Koffer

20.4.2015 | Von:
Naika Foroutan

Brauchen wir den Integrationsbegriff noch?

Im allgemeinen Verständnis wird mit dem Begriff Integration immer noch vorranging eine Anpassungsleistung von Migranten und deren Nachkommen verbunden. Der Begriff ist daher umstritten. Wird er überhaupt noch benötigt?

Demonstranten gegen den Nationalen Integrationsplan vor dem KanzleramtWas heißt Integration? Demonstranten gegen den Nationalen Integrationsplan vor dem Kanzleramt im Juli 2007. (© picture-alliance/dpa)

In den letzten Jahren wurde immer wieder gefordert, den Begriff Integration durch einen anderen zu ersetzen, so z.B. durch den Begriff Inklusion. Da jedoch der Inklusionsbegriff im öffentlichen Verständnis mit Menschen mit Behinderung verbunden ist, gelingt die Ausweitung dieses Begriffs derzeit nicht.

Außerdem bleibt die Frage offen, ob eine Abschaffung oder Ächtung des Integrationsbegriffs letztlich sinnvoll ist, wenn die Strukturen, die ihm zugrunde liegen, erhalten bleiben. Böcker, Goel und Heft haben dies in ihrer kritischen Reflexion zum Integrationsbegriff bereits verworfen: "Der Gewalttätigkeit des Integrations-Diskurses kann nicht durch die Wahl eines alternativen Begriffs entgegengewirkt werden. Weniger das Wort Integration ist problematisch, sondern die dem Diskurs zugrundeliegenden rassistischen Ausgrenzungen, die mit jeder unkritischen Rede von Integration reproduziert werden."[1]

Es ist leichter, das Wort Integration von der Kopplung an den Begriff der Migration zu lösen und mit seinem ursprünglichen, gesamtgesellschaftlichen Sinn und Ziel zu besetzen, als ein gänzlich neues Wort mit diesen Bedeutungsinhalten zu füllen. Im Sinne des Paradigmenwandels im Integrationsverständnis wäre dann Sinn und Ziel der Integration:
  1. eine gleichberechtigte ökonomische, rechtliche und politische Partizipation aller Bürger an den zentralen Gütern der Gesellschaft
  2. zum Zwecke der Herstellung von Chancengleichheit
  3. und des Abbaus von Diskriminierung und Ungleichheit.
  4. Zusätzlich müsste die symbolische Anerkennung und somit Zugehörigkeit und Teilhabe als sinnstiftender Endpunkt in die Erzählung eines neuen Integrationsparadigmas eingedacht werden.
  5. Und es müsste verdeutlicht werden, dass Integration keine Frage der kulturellen, ethnischen, religiösen oder nationalen Herkunft alleine ist, sondern genauso eine Frage von Schicht und Klasse, Gender, sexueller Orientierung, etc. Dies alles definiert die heterogene Gesellschaft und diese ist als empirische Basis gegeben. Sich in diese Gesellschaft hinein zu integrieren, stellt eine große Herausforderung dar.
Integration wäre somit ein Metanarrativ, das der Heterogenität einen Sinn und ein Ziel gibt. Einfach zu sagen "Deutschland ist bunt", ohne deutlich zu machen, was eine solche Heterogenität für Aufgaben und Anforderungen mit sich bringt, scheint viele Menschen zu überfordern.

Ziel der Politik wäre dann: die Integration in eine heterogene, postmigrantische Gesellschaft für alle Bürger zu ermöglichen, zu vereinfachen und chancengleich zu gestalten. Integration wäre somit mehr als die Summe ihrer Teileinheiten. Einfach nur den Begriff durch "Partizipation" zu ersetzen oder durch "Teilhabe" würde uns somit eines Konzeptes berauben, für das es sich lohnt, gesellschaftlich zu streiten.

Dieser Text ist Teil des Kurzdossiers "Die Einheit der Verschiedenen: Integration in der postmigrantischen Gesellschaft".

Fußnoten

1.
Böcker/ Goel/ Heft (2010), S. 309-310.
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Autor: Naika Foroutan für bpb.de
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