Koffer

25.4.2013 | Von:
Ludger Pries

Was sind Migranten(selbst)organisationen?

Migrantenorganisationen werden in der öffentlichen Diskussion häufig als relativ homogen wahrgenommen und behandelt, etwa wenn von "den islamischen Verbänden" die Rede ist. Tatsächlich variieren diese Organisationen aber mitunter sehr stark nach ihren vorherrschenden Zielen und Ausrichtungen als religiöse, unternehmerische, politische, kulturelle, Selbsthilfe-, Wohltätigkeits- oder Freizeit-Verbände.

Niederlassung des Türkischen Bundes in Berlin-BrandenburgNiederlassung des Türkischen Bundes in Berlin-Brandenburg (© picture-alliance/dpa)

Definition

Es gibt keine allgemeingültige Definition dessen, was unter Migrantenorganisationen bzw. Migrantenselbstorganisationen (MSOs) verstanden wird. Hier werden MSOs daher allgemein als Verbände verstanden, (1) deren Ziele und Zwecke sich wesentlich aus der Situation und den Interessen von Menschen mit Migrationsgeschichte ergeben und (2) deren Mitglieder zu einem Großteil Personen mit Migrationshintergrund sind und (3) in deren internen Strukturen und Prozessen Personen mit Migrationshintergrund eine beachtliche Rolle spielen.[1] Hinsichtlich ihrer Ziele und Zwecke können MSOs also auf den Prozess der Migration selbst wie auch auf die Fragen der hiermit zusammenhängenden gesellschaftlichen Teilhabe in den Herkunfts- und in den Ankunftsregionen der Migrierenden (sowie ihrer Vorfahren und Nachkommen) bezogen sein.

Somit sind Unterstützungs- und Beratungseinrichtungen, die sich etwa in der sozialen Arbeit (z.B. Wohlfahrtsverbände) mit migrationsrelevanten Themen befassen, ebenso wenig hierunter gefasst wie örtliche Mietervereine, deren Mitglieder zwar mehrheitlich aus Menschen mit Migrationshintergrund bestehen mögen, die sich selbst aber nicht als migrationsspezifische Verbände verstehen (zu Abgrenzungsproblemen von Migrantenorganisationen vgl. auch Waldrauch/Sohler 2004, S. 40ff).

Große Heterogenität

Migrantenorganisationen werden in der öffentlichen Diskussion häufig als relativ homogen oder gar monolithisch wahrgenommen und behandelt, etwa wenn von "den islamischen Verbänden", "den italienischen Vereinen" oder "den Moscheegemeinden" die Rede ist. Tatsächlich variieren diese Organisationen aber mitunter sehr stark nach ihren vorherrschenden (expliziten oder eher impliziten) Zielen und Ausrichtungen als religiöse, unternehmerische, politische, berufsständische, kulturelle, Selbsthilfe-, Wohltätigkeits- oder Freizeit-Verbände. Darüber hinaus unterscheiden sich MSOs nach ihrer Größe (von einigen wenigen bis zu Tausenden von Mitgliedern), ihren Vermögenswerten und Einrichtungen und nach ihrer formalrechtlichen Anerkennung (als eingetragener Verein, als Religionsgemeinschaft, als gemeinnütziger Verein, als Einzelorganisation, Dachverband etc.). Zudem differieren MSOs nach dem ethnischen, kulturellen, nationalen, religiösen Selbstverständnis, dem regionalen Herkunftskontext, dem Bildungsniveau, der Geschlechter- und Alterszusammensetzung sowie anderen Merkmalen ihrer Mitglieder. Unterschiede bestehen auch in Bezug auf die vorherrschenden Formen interner und externer Ressourcenmobilisierung (z.B. Mitgliedsbeiträge, Spenden, staatliche Zuschüsse, Teilnahme an nationalen oder internationalen Förderprogrammen) und ihre Umweltbeziehungen (zu anderen Migrantenorganisationen, zur öffentlichen Verwaltung, zu den Medien, sozialen Bewegungen etc.). MSOs weisen sehr unterschiedliche interne Strukturen und Prozesse auf, etwa hinsichtlich von Entscheidungsprozessen (wer entscheidet wann über was?), der Information, Willensbildung und Koordination ihrer Mitglieder, der Ausprägung ihrer Führungsstrukturen sowie der relativen Bedeutung ehren- und hauptamtlich Aktiver. Schließlich unterscheiden sich MSOs auch sehr stark im Hinblick auf die Fokussierung ihrer Aktivitäten entweder nur auf das Herkunfts- oder das Ankunftsland oder auf beide.

Wahrnehmung von MSOs in Öffentlichkeit und Wissenschaft

Diese aufgezeigte Vielfalt innerhalb und zwischen MSOs wird in öffentlichen Diskussionen zumeist übersehen. Allgemein bleiben die meisten MSOs für die Mehrheitsgesellschaft und den öffentlichen Diskurs eher randständig, sie werden nur selten – etwa im Zusammenhang politischer Manifestationen, umstrittener religiöser Bauten oder von Vereinigungsbemühungen muslimischer Verbände – zur Kenntnis genommen. MSOs wurden in der Öffentlichkeit und auch in der Wissenschaft traditionell vorwiegend als Herausforderung für die Integration oder als potentielle Gefahr für die öffentliche Sicherheit wahrgenommen. Dies galt schon für die Vereine der sogenannten Ruhrpolen im 19. und frühen 20. Jahrhundert (z.B. Spendel 2005); es zieht sich durch die wissenschaftlichen Debatten über integrative oder desintegrative Funktionen von MSOs in den 1980er und 1990er Jahren bis hin zu den Sicherheitsdebatten nach den Anschlägen vom 11. September 2001 (Rosenow-Williams 2012). Erst mit dem integrations- und migrationspolitischen Paradigmenwechsel um die Jahrtausendwende werden MSOs verstärkt als Vertreter spezifischer sozialer und Interessengruppen wahrgenommen, als Dialogpartner z.B. für die Entwicklung nationaler und kommunaler Integrationskonzepte geschätzt und für die Implementierung entsprechender Programme mobilisiert.

Dieser Text ist Teil des Kurzdossiers "Migrantenselbstorganisationen – Umfang, Strukturen, Bedeutung".

Fußnoten

1.
Mit dem Begriff Migrantenorganisationen sind im Folgenden immer die Organisationen von Migrantinnen und Migranten, also von Personen mit Migrationshintergrund beiderlei Geschlechts gemeint. Die hier gegebene Definition (großer Teil der Mitglieder und der Führungsspitze hat Migrationshintergrund) kennzeichnet diese Organisationen als Selbstorganisationen. Die Begriffe Migrantenorganisationen und Migrantenselbstorganisationen werden in diesem Text deshalb synonym verwendet und mit der Abkürzung MSO geführt. Die hier formulierten Überlegungen basieren sehr stark auf einem von der VolkswagenStiftung geförderten dreijährigen internationalen Forschungsprojekt (vgl. TRAMO 2010; Pries 2010; Pries/Sezgin 2010). Ich danke Andrea Dasek für hilfreiche zusätzliche Recherchearbeiten.
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Autor: Ludger Pries für bpb.de
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