Koffer

22.12.2017 | Von:
Wilfried Bommert

Landgrabbing: Wie der Hunger nach Boden die Welternährung bedroht

Private Investoren und staatliche Akteure aus Industrie- und Schwellenländern sichern sich durch Direktinvestitionen, Kaufverträge oder langfristige Pachtverträge große Agrarflächen in Entwicklungsländern – eine Praxis, die auch als Landgrabbing bzw. Landnahme bezeichnet wird. Wer sind die Drahtzieher hinter diesen Geschäften? Was treibt sie an? Und welche Konsequenzen hat die Landnahme für die Welternährung?

Der Eltern der Schüler der St. Catherine Grundschule protestieren mit Schildern mit der Aufschrift "No to Grabbers" auf einem Marsch gegen das geplante Landgrabbing des Spielplatzes der Schule in Nairobi in Kenia.Der Eltern der Schüler der St. Catherine Grundschule protestieren mit Schildern mit der Aufschrift "No to Grabbers" auf einem Marsch gegen das geplante Landgrabbing des Spielplatzes der Schule in Nairobi in Kenia. Eine private Invetorenfirma möchte das Land übernehmen, das eigentlich der Schule gehört. (© picture-alliance/dpa, Dai Kurokawa)

"Im Boden liegt zu Beginn des 21. Jahrhunderts mehr Profit als auf den Goldfeldern", so behaupten die Fundamentalisten der Finanzmärkte. Das heizt seit der Weltfinanzkrise 2008 die Spekulation weltweit an. In Brasilien, Afrika, Südostasien und Osteuropa liegen die "Bodenbanken" der Welt. Die Hilfs- und Entwicklungsorganisation Oxfam schätzte 2011, dass bereits eine Fläche von der Größe Westeuropas aus bäuerlichem Besitz in die Hand von Kapitalgesellschaften gewechselt sei. Land Matrix, ein Netzwerk, das nur die Verträge erfasst, die öffentlich geworden sind, listet 2017 mehr als 1.700 Landdeals auf, die 41.161.256 Hektar umfassen. Nur acht Prozent davon dient der Produktion von Nahrungsmitteln.[1] Neben den Bankern ist es vor allem die Energiewirtschaft, die große Landflächen erwirbt. Was sie treibt, ist das Ende des Rohöls, was sie interessiert, ist die lukrative Aussicht, die entstehende Lücke mit Agrosprit, Agrodiesel und Agrogas zu füllen. Der Run auf neue "Öl-Felder" wächst. Die Hälfte der Landnahme weltweit geht auf das Konto der Agrospritindustrie.[2] Neuerdings melden auch andere Industrien ihre Ansprüche an die Äcker der Welt an. Das gilt beispielsweise für Industrien, die vom Erdöl als Rohstoff abhängen, etwa die Kunststoffindustrie. Die Bundesregierung verfolgt mit den führenden Industrieländern das Ziel, in Zukunft die ehemals petrochemischen Rohstoffe für die Industrie von den Äckern zu holen. "Bioökonomie" heißt das Konzept, das Nahrungsmittelproduktion in direkte Konkurrenz mit Energie und Industrie-Rohstoffen stellt.

Fast geräuschlos hat sich zu diesem Trio der Landaufkäufer aus Finanzwirtschaft, Energie- und chemischer Industrie eine vierte Kraft gesellt: der bisher als unverdächtig eingestufte Markt für Klimagase. Seine Akteure haben die Land- und Forstwirtschaft für sich entdeckt und suchen Neuland, um über Pflanzen Treibhausgase einzusammeln. Mit Hilfe von Klimazertifikaten können die an Klimabörsen in Geldwert umgemünzt werden.

Verschärft wird die Konkurrenz um die Äcker der Welt durch Länder, für die die Frage des Bodens eine Frage des Überlebens ist. Seit der Welternährungskrise 2008 versuchen Getreidedefizit-Staaten, neues Land für die Ernährung ihrer Bevölkerungen zu finden. Zu den größten Pächtern und Käufern am Weltbodenmarkt gehört China. Das Land kann für die Ernährung seiner Menschen nur noch ein Minimum an Boden bieten, und auch das ist in Gefahr, durch die boomenden Städte, die ausufernde Industrie und das Ausbreiten der Wüsten verloren zu gehen. Nicht viel besser ist die Situation in Indien. Indien kämpft mit Wassermangel und Überbevölkerung. Bis zur Mitte des Jahrhunderts muss es 700 Millionen Menschen zusätzlich ernähren. Was auf Indien noch zukommt, ist in Japan schon Alltag. Dort hat die Landwirtschaft zwischen Bergen und Meer kaum Platz, um die eigene Bevölkerung zu ernähren. Von 1965 bis 2011 stiegen die Nahrungsimporte (in Kalorien) von 27 auf 61 Prozent des nationalen Verzehrs.[3] Das Industrieland Japan hängt damit mehr als jeder andere Industriestaat am Tropf der Weltagrarmärkte. Ähnlich ergeht es Südkorea. Hinzu kommen die Golfstaaten, in denen die Wüste kaum Ackerbau zulässt. Selbst Ägypten – einst die Kornkammer des Römischen Reiches – gelingt es nicht, im Schwemmland des Nils genügend Weizen für die eigene Bevölkerung zu produzieren. Der Importbedarf wächst und liegt schon bei mehr als 50 Prozent.

Die Jagd auf die Äcker der Welt findet nicht ohne Strategie und Planung statt. Im Fadenkreuz der Landsucher stehen "Failed States", zerbrochene oder zerbrechende Staaten. Die finden sie in Afrika ebenso wie in Südamerika, Südostasien und auf dem Territorium der ehemaligen Sowjetunion. Besonders gut läuft das Geschäft mit dem Boden in Afrika. Graziano da Silva, der Generaldirektor der Welternährungsorganisation FAO, verlangte bei seiner ersten öffentlichen Stellungnahme im Januar 2012 nach "einem Sheriff", der die unkontrollierte Landnahme in Afrika unter Kontrolle bringen solle. Aber die Kräfteverhältnisse in den UN-Organisationen sprechen dagegen. Gefördert und gestützt werden die Bodengeschäfte nicht nur von korrupten Regimes, sondern auch von internationalen Organisationen. Allen voran geht die Weltbank. Sie legte im Herbst 2010 eine Weltkarte der käuflichen Böden vor. Nach außen wurde diese Vermessung der Welt als eine Aktion im Interesse der jeweiligen Länder und Regierungen deklariert. Tatsächlich ist es ein Wegweiser für alle, die auf der Suche nach profitablem "Neuland" sind.

Auch ohne die Spekulanten ist der Boden, die Grundlage unserer Ernährung, schon knapp und er wird laufend knapper. Zum einen durch die Art, wie die industrielle Landwirtschaft mit ihm umgeht. Durch ihre Wirtschaftsweise ging bereits mehr als die Hälfte des fruchtbaren Bodens der Welt verloren. Zum anderen pumpt die industrielle Wirtschaftsweise immer mehr Wasser aus den endlichen Grundwasservorräten. Für 50 Prozent des globalen Wasserreservoirs meldet die Welternährungsorganisation "Wasserstress", das heißt, es wird mehr Wasser abgepumpt als der Regen nachliefern kann. Durch chronischen Wassermangel drohen immer mehr ehemals grüne und fruchtbare Landstriche zu verwüsten.

Verschärft wird die Lage durch den Klimawandel. Er wirkt als Brandbeschleuniger, denn er schränkt das Angebot an fruchtbarem Boden weiter ein. Den schwindenden Anbauflächen auf der einen Seite steht eine wachsende Nachfrage gegenüber. Wenn es nach der Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen FAO geht, dann müssten die Ernten weltweit in den nächsten 40 Jahren um 70 Prozent steigen, um die wachsende Zahl der Weltbürger zu ernähren. Dieser Zuwachs lässt sich kaum noch über biologisch-technischen Fortschritt erreichen, der liegt derzeit bei plus ein Prozent, während die Nachfrage um 1,8 Prozent jährlich wächst. Daraus ergibt sich noch mehr Stress für den Weltbodenmarkt und für die derzeitigen Bewirtschafter, meist Kleinbauern und deren Familien. Trotz anders lautender Zusagen bieten die Aufkäufer ihnen keine Zukunft auf dem Land. In der Folge wird die Abwanderung in das Proletariat der Städte zunehmen. Zahlen liegen bisher nicht vor, aber es lässt sich vorhersehen, dass dies ein weiterer Grund für zukünftige Migrationsbewegungen sein wird.

Statt Boden wiederzugewinnen, setzen die Bundesregierung wie auch die anderen Industriestaaten auf freiwillige Selbstverpflichtungen. Unter der Führung Japans entstanden 2012 die "Voluntary Guidelines on the Responsible Governance of Tenure of Land, Fisheries and Forests in the Context of National Food", ein Knigge in Sachen Benehmen auf dem Bodenmarkt. Doch was nützt ein freiwilliger Benimmkodex, wenn es für die einen um Milliardengewinne und für die anderen ums nackte Überleben geht?

Dieser Artikel ist Teil des Kurzdossiers Migration und Entwicklung.

Fußnoten

1.
http://www.landmatrix.org/en/get-the-idea/dynamics-overview/ (Zugriff: 17.11.2017).
2.
Carlo Hamelinck (2013): Land grabs for biofuels driven by EU biofuels policies. Juli. https://www.ecofys.com/files/files/ecofys-2013-report-on-land-grabbing-for-biofuels.pdf (Zugriff: 17.11.2017).
3.
Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (2013): Länderbericht Japan. April. http://www.bmel.de/SharedDocs/Downloads/Veranstaltungen/04-06-AUWITAG-LaenderberichtJapan.pdf?__blob=publicationFile (Zugriff: 17.11.2017).
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