Koffer
8.5.2017 | Von:
Jens Thiel
Christoph Jahr

Begriff und Geschichte des Lagers

Der Begriff "Lager" ist allgegenwärtig und begegnet uns in verschiedenen Zusammenhängen, z.B. als Militärlager, Barackenlager, Konzentrationslager, Kriegsgefangenenlager, GULag, aber auch als Flüchtlingslager. Was verbindet sich mit dem Lager-Begriff? Inwiefern haben sich seine Bedeutungen gewandelt, was eint, was trennt die verschiedenen Lager-Typen?

Schwedisches KriegslagerKriegslager Königs Gustavs III. von Schweden im Schwedisch-russischen Krieg 1788-1790. Das Bild ist ein Holzstichfaksimile eines zeitgenössischen Kupferstichs von 1788. (© picture-alliance/akg)

Militärlager

Begriff und Phänomen "Lager" entstammen der Welt des Militärs. In der Antike waren die castra ein zentrales Mittel zur Beherrschung der langen Grenzen des Römischen Reichs, insbesondere entlang großer Flüsse wie dem Rhein oder der Donau und der befestigten Landgrenzen wie dem Limes oder dem Hadrianswall. Dass aus vielen dieser castra bis heute existierende Städte erwuchsen, macht sie zu einem prägenden Element der europäischen Geschichte.

Die antiken Militärlager wurden seit dem 16. Jahrhundert in Theorie und Praxis wiederentdeckt und zum vielfach nachgeahmten Vorbild nicht nur für die Planungen der "idealen Städte", sondern auch für die "Lagerkunst" der Heere des 17. und 18. Jahrhunderts. Damit war die Fertigkeit gemeint, ein Lager entsprechend den aus praktischen Erfahrungen und historischen Vorbildern abgeleiteten Regeln zu errichten. In Zedlers Universallexikon wurde das Lager 1737 folgerichtig beschrieben als ein "Ort im freyen Felde, wo sich ein gantzes Kriegs-Heer oder ein Regiment mit allem Kriegs-Zugehöre unter Zelten aufhält". Dabei dienten vor allem die standardisierten Lager im antiken Rom als historische Bezugspunkte.

Lager mit Erziehungsfunktion

Eine über das Militärische hinausreichende politische oder gesellschaftliche Bedeutung wurde dem "Lager" erst seit der Französischen Revolution zugewiesen. Die militärische Funktion der Lager blieb jedoch noch einige Jahrzehnte vorherrschend. In Heinrich August Pierers Wörterbuch der Wissenschaften, Künste und Gewerbe wurde 1829 der Begriff "Exercierlager" eingeführt, "die zu größeren militärischen Übungen bezogen werden". Dieser Lagertyp diente also nicht mehr nur der Führung eines aktuellen Kriegs, sondern schon dessen Vorbereitung. 1887 erklärte Heinrich von Loebell in seiner Allgemeinen Encyclopädie der Wissenschaften und Künste, auf historische Beispiele seit dem späten 18. Jahrhundert verweisend, diese Art des Lagers ausdrücklich zur "Vorschule für den Krieg", in der die "Truppen den Einflüssen der politischen und socialen Parteien" entzogen seien. Das "Lager" sollte nun also zu einem von der übrigen Gesellschaft abgetrennten Ort der Erziehung werden.

Barackenlager

In der zweiten Auflage des Pierer-Lexikons von 1845 wurde erstmals die zur Zeit Napoleons eingeführte Baracke (statt des davor üblichen Zelts) als ein architektonisches Element benannt. Es prägt unser Bild vom Lager bis heute. Die im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 unerwartet große Anzahl kriegsgefangener feindlicher Soldaten machte die Errichtung von Barackenlagern notwendig. Das Lager wurde nun auch zu einem improvisierten Ort der Wegschließung von Menschenmassen und damit zu einem Element der Steuerung erzwungener Migration. Dazu kann in einem weiteren Sinn die Kriegsgefangenschaft gerechnet werden. Bereits im US-Bürgerkrieg waren große Kriegsgefangenenlager wie das berüchtigte Andersonville in Georgia entstanden. Sie wurden zu Orten systematischer Vernachlässigung, Misshandlung und massenhaften Sterbens. In dieser Hinsicht nahmen sie Entwicklungen der totalen Kriege im 20. Jahrhundert vorweg.

Konzentrationslager

Zumindest begrifflich markiert das Jahr 1896 in der Geschichte der Lager eine Zäsur, denn die "campos de reconcentración", mit deren Hilfe Spanien unter General Valeriano Weyler den Aufstand in Kuba unterdrückte, wurden von den Zeitgenossen als eine neue, negative Maßstäbe setzende Maßnahme wahrgenommen. Ähnliches galt für die kurz darauf von den USA im Zuge der Aufstandsbekämpfung auf den Philippinen errichteten Lager und vor allem für die britischen "concentration camps" während des Burenkriegs in Südafrika.

Der in diesen Kolonialkriegen entstandene und schnell in allen modernen Sprachen heimisch werdende Begriff "Konzentrationslager" wurde einerseits zu einem Fachausdruck für Orte zur zeitweiligen Unterbringung größerer Menschenmassen, andererseits gleichbedeutend mit Unmenschlichkeit. Das lag vor allem daran, dass selbst "Greise, Frauen und Kinder" interniert wurden und aufgrund schlechter Ernährungs- und Hygienezustände zahlreiche Todesopfer unter ihnen zu beklagen waren.

Erst in jüngster Zeit sind zudem die nicht weniger schrecklichen Lager für die nichteuropäisch-stämmige Bevölkerung der Kolonien in den Blick der Wissenschaftler geraten. Folgerichtig wird die Frage, ob diesen "Konzentrationslagern" die Dimension des Völkermords innewohnte und sie daher als Vorwegnahme der NS-Vernichtungslager einzustufen sind, nicht zuletzt anhand der deutschen Lager während des 1904 beginnenden Kriegs gegen die Herero und Nama in Südwestafrika kontrovers diskutiert.

Die entscheidende Zäsur in der Geschichte der Lager ist im Ersten Weltkrieg auszumachen. Die Vielfalt der Funktionen von Integration, Aussonderung und Wegschließung fanden nun die vorherrschende Form des Lagers. Dabei traten ältere Institutionen wie das Ghetto, die Kaserne oder das Arbeitshaus in den Hintergrund, ohne freilich völlig zu verschwinden. Diese Zäsur wird in den Formen, Strukturen und in der Architektur der Lager deutlich, die mit ihrem symmetrischen Aufbau, den Baracken, dem Lagertor und den Wachtürmen sowie der stacheldrahtbewehrten Außengrenze ihre für das 20. Jahrhundert emblematische Gestalt fanden.

Kriegsgefangenenlager, Arbeitslager und GULag

Während des Ersten Weltkriegs entstanden ferner ganze Lagersysteme. Neben das "klassische" Kriegsgefangenenlager traten zum einen solche für die im eigenen Land lebenden Ausländer aus sogenannten "Feindstaaten", zum anderen Arbeitslager, insbesondere für die von den Deutschen deportierten Zwangsarbeiter in den besetzten Gebieten im Osten und Westen. Briten und Franzosen errichteten wiederum Lager an der Westfront für die aus den Kolonien und China angeworbenen Zivilarbeitskräfte.

Nach dem Ersten Weltkrieg entwickelte sich mit den – teilweise schon vor 1914 gebräuchlichen – Lagern für Wandervögel, Pfadfinder oder verschiedene politische Jugendorganisationen ein Lagertypus, der insofern einen ausdrücklich utopischen Charakter hatte, als in ihm ein wie auch immer definierter "neuer Mensch" herangezogen werden sollte. Ausbuchstabiert wurde die Doppelfunktion des Lagers in den frühen Lagern der Sowjetunion: Es sollte sowohl der Disziplinierung als auch der Integration dienen. Hierbei spielten Arbeit und Zwangsarbeit von Anfang an eine zentrale Rolle. Sehr schnell wurde die brutale Ausbeutung der Arbeitskraft der Gefangenen zum Hauptzweck des GULag-Systems. Nach 1945 wirkte es als Vorbild für Osteuropa, aber auch für China, Nordkorea oder Kambodscha. Diese Staaten hatten bis dahin keine eigenständigen Lagertraditionen aufzuweisen. Die Janusköpfigkeit aus Inklusion und Exklusion, Utopie des neuen Menschen, Ausschluss aus der "Volksgemeinschaft" bis hin zur physischen Vernichtung, wird in der neueren Forschung zugleich für die Lager des NS-Regimes betont. Sie findet sich ähnlich im Austrofaschismus, in Italien unter Mussolini oder in Francos Spanien.

Zivilisationsbruch Auschwitz

Es ist vor allem der mit dem Namen "Auschwitz" verbundene Zivilisationsbruch des Holocaust, für den die NS-Konzentrations- und Vernichtungslager stehen. Er hat bewirkt, dass der Begriff "Lager" (und erst recht "Konzentrationslager") heute als Sinnbild der extremen Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts gilt. Darüber sollte jedoch nicht vergessen werden, dass das Lager schon lange davor und auch nach 1945 Teil einer europäischen Herrschaftsgeschichte war, an der die verschiedensten politischen Systeme mitgeschrieben haben und die fast immer, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß, mit Zwang, Gewalt und Ausbeutung verbunden waren und noch immer sind.

Flüchtlingslager

Dasselbe gilt für Flüchtlingslager. Sie dienten insbesondere im Zusammenhang und im Gefolge von Staaten- und Bürgerkriegen, Terror, politisch-ideologisch oder religiös motivierten Verfolgungen und ethnisch begründeten Vertreibungen der Aufnahme, dem Schutz und der Basisversorgung von zumeist zivilen Flüchtlingen. Aber auch ökonomische Notsituationen und soziale Verwerfungen, wachsende Armut, große Hungerepidemien oder Umweltkatastrophen führten zu umfassenden Flucht- und Migrationsbewegungen. In deren Folge entstanden weltweit zahllose kleine und zunehmend größere Flüchtlingslager mit bis zu mehreren Tausend Bewohnerinnen und Bewohnern. Viele der zunächst als temporäre Übergangslösung angesehenen Erstaufnahme-, Auffang- oder Durchgangslager zur vorläufigen Unterbringung von Flüchtlingen entwickelten sich zu dauerhaften Ansiedlungen. Aus Lagern mit oft improvisierten Unterkünften, zumeist Zelten oder Baracken aus Holz, erwuchsen bisweilen regelrechte Städte mit entsprechenden Infrastrukturen und Außenbeziehungen.

Die ersten großen Flüchtlingslager der Moderne entstanden Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts im kolonialen Kontext, vor allem in Afrika. Im Zeitalter der Weltkriege und im Kalten Krieg wurde dann Europa selbst zum Standort zahlreicher Flüchtlingslager.

Im strengeren Sinne sind die zur Aufnahme von Zivilisten dienenden Flüchtlingslager von denjenigen Lagern zu unterscheiden, die im Zusammenhang mit gezielten Deportationen von den verantwortlichen Regierungen für die Vertriebenen errichtet wurden. Ein eklatantes Beispiel sind die Lager, die im Osmanischen Reich im Zuge des "Umsiedlung" genannten Völkermordes an der armenischen Bevölkerung 1915/16 eingerichtet wurden.

Flüchtlingslager in Europa

Flüchtlingslager im eigentlichen Sinne waren jene Lager, die in fast allen Krieg führenden Staaten oder in benachbarten neutralen Ländern für vor den Kriegsereignissen oder vor Verfolgung geflüchteten Zivilisten errichtet wurden. Sie entstanden zum Beispiel 1914 für belgische und nordfranzösische Flüchtlinge in Frankreich, Großbritannien oder in den Niederlanden sowie für Zivilisten in Osteuropa bzw. im österreichisch-serbischen oder österreichisch-italienischen Grenzgebiet.

Nach Ende des Ersten Weltkriegs und der durch die Pariser Vorortverträge geregelten Bevölkerungsverschiebungen errichteten die Aufnahmestaaten eine Reihe von Lagern für die Aufnahme und Integration abgeschobener bzw. deportierter Bevölkerungsgruppen. So richteten die deutschen Behörden "Heimkehrlager" für deutsche "Abwanderer" ein, die nach Kriegsende bzw. Friedensschluss aus den inzwischen zu Frankreich, Polen oder der Tschechoslowakei gehörenden früheren Teilen des Deutschen Reichs bzw. Österreich-Ungarns kamen.

Auch viele der knapp zwei Millionen Menschen, die nach den großangelegten Zwangsumsiedlungen in Folge des griechisch-türkischen Krieges 1919/22 ihre Heimat verlassen mussten, kamen teilweise zunächst in Durchgangs- und Aufnahmelagern unter. Das galt ebenso für die Millionen Flüchtlinge, die im und unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg gezwungen waren, ihre Heimatregion zu verlassen.

Auf dem Gebiet der späteren Bundesrepublik und der Deutschen Demokratischen Republik (DDR), aber auch in Österreich und Dänemark, entstanden eine Reihe von Flüchtlingslagern für jene Deutsche, die aus dem Osten des ehemaligen Deutschen Reiches und einiger zuvor von den Nationalsozialisten besetzten osteuropäischen Länder ausgesiedelt wurden bzw. fliehen und anschließend in die Nachkriegsgesellschaften integriert werden mussten. Einige dieser Lager dienten nach 1949 der Aufnahme von Flüchtlingen, die aus politischen und wirtschaftlichen Gründen aus der DDR geflohen waren. Für Juden, die den Holocaust überlebt hatten, sowie für ehemalige Zwangsarbeiter und weitere "Displaced Persons" (DP) errichteten die Alliierten sogenannte "DP-Camps". Diese Lager dienten vor allem als Durchgangslager und zur Vorbereitung der Bewohner für eine Rück- oder eine Ausreise in andere Länder. Die Dekolonialisierungskriege führten zur Errichtung neuer Flüchtlingslager, teils auch wieder in Europa. Ein Beispiel dafür sind die Lager, die die französische Regierung nach Ende des Algerien-Kriegs für die sogenannten "Algerien-Franzosen" ("Pieds-Noirs") sowie für die früheren algerischen Hilfssoldaten der französischen Kolonialarmee ("Harkis") errichtet hatte. Seit Beginn des 21. Jahrhunderts kam es an den Grenzen und in einigen Staaten Europas wieder zur Errichtung neuer Flüchtlingslager.

Geflüchtete in Kelebija, SerbienKelebija, Serbien im August am 17.08.2016: An der mit Zäunen abgesperrten ungarischen Grenze warten Geflüchtete meist vergebens auf Einflass. Die blauen Container markieren die Grenze der Asyl- und Transitzonen. So haben sich auf serbischer Seite provisorische Lager mit sehr schlechten Bedingungen gebildet. (© picture-alliance, JOKER)


Flüchtlingslager im Nahen Osten und Globalen Süden

Schon seit den späten 1940er Jahren entstanden etwa im Nahen und Mittleren Osten, vor allem im Libanon und in Jordanien (besonders im Westjordanland) dutzende Flüchtlingslager für Menschen, die vor den andauernden Kriegen und Bürgerkriegen in der Region flohen oder vertrieben wurden. In der zweiten Hälfte des 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts befanden sich die meisten und größten Lager für Flüchtlinge und Migranten in Afrika, Asien oder im arabischen Raum. In der Regel bieten die Lager mehreren 10.000 Bewohnern für einige Wochen, Monate oder Jahre eine notdürftige Unterkunft. In vielen dieser Lager, so etwa in Kenia, Äthiopien oder Jordanien, müssen inzwischen aber bereits mehr als 100.000 Flüchtlinge untergebracht werden. So beherbergte allein das bis dahin größte Flüchtlingslager der Welt, der während des Bürgerkrieges und der anschließenden Hungersnot in Somalia entstandene Lagerkomplex im kenianischen Dadaab, zeitweilig bis zu 400.000 Flüchtlinge.

Flüchtlingslager sind einerseits Orte des Schutzes und humanitärer Hilfe durch staatliche und nichtstaatliche Organisationen. Andererseits sind auch sie nicht frei von Konflikten und