Koffer

15.9.2015 | Von:
Franziska Barthelt
Diana Meschter
Friederike Meyer zu Schwabedissen
Andreas Pott

Bildungsmigration

Weltweit nimmt die Zahl der Studierenden zu, die einen Teil ihres Studiums im Ausland verbringen oder dort sogar einen Studienabschluss erwerben. Hierzu trägt die Internationalisierung der Hochschulen ebenso bei wie die Globalisierung von Bildungssystemen und -karrieren. Zudem haben viele Länder internationale Studierende bereits als potenzielle hochqualifizierte Arbeitsmigranten erkannt und werben sie gezielt an

Büro des Akademischen Auslandsamtes in Berlin. Summerschools, Austauschprogramme und stipendienfinanzierte Studienprogramme sind nur einige von unzähligen Angeboten und Formaten, die es leichter machen, zumindest einen Teil der eigenen Ausbildung bzw. des eigenen Studiums im Ausland zu verbringen.Büro des Akademischen Auslandsamtes in Berlin. Summerschools, Austauschprogramme und stipendienfinanzierte Studienprogramme sind nur einige von unzähligen Angeboten und Formaten, die es leichter machen, zumindest einen Teil der eigenen Ausbildung bzw. des eigenen Studiums im Ausland zu verbringen. (© picture-alliance, ZB)

Bildungsmigration ist kein neues Phänomen. Schon seit Jahrhunderten ist diese Form der Mobilität bekannt, zunächst als männliches Phänomen in Form von Erziehungs- und Studienreisen junger Adeliger ins europäische Ausland ("Kavalierstouren") oder der "Walz", der Wanderschaft der zünftigen Gesellen nach dem Abschluss der Lehrzeit, die auch dem Erwerb weiterer Qualifikationen dienen sollte. [1] Auch Schüler und Studenten wanderten immer schon zahlreich, häufiger zum Beispiel als Adelige. Weibliche Bildungsmigration hingegen beschränkte sich bis weit ins 19. und 20. Jahrhundert hinein auf adelige und bildungsbürgerliche Kreise. Bildungsmigration kann insgesamt als besondere Migrationsform verstanden werden, die unter anderem der schulischen, beruflichen oder universitären Aus- und Weiterbildung im Ausland dient und zunächst auf die Aus- bzw. Weiterbildungsdauer ausgelegt ist. Im Zeitalter der Globalisierung und zunehmender Internationalisierungstrends, unter deren Einfluss auch Bildungssysteme und Bildungskarrieren stehen, ermöglicht Bildungsmigration den Zuwachs und Erwerb von beruflich verwertbarem Wissen und nachgefragten Globalisierungskompetenzen. Bildungserwerb und höhere Bildungsabschlüsse spielen daher auch für die Kategorisierung, die Anwerbung sowie die Einreise- und Aufenthaltsmöglichkeiten von Migrantinnen und Migranten eine wichtige Rolle.

Mehr und mehr Regionen, Länder und Institutionen bemühen sich, attraktive Bedingungen und Möglichkeiten der Ausbildung, des Studiums und der Forschung zu schaffen, um wanderungswillige und entsprechend qualifizierte Personen zu gewinnen. [2] Die häufig anzutreffende Rede vom "Wettbewerb um die besten Köpfe" ist in diesem Sinne als Folge des Bedeutungszuwachses von internationaler Mobilität und internationalen Bildungskarrieren, des globalisierten Wettbewerbs und der unübersehbaren Alterung der Bevölkerungen in den Ländern des Globalen Nordens zu verstehen. Schüleraustausche, Summerschools, Praktika, Freiwilligendienste, europäische und globale Austauschprogramme für Studierende (wie Erasmus Mundus), stipendienfinanzierte Studienprogramme (z.B. des Deutschen Akademischen Austauschdienstes – DAAD) sowie internationale Graduiertenprogramme und Ausbildungsinitiativen (wie MobiPro-EU) sind nur einige von unzähligen Angeboten und Formaten, die es leichter machen, zumindest einen Teil der eigenen Ausbildung bzw. des eigenen Studiums im Ausland zu verbringen.

Es kann davon ausgegangen werden, "dass sich Erfahrungen im Bereich der Bildungsmigration in der Jugend oder im jungen Erwachsenenalter nicht nur auf die Umsetzung der zusätzlichen Bildungserfahrung oder Qualifikation im Erwerbsverlauf auswirken", [3] sondern unter anderem auch andere Lebensbereiche, Freundes- und Familiennetzwerke, Partnerschaft, späteres Mobilitätsverhalten und politische Einstellungen betreffen. Dieser nicht abgeschlossene, prozesshafte Charakter, der auf unterschiedlichen Ebenen, in unterschiedlichen Lebensbereichen sowie zu unterschiedlichen Zeitpunkten zum Ausdruck kommt, ist ein zentrales Merkmal der gegenwärtigen Bildungsmigration und ihrer Folgen. So können zeitlich begrenzte Austausche mit der Erlangung eines ausländischen Schul- oder Universitätsabschlusses enden, sie können aber auch zu längerfristigen Aufenthalten oder zu Bestandteilen einer mehrfachen Wanderung oder einer transnationalen Migrationsbiographie werden. Mit Blick auf die steigende grenzüberschreitende Mobilität von Studierenden fällt auf, dass international mobile Studierende sich immer häufiger für ein grundständiges Studium im Ausland entscheiden, also für ein Studium, das zu einem ersten berufsqualifizierenden Abschluss führt (z.B. ein Bachelor). [4] Die Übergänge zwischen (temporärer) Mobilität und einem längerfristigen oder sogar dauerhaften Aufenthalt im Zielland sind bei der Bildungsmigration oft fließend, so etwa, wenn sich nach dem Schüleraustausch eine Studienmöglichkeit oder nach dem Studienabschluss an einer deutschen Universität eine berufliche Anstellung in Deutschland ergibt.

Dieser Text ist Teil des Kurzdossiers Internationale Studierende – aktuelle Entwicklungen und Potentiale der globalen Bildungsmigration.

Fußnoten

1.
Vgl. Hahn (2012), S. 148; Oltmer (2010), S. 16f.
2.
Vgl. Lindberg et al. (2014), S. 5.
3.
Vgl. Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (2014).
4.
Vgl. King/Findlay/Ahrens (2010), S. 25ff.
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Autoren: Franziska Barthelt, Diana Meschter, Friederike Meyer zu Schwabedissen, Andreas Pott für bpb.de
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