Dossierbild Afrikanische Diaspora

3.6.2009 | Von:
Grada Kilomba

Das N-Wort

IV. Der unbeschreibliche Schmerz des Rassismus

"Static drift", Photo work 2001, piece 2."Static drift", Photo work 2001, piece 2. (© Ingrid Mwangi, Robert Hutter)
"Und dann... dann... ich erinnere mich, dass ich es das erste Mal fühlte... diese Art von physischem Schmerz, weil jemand etwas rassistisches tat oder sagte. Es gibt diesen... Schmerz in den Fingern, es gibt etwas... Ich hatte das noch nie in meinem Körper gefühlt."

Es war genau das mündliche Äußern des N-Wortes und die gesamte Bedeutung dahinter, die Kathleen schockierte und alarmierte. Ich spreche von Alarm, weil das N-Wort so effizient und so gewalttätig den Terror der rassistischen Unterdrückung beschreibt und die Erinnerung an Schmerzen hervorruft – und damit das dritte Element von Trauma beschreibt. D.h. die Idee einer unbeschreiblichen Wunde, die psychologische Narben in Form von Ängsten, Alarmsignalen, Alpträumen und Flashbacks oder zusätzliche körperlich Auswirkung hat.

Der Schmerz, der von Kathleen beschrieben wird, enthüllt die innerliche Verwundung durch Rassismus auf der Körperoberfläche. Interessanterweise hat Rassismus die Absicht, das Schwarze Subjekt schlecht zu machen, und tatsächlich: das Schwarze Subjekt fühlt sich schlecht, körperlich schlecht. Dieser Schmerz ist eine Veräußerung der Verwundung durch Rassismus. Das Bedürfnis, die psychische Erfahrung von Rassismus auf den Körper zu transferieren, enthüllt die Idee, das es keine Worte gibt, einen solchen Schmerz zu beschreiben – man/frau ist einfach sprachlos. Die Sprache von Traumata ist also visuell, graphisch und physisch. Sie artikuliert den unmittelbaren Effekt von Schmerz. Der Schwarze Psychoanalytiker Frantz Fanon (1968) z.B. beschreibt seine eigenen Rassismuserfahrungen als eine Amputation, als einen Schnitt oder eine Blutung – um in Bildern die Gewalt, den Verlust und das Trauma von Rassismus zu benennen.

Durch das N-Wort wird Kathleen willkürlich an ihre Verwundbarkeit innerhalb einer weißen Umgebung erinnert, die, wann immer sie will, mit der Wunde der Sklaverei spielt. Weißsein wird somit zu einem Alarmsignal, zu einem Signal der Bedrohung und des Terrors, denn, wie bell hooks schreibt, leben Schwarze Menschen immer "mit der Möglichkeit, durch Weiß-Sein terrorisiert zu werden" (1995: 46).

V. Das Theater des Rassismus

"Die Mutter, zuerst war es ihr sehr unangenehm, und sie versuchte darüber zu sprechen, dass alle Menschen verschieden sind und wie wunderbar das ist... (...) dass alle verschieden seien, dass es Schwarze gebe und auch Juden und dass dies die Welt großartig macht, etwas ähnliches... mein Freund wusste auch nicht, was er tun sollte... und ich weiß nicht, was ich getan habe, um darüber hinwegzukommen oder mich damit auseinanderzusetzen."

Hier beschreibt Kathleen das Szenario, in dem Rassismus aufgeführt wird, und wo jeder eine spezifische Rolle hat: das weiße Kind als "Aggressor", sie, die Schwarze Frau, als Angegriffene, und der weiße Freund und die weiße Mutter als BeobachterIn. Es ist eine typische Dreieckskonstellation von Rassismus. Ich nenne es die Triangulation von Rassismus, wegen seiner drei Rollen und den drei verschiedenen Funktionen, die Rassismus möglich machen: (1) der/die Akteur/in, der/die Rassismus spielt; (2) der/die Akteur/in, der/die Rassismus erlebt und; (3) den dominanten Konsens in der Öffentlichkeit, der diese Ausübung von Rassismus 'stillschweigend' anschaut und ermöglicht. D.h. Dominanz versus Isolation. Ich frage mich, was passiert wäre, wenn in diesem Raum nicht eine, sondern drei oder vier Schwarze Personen anwesend gewesen wären. Ich frage mich, ob das Mädchen genau dasselbe sagen würde. Nicht, weil sie als Weiße ihre Machtposition verlieren würde, sondern weil das dritte Element, der weiße Konsens, nicht mehr präsent wäre. Das bedeutet, dass ihre Worte nicht mehr als akzeptabel und harmlos für ihr neues Publikum wahrgenommen werden.

Natürlich könnte man feststellen, dass das junge weiße Mädchen, ein Kind, weder rassistisch noch brutal ist, da sie ja nur neugierig ist und keine schlechten Absichten hat. Jedoch müssen wir uns fragen: Warum wird die Erfahrung der Schwarzen Frau als irrelevant oder peripher betrachtet und das weiße Mädchen verbleibt im Zentrum des Interesses? Ist das eine Strategie, um die Schwarze Perspektive und Erfahrung als bedeutungslos darzustellen? Oder ist es gar eine Form der Legitimierung von Rassismus? Sollten wir uns nicht fragen, warum es leichter erscheint mit dem abfällig redenden weißen Mädchen zu sympathisieren, als mit der Schwarzen Frau, welche gedemütigt wurde? Wir sollten auch fragen, ob jene, die das kleine Mädchen verteidigen, auf subtile Weise nicht eigentlich sich selbst verteidigen, denn ist nicht das, was die Kinder sagen, Teil der Ansichten ihrer Eltern?

Die InformantInnen oder BeobachterInnen sind damit spezielle BeobachterInnen, da die Mutter versucht ihre eigene Tochter zu erziehen. Das ist eine peinliche Situation für Kathleen, die unter weißen Augen seziert wird. Peinlich deshalb, weil sie zuerst ein Objekt weißer Verachtung und Beschimpfung ist, und dann ein Objekt pädagogischer Belehrung, durch die das kleine Mädchen etwas über die Völker dieser Welt lernen soll. In beiden Rollen dient Kathleen den weißen ZuschauerInnen als Objekt.

Die Verwendung von 'Multi-Kulti' Argumenten, wie "dass alle verschieden seien, dass es Schwarze gäbe und auch Juden, und dass dies die Welt großartig macht" unterstützt die Weltsicht des kleines Mädchens: dass es wohl nett sein muss, eine 'N.' zu sein. Hier werden Differenzen zwischen Menschen in ästhetischen Begriffen erklärt und nicht als ein Prozess der Rassifizierung, in dem Macht, Ausgrenzung, Demütigung und Beschimpfung verwendet werden. Das kleine Mädchen lernt, dass Andere nicht dadurch verschieden werden, dass sie verschieden behandelt werden, sondern weil sie anders aussehen. Dann mag das klingen, als ob das Hauptproblem des Rassismus die Unterschiede zwischen Menschen seien bzw. die Präsenz dieser Unterschiedlichkeit. Tatsächlich ist es umgekehrt: Menschen werden durch Diskriminierungsprozesse und Ungleichbehandlung zu Abweichenden gemacht – deswegen "Don't You Call Me 'N.'!"

(This Is In Remembrance of Our Ancestors)


Dossier - Afrika

Afrika

Rund 885 Millionen Menschen leben in 54 afrikanischen Staaten. Auf dem Kontinent gibt es über 3.000 Bevölkerungsgruppen und mehr als 2.000 Sprachen. Das Dossier präsentiert Afrika gestern und heute und beleuchtet die Perspektiven zukünftiger Entwicklungen.

Mehr lesen

Um das politische Konzept der Sklaverei und des Kolonialismus moralisch "zu legitimieren", erfand Europa sein eigenes Afrika. Der Kontinent sei das homogene und unterlegene "Andere" und bedürfe daher der "Zivilisierung". In diesem Prozess war Sprache ein wichtiges Kriterium.

Mehr lesen