Menschen auf der sog. Windrose, Mosaik im Eingangsbereich des Padrão dos Descobrimentos (Denkmal der Entdeckungen) im Stadtteil Belém in Lissabon.

14.5.2018 | Von:
Jan Philipp Sternberg

Auswanderung

Deutschland ist als Migrationsland sowohl von Einwanderung als auch von Auswanderung betroffen. Anders als den Zuzügen nach Deutschland wird den Fortzügen aber kaum Beachtung geschenkt. Dabei gab es in der Geschichte des Landes mehrere große Auswanderungswellen.

Nachgestellte Schlafsäle auf den Auswandererschiffen. Das Deutsche Auswandererhaus ist ein Museum in Bremerhaven, das die Auswanderung vieler Menschen in die USA, nach Australien usw. während verschiedener Epochen dokumentiert.Nachgestellte Schlafsäle auf den Auswandererschiffen. Das Deutsche Auswandererhaus ist ein Museum in Bremerhaven, das die Auswanderung vieler Menschen in die USA, nach Australien usw. während verschiedener Epochen dokumentiert. (© picture-alliance/dpa)

Deutschland war in seiner Geschichte meist Ein- und Auswanderungsland zugleich. Heute gilt dies in besonders starkem Maße, wobei aktuell wegen der stark steigenden Flüchtlingszuwanderung meist nur die Zuzüge öffentlich wahrgenommen werden. Die letzten statistisch genau erfassten Zahlen stammen von 2015. 2.137.000 Menschen kamen in diesem Jahr in die Bundesrepublik, 998.000 verließen sie (Statistisches Bundesamt 2016). Der Wanderungsüberschuss betrug damit 1.139.000 Personen, das war der höchste Wert seit 20 Jahren. Dabei gerät aus dem Blick, dass seit Jahren mehr deutsche Staatsbürger das Land verlassen als zurückkehren. 138.000 Deutsche verließen 2015 das Land, 121.000 zogen zurück. Die heutige Bundesrepublik wird von Wissenschaftlern als "Migrationsland" bezeichnet – als eine Gesellschaft mit einem hohen Anteil an Wanderungen, an Weg- und Zuzüglern gleichermaßen. Ein- und Auswanderung schließen einander keineswegs aus.

Es gibt allerdings Phasen, in denen ein Wanderungsphänomen im Vordergrund steht. Für große Teile des 18. und 19. Jahrhunderts war das die Auswanderung, für große Teile des 20. Jahrhunderts die Einwanderung. "Dabei dominierte von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis in die 1830er Jahre die kontinentale Auswanderung nach Ost- und Südosteuropa, bis zum späten 19. Jahrhundert dann die transatlantische Auswanderung, vornehmlich in die USA." (Bade/Oltmer: Mitteleuropa, S. 146) Die Wanderung "über die trockene Grenze" (Beer/Dahlmann) hatte vor allem Südost- und Osteuropa zum Ziel. Schätzungen sprechen von insgesamt rund 740.000 Menschen, die zwischen den 1680er Jahren und 1800 aus dem deutschsprachigen Raum nach Ost- und Südosteuropa auswanderten. Die süddeutschen Rheinprovinzen aber waren kurze Zeit später die ersten Gegenden, aus denen massenhaft Menschen "über das offene Meer" migrierten. Über den Rhein und die Nordsee waren die britischen Häfen leicht zu erreichen, über die bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts noch der Großteil der deutschen Auswanderer nach Nordamerika fuhr.

Insgesamt wanderten zwischen 1816 und 1914 rund 5,5 Millionen Deutsche in die Vereinigten Staaten aus. In der Zeit vom Ersten Weltkrieg bis heute waren es noch einmal zwei Millionen. Zwischen 1847 und 1914 stellten Deutsche die stärkste Gruppe der Einwanderer in die Vereinigten Staaten. Besonders in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts dominierten als Zielland die USA: 90 Prozent der deutschen Auswanderer nach Übersee gingen in die Vereinigten Staaten, mit großem Abstand folgten Kanada, Brasilien, Argentinien und Australien. Die deutschen Häfen Bremen/Bremerhaven und Hamburg übernahmen Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts ihre führende Rolle für die kontinentale Auswanderung, als sie zu Transithäfen für die millionenfache Auswanderung aus den unter russischer und habsburgischer Herrschaft stehenden Regionen Ostmitteleuropas wurden. Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert kamen fast 90 Prozent der Überseeauswanderer, die in deutschen Häfen ein Schiff bestiegen, aus dem Ausland. Deutsche wanderten in dieser Zeit nach 1893 kaum noch nach Übersee aus.

Nach der Unterbrechung durch den Ersten Weltkrieg kam die Überseewanderung ab 1919/20 nur langsam wieder in Gang, bis sie im Inflationsjahr 1923 mit 115.431 Fortzügen abrupt ein absolutes Maximum im 20. Jahrhundert erreichte, um dann bis zur Weltwirtschaftskrise abzusinken. Insgesamt verließen zwischen 1919 und 1932 noch einmal rund 603.000 Deutsche das Land. Die freiwillige Auswanderung blieb auch nach 1933 gering; doch nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten kam es zu einer Fluchtbewegung, in deren Verlauf eine halbe Million Emigranten, darunter zirka die Hälfte Juden, Deutschland verlassen mussten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte vor allem die Bundesrepublik millionenfache Zuwanderungen: Acht Millionen Flüchtlinge und Vertriebene aus den Gebieten östlich von Oder und Neiße sowie den früheren deutschen Siedlungsgebieten in Ost- und Südosteuropa kamen in die Westzonen bzw. die Bundesrepublik. Weitere 3,6 Millionen Menschen siedelten zwischen 1949 und dem Mauerbau am 13. August 1961 aus der DDR in die Bundesrepublik über. In den 1950er Jahren war Westdeutschland zudem Ziel von Spätaussiedlern und Flüchtlingen aus dem Ostblock und der ersten Arbeitsmigranten aus dem Mittelmeerraum. Ab 1955 wurden Anwerbeverträge mit Italien, Spanien, Portugal, Jugoslawien und der Türkei abgeschlossen. Aber auch in der Nachkriegszeit war Deutschland nicht nur Zuwanderungsland, sondern eben Migrationsland mit starken Bewegungen in beide Richtungen. Per Saldo sind in der Nachkriegszeit zwar weit mehr Menschen in die Westzonen bzw. die Bundesrepublik zu- als abgewandert. Zur gleichen Zeit aber erreicht die Auswanderung einen Höhepunkt im 20. Jahrhundert: 779.700 Deutsche weist die Statistik aus, die zwischen 1949 und 1961 die Bundesrepublik verließen. Von ihnen ging die Hälfte in die USA, ein knappes Drittel nach Kanada, jeweils zehn Prozent nach Australien und in andere Länder. Die jährlichen Abwanderungszahlen waren mit die höchsten im 20. Jahrhundert. Das System der Abwanderung nach Übersee ähnelte der deutschen Arbeitskräfteanwerbung aus Südeuropa: Mit Australien wurde ein Wanderungsabkommen geschlossen, an dem Deutschland als Auswanderungsland beteiligt war. Die USA und Kanada warben offensiv um Facharbeiter aus bestimmten Berufen. Internationale Organisationen und die Zielländer selbst übernahmen Reisekosten.

Das Auswanderer-Denkmal in Bremerhaven auf dem Willy Brand Platz zeigt eine vierköpfige Auswandererfamilie.Das Auswanderer-Denkmal in Bremerhaven auf dem Willy Brand Platz zeigt eine vierköpfige Auswandererfamilie. (© picture-alliance, prisma)
Die größte deutsche Auswanderungsbewegung des 20. Jahrhunderts vollzog sich in der Nachkriegszeit quasi im Schatten der weitaus größeren Zuwanderungen von Flüchtlingen, Vertriebenen und DDR-Übersiedlern. Zudem wurde sie in der Rückschau oft als Folge eben dieser Zwangswanderungen der Kriegs- und Nachkriegszeit wahrgenommen. Denn unter den Auswanderern der Nachkriegszeit aus der Bundesrepublik befanden sich mit einem Drittel im Vergleich zu ihrem Anteil an der Bevölkerung von 19 Prozent überproportional viele Flüchtlinge und Vertriebene. Daraus zu schließen, die Auswanderung dieser Zeit sei ausschließlich eine späte Kriegs- und Vertreibungsfolge, würde allerdings zu kurz greifen, zumal es auch in anderen west- und nordeuropäischen Ländern (Niederlande, Skandinavien, Großbritannien) in den 1950er Jahren beträchtliche Auswanderungen gab. Alexander Freund (2004) betrachtet die Zeit als letzte Phase des industriellen nordatlantischen Migrationssystems, das durch den wirtschaftlichen Aufschwung in Nordwesteuropa Ende der 1950er Jahre zum Erliegen kam. In den 1960er und 1970er Jahren sank die Abwanderung deutscher Staatsbürger aus der Bundesrepublik auf historische Tiefstände von teilweise nur noch 20.000 pro Jahr. Ab den 1990er Jahren aber liegt sie wieder konstant über 100.000 pro Jahr, seit 2004 sogar über 140.000 pro Jahr. Mehr als 60 Prozent der Fortziehenden aber wandern nicht mehr in überseeische Länder, sondern bleiben in den Ländern der Europäischen Union und des Europäischen Wirtschaftsraumes.

Eine Auswanderungspolitik, die die Abwanderung aus Deutschland aktiv fördern würde oder zu steuern versuchte, ist im Gegensatz zur Zuwanderungspolitik für den überwiegenden Teil des 19. und 20. Jahrhunderts nicht feststellbar. Generell steht die politische Beschäftigung mit der Auswanderung in den verschiedenen Staatsformen seit 1848 unter dem "Primat der Furcht" (Sternberg, S. 35). Der Furcht davor, durch eine offene staatliche Beschäftigung mit der Migrationsthematik eine als zu hoch empfundene Auswanderung erst hervorzurufen, die volkswirtschaftlich und bevölkerungspolitisch unerwünschte Folgen nach sich ziehen würde. Befürchtet wurde, dass die Falschen das Land verlassen (also je nach zeitgenössischem Schwerpunkt der Diskussion z.B. die Kinderreichen, die Facharbeitskräfte, die Hochqualifizierten). Diese Dominanz der Furcht ist nicht ausschließlich bei der Diskussion um Auswanderung anzutreffen. Wie aus der Einwanderungsgeschichte der Bundesrepublik besonders in den 1970er bis 1990er Jahren ersichtlich ist, prägt sie ähnlich und mitunter weit stärker auch die Zuwanderungsseite des Migrationsdiskurses. Hier tritt ebenso die Furcht vor den ›Falschen‹ in den Vordergrund, in diesem Falle den ›falschen‹ Einwanderern (den Niedrigqualifizierten, ›Unintegrierbaren‹, aus kulturellen und religiösen Gründen Problematisierten). Als Folge dieser Furcht entstand ein Selbstverständnis von vor allem staatlichem Handeln, das einer Illusion von Steuer- und Verhinderbarkeit der Migration nachhängt, und diese Illusion über alle politischen Zäsuren hinweg verfolgt.

Deutsche Regierungen verzögerten gesetzliche Regelungen der Auswanderung. Auswanderungspolitik wurde größtenteils in der Negation betrieben, durch das Unterlassen staatlichen Handelns. In zwei Fällen, 1897 und 1975, wurde ein seit Jahrzehnten geplantes Auswanderungsgesetz erst dann verabschiedet, als die Abwanderung sich wieder auf historischen Tiefständen befand. Aktuell plädieren die Autoren einer empirischen Studie über die Motive von Abwanderern und Rückkehrern dafür, Auswanderung "gesellschafts- und migrationspolitisch nicht einseitig als 'Verlust' zu verstehen, sondern auch als Chance" (SVR-Forschungsbereich, S. 5). Deshalb solle "Mobilität proaktiv gestaltet werden". In der Befragung von 800 Abwanderern und 900 Rückkehrern stellten die Forscher fest, dass über 70 Prozent der heutigen Abwanderer ins Ausland gehen, um neue Erfahrungen zu machen. Rückkehrer nehmen Einbußen im Einkommen hin, um wieder näher an Familie und Partner zu sein. Viele, die einmal temporär ins Ausland gegangen sind, wanderten indes mit hoher Wahrscheinlichkeit mehrfach (SVR-Forschungsbereich, S. 4).

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Autor: Jan Philipp Sternberg für bpb.de
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