Koffer

22.12.2017 | Von:
Albert Kraler
Marion Noack

Was sagt die Forschung über den Zusammenhang von Migration und Entwicklung?

Migration (und Nicht-Migration) als Freiheit

Migration ist teuer. Daher ist ein Mindestmaß finanzieller Mittel notwendig, um migrieren zu können. Ebenso setzt die Möglichkeit, sich gegen eine Migration zu entscheiden, einen gewissen Entwicklungsgrad und das Nichtvorhandensein externer Faktoren voraus, die die Migrationsentscheidung grundlegend beeinflussen (z.B. Zwang zur Abwanderung aufgrund von Verfolgung oder Krieg). Nobelpreisträger Amartya Sens Verständnis von Entwicklung als Freiheit [17] liegt auf der Betonung der individuellen Möglichkeiten zur Realisierung und Entfaltung grundsätzlicher menschlicher Fähigkeiten. Die zusammen mit Martha Nussbaum vorgenommene Weiterentwicklung dieses Verständnisses hin zum "Capability"-Ansatz (Befähigungs- und Verwirklichungs-Ansatz), stellt die theoretische Grundlage des HDI dar und wurde außerdem im Bericht über die Menschliche Entwicklung 2009 konkret auf Migration bezogen: "Aus unserer Sicht bedeutet Entwicklung die Förderung der Freiheit der Menschen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, ein Konzept, das Mobilität als unverzichtbaren Bestandteil dieser Freiheit anerkennt."[18] Im Kontext von Zwangsmigration, auch "Survival Migration"[19] genannt, sind externe Faktoren so dominant, dass Migration als letzter Ausweg gesehen wird. Dies trifft klassischerweise auf Flüchtlinge und Binnenvertriebene (Internally Displaced Persons, IDPs) zu, aber auch auf andere Gruppen oder Individuen, die unter schwacher Staatlichkeit und Krisen leiden. Obwohl Fluchtmigration meist als außerhalb des Entwicklungs-Migrationsdiskurses stehendes Phänomen gesehen wird, hat auch diese Form der Migration Entwicklungsimplikationen. So können MigrantInnen und ihre Netzwerke einerseits zum Frieden und Wiederaufbau beitragen (wie beispielsweise durch finanzielle Ressourcen die lokale Bevölkerung und die soziale Infrastruktur unterstützen), aber auch durch zur Verfügung gestellte finanzielle Ressourcen oder Mobilisierung für politische Zwecke im Ausland dazu beitragen Konflikte aufrechterhalten.[20]

Insgesamt zeigt sich, dass negative Entwicklungseffekte von Migration in solchen Ländern überwiegen, die generell von ungünstigen Entwicklungsbedingungen betroffen sind und deren politisches System autoritär oder von Staatszerfallsprozessen geprägt ist und sich der Zugang zu nicht-ausbeuterischen Formen von Arbeit(smigration) als schwierig bis unmöglich erweist.[21] Der höhere Entwicklungsgrad eines Landes – demokratische Strukturen, wirtschaftliche Dynamik, Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung etc. – bedeutet also vor allem einen Rückgang der unfreiwilligen Migration, die stattfindet, wenn Menschen keinen anderen Ausweg aus ihrer Lage sehen. Gleichzeitig steigt aber, wie dargelegt, mit höherem Entwicklungsgrad die Möglichkeit zur freiwilligen Abwanderung.

Wechselwirkungen zwischen Migration und Entwicklungen auf der Haushaltsebene

Die bereits dargestellten theoretischen Ansätze, besonders die Theorien des Mobilitätsübergangs, legen den Fokus darauf, wie breitere Entwicklungsprozesse Migrationsdynamiken beeinflussen. Mit der Entwicklung neuer theoretischer Ansätze in der Migrations- und Entwicklungsforschung ab den 1980er Jahren wurde die Rolle von MigrantInnen in der Veränderung von sozialen und ökonomischen Bedingungen besonders auf der Ebene des Haushaltes im Herkunfts- und Aufnahmekontext empirisch untersucht.[22] Ansätze der New Economics of Labour Migration (NELM) und Livelihood-Ansätze in der Entwicklungsforschung betrachten, im Gegensatz zu den neoklassischen Theorieansätzen, nicht das Individuum, sondern den Haushalt oder die Familie als zentrale Einheit, die Migrationsentscheidungen mit dem Ziel trifft, das Haushaltseinkommen zu maximieren und Risiken zu streuen. Studien dieser theoretischen Perspektive verwiesen u.a. auf die hohe Bedeutung von Rücküberweisungen für ländliche Haushalte, gerade auch als Quelle von Investitionskapital für die kleinbäuerliche Landwirtschaft. Forschungsergebnisse legten nahe, dass gezielte politische Maßnahmen durchaus Entwicklungseffekte von Migration maximieren könnten.[23]

Die in den späten 1980er und 1990er Jahren erkannte Bedeutung der Netzwerke von MigrantInnen für die Selbstreproduktion von Migrationsbewegungen war der Anfang eines neuen Forschungsthemas und einer neuen theoretischen Strömung – das Entstehen transnationaler, also über das Zielland hinausgehende, Räume und Identitäten.[24] Dieser sogenannte "transnational turn" der Migrationsforschung bedeutete, dass auch den starken Verbindungen von MigrantInnen mit ihrem Herkunftsland Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Die Gegensätzlichkeit von ausschließlich "Dort-Sein" und "Hier-Sein" wurde damit aufgegeben. Für den Zusammenhang von Migration und Entwicklung war es eine wichtige Erkenntnis, dass MigrantInnen trotz ihres Lebens im Zielland mit dem Herkunftsland weiterhin in vielschichtiger Art und Weise in Verbindung stehen und zu Entwicklungsprozessen beitragen können.

Fazit und Ausblick

Viele der theoretischen Ansätze zum Zusammenhang zwischen Migration und Entwicklung sind historisch spezifisch oder können empirisch widerlegt werden, wie die neoklassischen Annahmen, dass niedrige Löhne und Armut mit einer höheren Migrationsneigung einhergehen. In diesem Beitrag wurde jedoch aufgezeigt, dass die einzelnen theoretischen Ansätze jeweils einen Beitrag zum Erkenntnisgewinn leisten und eine Kombination der Ansätze sinnvoll erscheint.

Konsens besteht darüber, dass es keine allgemeingültigen Aussagen zu den Auswirkungen von Migration auf Entwicklung gibt. Vielmehr sind die Auswirkungen kontextspezifisch und von den sozio-ökonomischen und legalen Rahmenbedingungen, dem Entwicklungskontext im Aufnahme- und Herkunftsland sowie den Beziehungen von MigrantInnen zu ihrem Herkunftsland abhängig. Ebenso besteht Einigkeit darüber, dass nicht nur mangelnde Entwicklung, sondern auch die Wahrnehmung der Verwirklichungschancen und -bestrebungen ausschlaggebend für Migrationsbewegungen ist. Auch staatliche Politik, im Zusammenspiel mit anderen strukturellen Faktoren, hat darauf bedeutende Auswirkungen. So haben Migrationspolitiken vor allem Einfluss auf die Selektivität von Migration, also die Auswahl von bestimmten Kategorien von MigrantInnen, aber nicht unbedingt auf die Migrationszahlen.[25]

Eine fundamentale Leerstelle in der Migrations- und Entwicklungsdebatte ist jedoch das Fehlen einer Debatte über den Stellenwert von Migration in Prozessen sozialen Wandels und damit zusammenhängend das Fehlen einer kritischen Problematisierung des Entwicklungsbegriffes.[26] Damit einhergeht, dass die Auswahl der Phänomene, die im Zusammenhang mit Migration und Entwicklung thematisiert werden, von den unterschiedlichen theoretischen Zugängen und dem den jeweiligen theoretischen Ansätzen zugrundeliegenden Verständnis von Entwicklung abhängen, aber auch wie Entwicklung im politischen Kontext definiert wird. Zentral ist es hier, den Unterschied von "intentionaler" (beabsichtigter) Entwicklung und generellen Entwicklungsprozessen zu beachten.[27]

Dieser Artikel ist Teil des Kurzdossiers Migration und Entwicklung.

Fußnoten

17.
Sen (1999).
18.
UNDP (2009), S. 10.
19.
Betts (2013).
20.
Nyberg-Sorensen, Van Hear, Engberg-Pedersen (2002).
21.
de Haas (2012), S. 14.
22.
Kraler, Ataç, Fanizadeh, Manzenreiter (2014).
23.
Kraler, Parnreiter (2005).
24.
Kraler, Parnreiter (2005).
25.
Hein des Haas et al (2014).
26.
Kraler, Ataç, Fanizadeh, Manzenreiter (2014).
27.
Bakewell (2012).
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Autoren: Albert Kraler, Marion Noack für bpb.de
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