Koffer

20.4.2015 | Von:
Naika Foroutan

Integration als Metanarrativ

Integration ist ein umstrittener Begriff. Versuche, diesen Begriff durch einen anderen zu ersetzen, sind bislang aber gescheitert. Stattdessen sollte der Versuch gewagt werden, den Integrationsbegriff nicht mehr nur einseitig auf Migranten und deren Nachkommen zu beziehen, sondern ihn auf die gesamte Gesellschaft auszuweiten.

Begegnungszentrum der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Berlin-Kreuzberg"Was ist deutsch?" Begegnungszentrum der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Berlin-Kreuzberg. (© picture-alliance/ZB)

Obwohl Integration als ein politischer Begriff wahrgenommen wird, der sich auf die neuere deutsche Geschichte und den Wandel Deutschlands in ein Einwanderungsland bezieht, war der Integrationsbegriff bereits in der Weimarer Republik durch die von Rudolf Smend in seinem 1928 erschienen Werk "Verfassung und Verfassungsrecht" entwickelte "Integrationslehre" populär. Allerdings wurde er hier keineswegs auf Ausländer oder Einwanderer bezogen, sondern auf alle Bürger Deutschlands und auf das Zusammenspiel zwischen Staat und Individuum. Die Bürger sollten über die Einbeziehung in den politischen Prozess in Beziehung mit dem Staat treten. Dieser sollte sich über die Verfassung der Integration seiner Bürger verschreiben. Der Blick war hier vor allem auf den (National-)Staat als Anbieter einer gemeinschaftsbildenden Idee gerichtet.

Es ist vor allem diese übergeordnete Botschaft der Smendschen Integrationslehre, nämlich dass eine Gesellschaft, um eine Gemeinschaft zu werden, "einen von allen Bürgern geteilten Sinn" und eine Vision von Integration brauche, die rückblickende Kritik hervorruft[1]. Wir wissen heute, dass sich diese von Smend als übergeordnete Idee – also als Metanarrativ (auch Großerzählung genannt) – eingeforderte nationale Vergemeinschaftung im Verlauf der Geschichte zunehmend zu einer Ideologie entwickelte, der sich die Bürger Deutschlands zwischenzeitlich absolut unterordneten.

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Metanarrative

Als Metanarrativ – auch Großerzählung genannt - wird eine übergeordnete Idee bzw. Weltanschauung bezeichnet, die aus einer übergeordneten Perspektive zu erklären versucht, was in der Gesellschaft passiert. Metanarrative wirken komplexitätsreduzierend und dienen als Leitfaden, um das eigene Verhalten zu strukturieren und das der anderen zu erklären.

Großerzählungen (Metanarrative) gibt es bis heute. Obwohl sie im Prinzip gemeinschaftsbildend sein sollen, führen sie auch immer wieder zu Krisen und Konflikten. Dies liegt daran, dass viele von ihnen ein starkes Gegenmotiv in anderen Lebensformen ausmachen (z.B. Kommunismus, Islamismus, Nationalismus etc.). Es gibt zahlreiche Beispiele, die die Anziehungskraft dieser "Großerzählungen" belegen. So zeigen die Ergebnisse der regelmäßig veröffentlichten Mitte-Studien der Friedrich-Ebert Stiftung, dass fremdenfeindliche, islamophobe und homogenisierende Einstellungen in Form von Nationalismus Zuspruch bis in die Mitte der Gesellschaft finden[2]. Auch Hinwendungen junger Menschen zu radikalen und extremen islamistischen Gruppierungen verdeutlichen die Anziehungskraft exklusivistischer Großerzählungen, die strukturierend und gesellschaftserklärend auf Menschen wirken.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die grundsätzliche Frage, ob stark heterogene Gesellschaften einer übergeordneten politik- und handlungsleitenden Großerzählung bedürfen, die ihnen eine Struktur, Orientierung und einen Sinn gibt und damit Gefühlen und Vorstellungen von Parallelstrukturen, Chaos, Unordnung und Bezugslosigkeit entgegenwirkt. Daran knüpft allerdings die Frage an, ob es auch Großerzählungen geben kann, die sinnstiftend und strukturierend auf die Politik Einfluss nehmen können, ohne exklusiv und homogenisierend zu wirken; Großerzählungen also, die vielfältige Perspektiven zulassen und doch sinnstiftend und gemeinschaftsbildend wirken?

Befürworter eines solchen übergreifendes Leitbildes, einer solchen Großerzählung für Deutschland, gehen davon aus, dass der Verfassungspatriotismus allein nicht ausreicht, um den Zusammenhalt der Gesellschaft zu fördern. So fordert der Rat für Migration ein zusätzliches handlungsleitendes Motiv oder Leitbild, welches politisch definiert, wie dieses neue heterogene Deutschland sich erzählt: "Eine Einwanderungsgesellschaft ist kompliziert, sie ist nicht selbsterklärend und nimmt nicht alle Bürger automatisch mit. Es gilt daher, die Selbstverständlichkeit einer postmigrantischen Gesellschaft und einer entsprechenden Identität aktiv zu verankern. Nach dem Vorbild traditioneller Einwanderungsländer brauchen wir dafür ein republikanisches Leitbild, an dem sich ausnahmslos alle Bürger orientieren können."[3]

Ein solches übergeordnetes Leitbild soll dazu beitragen, dass die Integration in eine postmigrantische Gesellschaft gelingt. Integration wird somit zur Aufgabe der gesamten Bevölkerung, für die der Staat die Strukturen bereitstellen muss. Gleichzeitig ist Integration, wie oben beschrieben, selbst ein sinnstiftendes Metanarrativ (siehe Infokasten) mit Ausblick auf eine zukünftige Gestaltungsmöglichkeit der heterogenen postmgirantischen Gesellschaft, das aus den Teilsegmenten und Zielformulierungen der Teilhabe, Partizipation, Chancengleichheit und Zugehörigkeit zusammengesetzt ist. Ziel dieses Metanarrativs ist es, das politische System zu einer Strukturveränderung zu führen, die Diskriminierung und gesellschaftliche Ungleichheit überwindet und dadurch den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärkt. Die Großerzählung "Integration" lautet dann, dass es gelingt, in einer zunehmend heterogenen Gesellschaft Zugehörigkeit und Identifikation für alle Bürger zu schaffen und zwar für jene, die sich an dieses bunte Deutschland nicht gewöhnen können, ebenso wie für Neu-Bürger und dies über das Rechtliche und Individuelle hinaus.

Dieser Text ist Teil des Kurzdossiers "Die Einheit der Verschiedenen: Integration in der postmigrantischen Gesellschaft".


Fußnoten

1.
Walter (2012).
2.
Vgl. Decker/ Brähler (2006); Decker/ Kiess/ Brähler (2008); Decker et al. (2010); Decker/ Kiess/ Brähler (2012); Decker/ Kiess/ Brähler (2014).
3.
www.rat-fuer-migration.de/pdfs/PM_Pegida_Einstellungen_BPK.pdf (Zugriff: 17.2.2015).
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Autor: Naika Foroutan für bpb.de
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