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22.12.2017 | Von:
Albert Kraler
Marion Noack

Was sagt die Forschung über den Zusammenhang von Migration und Entwicklung?

Welche Beiträge kann Migration zur Entwicklung von Herkunfts- und Zielländern leisten? Dieser Frage wird spätestens seit der hohen Fluchtzuwanderung des Jahres 2015 (wieder) viel Aufmerksamkeit gewidmet. Eine Übersicht über zentrale theoretische Ansätze zur Erforschung des Migrations-Entwicklungs-Nexus und wichtige Ergebnisse.

Arbeiter in einem Weinanbaugebiet in Kalifornien schütten frisch geerntete Pinot Noir Trauben in eine Schüssel und kontrollieren sie, bevor die Trauben zur Presse gehen.Arbeiter bei der Weinernte in Kalifornien. In der kalifornischen Landwirtschaft sind viele ausländische Arbeitskräfte beschäftigt, die regelmäßig einen Teil ihres Einkommens an ihre in den Herkunftsländern verbliebenen Familienangehörigen schicken. (© picture-alliance, www.bildagentur-online.com)

Die Frage nach dem Zusammenhang von Migration und Entwicklung stand schon immer im Mittelpunkt der Migrationsforschung. Migration war, wie frühe Arbeiten seit Ende des 19. Jahrhunderts zeigen, mit wirtschaftlichen und damit zusammenhängenden sozialen Entwicklungsdynamiken verbunden. Diese Dynamiken waren einerseits Ursache von Migration, so der deutsch-britische Demograph Ernest Georg Ravenstein (1885, 1889), andererseits trug auch Migration entscheidend zu Entwicklungsdynamiken bei, wie Jackson Frederick Turner (1921 [1893]) am Beispiel der USA feststellte [1]. Aber erst seit den 1990er Jahren, als der Zusammenhang von Migration und Entwicklung auch auf politischer Ebene zunehmende Aufmerksamkeit erfuhr, entstanden umfassendere Arbeiten zum Zusammenhang von Migration und Entwicklung.

Wer für den Migrations- und Entwicklungsnexus einen zentralen theoretischen Rahmen sucht, wird nicht fündig werden, wenn auch die Relevanz des Zusammenhangs an sich unbestritten ist. Ob aber der Zusammenhang von Migration und Entwicklung negativ (etwa Unterentwicklung führt zu Migration, Migration verstärkt negative Entwicklungsdynamiken) oder positiv gezeichnet wird (Migration trägt zu einer Angleichung von Entwicklungschancen bei), hängt auch mit den unterschiedlichen Konjunkturzyklen von Entwicklungstheorien sowie Entwicklungen in den Sozialwissenschaften und theoretischen Ansätzen zusammen.[2]

In Anbetracht des Fehlens eines umfassenden theoretischen Ansatzes zu Migration und Entwicklung, stellen wir in vier Bereichen zentrale theoretische Konzepte und Theorien vor, die die Zusammenhänge von Migration und Entwicklung beleuchten: Erstens Forschungsansätze, die die Auswirkungen von generellen Entwicklungs- und Transformationsprozessen auf Migration beschreiben (Theorie des "Migrationsübergangs" und des "Migrationsbuckels"); dann theoretische Ansätze, die Migration mit bestehenden ökonomischen Asymmetrien erklären ("neoklassische Migrationstheorien"); Migration im Zusammenhang mit dem Ansatz von "Entwicklung als Freiheit" sowie pluralistische theoretische Ansätze, die die Wechselwirkungen von Migration auf Entwicklung und vice versa besonders auf der Mikroebene, d.h. unter Beobachtung des individuellen menschlichen Verhaltens, in den Blick nehmen.

Auswirkungen von Entwicklungs- und Transformationsprozessen auf Migration

Die bis heute einflussreichste Theorie zum Zusammenhang von Migration und Entwicklung wurde Anfang der 1970er Jahre von Wilbur Zelinksky formuliert. Nach der These der "Mobility Transition" (Mobilitätsübergang)[3] durchlaufen Gesellschaften im Zuge der Modernisierung und parallel zum sogenannten (ersten) "demographischen Übergang" (ein Ausdruck für den mit etwa der industriellen Revolution einsetzenden Trend zu höherer Lebenserwartung, geringerer Anzahl an Lebendgeburten pro Frau und geringerer Kindersterblichkeit) verschiedene Stadien der Entwicklung, die zu mehr interner und internationaler Migration führen. In unterschiedlichen Phasen dominieren jeweils unterschiedliche Muster von Migration (Land-Stadt, Stadt-Stadt, permanent vs. temporär bzw. zirkulär etc.). In der höchsten Entwicklungsstufe überwiegt schließlich die Zuwanderung gegenüber der Abwanderung.[4] Als historisches Beispiel wären die Industrialisierungs- und Proletarisierungsprozesse im Europa des 19. Jahrhunderts zu nennen, die zur "Freisetzung" von Arbeitskräften und in der Folge sowohl zu Binnen- also auch internationalen Migrationsbewegungen in Richtung der Vereinigten Staaten führten. Ein gegenwärtiges Beispiel ist die graduelle Auflösung von subsistenzorientierter Landwirtschaft, die ebenfalls die "Freisetzung" überflüssiger Arbeitskraft bedingt. Beispielsweise veranlassten die Privatisierung von Land und das Nordamerikanische Freihandelsabkommen NAFTA mexikanische Kleinbauern dazu, sich Arbeit in den USA zu suchen.[5]

In den 1990er Jahren wurde die Idee eines Mobilitätsübergangs in der Form der These eines "migration humps" ("Migrationsbuckel") weiterentwickelt.[6] Nach dieser These steigt mit zunehmender Entwicklung die Auswanderung an, da mit höherem absoluten Wohlstand und der Etablierung von MigrantInnennetzwerken Migration für größere Bevölkerungsanteile erschwinglich und realisierbar wird. Erst in einem späteren Entwicklungsstadion werden aus den Herkunftsländern Zuwanderungsländer und die Abwanderung nimmt ab.[7] Die gegenwärtigen technologischen Entwicklungen, insbesondere neue und für große Bevölkerungsanteile zugängliche Kommunikationsformen, aber auch Transportmöglichkeiten, erlauben transnationale – d.h. mehrere Länder umfassende – Lebensformen. Somit mögen sie auf der einen Seite die Notwendigkeit zu migrieren verringern. Auf der anderen Seite reduzieren sie aber auch die Kosten der Migration.
Der "Migrationsbuckel"Der "Migrationsbuckel" (PDF-Icon Grafik zum Download) (© bpb)


Migration als Ausdruck ökonomischer Asymmetrien

Verwendet man den Index der Menschlichen Entwicklung (HDI) – ein möglicher Maßstab der quantitativen Messung von Entwicklung – zeigt sich, dass Auswanderungsraten in Ländern mit niedrigem HDI geringer sind als in Ländern mit einem hohen HDI. So weisen Länder mit niedrigem HDI eine Auswanderungsrate von vier Prozent auf, verglichen mit acht Prozent in Ländern mit hohem HDI. In Subsahara-Afrika beispielsweise liegt der Anteil der AuswandererInnen an der Gesamtbevölkerung bei 2,5 Prozent, während er sich in Europa und Zentralasien auf 10,7 Prozent beläuft. Dies widerspricht der öffentlichen Wahrnehmung: In vielen Medienberichten und politischen Statements wird suggeriert, dass gerade aus armen, wenig entwickelten Ländern viele Menschen abwandern.

Von Migration als Ausdruck wirtschaftlicher Gefälle gehen auch neoklassische Migrationstheorien aus. Auf der Makroebene (dem Wirtschaftssystem) betrachten sie Migration als Ergebnis einer Ungleichzeitigkeit von Angebot an und Nachfrage nach Arbeitskräften. Regionen oder Länder mit einem großen Angebot an Arbeitskräften weisen ein niedriges Lohnniveau auf, während es sich in Regionen oder Ländern mit einem limitierten Angebot umgekehrt verhält. Diese Lohnunterschiede veranlassen Arbeitskräfte, an Orte mit höheren Löhnen zu wandern. Migration, so die Annahme, würde somit zur Herstellung eines Gleichgewichts hinsichtlich Arbeitskräfteangebot und Löhnen beitragen.[8] Tatsächlich hatten die transatlantischen Migrationsbewegungen mittelfristig eine Angleichung des Lohnniveaus zwischen europäischen Herkunftsländern und vor allem nordamerikanischen Zuwanderungsregionen zur Folge.[9] Auf der Mikroebene gehen neoklassische Migrationstheorien davon aus, dass sich das an Gewinnmaximierung orientierte Individuum (homo oeconomicus) nach einem Vergleich der Herkunfts- und möglichen Zielländer oder -regionen dafür entscheiden wird, dorthin zu migrieren, wo es die größten Vorteile zu erwarten hat.[10] Und trotz der Kritik an der Perspektive des rein rational und ökonomisch handelnden Individuums ist diese Perspektive durchaus plausibel: So hat der Bericht über die menschliche Entwicklung von 2009 gezeigt, dass MigrantInnen auf individueller Ebene bedeutende Wohlstandsgewinne erzielen können, besonders wenn sie zwischen Ländern mit niedrigem HDI in Länder mit hohem HDI migrieren.[11] Nach Angaben des Berichts über menschliche Entwicklung von 2016 ziehen mehr als 75 Prozent der internationalen Migranten in ein Land, das einen höheren HDI als ihr Herkunftsland aufweist.[12] Der Großteil der Wanderungen verläuft allerdings intraregional. Kontinentale Grenzen werden nur vergleichsweise selten überschritten.[13]

In den 1970er Jahren setzte sich Kritik gegenüber den neoklassischen Theorien und den Theorien des Mobilitätsübergangs, die beide in modernisierungstheoretischen Traditionen verwurzelt waren, durch. Ansätze des Mobilitätsübergangs wurden besonders für ihre implizite Annahme kritisiert, "vormoderne" Gesellschaften hätten keine nennenswerte Mobilität gekannt. Außerdem wurde der Fokus auf die transatlantischen Migrationsbewegungen kritisiert, die jedoch nur einen, wenn auch wichtigen, Teil der globalen Migrationen der damaligen Zeit ausmachten.[14] Migration wurde diesen kritischen Stimmen nach als Ausdruck globaler Ungleichheit und tief verwurzelter Macht- und Ressourcenasymmetrien interpretiert. Neomarxistische und strukturalistische Ansätze [15] beschrieben den durch die kapitalistische Expansion und die Einbindung peripherer Gebiete bewirkten Zwang zu migrieren und die gleichzeitige untergeordnete Einbindung von ArbeitsmigrantInnen in die Erwerbsbevölkerung der Aufnahmestaaten. Die Eingliederung der Peripherien in das kapitalistische Weltsystem führt diesen Ansätzen nach zu deren Ausbeutung und damit einer kontinuierlichen Erneuerung von Migrationspotenzialen, da Arbeitskräfte in den Peripherien "überflüssig" gemacht werden.[16]

Fußnoten

1.
Kraler, Ataç, Fanizadeh, Manzenreiter (2014).
2.
De Haas (2008).
3.
Zelinksy (1971).
4.
Siehe de Haas (2008).
5.
Samers (2010), S. 68.
6.
Martin, Taylor (1996).
7.
Kraler, Ataç, Fanizadeh, Manzenreiter (2014).
8.
Kraler, Parnreiter (2005).
9.
Kraler (2010).
10.
Kraler, Parnreiter (2005).
11.
UNDP (2009).
12.
UNDP (2017), S. 140.
13.
UN (2016).
14.
Kraler (2010).
15.
VertreterInnen sind AutorInnen wie Immanuel Wallerstein, Saskia Sassen oder Stephen Castles.
16.
Kraler, Ataç, Fanizadeh, Manzenreiter (2014).
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Autoren: Albert Kraler, Marion Noack für bpb.de
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