Dossierbild Afrikanische Diaspora
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"Denn ich bin kein Einzelfall, sondern einer von vielen"

Afro-deutsche Rapkünstler in der Hip-Hop-Gründerzeit

10.8.2004
Dieses scheinbare Paradoxon lässt sich erklären: Afro-Deutsche befinden sich in einer besonderen Lage unter den Minderheiten Deutschlands, die aus der Migration hervorgegangen sind. Unter Menschen afrikanischer Herkunft ist bisher der Anteil von Afro-Deutschen mit einem weißen deutschen Elternteil oder der in deutschen Familien aufgewachsenen sehr hoch. Viele Afro-Deutsche wachsen daher mit mindestens einem, wenn nicht gar zwei Füßen in der deutschen Kultur auf, die ihnen in der vollen Bandbreite von ihren deutschen Familienangehörigen vermittelt wird. Der tägliche Kampf gegen verdeckten oder offenen Rassismus in der Schule, auf der Straße, im Job oder auf Ämtern ist zwar der gemeinsame Nenner, durch den alle Schwarzköpfe miteinander verbunden sind. Dennoch sind Afros im Gegensatz zu Migranten mit anderem Hintergrund eine sehr heterogene Minderheit, ohne ein gemeinsames "Herkunftsland", ohne eine andere gemeinsame Sprache als Deutsch. Der Widerspruch zwischen dem von der Gesellschaft aufgezwungenen "Anderssein" von Afros auf der einen und dem kulturellen "Deutschsein" auf der anderen Seite musste irgendwann aufbrechen. So geschah es auch.

Einige vorausschauende Afros gründeten Mitte der Achtzigerjahre die ISD – Initiative Schwarze Deutsche, die erste politische und identitäre afro-deutsche Organisation. Die Aktivisten der ISD waren es auch, die damit begannen, "Deutschsein" politisch zu definieren und als inklusiven Begriff zu verstehen, der alle in Deutschland lebenden Menschen einschließt, egal mit welchem Hintergrund, ob mit oder ohne deutschen Pass. Die Selbstbezeichnungen Afro-Deutsch und Schwarze Deutsche mussten für weiße Deutsche wie eine Provokation erscheinen, denn sie rüttelten an den Grundfesten ihrer Selbstdefinition – "man kann doch nicht schwarz und deutsch sein". Diese Wortschöpfungen haben bis heute daher eine enorme politische Schlagkraft und das Kompositionsprinzip lässt sich, wie es bereits geschieht, beliebig ausdehnen – Deutsch-Türkin, Asiatischer Deutscher, Indianischer Deutscher, Deutsch-Kurdin, die Liste ist endlos. Die ethnische Definition von Deutschsein als "weiß mit Nachnamen Müller oder Schmidt" wird dadurch ausgehöhlt und ad absurdum geführt.

Dieses Prinzip machten wir uns als Advanced Chemistry zu Nutze als wir auf unserer 1992 erschienenen Maxi-Single "Fremd im eigenen Land" den Begriff afro-deutsch in die Welt hinaustrugen. Die Single markierte den Wendepunkt in der Entwicklung von deutschsprachigem Rap und war in zweierlei Hinsicht ein besonderes Ereignis. Zum ersten Mal kam eine deutschsprachige Hip-Hop-Scheibe auf den Markt, die radikal dem Ulk des "Deutschrap" à la "Die Fantastischen Vier" den Rücken kehrte und durch Fluss und lyrische Dichte mit internationalen Produktionen Schritt halten konnte. Außerdem war der Song so etwas wie ein fünfminütiger Gewaltmarsch, der das Gesicht des Rassismus in Deutschland von allen Seiten beleuchtete. Mit seiner Mischung aus politischer Stellungnahme mit unmittelbarem Bezug auf den rassistischen Terror der Zeit und offensiver, wütender persönlicher Erzählung bekam "Fremd im eigenen Land" eine Anziehungskraft auf junge Leute – Migranten und Eingeborene gleichermaßen – wie wir es selbst nicht erwartet hatten.

Doch Fremd im eigenen Land kam nicht aus heiterem Himmel, sondern war das Ergebnis jahrelanger Arbeit – an unseren Rapskills auf hunderten von Hip-Hop-Jams, an unserem politischen Bewusstsein durch meine Vernetzung mit der ISD. Welche Weichen die Achse "ISD – Hip-Hop – 'Fremd im eigenen Land'" für die Zukunft des deutschen Rap und der afro-deutschen Agitation stellen sollte, lässt sich daran erkennen, wenn man sich den Videoclip von "Fremd im eigenen Land" anschaut. Der erste Blick erschließt einem Beobachter die tiefe politische Message, die allein von der Anwesenheit – in dieser Form das erste Mal überhaupt – der migrantischen Jugendlichen ausgeht, die sich in dem Clip selbstbewusst tummeln.

Ein zweiter Blick lässt Gesichter erkennen: D-Flame, Tyron Ricketts, Ebony Prince – Duke T alias Adé konnte leider nicht kommen und Dennis von den "Absoluten Beginnern" war wohl noch zu jung für weite Reisen –, Torch und ich. Jeder dieser MCs nahm später irgendwann auch an einem der jährlichen Bundestreffen der ISD statt, bei denen sich Hunderte von Afro-Deutschen und Afrikanern miteinander austauschten, ihre Geschichte und Gegenwart kennen lernten und Position bezogen. Die Teilnahme am deutschlandweiten Netzwerk politisch aktiver Afro-Deutscher, das die jahrelange ISD-Arbeit erschaffen hatte, schärfte das politische Bewusstsein der ersten Generation afro-deutscher MCs und führte dazu, dass sie bis heute auf die eine oder andere Weise künstlerisch-politische Statements in ihre Musik einbringen.

Natürlich waren nicht alle afro-deutschen MCs in den Neunzigern politisch in ihren Lyrics. MC Aphroe von Raid auf "Stille Post", Tone von "Konkret Finn", der mit seinem Debüt "Ich diss dich" einen raptechnischen Meilenstein setzte, die Songs von MC René, der seinen deutsch-afrikanischen Hintergrund nie hervorkehrte, und das Gesamtwerk von Moses P zeigen, dass ganz im Sinne der Hip-Hop-Kultur "Skills" und "Bragging" sowie "Boasting" auch bei Afros immer an vorderster Stelle standen. Sogar der weitaus größere Teil unserer Songs war nicht explizit politisch. Dennoch: die 93er Maxi-Single "Das Ehrenwort" von "Foreign Accent" und "Schwarze Deutsche Fakten" von Ebony Prince feat. Asiatic Warriors, "Weep Not Child" mit "From Hoyerswerda to Rostock" und "Liberation thru' music & lyrics", "Wie wir" von "Skillz en Masse", das "Brothers Keepers"-Projekt, Tyron Ricketts Kurzfilm "Afro-Deutsch", Afrobs zwei Alben, D-Flames "Daniel X" – sie alle sind in einer direkten Linie mit "Fremd im eigenen Land" verbunden. Denn all diese Werke schreiben – mal mehr, mal weniger – eine musikalische Tradition fort, an deren Entstehung "Fremd im eigenen Land" einen wesentlichen Anteil hatte. Eine Tradition, in der politische Statements mit biografischen Schnipseln versetzt werden. Dadurch machen diese MCs ihre Existenz zu einem politischen Ereignis und sie unterwandern das Monopol der eingeborenen Deutschen, zu bestimmen, was "Deutschsein" heißt. Sie schreiben an einer afro-deutschen Geschichte.

Aber macht es Sinn die afro-deutsche Hip-Hop-Geschichte von der allgemeinen Geschichte der Hip-Hop-Bewegung loszulösen? Schreibt sie sich nicht einfach ein in die größere Geschichte der Hip-Hop-Bewegung in Deutschland? Ist sie nicht einfach – selbst wenn eine solche Einteilung erwünscht ist – Teil der Geschichte der dominanten Rolle von Migrantenkids in der Entstehung von Hip-Hop in Deutschland? Alle "Old School Hip-Hop-Crews", ob Tänzer, Maler oder Bands waren immer multiethnisch, "Foreign Accent" mit drei afro-deutschen MCs war damals wohl eine Ausnahme. Verfälscht eine solche ethnische Kategorisierung nicht den Blick zurück in eine Zeit, in der das kreative Chaos der Hip-Hop-Szene der Tummelplatz all derjenigen war, die sich in der Reibungszone gesellschaftlicher Widersprüche befanden? Die wechselnde Zusammensetzung von Advanced Chemistry ist exemplarisch für die selbstverständliche Transnationalität der Hip-Hop-Szene in Deutschland, wie sie in beinahe allen "Old School-Crews" existierte.

Im Gründungsjahr 1987 waren wir zu fünft: Toni L, Deutsch-Italiener, Gee One, ein Chilene, dessen Eltern vor der Pinochet-Diktatur nach England geflohen und dann nach Deutschland gekommen waren, Torch, haitianisch-deutsch, DJ Mike MD, Schwabe aus Illingen mit französischem Einschlag, und ich, Linguist, ghanaisch-deutsch, sowohl in Ghana als auch in Deutschland aufgewachsen. Später stieß DJ Suicide zu uns, ein in Bulgarien aufgewachsener Ostberliner, der heute in Australien lebt. Während sich der Vollblut-Heidelberger Daniel Beatbone Gerth auf unseren Tourneen am Schlagzeug abmühte, sorgte Boulevard Bou mit seinen türkischen Lines in unserem Song "Operation Art. 3" für Aufregung im Saal. Dies ist die wahre Geschichte von Hip-Hop in Deutschland. Eine Geschichte, in der afro-deutsche MCs stets im Austausch mit der gesamten Hip-Hop-Bewegung standen, auch wenn sie als Gruppe einen großen Anteil an der Entstehung von Rap-Musik in Deutschland hatten. Aber die Gründerzeit der Hip-Hop-Bewegung ist nun Geschichte, und

Hip Hop is dead, long live pop music.

Der Titel des Artikels ist ein Zitat aus Advanced Chemistry (1992): "Fremd im eigenen Land".



 

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