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Welche Folgen haben die globalen Umweltveränderungen für die Migrationsverhältnisse?


9.9.2013
Ein Hirte läuft über ein trockenes Feld des Himayatsagar Reservoir, das zweite große Reservoir in Hyderabad, der Hauptstadt des südindischen Bundesstaat Andhra Pradesh am Dienstag, 3. Mai 2005. Beamte warnen davor, dass Hyderabad eine ernste Wasserknappheit droht, sollte es in den nächsten Wochen nicht regnen.Wasserknappheit in Hyderabad, Indien. (© AP)

Umfang umweltbedingter Migrationen



Unbestreitbar ist, dass der Umfang ökologisch labiler Regionen aufgrund von Desertifikation – also der Ausbreitung von Wüsten –, Versalzung, Versteppung, Überschwemmung und Verschmutzung Jahr um Jahr wächst [1]. Trotz der Aktualität des Problems und der vielfältigen Debatten über die Reichweite des globalen Klimawandels sind unsere Kenntnisse über die Bedeutung umweltbedingter Bestimmungsfaktoren im Migrationsgeschehen und, umgekehrt, über den Stellenwert des Faktors Migration bei globalen Umweltveränderungen weiterhin relativ gering. Das zeigen beispielsweise allein die ausgesprochen unterschiedlichen Einschätzungen über den Umfang der umweltbedingten globalen Migration. Anfang des 21. Jahrhunderts ging der Hochkommissar der Vereinten Nationen für Flüchtlinge (UNHCR) von 24 Millionen Menschen aus, die aufgrund der wachsenden Belastung der Umwelt mobilisiert wurden. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz schätzte die Zahl der Betroffenen dagegen auf 500 Millionen. Jüngste Schätzungen des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung "Globale Umweltveränderungen" sprechen von 25 bis 60 Millionen Menschen, die ihre Herkunftsgebiete bislang wegen des Klimawandels verlassen mussten; das UN-Klimabüro (UNFCCC) geht davon aus, dass diese Zahl bis ins Jahr 2050 auf 150 Millionen steigen wird [2].

Keine einheitliche Begriffsdefinition



Die große Spannweite der verschiedenen Schätzungen ist auch auf den geringen Grad definitorischer Klarheit zurückzuführen [3]. Die Verwendung des Begriffs "Umweltflüchtlinge" oder "Klimaflüchtlinge" für die unterschiedlichsten Formen umweltbedingter Migrationen verdeckt eher die Komplexität der zugrundeliegenden Hintergründe und Motivationen, weil sie auf eine Gewichtung umweltbedingter und anderer Bestimmungsfaktoren verzichtet. Die Überlastung der Umwelt ihrer Herkunftsgebiete ist selten der einzige Hintergrund für die Abwanderung von Menschen, vielmehr wirkt sie in aller Regel mit ökonomischen und sozialen, aber auch kulturellen und politischen Faktoren zusammen.

Tabelle 3: Ausgewählte Schätzungen und Prognosen zum weltweiten Umfang umweltbedingter Migration
QuelleSchätzungen zur Zahl der "Umweltflüchtlinge" bezogen auf den Zeitpunkt der VeröffentlichungPrognosen der Zahl künftiger "Umweltflüchtlinge"
Quelle: Aufenvenne/Felgentreff [2013].
Global Humanitarian Forum 2009: The Anatomy of a Silent Crisis. Genf, S. 48-4926 Mio. "Klimaflüchtlinge"72 Mio. "Klimaflüchtlinge" bis 2030
Environmental Justice Foundation (EJF) 2009: No Place Like Home. Where Next for Climate Refugees. London, S. 4200 Mio. "Umweltflüchtlinge", davon 150 Mio. "Klimaflüchtlinge" bis 2050
United Nations University - Institute for Environment and Human Security 2007: Control, Adapt or Flee. How To Face Environmental Migration? Bonn, S.15-18 10 Mio. "Umweltflüchtlinge"50 Mio. "Umweltflüchtlinge" bis 2010;
200 Mio. "Umweltflüchtlinge" bis 2050
Friends of the Earth 2007: A Citizen´s Guide to Climate Refugees. Amsterdam, S. 8200 Mio. "Klimaflüchtlinge" bis 2050
Greenpeace 2007: Klimaflüchtlinge. Die verleugnete Katastrophe. Hamburg, S. 1-2, 2720 Mio. "Klimaflüchtlinge"150-200 Mio. "Klimaflüchtlinge" im Laufe der nächsten 30 Jahre
Nicholas Stern 2007: The Economics of Climate Change. The Stern Review. Cambridge, S. 128-130 150-200 Mio. "Klimaflüchtlinge" bis 2050
Christian Aid 2007: Human Tide: The real Migration Crisis. London, S. 5-625 Mio. "Umweltflüchtlinge"50 Mio. "Umwelt-" und 250 Mio. "Klimaflüchtlinge" bis 2050; hinzu kämen noch 645 Mio. Menschen, die durch Entwicklungsprojekte wie Staudämme vertrieben würden
United Nations 2005: Millennium Ecosystem Assessment Report. Washington.20 Mio. "Umweltflüchtlinge"50 Mio. "Umweltflüchtlinge" bis 2050
United Nations High Commissioner on Refugees (UNHCR) 2002: Environmental Migrants and Refugees. Refugees No.127. Genf, S. 1224 Mio. "Umweltflüchtlinge"
International Federation of Red Cross and Red Crescent Societies: World Disaster Report 2001, Focus on recovery. Genf, S.1125 Mio. "Umweltflüchtlinge"
WorldWatch Institute 1988: Environmental Refugees: A Yardstick of Habitability. Washington, S. 3810 Mio. "Umweltflüchtlinge"
United Nations Environmental Program (UNEP) 1985: Environmental Refugees. Nairobi, S. 830 Mio. Flüchtlinge, davon seien viele "Umweltflüchtlinge"

Betroffene Regionen



Unmittelbar wirken Klimaveränderungen dort, wo Gebiete wegen des Meeresspiegelanstiegs durch Überschwemmungen oder durch Versalzung bedroht sind [4]. Die Klimaforschung geht davon aus, dass der Meeresspiegel im 20. Jahrhundert insgesamt um 15 bis 20 Zentimeter angestiegen ist. Seit Anfang der 1990er Jahre hebt er sich um ca. 3 Zentimeter pro Jahrzehnt. Aktuelle Modellrechnungen rechnen gegenwärtig mit einem Anstieg bis zum Jahr 2100 von einem Meter [5]. Ein Großteil der Weltbevölkerung ist über die Ränder der Kontinente verteilt: In Zonen, die keine 100 Kilometer vom Meer entfernt liegen, leben gegenwärtig rund zwei Drittel aller Menschen [6]. Von den 50 größten Städten der Welt finden sich 30 am Meer. Im Pazifik leben rund 7 Millionen Menschen auf Inseln, die durch den Anstieg des Meeresspiegels bedroht sind. Hierzu zählen die "Sinking Islands" (u.a. die Malediven, die Marshall-Inseln, Palau und die Salomon-Inseln). Tiefliegende Regionen am Golf von Bengalen, die ohnehin schon in der Vergangenheit Jahr um Jahr mit großflächigen Überschwemmungen konfrontiert waren, sind ebenfalls gefährdet. Das gilt z.B. für die Küstenzone Bangladeschs, wo der Anstieg des Meeresspiegels aufgrund des Klimawandels im Jahre 2050 zwischen 1,44 und 2,09 Meter betragen kann. Das hätte eine Verringerung der Siedlungsfläche um 16 bis 18 Prozent zur Folge, auf der 13 bis 15 Prozent der Bevölkerung des Landes leben. Von Bewegungen innerhalb des Landes abgesehen, könnte vor diesem Hintergrund zukünftig die Abwanderung nach Indien steigen, das bereits jetzt das wichtigste Ziel der Migration aus Bangladesch ist. Die gegenwärtigen Bemühungen Indiens, die Grenzen nach Bangladesch gegen Migranten zu sichern, zeigten trotz eines hohen Aufwandes – die Errichtung eines stark gesicherten Zauns über eine Länge von fast 3.500 Kilometern – bislang nur geringe Wirkung [7]. Für Ägypten sprechen Schätzungen für 2050 von einem Anstieg des Meeresspiegels zwischen 1,01 und 1,44 Meter, der einen Verlust an besiedlungsfähiger Fläche von 15 bis 19 Prozent zur Folge haben und 14 bis 16 Prozent der Gesamtbevölkerung betreffen könnte. Der größte Teil der Betroffenen dürfte innerhalb des Landes ausweichen [8].

Der Anstieg des Meeresspiegels führt nicht nur zu einem Verlust besiedlungsfähiger Fläche, sondern auch zu einem Verlust von Ackerland. Dies wiederum hat Folgen für die Nahrungssicherheit. Viele der tiefer gelegenen Küstenregionen Asiens sind insofern "Kornkammern" der Welt, als sich hier ein großer Teil der globalen Reisproduktion konzentriert, von der Millionen Menschen direkt oder indirekt abhängig sind. Schätzungen sprechen von einer unmittelbaren Gefährdung der Reisversorgung von rund 200 Millionen Menschen durch den Anstieg des Meeresspiegels.

Auswirkungen umweltbedingter Krisen



Umweltbedingte Krisen verschlechtern zumeist ohnehin prekäre ökonomische Grundlagen, sodass nur die temporäre oder dauerhafte Abwanderung eine Verbesserung der Lebenssituation zu bieten scheint. Umweltbedingte Krisen treten zugleich häufig als kulturelle Krisen auf, werden nicht selten politisch instrumentalisiert oder führen zu politischen Konflikten, die wiederum Migration forcieren. In Regionen, in denen geringe politische Stabilität und schwach ausgeprägte staatliche Problemlösungskapazitäten, krisenanfällige Ökonomien und gesellschaftlicher Unfrieden herrschen, werden umweltbedingte Krisen die "Vulnerabilität", also die Verletzbarkeit der Region noch steigern. Hier können sie sogar als Katalysator wirken und den Zusammenbruch einer ohnehin labilen politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ordnung anstoßen. Demgegenüber kann davon ausgegangen werden, dass stabile politische, gesellschaftliche und ökonomische Systeme Reaktionsmuster entwickeln, die eine mehr oder minder konfliktfreie Bewältigung der Folgen umweltbedingter Krisen erwarten lassen [9].

Der Blick auf das umweltbedingte Migrationsgeschehen wirft zugleich die Frage nach potenziellen Zuwanderungszielen auf und damit auch nach den Räumen, die Profiteure des Klimawandels sein könnten. Das zunehmende Gewicht des Bestimmungsfaktors Umwelt im globalen Migrationsgeschehen wird voraussichtlich nicht zu trans- oder interkontinentalen Massenmigrationen führen. Die lange Geschichte des Ausweichens vor Hungerkatastrophen und der migratorischen Reaktionen auf "Failed States" macht deutlich, dass wegen der geringen Ressourcen vieler Betroffener die Reaktionen auf Klimawandel und Umweltveränderungen vor allem das lokale und regionale Wanderungsgeschehen in den Risikozonen der Welt beeinflussen werden. Auch nach Einschätzung des Wissenschaftlichen Beirates der Bundesregierung "Globale Umweltveränderungen" wird der reiche "Norden" der Welt als Hauptverursacher des Klimawandels aller Voraussicht nach nicht oder nur in geringerem Maße migratorisch von umweltbedingten Veränderungen des Wanderungsgeschehens im "globalen Süden" betroffen sein, weil der größte Teil der Bewegungen kleinräumig bleiben wird oder als "Süd-Süd-Migration" ausgeprägt ist.

Politischer und rechtlicher Umgang mit Umweltmigranten



Verschiedene Hilfsorganisationen fordern eine Erweiterung der Genfer Flüchtlingskonvention und die Anerkennung der Folgen des Klimawandels als Schutzgrund. Das ist bislang von internationalen Organisationen und Staaten abgelehnt worden: Wegen der unterschiedlichen, sich überlagernden Migrationsmotive der Betroffenen lasse sich ein umweltbedingter Hintergrund kaum klar fassen. Darüber hinaus führe die Erweiterung des Kanons der Fluchtgründe dazu, restriktive Flüchtlingspolitiken mancher Staaten zu forcieren, die Zuwanderungsmöglichkeiten begrenzen wollten [10]. Außerdem überschreite ohnehin ein Großteil der Betroffenen keine nationalen Grenzen, weshalb sie zu der Gruppe der "Binnenvertriebenen" ("internally displaced persons", IDPs) zu zählen seien, die nicht unter die Genfer Flüchtlingskonvention fallen, weshalb deren Schutz ohnehin nicht greife. Bislang haben lediglich Schweden und Finnland einen gesetzlichen Rahmen im Kontext umweltbedingter Migrationen geschaffen. In Finnland können Betroffene humanitären Schutz, z.B. bei einer Umweltkatastrophe, einfordern und einen befristeten Aufenthaltstitel erhalten; Asyl oder subsidiärer Schutz wird allerdings nicht gewährt.

Dieser Text ist Teil des Kurzdossiers "Globale Migration in der Zukunft".


Fußnoten

1.
Im knappen Überblick: Latif (2010).
2.
Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung "Globale Umweltveränderungen" (2008); weitere Schätzungen werden zusammengefasst bei: Hummitzsch (2009); McLeman/Brown (2011, S. 175-177).
3.
White (2011, S. 20f.).
4.
Oliver-Smith (2011).
5.
Rahmstorf/Schellnhuber (2012); Latif (2012).
6.
Small/Nicholls (2003); McGranahan et al. (2008).
7.
o. Verf. (2010, S. 411); Arnold (2012, S. 217f.).
8.
Zu Bangladesch und Ägypten: Jacobson (1988, S. 32-35)
9.
Hierzu s. z.B. McDowell/Morell (2010, S. 117-136).
10.
McAdam (2011, S. 56).
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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Jochen Oltmer für bpb.de
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