in der Rassismus produziert wird. Die Schwierigkeit, Rassismus zu identifizieren, ist nicht nur funktional für Rassismus, sondern ein Teil des Rassismus selbst.


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