Koffer

19.2.2013 | Von:
Feline Engling Cardoso

Griechenland

Die Zuwanderung nach Griechenland hält trotz der Wirtschaftskrise weiterhin an, hat aber im Vergleich zu den Vorjahren abgenommen (Malkoutzis 2011, S. 1). Die Wanderungsbilanz ist derzeit jedoch insgesamt negativ, d.h. die Zahl der Auswanderer übersteigt diejenige der Zuwanderer.

Demonstration gegen Rassismus und Faschismus in Athen im November 2012.Demonstration gegen Rassismus und Faschismus in Athen im November 2012. (© picture-alliance/dpa)

Zu- und Abwanderung in Zahlen

2011 wanderten nach Angaben des griechischen Statistikinstituts ELSTAT 110.823 Personen (60.453 griechischer Nationalität, 31.229 Drittstaatsangehörige und 19.141 EU-Bürger) zu. Damit nahm die Zuwanderung im Vergleich zum Vorjahr um 7% (-8.247 Personen) ab. Im selben Zeitraum verließen 125.984 Personen Griechenland (62.961 griechischer Nationalität, 37.083 Drittstaatsangehörige und 25.940 EU-Bürger), 5% (+5.999 Personen) mehr als 2010. Der Wanderungssaldo war mit -15.161 negativ (2010: -915) (EL.STAT 2013; EL.STAT 2012c). Am 1. Januar 2012 lebten laut Schätzungen von ELSTAT 975.374 ausländische Staatsangehörige in Griechenland, die Mehrzahl sind Drittstaatsangehörige (824.220) (EL.STAT 2013). [1] Fast die Hälfte der Zuwanderer verfügt nicht über einen legalen Aufenthaltsstatus (Kasimis 2012).

 
Griechenland: Zu- und Abwanderung im Jahr 2011 (nach Staatsangehörigkeit)
 
ZuwandererAbwandererSaldo
Gesamt110.823125.984-15.161
Griechische Staatsangehörige60.45362.961-2.508
Angehörige anderer EU-Staaten19.14125.940-6.799
Drittstaatsangehörige31.22937.083-5.854
Quelle: El.STAT

 
Gesamtbevölkerung Griechenlands 2011 (nach Staatsangehörigkeit)
 
Griechische Staatsangehörige10.314.693
Angehörige anderer EU-Staaten151.154
Drittstaatsangehörige824.220
Gesamtbevölkerung11.290.067
Quelle: El.STAT

Irreguläre Zuwanderung

Die Zahl der Aufenthaltsgenehmigungen ist seit Krisenbeginn zurückgegangen. Während 2009 insgesamt 602.797 Aufenthaltsgenehmigungen ausgestellt wurden, waren es 2010 noch 553.916 und 2011 nur noch 447.658. Diese rückläufige Tendenz deutet jedoch weniger auf eine rückläufige Zuwanderung, als vielmehr auf einen Trend zur De-Legalisierung hin. Griechenland ist besonders schwer von der Finanz- und Schuldenkrise betroffen, deren Auswirkungen sich seit Ende 2008 bemerkbar machen. Vor diesem Hintergrund werden weniger legale Aufenthaltsgenehmigungen ausgestellt. Migranten können daher oft nur auf irreguläre Zuwanderungskanäle oder einen nicht autorisierten Aufenthalt zurückgreifen. Laut griechischer Arbeitskräfteerhebung kamen im vierten Trimester 2011 fast 60% der Einwanderer (reguläre und irreguläre) aus Albanien (449.706), 6% (47.348) aus Bulgarien und 5% (40.620) aus Rumänien (Triandafyllidou 2012a, S. 5-13). Griechenland ist inzwischen zum Transitland für viele Migranten aus Afrika, Asien und dem Mittleren Osten geworden (Sotiropoulos 2012; Kasimis 2012, S.3). Die europäische Grenzschutzagentur FRONTEX gibt an, dass 64% aller irregulären Migranten in der EU im ersten Quartal 2012 mit Hilfe eines illegalen Grenzübertritts nach Griechenland in die Union gelangt sind (RIN 2012).

Die irreguläre Zuwanderung hat sich infolge des Arabischen Frühlings noch verstärkt (European Commission 2012, S.8; Triandafyllidou/Ambrosini 2011). Maßnahmen wie die "Operation Xenios Zeus" ebenso wie die Errichtung einer 12,5 km langen Mauer an der griechisch-türkischen Grenze sollen irregulärer Einwanderung entgegenwirken (Ekathimerini 2012a). Unter dem Namen "Operation Xenios Zeus" ließ Griechenlands Bürgerschutzminister Nikos Dendias seit Anfang August 2012 Razzien gegen unerwünschte Ausländer im Großraum Athen und in der Evros-Region an der türkischen Grenze durchführen. Die riesige "Säuberungsaktion" gegen Flüchtlinge hat zu Verhaftungen von tausenden unerwünschten Ausländern und Massendeportation von Migranten und Asylsuchenden in ihre Herkunftsländer geführt. Das dabei oft gewaltbereite Vorgehen der griechischen Polizei und die menschenverachtenden Bedingungen in den Auffanglagern wurden von vielen Menschenrechtsorganisationen scharf kritisiert (Pro Asyl 2012).

Abwanderung griechischer Staatsangehöriger

Angesichts der prekären Wirtschafts- und Arbeitsmarktlage stieg die nationale Arbeitslosenquote im zweiten Quartal 2012 auf 23,6% an, in der Altersgruppe der unter 25-jährigen lag sie bei 53,9% (EL.STAT 2012a; EL.STAT 2012b, S.3). Eine der Reaktionen auf diese Situation ist die Entscheidung zur Abwanderung aus Griechenland, die sich wegen fehlender Daten aber kaum zureichend dokumentieren lässt. Traditionelle Auswanderungsziele haben einen moderaten Zuwachs an griechischen Staatsangehörigen registriert. Laut Angaben der griechischen Migrationsexpertin Anna Triandafyllidou wuchs die griechische Bevölkerung in den Niederlanden von 2011 (8.584) auf 2012 um 20% auf 10.100 Personen. In Großbritannien stieg die Anzahl der dort lebenden griechischen Staatsangehörigen in diesem Zeitraum ebenfalls um 20% (Triandafyllidou 2012a, S. 23f.). Zogen im ersten Halbjahr 2011 8.890 Griechen nach Deutschland, so waren es im ersten Halbjahr 2012 fast doppelt soviele (16.571) (Triandafyllidou 2012b). [2] Zeitungsberichte deuten auf Abwanderungsbewegungen nach Australien (2.500 in 2011), Kanada und in die USA hin (The Guardian 2011). Die griechischen Abwanderer sind überwiegend jung, hoch qualifiziert und fremdsprachenversiert (Daily Kos 2011; GR Reporter 2012; New York Times 2012). Trotz des Anstiegs der Abwanderungszahlen, hält Professorin Triandafyllidou die Medienberichterstattung über dieses Phänomen für übertrieben, da die allermeisten Landesbewohner trotz der Wirtschaftskrise im Land verblieben (Triandafyllidou 2012/Emailkorrespondenz; Daily Kos 2011; Ekathimerini 2012; GR Reporter 2012). Von den in Griechenland lebenden Ausländern zieht es vorwiegend Albaner zurück in ihre Heimat (Triandafyllidou 2012a, S. 2; Kasimis 2012, S. 7).

Wachsende Ausländerfeindlichkeit

Der politische und öffentliche Diskurs ist von zunehmender Intoleranz gegenüber Migranten geprägt, die Ausländerfeindlichkeit nimmt erschreckende Ausmaße an (Triandafyllidou 2012a, S.28f.). Laut UNHCR Griechenland sind rassistisch motovierte Gewalttaten inzwischen nahezu an der Tagesordnung. Im Laufe des Jahres 2012 sind diese immens angestiegen (UNHCR 2012). Das UNHCR berichtet von 87 Fällen rassistischer Gewalt allein zwischen Januar und September 2012 (Netzwerk Migration in Europa 2012). Laut dem 2011 ins Leben gerufenen Racist Violence Recording Network dürfte die Dunkelziffer deutlich höher liegen (UNHCR 2012).

Fußnoten

1.
Die Migrationsexpertin Anna Triandafyllidou geht in ihren Schätzungen von etwa 840.000 (1.12.2011) in Griechenland lebenden Drittstaatsangehörigen aus, basierend auf 447.658 regulären Aufenthaltsgenehmigungen und 391.000 irregulären Migranten, Co-Ethnizitäten (Pontische Griechen und griechische Albaner) ausgeschlossen (Triandafyllidou 2012a, S. 7f.).
2.
Laut Angaben des Statistischen Bundesamtes der BRD stieg die Zahl der zuwandernden griechischen Staatsangehörigen im ersten Halbjahr 2012 um 78% (+6.900 Personen) gegenüber dem Vorjahreshalbjahr (Destatis 2012).
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Autor: Feline Engling Cardoso für bpb.de
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