Koffer

25.4.2013 | Von:
Ludger Pries

Umfang und Struktur von Migrantenorganisationen in Deutschland

Religiöse, und hier vor allem Moscheevereine, werden in der Öffentlichkeit häufig als typische Migrantenorganisationen bezeichnet. Die Forschung zeigt jedoch, dass mehr als zwei Drittel aller Migrantenorganisationen weltliche Organisationen repräsentieren.

Mitglieder des 1989 gegründeten "Türkisch-Islamischen Kulturzentrums München" (DITIM) sitzen am Freitag (11.12.2009) nach dem Gebet in ihrer Moschee in der Schanzenbachstraße in München (Oberbayern) und trinken Tee. Die Gebetsräume von DITIM befinden sich in einem ehemaligen Möbelhaus in einem Hinterhof im Stadtteil Sendling.Türkisch-Islamisches Kulturzentrum in München (© picture-alliance/dpa)

Zahl der in Deutschland aktiven MSOs

Die genaue Zahl der in Deutschland aktiven MSOs ist nicht bekannt. Als Annäherungswert wird in der Regel die Anzahl der Ausländervereine und ausländischen Vereine angenommen. Nach Vereinsrecht gilt als "Ausländerverein" ein Verband, dessen Mitglieder oder Leiter überwiegend Ausländer sind; als "ausländischer Verein" gilt ein Verein mit Sitz im Ausland, dessen Organisation bzw. Tätigkeit sich auf Deutschland bezieht. Die Gründung eines Ausländer- oder ausländischen Vereins ist binnen von zwei Wochen behördlich zu melden, diese Informationen werden im Ausländervereinsregister zentral gesammelt.[1] Auf der Grundlage des alten Ausländervereinsregisters wurden für 2001 ca. 16.000 Vereine gezählt. Nachdem – vor allem wegen rechtlicher Bedenken – Vereine von EU-Ausländern aus der Regristrierung(spflicht) ausgenommen wurden, reduzierte sich die Anzahl registrierter Ausländervereine erheblich. Neben dem Ausländervereinsregister existieren auch einige aus wissenschaftlichen Studien entstandene Verzeichnisse von MSOs. Unter Berufung auf die Studien von Hunger (2005) und MOZAIK (2009) schreibt die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration im Vorwort einer Studie zu "Migranten(dach)organisationen in Deutschland" (in der 32 Migranten(dach)organisationen ausführlicher vorgestellt werden):

"Heute sind ca. 16.000 Migrantenorganisationen in Deutschland zu verzeichnen, von denen einige nicht nur an Größe, sondern vor allem als Vermittler für den interkulturellen Dialog in der gesamtgesellschaftlichen Öffentlichkeit an Bedeutung gewonnen haben. Schätzungsweise liegt die tatsächliche Zahl der Migrantenorganisationen bei 20.000. Die erfasste Zahl von 16.000 bezieht sich lediglich auf die Erfassung im Ausländervereinsregister, das alle Vereine ausländischer Drittstaatsangehöriger in Deutschland registriert. Hinzu kommen alle Organisationen von Migrantinnen und Migranten aus den Mitgliedstaaten der Europäischen Union sowie die Organisationen und Initiativen, deren Vorstand bzw. Mitgliedschaft nicht überwiegend aus ausländischen Staatsangehörigen gebildet wird und die daher nicht als Ausländervereine erfasst werden." (Integrationsbeauftragte 2011, S. 6).

Diese im Bericht der Integrationsbeauftragten genannten Zahlen dürften zu hoch geschätzt sein. Für November 2012 gab das Bundesverwaltungsamt Köln dem Verfasser die Auskunft: "Die Gesamtzahl der im Bundesverwaltungsamt registrierten Ausländervereine beträgt derzeit ca. 10.360. Die Anzahl dieser Vereine unterliegt individuellen Schwankungen, da sie abhängig ist von den uns gemeldeten Löschungen bzw. Neuanmeldungen durch die einzelnen Behörden." Die im Bericht der Integrationsbeauftragten genannte Zahl dürfte sich auf das Jahr 2001 beziehen, als noch die Organisationen von Migrantinnen und Migranten aus den Mitgliedstaaten der Europäischen Union erfasst wurden.

Neben den im Verwaltungsprozess selbst generierten Informationen über MSOs liegen einige Befunde aus wissenschaftlichen Studien vor. Für Nordrhein-Westfalen wurde zum Ende der 1990er Jahre eine umfangreiche wissenschaftliche Eigenerhebung zu Migrantenselbstorganisationen durchgeführt (MASSKS-NRW 1999a und 1999b). Von insgesamt 952 erfassten MSOs beteiligten sich 302 an der Studie (MASSKS-NRW 1999a: 25). Im Verhältnis der Bevölkerung NRWs zu der ganz Deutschlands erscheint angesichts einer MSO-Zahl für NRW von 952 die für die BRD insgesamt geschätzte Zahl von 16.000 sehr hoch.

In einer eigenen Erhebung von MSOs in Deutschland im Jahre 2009 konnten in den 75 deutschen kreisfreien Großstädten insgesamt 3.480 Organisationen identifiziert werden, die den Definitionskriterien "migrationsspezifischer Themen- bzw. Aufgabenschwerpunkt und mindestens die Hälfte der Mitglieder und Organisationsaktivisten mit Migrationshintergrund" entsprachen (TRAMO 2010 und Pries/Sezgin 2012, S. 16). Von diesen MSOs hatten 28 Prozent (oder 963) einen Herkunftslandbezug zur Türkei und z.B. nur 3 Prozent (oder 119) einen Herkunftslandbezug zu Polen. Generell variiert die Organisationsbereitschaft von Menschen mit Migrationshintergrund nach Herkunftsländern sehr stark, wobei Türkeistämmige sich vergleichsweise häufig in Verbänden organisieren.[2]

Inhaltlich-thematische Ausrichtung der MSOs

In Bezug auf die inhaltlich-thematischen Bereiche, in denen MSOs tätig sind, und die dominanten Herkunftsländer konstatierte Hunger (2005, S. 226ff) auf der Basis der Auswertung des Ausländervereinsregisters, dass von den im Jahre 2001 eingetragenen etwa 16.000 Vereinen ungefähr 11.000 als Vereine mit Dominanz von Türkeistämmigen angesehen werden konnten. Eine vergleichsweise hohe Anzahl (ca. 83 Prozent) von MSOs war herkunftshomogen in dem Sinne, dass deren Mitglieder jeweils überwiegend aus dem gleichen Land stammten; 11 Prozent wurden als deutsch-ausländische und 6 Prozent als mehrländerbezogene MSOs eingestuft. Hinsichtlich der in den Satzungen festgelegten Vereinszwecke der von ihm untersuchten MSOs kommt Hunger (2005, S. 231) zur folgenden allgemeinen Reihung entsprechend der Häufigkeiten der formalen Nennungen: 1. Kultur, 2. Begegnung, 3. Religion, 4. Sport, 5. Beratung, 6. Betreuung, 7. Politik, 8. Bildung, 9. Humanitäres und 10. Freizeit. In einer Sonderauswertung für den Sachverständigenrat für Zuwanderung und Integration des Bundesministeriums des Innern der Bundesrepublik Deutschland stellt Hunger (2004, S. 12ff) eine eigene Aktivitäten-Typologie der MSOs auf der Grundlage der Daten des Ausländervereinsregisters vor (Vgl.Tabelle).

Tabelle: Ausländische Vereine in Deutschland

Nach Vereinstypen, 2001
Vereinstyp Anteil an allen Vereinen (in %)
Kulturvereine 22,3
Begegnungszentren 16,5
Soziale und humanitäre Vereine 14,9
Sport- und Freizeitvereine 14,8
Religiöse Vereine 11,6
Politische Vereine 5,3
Familien- und Elternvereine 5,2
Wirtschaftsvereine 4,7
Vereine für einzelne Gruppen 4,6
Keine Angabe möglich 0,1
Quelle: Hunger 2004, S.12

Von den im Rahmen der TRAMO-Studie deutschlandweit nachgewiesenen 3.480 MSOs konnten 35 Prozent aller MSOs mit Herkunftslandbezug Türkei und 40 Prozent aller MSOs mit Herkunftslandbezug Polen als religiöse Organisationen klassifiziert werden. Als zweithäufigster MSO-Typ erwiesen sich die kulturellen Organisationen (25 Prozent aller MSOs mit Herkunftslandbezug Polen und 8 Prozent aller MSOs mit Herkunftslandbezug Türkei). 14 Prozent der MSOs mit Herkunftslandbezug Türkei und 12 Prozent aller MSOs mit Herkunftslandbezug Polen wiesen multiple Tätigkeitsfelder bzw. Charakteristika auf (z.B. religiöse, kulturelle und politische Aktivitäten, vgl. auch Amelina/Faist 2008; Diehl 2002; Özcan 1989).

In öffentlichen Debatten werden häufig religiöse, und hier vor allem Moscheevereine als typische MSOs bezeichnet. Die Tabelle zeigt jedoch, dass mehr als zwei Drittel aller MSOs weltliche Organisationen (Kulturvereine, Begegnungszentren, soziale und humanitäre Vereine sowie Sport- und Freizeitvereine) repräsentieren. Gleichzeitig ist zu betonen, dass die Zuordnung einzelner MSOs zu bestimmten Tätigkeitsfeldern nicht zuletzt deshalb schwierig ist, weil deren Arbeits- und Themenbereiche häufig vielfältig und überlappend sind. So kann beispielsweise ein Sportverein, der für seine Mitglieder auch Sozialberatung anbietet, als "multifunktional" bezeichnet werden. Die thematische Ausrichtung der MSOs und die Zusammensetzung ihrer Mitglieder können sich zudem im Zeitverlauf verändern. Beispielsweise schließen sich seit den 1990er Jahren zunehmend Selbstständige und Akademiker mit Migrationshintergrund in MSOs zusammen, um so Ressourcen und gemeinsame Interessen besser zu bündeln. Auch der Generationenwechsel in vielen schon seit langem existierenden MSOs führt dazu, dass eine Themenverlagerung vom Herkunftsland- auf den Ankunftslandbezug und damit auf eine stärkere Integrationsperspektive stattfindet (Gaitanides 2003, S. 25ff). Die Diskussion der Tätigkeitsschwerpunkte von MSOs führt direkt zur Frage nach ihrer Bedeutung für gesellschaftliche Teilhabe.

Dieser Text ist Teil des Kurzdossiers "Migrantenselbstorganisationen – Umfang, Strukturen, Bedeutung".

Fußnoten

1.
Die Grundlage für diese Bestimmungen ist nicht Integrationsförderung, sondern "Gefahrenabwehr", vgl. http://www.bva.bund.de/nn_2142812/DE/Aufgaben/Abt__III/OeffentlicheSicherheitAuslaender/Auslaendervereinsregister/avr-node.html?__nnn=true; zu den rechtlichen Grundlagen vgl. http://www.behoerdenwegweiser.bayern.de/dokumente/aufgabenbeschreibung/16220942276, geprüft am 14.01.2013.
2.
Nach Halm/Sauer (2005) ist etwa ein Drittel aller türkeistämmigen Personen in Deutschland verbandlich organisiert; solche Zahlen sind allerdings mit aller Vorsicht zu interpretieren, da z.B. bei Islamgläubigen deren – eher lockere – Selbstzuschreibung zu Moscheegemeinden als Mitgliedschaft in einer MSO gezählt wird; zu Abgrenzungsproblemen vgl. auch MASSKS-NRW (1999a) und Waldrauch/Sohler (2004).
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Autor: Ludger Pries für bpb.de
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