Koffer

25.4.2013 | Von:
Ludger Pries

Bedeutung von MSOs für gesellschaftliche Teilhabe

Einige Studien kommen zu dem Schluss, dass sich eine starke Einbindung der Migranten in herkunftslandbezogene Sozialbeziehungen negativ auf die Integration auswirkt. Andere betonen wiederum die positiven Wirkungen von ethnischer Binnenintegration.

Zwei konträre Positionen

Das Logo des Fußballvereins Türkiyemspor Berlin.Das Logo des Fußballvereins Türkiyemspor Berlin. (© picture-alliance / Deutscher Fußball-Bund)
In Bezug auf die gesellschaftlichen Funktionen von MSOs gibt es in der sozialwissenschaftlichen Diskussion seit den 1980er Jahren in Deutschland zwei konträre Positionen: Entweder werden MSOs als integrationsfördernd oder als integrationshemmend verstanden. Als Bezugsrahmen gilt dabei im Wesentlichen die Frage, welche Wirkungen eine starke Einbindung von Migrantinnen und Migranten in ethnische bzw. herkunftslandbezogene Sozialbeziehungen und Gruppen für deren Teilhabe und Integration in der Ankunftslandgesellschaft hat. Einige Studien wie z.B. die Arbeit von Breton (1964)[1] kommen zu dem Schluss, dass sich eine starke Einbindung der Migranten in herkunftslandbezogene Sozialbeziehungen (z.B. in MSOs) negativ auf die Integration dieser Personen im Aufnahmeland auswirkt. Andere Untersuchungen betonen wiederum die allgemein positiven Integrationswirkungen von ethnischer Binnenintegration: "Eine stärkere Integration der fremdkulturellen Einwanderer in ihre eigenen sozialen Zusammenhänge innerhalb der aufnehmenden Gesellschaft – eine Binnenintegration also – ist unter bestimmten Bedingungen ein positiver Faktor für ihre Integration in eine aufnehmende Gesellschaft" (Elwert 1982, S. 718). Georg Elwert und auch Friedrich Heckmann (1992) verstehen die ethnische Binnenintegration als ein vorübergehendes (transitorisches) Stadium in einem längeren und komplexen gesamtgesellschaftlichen Integrationsprozess. MSOs können hierbei wichtige Funktionen einerseits der Sozialintegration im Sinne der Stabilisierung von Gruppenidentitäten und andererseits der Systemintegration im Sinne kollektiver Interessenartikulation in der Ankunftsgesellschaft übernehmen. Die Einbindung von Menschen mit Migrationshintergrund in die eigene Herkunftsgruppe (ethnische Binnenintegration) – unter anderem auch über MSOs – kann sich demnach positiv auf den Integrationsprozess der Zuwanderer und ihrer Nachkommen in die Gesellschaft des Aufnahmelandes insgesamt auswirken.

Zu einer gegenteiligen Auffassung gelangt der Soziologe Hartmut Esser. Für ihn fördert eine gelungene ethnische Binnenintegration die Gefahr der Abschottung von der Ankunftsgesellschaft (Esser 1986). Zwar kann die Einbindung in die ethnische Eigengruppe kurzfristig erfolgversprechend sein und den Zuwanderern helfen, sich im Ankunftsland zurechtzufinden und in der schwierigen Migrationssituation die eigene Identität zu stabilisieren. Langfristig kann die Orientierung an der eigenethnischen Bezugsgruppe aber zu einer "Falle" werden, die den sozio-ökonomischen Aufstieg der Zuwanderer behindert, da eine erfolgreiche Integration in das Bildungssystem und den Arbeitsmarkt des Aufnahmelandes nur dann erfolgen kann, wenn sich die Zuwanderer an den Erfordernissen des Aufnahmelandes orientieren.

Jenseits der Diskussion zwischen den beiden Polen, die eine starke Einbindung der Zuwanderer in ihre jeweilige Herkunftsgruppe entweder als integrationsfördernd oder als integrationshemmend verstehen, betonten verschiedene Migrationsforscher, dass die spezifischen Wirkungen von ethnischer Binnenintegration und MSOs viel zu wenig empirisch erforscht seien und keine pauschale Antwort möglich sei, "was insbesondere ihre Funktion als integrationsfördernde Schleuse oder als segregationsfördernde, mobilitätsbehindernde, soziokulturelle Falle betrifft" (Fijalkowski/Gillmeister 1997, S. 29).

Kein Konsens über Funktion und Wirkung von MSOs

Trotz vieler empirischer Einzelstudien zu MSOs seit den 1980er Jahren wurde bisher kein Konsens über deren vorherrschende Funktion und Wirkung erzielt. Es kann resümiert werden, "dass in der wissenschaftlichen Debatte das integrative und desintegrative Potenzial von Selbstorganisationen auf starkes Forschungsinteresse stößt. Dabei werden sie in der öffentlichen und wissenschaftlichen Diskussion kontrovers beurteilt: Der Vorwurf der Herausbildung und Verfestigung einer Parallelgesellschaft steht der Betonung ihrer Vermittlerrolle und Dienstleistungsfunktionen gegenüber" (Huth 2002, S. 4; vgl. auch Fijalkowski/Gillmeister 1997; Güngör 1999; Jungk 2000; Thränhardt 2000).

Sicherlich steht für einige MSOs die Vertretung von Interessen der Herkunftsländer bzw. -kulturen von Migrierenden im Vordergrund (z.B. bei der vom türkischen Amt für religiöse Angelegenheiten kontrollierten Türkisch Islamischen Union der Anstalt für Religion e.V., kurz DITIB) oder sie arbeiten bewusst gegen die Integration ihrer Mitglieder im Ankunftsland (z.B. die unter Beobachtung durch den deutschen Verfassungsschutz stehenden Grauen Wölfe)[2] – selbst dann aber haben solche MSOs in einer erweiterten Perspektive auf Herkunfts- und Ankunftskontexte spezifische Integrationsfunktionen, die jeweils empirisch zu analysieren sind.

Charakteristika von MSOs

Migrantenorganisationen können idealtypisch entweder vorrangig als Mitgliederverbände auf das eigene Binnenleben ausgerichtet sein (z.B. ein migrantischer Kulturverein, eine Moscheegemeinde oder ein "Teehaus") oder hauptsächlich als Einflussverband auf die politische oder allgemein gesellschaftliche Geltung und Einwirkung nach außen orientiert sein (z.B. als politischer oder Flüchtlingsverband oder als Repräsentation ethnischer Minderheiten). Wenn eine Migrantenorganisation vorwiegend dadurch charakterisiert ist, dass sich in ihr "Landsleute" treffen, Menschen mit Migrationshintergrund Anerkennung finden und Gemeinsamkeiten hinsichtlich Sprache, Kultur und Interessen teilen, dann überwiegt idealtypisch ihr Bindungs- oder Bonding-Charakter. Wenn eine Migrantenorganisation vor allem auf die Kontaktsuche und Kommunikation mit anderen Verbänden (z.B. Fußballvereinen oder religiösen Verbänden) und staatlichen Einrichtungen (z.B. Integrationsräten oder Ministerien) ausgerichtet ist und durch kollektive Mobilisierung Einfluss auf ihre Umwelt im Ankunfts- und eventuell auch im Herkunftsland nehmen will, dann überwiegt idealtypisch ihr Verbindungs- oder Bridging-Charakter.

Neue Forschungsperspektiven

Seit dem Ende der 1990er Jahre nahm die Forschung zu MSOs in Deutschland wie auch international stark zu.[3] Es verbreitet sich seitdem zunehmend die Einsicht, dass die Fragestellung selbst, ob MSOs eher der Integration oder eher der Abschottung dienen, durch die Problemstellung ersetzt werden sollte, unter welchen Bedingungen MSOs welche Funktionen und Wirkungen für welche sozialen Gruppen und Sozialräume entfalten und wie ihre Potenziale für die Förderung der Teilhabe an gesellschaftlichen Lebensbereichen entwickelt werden können. Dabei kann von drei Annahmen ausgegangen werden: Erstens sind MSOs meistens auf mehr als eine Zielsetzung und Funktion ausgerichtet, sie haben fast immer multi-dimensionale Aufgaben und verändern sich im Zeitverlauf. Zweitens besteht eine Wechselwirkung zwischen MSOs und ihrer Umwelt dergestalt, dass das Verhalten und die Wirkungen von MSOs sehr stark davon beeinflusst werden, wie sie von ihrem gesellschaftlichen Umfeld wahrgenommen und behandelt werden. Drittens ist zu berücksichtigen, dass MSOs sehr häufig transnational in Herkunfts- und Ankunftskontexten der Migrierenden verankert und tätig sind, sodass die Abschätzung ihrer Wirkungen ebenfalls pluri-lokal bzw. pluri-national vorgenommen werden muss. Diese drei Aspekte sollen im Folgenden erläutert werden.

Dieser Text ist Teil des Kurzdossiers "Migrantenselbstorganisationen – Umfang, Strukturen, Bedeutung".

Fußnoten

1.
Breton (1964) untersuchte am Beispiel der Stadt Montreal die Bedeutung von MSOs für die Stabilisierung ethnischer Gemeinschaften einerseits und für die "Assimilation" in die Ankunftsgesellschaft andererseits. Er kam zu dem Schluss, dass das Ausmaß einer mehr oder weniger autarken eigenethnischen Infrastruktur den Grad der inter-ethnischen Beziehungen negativ beeinflusse (ebd., S. 197; vgl. Elwert 1982).
2.
Als "Graue Wölfe" bezeichnen sich die Mitglieder der türkischen, auch in Deutschland aktiven "Partei der Nationalistischen Bewegung", die eine Einigung und Vorherrschaft der Turkvölker vom Balkan bis Zentralasien anstrebt und andere religiöse, ethnische oder nationale Gruppen bekämpft. Die "Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion" (nach dem Namen in Türkisch abgekürzt DITIB) ist ein in Köln als e.V. registrierter ausländischer Verein, der faktisch und personell von der Behörde für religiöse Angelegenheiten (DIYANET) des türkischen Staates geführt wird.
3.
"In vergleichender Perspektive zeigt sich, dass das Thema (der MSOs, L.P.) im deutschsprachigen und im internationalen Raum vor 1998 nur eine marginale Rolle spielte, um dann zwischen 1999 und 2007 erheblich an Bedeutung zu gewinnen" (Schimany/Schock 2010, S. 356).
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Autor: Ludger Pries für bpb.de
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