Menschen auf der sog. Windrose, Mosaik im Eingangsbereich des Padrão dos Descobrimentos (Denkmal der Entdeckungen) im Stadtteil Belém in Lissabon.

14.5.2018 | Von:
Elisabeth Gregull

Migration und Diversity

Diversity-Ansätze sehen Vielfalt als Potenzial und Chance. Anders als häufig angenommen ist damit nicht nur ethnisch-kulturelle Vielfalt gemeint. Stattdessen bezieht sich Diversity auch auf Merkmale wie Alter, Geschlecht, Weltanschauung und sexuelle Identität. Ziel ist die gesellschaftliche Teilhabe aller Menschen.

Flüchtlinge auf dem Christopher Street Day 2017 in MünchenFlüchtlinge auf dem Christopher Street Day 2017 in München. Diversity bezieht sich nicht nur auf ethnisch-kulturelle Vielfalt sondern auch auf Alter, Geschlecht, Weltanschauung und sexuelle Identität. (© picture-alliance, ZUMA Press)

Diversity – Bedeutung und Ansätze

Der englische Begriff "Diversity" wird oft mit "Vielfalt" oder "Diversität" übersetzt. "Diversity" umfasst hier sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede von Menschen und verweist zugleich auf den internationalen Rahmen, in dem Diversity-Ansätze entstanden sind und diskutiert werden. Grundsätzlich lassen sich zwei Diversity-Ansätze unterscheiden. Der eine ist aus der Schwarzen Bürgerrechtsbewegung der USA und politischen Kämpfen der Frauen-, Schwulen-, Lesben- und Behindertenbewegung hervorgegangen. Er ist menschenrechtsbasiert, zielt auf Chancengleichheit und den Abbau von Diskriminierung. Diesen Ansatz vertreten in Deutschland seit Mitte der 90er Jahre u.a. Eine Welt der Vielfalt Berlin oder das Centrum für angewandte Politikforschung CAP in München.

Auch als Reaktion auf gesetzliche Diskriminierungsverbote entstand in den USA der unternehmerische Diversity-Ansatz. Das "Diversity Management" sucht die Vielfalt der Mitarbeiter_innen für die eigenen unternehmerischen Ziele zu nutzen. Für diesen Ansatz wirbt in Deutschland seit 2006 die Wirtschaftsinitiative Charta der Vielfalt.

Diversity-Ansätze sehen Vielfalt als Chance und Potenzial, also ressourcen- und nicht problemorientiert.

Diversity und Antidiskriminierung

Wie muss eine inklusive demokratische Gesellschaft aussehen, die allen Menschen Teilhabe ermöglicht – und zwar in allen gesellschaftlichen Bereichen? Wer hat Zugang zu Ressourcen, wer ist wie repräsentiert und wer nicht?

Unabhängig davon, ob sich Vielfalt "rechnet", haben Menschen ein Recht darauf, nicht diskriminiert zu werden. Hierzu trat 2006 das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) in Kraft. Eine Handreichung der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (2015, S.10) zu "Diversity Mainstreaming" in Verwaltungen resümiert: "Diversity [umfasst] die Vielfalt aller Menschen und bezieht sich wesentlich auf die sechs im AGG berücksichtigten Merkmale Alter, Behinderung, ethnische Herkunft, Geschlecht, Religion/Weltanschauung und sexuelle Identität." Weitere, nicht im AGG verankerte Dimensionen sind etwa die soziale Stellung, Berufe, geografische Lage usw.

Diversity ist also nicht gleichbedeutend mit ethnisch-kultureller Vielfalt. Der Begriff umfasst verschiedene Aspekte und betrachtet auch das Zusammenwirken unterschiedlicher Faktoren (Intersektionalität). Denn jedes Individuum hat verschiedene Merkmale – was auch zu anderen Erfahrungen und ggf. zu Mehrfachbenachteiligung führen kann. Zum Beispiel bei der Inklusion von Menschen mit Behinderung: Welche Erfahrungen machen Menschen mit Behinderung, die auch eine Migrationsgeschichte haben? Welchen Zugang haben sie zu Informationen und Hilfen? Wie wirkt sich der Aufenthaltsstatus aus? So schränkt das Asylbewerberleistungsgesetz etwa die medizinische Versorgung für Geflüchtete mit Behinderung sehr ein. Für Kinder kann das lebenslange Folgeschäden haben.

Einwanderungsland Deutschland

Lange Zeit wurde hierzulande Migration vor allem problem- und defizitorientiert diskutiert. Einseitig erging der Appell an die Eingewanderten, sich in die deutsche (Mehrheits-)Gesellschaft zu integrieren. Inzwischen bekennt sich Deutschland dazu, ein Einwanderungsland zu sein. Der demografische Wandel führt dazu, dass sich Mehrheiten in der Bevölkerungszusammensetzung verschieben, besonders in den Städten.

Doch wie z.B. die jüngste Schulbuchstudie Migration und Integration zeigt: Migration wird in Schulbüchern vorrangig als Problem und Vielfalt nicht als Normalität dargestellt. Und das, obwohl inzwischen jede_r dritte Schüler_in unter 15 einen Migrationshintergrund hat und mehr als 80 Prozent von ihnen Deutsche sind, wie Staatsministerin Aydan Özoğuz (2015) bei der Vorstellung der Studie betonte.

Multikulturell – interkulturell - transkulturell

Kulturelle, ethnische, religiöse Vielfalt wird oft mit den Begriffen multikulturell, interkulturell und transkulturell beschrieben. Grob ließe sich unterscheiden: Der Multikulturalismus setzt auf die Koexistenz verschiedener Kulturen. Interkulturelle Ansätze fokussieren den Umgang mit kulturellen Unterschieden und Dialog. Transkulturelle Ansätze sehen Kulturen nicht als statische Gebilde, sondern betonen deren ständige Veränderung und wechselseitige Beeinflussung.

Modelle und Ansätze für "Interkulturelle Öffnung" gibt es inzwischen für viele Bereiche: Altenhilfe, Bildung, Bibliotheken, Personal- und Organisationsentwicklung in Verwaltungen, um nur einige Beispiele zu nennen. Sie sind sinnvoll, um Angebote und Strukturen weiterzuentwickeln. Besonders statische Kulturmodelle laufen aber Gefahr, die Unterscheidung in "wir" und "die Anderen" festzuschreiben, wo es andere gemeinsame Bezugspunkte für Individuen, Gruppen oder die Gesellschaft als Ganzes gibt. Ein gemeinsamer Wohnort oder gemeinsame Interessen und nicht zuletzt gleiche Rechte bieten einen Rahmen jenseits von tatsächlichen oder zugeschriebenen Unterschieden.

Für die Bildung in einer Eiwanderungsgesellschaft hat dies eine besondere Bedeutung. Eine interkulturelle Pädagogik, die sich nur als Mittlerin "zwischen den Kulturen" versteht und keine Antidiskriminierungsperspektive hat, reproduziert bestimmte Wahrnehmungsmuster. Deswegen sieht das Forscherteam Ulrike Hormel und Albert Scherr in Diversity-Konzepten eine Chance zur "Weiterentwicklung interkultureller Pädagogik" – wenn diese kritisch sind "gegenüber ethnisierenden bzw. kulturalisierenden Festschreibungen" (2005, S. 205).

Diversity-Perspektiven und der Abbau von Diskriminierung

Vier Beispiele sollen zeigen, was sich ändert, wenn die Teilhabe aller Menschen und der Abbau von Diskriminierung in den Fokus rücken. Was muss sich in gesellschaftlichen Strukturen ändern? Welche Konzepte werden der komplexen Realität gerecht?

"Kinderwelten" - Frühkindliche Bildung

Pause in der Reinhardswald-Grundschule in Berlin-KreuzbergPause in der Reinhardswald-Grundschule in Berlin-Kreuzberg (© Susanne Tessa Müller)
Pädagog_innen in Berlin-Kreuzberg empfanden wachsendes Unbehagen an "bestimmten Engführungen in der interkulturellen Theorie und Praxis" (Wagner 2014). Auf der Suche nach Alternativen stießen sie auf den Anti-Bias-Ansatz aus Kalifornien. "Bias" heißt so viel wie "Voreingenommenheit, Schieflage". Dabei geht es nicht nur um kulturell-ethnische Differenz, sondern auch um Unterschiede wie Geschlecht, Alter, sexuelle Orientierung, Sprache, soziale Stellung usw. Entscheidend ist, welche Auswirkung die gesellschaftliche Bewertung der Unterschiede auf das Leben kleiner Kinder und ihre Bildungschancen hat.

Seit 2000 hat Kinderwelten das Praxiskonzept "Vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung" für Deutschland adaptiert und weiterentwickelt. Und zwar als "Beitrag zur Bildungsgerechtigkeit: Jedes Kind hat das Recht auf Bildung und jedes Kind hat das Recht auf Schutz vor Diskriminierung." Erzieher_innen setzen sich mit eigenen Vorurteilen und gesellschaftlichen Machtverhältnissen auseinander, reflektieren deren Einfluss auf die Arbeit mit den Kindern. Spiegeln Spielsachen, Bücher und Raumgestaltung die vielfältigen Lebenswelten der Kinder und ihrer Familien? Im Mittelpunkt stehen der Auftrag der Kita als Bildungseinrichtung und die Kinder in ihrer Individualität und Vielfalt.

"Berlin braucht dich!" - Ausbildung im Öffentlichen Dienst

Am Anfang standen das Bekenntnis der Stadt Berlin zu ihrer Vielfalt und das Ziel, mehr Jugendliche mit Migrationshintergrund für eine Ausbildung im Öffentlichen Dienst zu gewinnen. Damit reagierte Berlin braucht dich! auch auf strukturelle Diskriminierung dieser Jugendlichen auf dem Arbeitsmarkt und ist eine "Positive Maßnahme" im Sinne des AGG (Horvat/Papadia 2010).

Was 2006 als Kampagne begann, ist inzwischen ein Konsortium: ein Netzwerk, in dem Schulen, Behörden und Betriebe mit Landesbeteiligung gemeinsam Barrieren für die Jugendlichen abbauen. Das heißt auch, selbstkritisch auf eigene Vorurteile, Strukturen und Verfahren zu blicken. Im Ergebnis konnte der Anteil von Auszubildenden mit Migrationshintergrund deutlich erhöht werden.

"Supervielfalt" in Frankfurt – ein diversityorientiertes Integrationskonzept

Frankfurt am Main gründete bereits 1989 das Amt für multikulturelle Angelegenheiten. Angesichts von 170 Herkunftsländern und knapp 40 Prozent Einwohner_innen mit Migrationshintergrund entwarf die Stadt 2009 ein neues "Integrations- und Diversitätskonzept", das sich ausdrücklich an alle Bürger_innen der Stadt richtet.

Das Modell der "Supervielfalt" geht davon aus, dass Einwanderungsgesellschaften sehr pluralistisch und dynamisch sind. Die Herkunftsländer und -kulturen von Migrant_innen werden immer vielfältiger. Intern differenzieren sie sich immer weiter aus, nach Alter, Berufsbildung, Schicht etc. Migrationswege, etwa bei der Arbeitsmigration, vervielfachen sich, geschlechtsspezifische Faktoren kommen zum Tragen. Zudem begründen der Rechtsstatus und die soziale Lage von Migrant_innen eine große Bandbreite an Lebenslagen, die in integrationspolitischen Konzepten oft nicht mitgedacht wird. Um die "Teilhabe und Partizipation aller in Frankfurt lebenden Menschen" zu verbessern, müssten bisherige integrationspolitische Maßnahmen erweitert und ergänzt werden. Ein Fazit des Konzeptentwurfs: Herkömmliche Sichtweisen bilden die tatsächliche Vielfalt in der Stadt nicht ab. Solang die Statistik "Deutsche" und "Migrant_innen" gegenüberstellt, reproduziert sie ein Bild, in dem Einbürgerungen und die transethnische bzw. transkulturelle Orientierung vor allem junger Generationen fehlen.

"Neue Deutsche Organisationen" - Diverse deutsche Identität(en)

Im Februar 2015 fand unter dem Motto "Deutschland – neu denken" der 1. Bundeskongress der Neuen Deutschen Organisationen (NDO) statt. Die Initiativen der zweiten und dritten Einwanderergeneration wollen zeigen, "dass Deutschsein inzwischen mehr ist als deutsche Vorfahren zu haben." Eingeladen hatten die Neuen deutschen Medienmacher, ein bundesweiter Verein von Medienschaffenden mit unterschiedlichen sprachlichen und kulturellen Kompetenzen und Wurzeln.

Die Journalistin Ferda Ataman (2015) betonte bei der Eröffnung, dass sich die Organisationen "nicht mehr ethnisch" definieren. Viele sind "nach dem Sarrazin-Schock" entstanden, sehen sich als Teil der deutschen Gesellschaft und formulieren ihren "Anspruch auf Mitsprache". Die NDO wollen keine Integrationspolitik, die sich einseitig an Migrant_innen richtet, sondern eine Gesellschaftspolitik für alle Bevölkerungsgruppen – also auch für die Mehrheitsbevölkerung. Dazu gehören auch Maßnahmen gegen Diskriminierung und Rassismus . Es geht also explizit nicht um "interkulturelle Verständigung", sondern um eine rechtebasierte Perspektive darauf, wie Menschen in der Bundesrepublik zusammenleben.

Fazit

Diversity geht über interkulturelle Ansätze hinaus. Diversity wertschätzt Vielfalt, thematisiert aber auch Diskriminierung. Um deren Abbau und mehr Teilhabe zu ermöglichen, braucht es Strategien für unterschiedliche gesellschaftliche Bereiche (Bildung, Arbeit, Gesundheitswesen etc.). Verschiedene Diversity-Dimensionen sind in der Zusammenschau zu berücksichtigen, damit Menschen zu ihrem Recht kommen und die Gesellschaft das Potenzial ihrer Diversität auch nutzen kann. Dieser Prozess ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Wie ist unser Selbstverständnis als Einwanderungsgesellschaft? Aus Diversity-Sicht ist Vielfalt der Normalfall, haben Menschen immer mehrere Merkmale und Bezugsgruppen. Jenseits von "Kultur und Ethnie" signalisieren Begriffe wie "Neue Deutsche", Bindestrich-Deutsche, Schwarze Deutsche, dass Deutschsein und Vielfalt zusammengehören. An die Stelle des "Entweder-Oder" tritt das "Sowohl-als-auch".

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Autor: Elisabeth Gregull für bpb.de
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