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Mobilität in Westafrika: Migranten als Akteure der Globalisierung


28.6.2017
In medialen und politischen Debatten erscheint es oft so, als würden viele Millionen Menschen aus Afrika nur darauf warten, nach Europa migrieren zu können. Tatsächlich verbleibt der Großteil der Migrantinnen und Migranten aber auf dem afrikanischen Kontinent. In Westafrika ist Mobilität für viele Familien eine alltägliche Strategie der Existenzsicherung.

Verendetes Rind in Mali. In Westafrika suchen Viehhalter nach Weideland und Wasser, das sie saisonbedingt in verschiedenen ökologischen Zonen finden.Verendetes Rind in Mali. In Westafrika suchen Viehhalter nach Weideland und Wasser, das sie saisonbedingt in verschiedenen ökologischen Zonen finden. (© picture-alliance/dpa)

Migranten in der Welt und in Westafrika



2013 wurde die Zahl der Migranten weltweit auf 230 Millionen geschätzt, was ca. drei Prozent der Weltbevölkerung entsprach. Die Europäische Union hat zwar mit einem Ausbau ihrer extraterritorialen Migrationspolitik seit dem Jahr 2000 versucht, die Wanderungsbewegungen aus dem globalen Süden nach Europa zu begrenzen. Es ist ihr aber dennoch nicht gelungen, den Umfang der Migrationsbewegungen zu reduzieren. Allerdings sind parallel zur Süd-Nord-Mobilität die Süd-Süd-Bewegungen wesentlich umfangreicher geworden: 2000 bis 2013 stellten sie 57 Prozent der gesamten Wanderungsbewegungen dar.[1] Der Anteil der Afrikaner an diesen Bewegungen weltweit entspricht 18,7 Prozent [2]. 7,5 Millionen Bürger der Mitgliedstaaten der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft (ECOWAS)[3] leben außerhalb ihres Geburtslandes, was drei Prozent der 260,6 Millionen Einwohner Westafrikas entspricht.[4] Die meisten der westafrikanischen Migranten[5] überqueren nicht die Grenzen von Kontinenten. Insgesamt 84 Prozent von ihnen bleiben innerhalb Afrikas.[6] Beispielweise sind Schätzungen zufolge 70 Prozent der Migranten aus den westafrikanischen Staaten Mali, Senegal und Mauretanien innerhalb Afrikas unterwegs, 28 Prozent leben in Europa und rund zwei Prozent in den USA.[7]

Die Migration erfolgt dabei nicht grundsätzlich als Reaktion auf Missstände. Stattdessen existiert in Westafrika eine beträchtliche Bandbreite an Formen transnationaler, d.h. staatsgrenzenüberschreitender Mobilität, die nicht notwendigerweise den globalen Norden als Migrationsziel hat.

Zirkuläre Migration in Westafrika



In Westafrika suchen Viehhalter nach Weideland und Wasser (sogenannten pastoralen Ressourcen), das sie saisonbedingt in verschiedenen ökologischen Zonen finden. Da in dieser Klimazone (Sahel und Westafrika) eine Familie oft nicht nur von einer Einkommensquelle leben kann, sind saisonale Migrationsbewegungen notwendig, um mit unterschiedlichen ökonomischen Aktivitäten – z.B. Tierhaltung auf Naturweiden, Feldbau, urbane Berufsfelder wie Handel und Dienstleistungen – den Lebensunterhalt der Familie zu sichern.

Der Alltag vieler Westafrikaner basiert also auf einer Strategie zur Existenzsicherung, die Sesshaftigkeit und Mobilität verbindet. Je nach Möglichkeit sind die Menschen mehr oder weniger regelmäßig mobil, auf mehr oder weniger langen Wegen und für mehr oder weniger lange Zeit unterwegs. Mobilität, bzw. die Bereitschaft und Befähigung zur mobilen Ressourcennutzung, ebenso wie saisonale Migration ist für den gesamten Sahara-Sahel-Raum prägend. Sie wird als wesentliches Charakteristikum der Region betrachtet, und als "condition sahélienne"[8] oder als "culture of migration"[9] bezeichnet.

Die Zirkulation der Menschen wird dadurch erleichtert, dass Familien und ethnische Gruppen transregionale und grenzüberschreitende Handelsnetzwerke und/oder religiöse Netzwerke ausbilden. Somit tragen die Migrationsnetzwerke zur wirtschaftlichen Entwicklung der Migranten und ihrer Herkunftsgruppen und -regionen bei. Frauen sind an saisonaler Migration zur Ressourcennutzung [10] stets wesentlich beteiligt, da Heiratsstrategien [11] zur Stärkung familiärer Netzwerke beitragen.

Die Mobilität in Westafrika hat eine lange Tradition. So ist beispielsweise der Handel seit der Zeit des Karawanenhandels (vom 8. Jahrhundert bis ca. 1930) mobil organisiert: Erträge aus dem Verkauf von Waren an einem Ort werden wieder in neue Produkte investiert, die an anderen Orte weiterverkauft werden. Die Händler versuchen, ihren Ertrag für eine Ware an einem bestimmten Ort zu maximieren und nehmen dafür in Kauf, Monate lang weit weg von Zuhause zu arbeiten. Einige sind Berufshändler, andere saisonale Händler, die mit der Handelstätigkeit andere Erwerbsaktivitäten ergänzen.

Aus der Vielfältigkeit der Aktivitäten und Verdienstmöglichkeiten, bedingt nicht zuletzt durch die unterschiedliche Handels-, Lohn- und Wirtschaftspolitik der Mitgliedstaaten der ECOWAS, haben sich vielfältige Mobilitätsmuster innerhalb der Bevölkerung herausgebildet.[12] Der Umfang regionaler Handelsaktivitäten ist deutlich gestiegen, seitdem die Migrationswege aus Afrika nach Europa drastisch eingeschränkt worden sind. Ebenso prägt der seit dem Jahr 2000 zunehmend wachsende Import von Billigwaren aus China die Mobilität im westafrikanischen Raum. Besonders junge Händler haben im regionalen Handel mit chinesischen Waren eine lukrative Aktivität gefunden.[13]

Die neuen Mobilitätsstrategien und -wege sind z.T. mit tradierten Formen vergleichbar bzw. haben sich aus diesen entwickelt. Die heutigen Migranten im Sahara-Sahel-Raum befinden sich somit in einem komplexen System von Wanderungsbewegungen, in einem durch unterschiedlichen Ressourcenzugang definierten Raum, in welchem sie zirkulieren, um ihre Chance, sozial und finanziell aufzusteigen, zu optimieren. Daher ist der Begriff der "zirkulären Migration" gut geeignet, um die Mobilität in Westafrika zu beschreiben.

Innovative Verknüpfungen innerhalb der globalen Bewegungen



Die Mobilität in Westafrika ist in globale Bewegungen eingebunden. Die ökologische Entwicklung und wachsende Einflüsse der Globalisierung haben die sozio-ökonomische Notwendigkeit von Mobilität verstärkt und gleichzeitig deren technisch-praktische Bedingungen in vieler Hinsicht verbessert. Seit Generationen nehmen afrikanische Händler an dieser Form der Mobilität teil. Ihre Geschäfts- und Handelsnetzwerke, die früher überwiegend auf den afrikanischen Raum beschränkt waren, spannen sich heute weltweit zwischen verschiedenen internationalen Handels-Drehscheiben, wie etwa Istanbul, Dschidda, Dubai, Bangkok, Hongkong oder Guangzhou auf. Importe werden per Container getätigt bzw. auch per DHL oder sogar als Begleitgepäck. Junge Leute, Praktikanten oder Auszubildende, begleiten die Händler und werden somit in einschlägige internationale Netzwerke und bei internationalen Partnern eingeführt. Geld wird auf einfachem Wege mit Western Union, per Internet oder Smartphone – auch ohne Kontozugang – an alle Ecken der Welt transferiert. Informelle Praktiken werden an formelle nationale und internationale Regelungen angepasst.

Diese Mobilität stellt eine kreative Wahrnehmung der Chancen der Globalisierung dar. Sie ist ein Mittel, um vielversprechende Geschäftsmöglichkeiten zu ergreifen und um einer eigenen Geschäfts- und Expansionslogik zu folgen. Durch ihre transnationale Mobilität und Fähigkeit zur kreativen Adaptation fungieren die innerafrikanischen bzw. internationalen afrikanischen Unternehmer und Händler als ideale "Vermittler" (translators) von Produkten, Technologien und Ideen zwischen den Gesellschaften. Die globale Mobilität ist für sie Mittel geworden, um ihre eigenen Vorstellungen von Moderne auf ihrem eigenen Weg zu erreichen und entzieht sich so einer meist mit "Elend" konnotierten Begrifflichkeit von Migration aus dem globalen Süden nach Europa.

Literatur



Gallais J., 1975. Pasteurs et paysans du Gourmet, la condition sahélienne. Paris, CNRS.

De Bruijn, Mirjam; van Dijk, Rijk; Foeken, Dick, 2001, Mobile Africa: Changing Patterns of Movement in Africa and Beyond, Leiden, Brill.

Hahn, H.-P. and Klute, G. (eds.) (2007) Cultures of Migration. African Perspectives. Beiträge zur Afrika-Forschung, Münster, Lit Verlag.

Lanneau, Geertrui, 2015, Migration and Development Policies and Strategies in the ECOWAS Region: the role of data, Regional workshop on strengthening the collection and use of international migration data for development, Dakar, 8-11 September.
http://www.un.org/en/development/desa/population/migration/events/other/workshop/2015/docs/
Presentation%20Migration%20&%20Development_Lanneau.pdf


Marfaing, Laurence, 2008, Migration saisonnière, va-et-vient, migration internationale ? L’exemple des Sénégalais à Nouakchott, REVUE Asylon(s), N°3, mars, http://www.reseau-terra.eu/article718.html

Marfaing, Laurence, 2009, Vom Transitraum zum Ankunftsland. Migranten im Sahara-Sahel-Raum als Entwicklungspotential: der Fall Mauretanien, In Sociologus, Thomas Faist und Gudrun Lachenmann (hrsg): Migration(s) and Developpment(s) - Transformtaion of Paradigms, organisations and Gender Order, Berlin: 67-88.

Marfaing, Laurence, 2013, Mobility for resources and local development in West Africa, in R. L. McKenzie A. & Triulzi Long Journeys: Lives and Voices of African Migrants on the Road, Leiden, Brill Aegis African Studies: 135-163.

Marfaing, Laurence, 2015, « Importations de marchandises chinoises et mobilité sous régionale en Afrique de l’ouest », Cahiers d’Etudes Africaines, 218 : 359-379.

OIM, International Migration law, Glossary of Migration, http://www.iomvienna.at/sites/default/files/IML_1_EN.pdf (17.11.2016)

Tarrius, Alain, 2010, « Les nouveaux cosmopolitismes migratoires d’une mondialisation par le bas », in Bancel, N. et all. (ss la dir), Ruptures postcoloniales. Les nouveaux visages de la société française, Paris: 415-428.

UN, Learning to Live Together, Glossary of Migration Related Terms, Migrant / Migration, http://www.unesco.org/new/en/social-and-human-sciences/themes/international-migration /glossary/migrant/ (17.11.2016).

Wihtol de Wenden, Catherine, 2009, La Globalisation humaine, Paris.


Fußnoten

1.
Le Monde, 29.5.2014.
2.
UN (2013). Seit 2015, bzw. der sogenannten "Flüchtlingskrise in Europa", sind die Zahlen zum afrikanischen Anteil an den globalen Migrationsbewegungen nicht aktualisiert worden.
3.
Die Westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft (Englisch: Economic Community of West African States, kurz ECOWAS) umfasst 15 westafrikanische Staaten: Benin, Burkina Faso, Elfenbeinküste, Gambia, Ghana, Guinea, Guinea-Bissau, Kap Verde, Liberia, Mali, Niger, Nigeria, Senegal, Sierra Leone und Togo.
4.
Schätzung ILO (2014). Andere Quellen gehen von einer Bevölkerung von 335 Millionen Einwohner aus: http://inafrica24.com/modernity/ecowas-outlook-2015-gdp-growth-projected-7/#sthash.WrJjPPbz.FJQAVlX5.dpbs
5.
Es gibt keine allgemein akzeptierte Definition von Migrant bzw. Migration. Als "Migrant" – in Abgrenzung zum "Flüchtling" – gelten gewöhnlich diejenigen, die ohne äußeren Zwang sich frei entscheiden, ein besseres Leben woanders zu suchen (OIM 2016, S. 40; Withol de Wenden 2009, S. 15). Nach der UN-Definition gilt als Migrant diejenige Person, die länger als ein Jahr außerhalb ihres Geburtslandes lebt, unabhängig von den Gründen und den regulären oder irregulären Wegen der Migration.
6.
OIM (2016).
7.
Marfaing (2008).
8.
Gallais (1974).
9.
De Bruijn et al. (2001); Hahn/Klute (2007).
10.
Der Begriff "Ressource" schließt hier sowohl natürliche als auch technische, finanzielle sowie humane Ressourcen mit ein und umfasst damit zum Beispiel auch technische und sonstige Kenntnisse, soziale Beziehungen und Netzwerke, finanzielle Mittel.
11.
Über der Tatsache hinaus, dass Händlerinnen ihre eigene Netzwerke bilden, werden nicht selten Eheschließungen von Töchtern mit Geschäftspartnern oder mit entfernten Verwandten im Ausland begünstigt.
12.
Marfaing (2008; 2009; 2013).
13.
Marfaing (2015).
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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Laurence Marfaing für bpb.de
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