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20.4.2012 | Von:
Vera Hanewinkel

Identifikation und (ethnische) Selbstzuschreibungen

Die Erfahrung zweier unterschiedlicher gesellschaftlicher Bezugshorizonte wirft auch die Frage nach der Definition der eigenen Identität und "ethnisch-kulturellen" Selbstzuschreibungen auf.
"Heute Kinder Deutschlands" steht auf dem Schild, das Schülerinnen vorwiegend türkischer Abstammung aus der Carl-von-Ossietzky Europaschule am Mittwoch (21.03.2012) im Stadtteil Kreuzberg in Berlin halten. Anlässlich des Internationalen Tages gegen Rassismus demonstrierten bei der Aktion «5 vor 12» in Berlin mehrere hundert Menschen gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit.Schülerinnen vorwiegend türkischer Abstammung einer Schule in Berlin-Kreuzberg. (© picture-alliance/dpa)

Sowohl die Ergebnisse der quantitativen TASD-Studie von Sezer/Dağlar (2009) als auch die qualitativen Untersuchungen von Pusch/Aydın (2011), Hanewinkel (2010) und Sievers et al. (2010) verweisen auf individuell sehr unterschiedliche, facettenreiche Identifikationsmuster, die aber den Schluss tendenziell "hybrider" Identitäten nahelegen. So bezeichnen sich befragte Abwanderer etwa als »Deutsch-Türken«, »Deutsche mit türkischen Wurzeln«, »Deutsche mit Türkischkenntnissen« [1], »Türkin mit deutschem Pass« [2] oder – nationalstaatliche Rahmungen hinter sich lassend – auch als »Europäer« [3]. Diese Selbstzuschreibungen sind nicht statisch, sondern wechseln situativ. Den durchaus spielerischen Umgang mit Identität führt eine Befragte Hanewinkels eindrücklich vor:
  • "Wenn ich mich jetzt über irgendwas Türkisches aufrege, bin ich auf einmal die absolut Deutsche, spreche dann auch nur Deutsch und reg mich auf Deutsch auf und genauso in Deutschland […], dann bin ich auf einmal die Türkin: "Also ihr wollt uns gar nicht!" […] ich bin auch wirklich froh drum, dass ich so, wie ich will, und wenn ich will die Fronten wechseln kann. […] Also dieses Hin und Her gefällt mir eigentlich." [4]
Deutlich wird, dass Identität immer wieder aktiv und (z.T. auch zweckrational und gezielt) hergestellt wird. Gemeinsam ist vielen Befragten, dass sie ihr "Deutschsein" erst durch ihren Aufenthalt in der Türkei entdeckt haben. [5]


Dieser Text ist Teil des Kurzdossiers "Die Abwanderung hochqualifizierter türkeistämmiger deutscher Staatsangehöriger in die Türkei".

Fußnoten

1.
Pusch/Aydın (2011).
2.
Hanewinkel (2010).
3.
Sievers et al. (2010).
4.
Interviewausschnitt, Hanewinkel (2010).
5.
Pusch/Aydın (2011), Hanewinkel (2010), Tirier (2010).
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Autor: Vera Hanewinkel für bpb.de
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