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13.7.2017 | Von:
Kornelius Ens

Religiosität unter Russlanddeutschen

Geschichte, religiöse Identität und Integration

Die überwiegende Mehrheit der Russlanddeutschen hat ein lutherisches oder katholisches Bekenntnis, partizipiert allerdings kaum am Angebot der Kirchen. Ein Teil der religiösen Russlanddeutschen hat in der Bundesrepublik Deutschland Freikirchen gegründet. Deren Gottesdienste finden wiederum großen Zuspruch. Welchen Stellenwert hat Kirche heute für Russlanddeutsche? Wieso gründen Russlanddeutsche eigene religiöse Gemeinden in Deutschland?
Russlanddeutsche Künstler stellen in Lahr ausKohlezeichnungen auf Packpapierfahnen hängen am 1.12.2003 in der Martinskirche von Lahr-Dinglingen (Ortenaukreis). Die Arbeiten des russlanddeutschen Künstlers Nikolaus Rode sind Teil einer Ausstellungreihe von zehn russlanddeutschen Künstlern in zehn Kirchen in und um Lahr, die unter dem Motto, " Nach Hause kommen", bis 14. Dezember zu sehen ist. Mit den Ausstellungen soll das Verständnis für die Aussiedler geweckt und gestärkt werden. In und um Lahr leben zahlreiche Spätaussieder aus der ehemaligen Sowjetunion. (© picture-alliance/dpa)

Inwiefern war das konfessionelle Bekenntnis von Russlanddeutschen ein Motiv für die Auswanderung nach Russland?

Als Russlanddeutsche werden Nachkommen jener Deutschen bezeichnet, die im 18. und 19. Jahrhundert der Einladung Katharinas II. (1729–1796) folgten und Gebiete im Russischen Reich besiedelten. Im Jahr 1763 hatte die Zarin "allen in Unser Reich ankommenden Ausländern" staatliche Hilfen und Selbstverwaltungsmöglichkeiten, die Befreiung von der Militärpflicht sowie Religionsfreiheit in Aussicht gestellt.[1]

Ein wichtiges Auswanderungsmotiv ist zwar in dem Wunsch nach wirtschaftlichem Aufstieg zu sehen. Die Einladung ins Russische Reich war für Mitglieder der historischen Friedenskirche der Mennoniten, welche den Wehrdienst ablehnten, sowie für die süddeutschen Pietisten, einer evangelischen Frömmigkeitsbewegung, auch eine Chance, ihre Religion frei ausüben und die daraus abgeleiteten Ideale leben zu können.

1897 lebten 1,8 Millionen Menschen in Russland, die zu den Russlanddeutschen gezählt wurden.[2] Konfessionell nahmen sich die Deutschen im Regelfall als Gegengesellschaft zur russisch-orthodoxen Mehrheitsgesellschaft wahr. Wirtschaftliche Erfolge taten ihr Übriges, dass sich Russlanddeutsche relativ autark, stabil und exklusiv fühlten.[3]

Infolge kommunistischer Diktaturerfahrungen und der massenhaften Deportation von Russlanddeutschen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden in den 1940er Jahren russlanddeutsche Untergrundkirchen. Da viele deutschsprachige Pastoren hingerichtet oder inhaftiert worden waren, wurden mancherorts Gemeinden von Frauen geleitet. Dies war damals unüblich. Außerdem rückten angesichts der harten Repression die Kirchen näher zusammen, sodass sich konfessionsübergreifende Gemeinden bildeten. Sie setzten sich aus Lutheranern, Mennoniten, Baptisten, Adventisten, Anhängern der Pfingstbewegung und Katholiken zusammen. Ab Mitte der 1950er Jahre trat allerdings aufgrund der Ausweitung religiöser Freiheit eine Rekonfessionalisierung ein. Diese setzte den kirchenübergreifenden Tendenzen ein Ende.[4]

Die russlanddeutschen Christinnen und Christen, welche in den 1970er Jahren in die Bundesrepublik Deutschland übersiedelten und somit zu den ersten Rückwanderern zählten, gaben folgende Konfessionen an: evangelisch (41,3 Prozent), katholisch (30,8 Prozent), baptistisch (16,8 Prozent), mennonitisch (8,5 Prozent) und andere konfessionelle Gruppen (etwa 3 Prozent).[5] Die Mehrheit dieser Rückwanderer gab als Grund ihrer Ausreise die erlebte Religionsverfolgung in der Sowjetunion an. In den 1980er/90er Jahren bezogen sich die Ausreisemotive dagegen zunehmend auf wirtschaftliche und politische Gegebenheiten innerhalb der Sowjetunion bzw. der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS).[6]

Welchen Stellenwert hat Kirche heute für Russlanddeutsche?

Etwa zwei Drittel aller 2,4 Millionen in Deutschland lebenden Russlanddeutschen gehören aktuell den protestantischen Kirchen an.[7] Weitere 20 Prozent sind Mitglieder der katholischen und etwa 7 Prozent der russisch-orthodoxen Kirche.[8]

Freikirchen, welche auf eine Gemeindegründung Russlanddeutscher zurückzuführen sind, zählen etwa 100.000 Mitglieder.[9] Damit sind Freikirchen mit russlanddeutschen Gründungsstrukturen die größten in Deutschland. Aufgrund der konfessionsbedingten Ansicht, dass religiöser Mündigkeit ein hoher Stellenwert beigemessen werden sollte, findet in diesen Kirchengemeinden die Taufe – und damit die offizielle Aufnahme in die Gemeinde – im Regelfall frühestens im Jugendalter statt. Gegenläufig zu den allgemeinen Säkularisierungstendenzen, insbesondere innerhalb der Großkirchen [10], ist der sonntägliche Gottesdienst dieser freien Gemeinden, die zumeist einen mennonitischen oder baptistischen Frömmigkeitseinschlag haben, gut besucht.[11]

Wieso gründen Russlanddeutsche eigene religiöse Gemeinden in Deutschland?

Den wenigsten Russlanddeutschen, die seit den 1970er Jahren nach Deutschland eingewandert sind, bot die bundesdeutsche Konfessionslandschaft eine religiöse Heimat. Ursachen dafür waren unterschiedliche kirchenhistorische Entwicklungen sowie der Mangel an entsprechender theologischer Weiterbildung infolge der sowjetischen Diktatur. All dies zog unweigerlich die Distanzierung sowohl von den Hauptkonfessionen in Deutschland als auch generell von deren theologischen Lehrgebäuden nach sich. Diese Entfremdungstendenzen betrafen in der Regel alle christlichen Religionsgemeinschaften.

Von individualistischen Glaubenskonstruktionen der Mehrheitsgesellschaft abweichende Auffassungen und das stark auf gemeinschaftliche Normen und enge Sozialbindungen ausgerichtete Kirchenverständnis vieler Russlanddeutscher führten zu Missverständnissen auf beiden Seiten. Viele russlanddeutsche Christinnen und Christen wollten "in die Kultur zurückkehren, aus der sie zu kommen glauben. Doch in Deutschland angekommen, stellen sie fest, dass ihnen diese 'Heimat' fremd ist […und] dass ihre eigenen kulturellen Elemente, die sie mitbringen, in der 'fremden Heimat' Deutschland nicht ohne weiteres akzeptiert werden."[12]

Während der überwiegende Teil der russlanddeutschen Mitglieder der Großkirchen kaum an deren Angebot partizipierte [13], setzte vor allem in den russlanddeutschen Freikirchen die Konstruktion einer eigenen Identität ein. Für die evangelische Kirche hängt dies nach Stefanie Theis "[…] auch mit dem Selbstverständnis der evangelischen Kirchen zusammen. Zum einen erscheint die enge Verbindung von Christentum und Deutschsein problematisch: Die evangelische Kirche in Deutschland hat sich nach 1945 von ihrer deutsch-nationalen Vergangenheit distanziert. Die Russlanddeutschen wecken Reminiszenzen an die Vergangenheit. Zum anderen scheint russlanddeutsche Frömmigkeit kaum in die vorwiegend an Problemen der Moderne orientierte evangelische Kirche zu passen: In kirchlichen Stellungnahmen zur Integration von Aussiedlern wird dem Bild der nüchternen, modernen Amtskirche oft das Klischee der 'russischen Seele' gegenübergestellt, ein theologisches Verständnis russlanddeutscher Religiosität fehlt jedoch."[14] Tendenzen der Gemeinschaftsbildung durch Abgrenzung waren fester Bestandteil russlanddeutscher christlicher Frömmigkeit in der Sowjetunion gewesen. Darauf griff man nun zum Teil zurück. Es galt, eine Strategie der Heimatfindung zu entwickeln und einem Bedarf nach Sicherheiten gerecht zu werden – sozialen, theologischen und auch kirchengemeindlichen Sicherheiten. Diese Abgrenzungstendenzen gegenüber der Mehrheitsgesellschaft verursachten höchst kontroverse Diskussionen in den jeweiligen russlanddeutschen Migrationskirchen über Fragen zur gesellschaftlichen Verortung und Relevanz ihrer Freikirchen. Nicht zuletzt wegen dieser beschriebenen Abgrenzungstendenzen und ihrer historischen Ursachen erscheint es sinnvoll, Kirchengemeinden, welche überwiegend von Russlanddeutschen initiiert wurden und derzeit einen überproportional hohen Anteil an russlanddeutschen Besuchern haben, als Migrationskirchen zu bezeichnen. Wenngleich es sich selbstverständlich überwiegend um bundesdeutsche Staatsbürger handelt, kann diese Terminologie "ein nützlicher Suchbegriff [sein], der der Erfahrung von Migration eine grundlegende Verstehenshilfe zuweist".[15] In der einschlägigen Forschungsliteratur tauchen russlanddeutsche Migrationskirchen im Regelfall nicht unter dem Schlagwort "Migration und Religion" auf.

Befördert oder behindert kirchliche Gemeinschaft in Freikirchen die Integration von Russlanddeutschen?

Die Folge war, dass sich unterschiedliche Gemeinden theologisch neu orientierten bzw. neu gegründet wurden. Die individuelle Religiosität der einzelnen Gemeindemitglieder wurde, auch aufgrund theologischer Weiterbildung vieler junger russlanddeutscher Christinnen und Christen, als "[…] nicht deckungsgleich mit der institutionalisierten Theologie der Gemeinschaft"[16] der jeweiligen Migrationskirchen wahrgenommen. Dies hatte zur Folge, dass zunehmend Gemeindestrukturen geschaffen wurden, welche theologische Reflexions- und Denkräume eröffneten.

Die nächsten Generationen in den russlanddeutschen Migrationskirchen erschließen sich mit hoher Intensität theologische wie kirchengemeindliche Themenfelder und Aspekte gesellschaftlichen Zusammenlebens, häufig in bewusst kirchenübergreifender Perspektive. Dabei spielt die Bereitschaft der Migrationskirchen, an institutionell-theologischen Angeboten in der Zielgesellschaft teilzuhaben, eine bedeutende Rolle, auch für die Integration der russlanddeutschen Christinnen und Christen in die Mehrheitsgesellschaft.[17]

Die Perspektivweitung, die durch eine solche Partizipationsbereitschaft ausgelöst wird, ist für viele russlanddeutsche Christinnen und Christen häufig ein entscheidender Impuls für eigene gesellschaftsrelevante Initiativen und für engagierte Teilhabe an weiteren sozialen Handlungsfeldern.[18] Es bleibt abzuwarten, wie sich diese Entwicklungen auf die kirchengemeindliche Identität russlanddeutscher Migrationskirchen auswirkt, denn "zentrale Transformationsprozesse wie etwa der Generationenwechsel von erster zu zweiter Migrantengeneration steht den Gemeinden in der Regel noch bevor."[19]

Dieser Artikel ist Teil des Kurzdossiers Russlanddeutsche.

Zum Thema

Weiterführende Literatur

Diedrich, Hans-Christian: "Wohin sollen wir gehen…". Der Weg der Christen durch die sowjetische Religionsverfolgung. Russische Kirchengeschichte des 20. Jahrhunderts in ökumenischer Perspektive, Erlangen 2007.

Elwert, Frederik: Religion als Ressource und Restriktion im Integrationsprozess. Eine Fallstudie zu Biographien freikirchlicher Russlanddeutscher, Wiesbaden 2015.

Eyselein, Christian: Russlanddeutsche Aussiedler verstehen: praktisch-theologische Zugänge, Leipzig 2006.

Theis, Stefanie: Religiosität von Russlanddeutschen, Stuttgart 2006.

Weiß, Lothar (Hg.): Russlanddeutsche Migration und evangelische Kirchen, Göttingen 2013.
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Fußnoten

1.
Vgl. neuere historische Überblicksdarstellungen: Dalos, György: Geschichte der Russlanddeutschen. Von Katharina der Großen bis zur Gegenwart, 2. Aufl., München 2015; Krieger, Viktor: Kolonisten, Sowjetdeutsche, Aussiedler: eine Geschichte der Russlanddeutschen, Bonn 2015.
2.
Vgl. Bohn, Thomas M. u.a.: Studienhandbuch Östliches Europa, Bd. 2: Geschichte des Russischen Reiches und der Sowjetunion, Köln u.a. 2009, S. 375.
3.
Vgl. Weiß, Lothar: Migration und Siedlung der Russlanddeutschen vom Mittelalter bis zum Ende der Sowjetunion, in: ebd. (Hg.): Russlanddeutsche Migration und evangelische Kirchen, Göttingen 2013, S. 13–15.
4.
Vgl. ebd., S. 24.
5.
Löwen, Heinrich: Russlanddeutsche Christen in Deutschland. Das religiöse Erscheinungsbild russlanddeutscher Freikirchen in Deutschland, Hamburg 2014, S. 17.
6.
Vgl. Löwen, Heinrich: Deutsche Christen in Russland und in der Sowjetunion. Grundzüge des historischen und theologischen Hintergrunds russlanddeutscher Freikirchen, Hamburg 2014, S. 38-39.
7.
Theis, Stefanie: Religiosität von Russlanddeutschen, Stuttgart 2006, S. 13.
8.
Zu den Zahlenverhältnissen hinsichtlich der Konfession der Einwanderer und Einwanderinnen im Jahr 2005 siehe auch Löwen: Russlanddeutsche Christen in Deutschland, S. 18.
9.
Elwert, Frederik: Religion als Ressource und Restriktion im Integrationsprozess. Eine Fallstudie zu Biographien freikirchlicher Russlanddeutscher, Wiesbaden 2015, S. 23.
10.
Vgl. Gaßmann, Walter: Russlanddeutsche Kirchen und Gemeinden: Lutheraner, in: Weiß: Russlanddeutsche Migration, S. 88-89.
11.
Vgl. Löwen: Russlanddeutsche Christen in Deutschland, S. 18-19.
12.
Theis: Religiosität von Russlanddeutschen, S. 239.
13.
Vgl. Gaßmann: Russlanddeutsche Kirchen und Gemeinden, S. 88.
14.
Theis: Religiosität von Russlanddeutschen, S. 21-22.
15.
Dümling, Bianca: Migrationskirchen in Deutschland. Orte der Integration, Frankfurt a.M., S. 3.
16.
Elwert: Religion als Ressource, S. 300.
17.
"Dies betrifft eine Reihe von Einrichtungen, von evangelikalen Jugendwerken über Bibelschulen bis hin zu theologischen Akademien. Diese Institutionen sind, anders als die Aussiedlergemeinden, keine Migranteninstitutionen. […] So erhalten junge Aussiedler hier nicht nur theologische Deutungsschemata, die sie ermächtigen, sich kritisch mit religiösen Positionen ihrer Gemeinden auseinanderzusetzen. Die hierüber vermittelten Kontakte begünstigen auch die Entwicklung einer neuen Identität, die eine religiöse Verortung als 'Christ' über ethnische Bezüge und Traditionsbestände der Russlanddeutschen stellt. In diesem Sinne kann Religion hier als ein Element der postethnischen Vergemeinschaftung von Migranten bezeichnet werden." (Elwert: Religion als Ressource, S. 310-311).
18.
Beispielhaft seien hier Engagements aus dem Raum Ostwestfalen-Lippe erwähnt, die allesamt aus Initiativen Russlanddeutscher mit überwiegend migrationskirchlicher Sozialisation hervorgingen und teilweise mit Integrationspreisen ausgezeichnet wurden: Christliches Sozialwerk OWL (e.V.), Privates Musikzentrum Detmold (e.V.), Christlicher Sportverein Lippe (e.V.), Christlicher Schulförderverein Lippe (e.V.).
19.
Elwert: Religion als Ressource, S. 313.
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Autor: Kornelius Ens für bpb.de
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