Koffer

Notwendigkeit eines neuen Leitbildes, um den Wandel Deutschlands in ein Einwanderungsland zu beschreiben


20.4.2015
Die Gesellschaft Deutschlands kann als postmigrantisch beschrieben werden: Zugehörigkeiten, nationale Identitäten, Partizipation und Chancengerechtigkeit werden vor dem Hintergrund zunehmender Diversität neu ausgehandelt und justiert. Ein gesellschaftliches Leitbild nach kanadischem oder US-amerikanischem Vorbild hat sich das Einwanderungsland Deutschland bislang allerdings nicht gegeben.

Wie steht es um die Anerkennung von Heterogenität als deutsche Normalität?Wie steht es um die Anerkennung von Heterogenität als deutsche Normalität? (© picture-alliance/dpa)

In Deutschland wurde bis dato politisch nicht formuliert, welche Vorstellungen von einem gemeinsamen Zusammenleben in einer Gesellschaft, die durch Migration wesentlich pluraler geworden ist, als Leitmotiv eines neuen nationalen Narrativs verhandelt werden könnten. Kanada und die USA hingegen haben vor dem Hintergrund zerbrechenden sozialen Zusammenhalts die Setzung eines politischen Integrations-Narrativs in den 1970ern aktiv vorangetrieben und ihre nationale Identität wahlweise als "Unity in Diversity" oder als "Nation of Immigrants" aktiv ausformuliert und zu ihrer politischen Integrationsagenda gemacht[1].
Abbildung 2: Zustimmung zu Aussagen mit Deutschlandbezug nach Deutschen mit und ohne MigrationshintergrundAbbildung 2: Zustimmung zu Aussagen mit Deutschlandbezug nach Deutschen mit und ohne Migrationshintergrund (© bpb)

Politisch wird von öffentlichen Einrichtungen gefordert, sich interkulturell zu öffnen und zu prüfen, ob sie die veränderte heterogene Gesellschaft in ihren Strukturen repräsentieren, sich also öffnen für Personen mit Migrationshintergrund. Parallel dazu könnte eine "Integration von unten" – eine Art civil integration als staatsbürgerliches, persönliches Integrationsbewusstsein – stark gemacht werden, indem die Erzählung Deutschlands als heterogenes Land deutlich damit verbunden wird, dass Anpassungsleistungen auch von den sogenannten Etablierten erwartet werden. Das Bilden einer heterogenen Gemeinschaft – im Sinne eines neuen Narratives oder eines Leitbildes der "Einheit der Verschiedenen", in welche die Integration jedem Bürger sozialstrukturell offen zu stehen hat – führt zu einem Paradigmenwandel im Integrationsverständnis. Die Politik sollte sich daran messen lassen, wie sie die Öffnung der Strukturen und Institutionen vorantreibt. Sie sollte sich aber auch daran messen, wie sie diese Erzählung einer heterogenen Gesellschaft so verankert, dass Anstrengungen von allen Seiten erwartet werden und nicht mehr nur von Migranten. In diesem Sinne sollte sich die etablierte Dichotomie von Migranten und Einheimischen zugunsten einer Bürger-Identität auflösen, die auf gesellschaftliche Integrationsprozesse als gemeinsamem Ziel hinarbeitet. Somit würde Integration im Sinne des Begründers der vergleichenden Politikwissenschaft, Alexis de Tocqueville, zum Kernziel einer modernen Demokratie, die gleiche Teilhaberechte und Partizipationschancen für alle ihre Bürger etablieren muss.

Hierfür müsste es in Deutschland eine Leitbild-Diskussion geben, die überparteilich geführt wird. Dazu sollte "eine fachlich und politisch überparteilich besetzte Kommission, etwa unter der Federführung der Integrationsministerin"[2] im deutschen Bundestag oder ein Gremium vergleichbar dem Ethikrat gegründet werden, um diese Debatten zu führen und dann das veränderte Leitbild in die deutsche Verfassung zu überführen. Das forderte beispielsweise der aus Wissenschaftlern unterschiedlicher Disziplinen zusammengesetzte Rat für Migration Anfang Januar 2015 in der Bundespressekonferenz in Berlin.

Mit der Anerkennung von Heterogenität als deutsche Normalität findet parallel eine narrative Neudeutung nationaler Identität statt – das "Deutschsein" wandelt sich und wird vieldeutiger. Diesen Gedanken transportierte auch Bundespräsident Joachim Gauck in seiner Rede zum 65-jährigen Bestehen des deutschen Grundgesetzes: "Wer Deutscher ist, wird künftig noch viel weniger als bisher am Namen oder am Äußeren zu erkennen sein."[3] Der Bundespräsident gibt dem Land in seiner Suche nach nationaler Identität ein Leitmotiv. Das nationale Narrativ, das "neue deutsche Wir" beschreibt Gauck als "die Einheit der Verschiedenen"[4] und bezieht sich, bewusst oder unbewusst, auf Adornos Wunsch "ohne Angst verschieden sein zu können". Die etablierte Trennung des Anderen (des "Migrantischen") und des Eigenen (der imaginierten Kerngesellschaft) könnte narrativ überwunden werden, wenn das Andere als selbstverständlicher Teil des Eigenen wahrgenommen wird – wenn das Eigene, wie im kanadischen Narrativ, eine Einheit aus Verschiedenen bildet. Eine narrative Ausweitung der deutschen Identität hätte zur Folge, dass das Migrantische selbst zum konstitutiven Element des nationalen Narrativs und der deutschen Identität würde: Deutschland würde sich dann als "Nation of Immigrants" neu erzählen, dem Deutschsein wäre das Migrantische dann inhärent und stünde ihm nicht mehr als Gegensatz gegenüber.

Dieser Text ist Teil des Kurzdossiers "Die Einheit der Verschiedenen: Integration in der postmigrantischen Gesellschaft".


Fußnoten

1.
Vgl. Gabaccia (2002).
2.
www.rat-fuer-migration.de/pdfs/PM_Pegida_Einstellungen_BPK.pdf (Zugriff: 17.2.2015).
3.
Gauck (2014).
4.
Ebd.
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Autor: Naika Foroutan für bpb.de
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