Koffer

20.4.2012 | Von:
Vera Hanewinkel

Last but not least: Abwanderung oder Rückkehr?

Handelt es sich bei der Migration hochqualifizierter Türkeistämmiger um eine Abwanderung oder eine "Rückkehr" in die Türkei?

Da die in den unterschiedlichen Studien Befragten der zweiten türkischen Migrantengeneration angehören, d.h. in Deutschland geboren wurden bzw. seit einer Einwanderung im Kindesalter einen großen Teil ihres Lebens dort verbracht haben, kann im engeren Sinne nicht von einer Rückkehr ins Herkunftsland gesprochen werden. Die Migration dieser Gruppe ist also weitgehend dem Kontext der "Abwanderung" hochqualifizierter deutscher Staatsangehöriger zuzurechnen. [1]

Die subjektive Sichtweise der Befragten kann von einer solchen Einordnung jedoch durchaus abweichen. Während die von Pusch/Aydın (2011) Interviewten ihre Migration in die Türkei durchweg als Abwanderung betrachten und erst eine Rückverlegung ihres Lebensmittelpunktes nach Deutschland als Rückkehr verstehen, zeichnet sich bei Hanewinkel (2010) ein anderes Bild ab. Die befragten hochqualifizierten türkeistämmigen Frauen betrachten sich mehrheitlich selbst als ›Rückkehrerinnen‹. Erklärungen für dieses (rhetorische) Selbstverständnis sieht die Autorin zum einen in der Übernahme dieses Begriffs in Anlehnung an den sich selbst so bezeichnenden ›Rückkehrerstammtisch‹ in Istanbul. Zum anderen verdeutlicht er die emotional-heimatliche Verbundenheit mit dem elterlichen Herkunftsland, zu dem der Kontakt durch Urlaube und verwandtschaftliche Beziehungsnetzwerke immer aufrechterhalten worden ist. Die Türkei wird als (zweite?!) Heimat verstanden. [2] Und in die Heimat wandert man nicht aus. Man kehrt in sie zurück.

Dieser Text ist Teil des Kurzdossiers "Die Abwanderung hochqualifizierter türkeistämmiger deutscher Staatsangehöriger in die Türkei".

Fußnoten

1.
2005 wurde die höchste Zahl deutscher Abwanderer seit 1954 registriert. Erstmals seit den 1960er Jahren verließen mehr deutsche Staatsangehörige das Land, als im selben Zeitraum Menschen aus dem Ausland zuwanderten. Im Jahr 2008 lag der Netto-Wanderungsverlust auch unter Berücksichtigung des Spätaussiedlerzuzugs bei 66.428 Personen mit deutschem Pass (Ette/Sauer 2010 b, S. 11; BAMF 2010, S. 170).
2.
Auch Sievers et al. (2010, S. 100) bemerken eine plurilokale Verortung der von ihnen befragten »Transmigranten«. Ihre Untersuchungsteilnehmer sprechen ebenfalls davon, in die Türkei »zurückzukehren«. Zum Konzept und zur Konstruktion von ›Heimat‹ durch die erste bis dritte Generation Türkeistämmiger in Deutschland siehe auch Bozkurt (2009).
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Autor: Vera Hanewinkel für bpb.de
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