Koffer

1.3.2018 | Von:
Prof. Dr. Andreas Zick

Integration ist keine Einbahnstraße – von der Integration zur Desintegration

Ein Interview mit dem Konfliktforscher Prof. Dr. Andreas Zick

Studien zeigen Tendenzen sozialer Spaltung wie zum Beispiel eine große Kluft zwischen Arm und Reich, eine Mittelschicht mit Abstiegsängsten, eine Polarisierung der Gesellschaft in Zuwanderungsfragen. In der Wahrnehmung driftet die Gesellschaft immer weiter auseinander. Rechte Parteien geben der (Flucht-)Zuwanderung eine Mitschuld an dieser Situation. Ein Anlass über gesellschaftliche Desintegration zu sprechen.

Passanten am Kölner Hauptbahnhof im März 2017. Wesentlich bei der Zuwanderung ist: Wie wird diese Zuwanderung verstanden? Wie wird sie konzipiert? Wie wird sie aufgenommen?Passanten am Kölner Hauptbahnhof im März 2017. Wesentlich bei der Zuwanderung ist: Wie wird diese Zuwanderung verstanden? Wie wird sie konzipiert? Wie wird sie aufgenommen? (© picture-alliance, Geisler-Fotopress)

Herr Zick, was bedeutet Desintegration?

Desintegration meint in unserer Forschung zunächst allgemein "Entbindung". Damit kann die Entbindung von Institutionen, aber auch die Entbindung aus sozialen Beziehungen gemeint sein. Desintegration ist demnach ein soziales Phänomen der Entbindung von Gesellschaft und Gemeinschaft.

Ist Desintegration also das Gegenteil von Integration?

Ja, Desintegration ist eigentlich genau der Gegenpol zur Integration. Menschen, die nicht integriert sind, würden wir als desintegriert bezeichnen.

Welche Formen können Desintegrationsprozesse annehmen?

Der Begriff der Desintegration wird verwendet, um Merkmale von Menschen aufzuzeigen, die als wenig mit der Gesellschaft verbunden gelten und um Prozesse des Ausschlusses nachzuzeichnen. Desintegration kann Zustand wie Prozess sein. Dies kann alle Mitglieder der Gesellschaft betreffen. Merkmale können zum Beispiel die Nicht-Teilhabe an Kultur, an Bildungs- oder Arbeitsinstitutionen oder an politischen oder kulturellen Institutionen sein. Mit Desintegration können aber auch fehlende emotionale Bindungen beschrieben werden. Das ist zunächst einmal eine generelle Beobachtung; darunter können viele Gruppen in der Gesellschaft fallen.

Wen betreffen Desintegrationsprozesse?

Der Desintegrationsbegriff betrifft alle. Wir alle können in einen Zustand gesellschaftlicher Desintegration hineingelangen. Im Kontext von Migration herrscht dafür eine höhere Wahrscheinlichkeit, weil in unserer Gesellschaft viele Gruppen nach ihrer Migrationsgeschichte unterschiedlich beurteilt werden und Migration auch mit größeren Integrationsanstrengungen verbunden ist.

Woher kommen Desintegrationstendenzen?

Es gibt immer zwei Ebenen der Desintegration: Sie kann objektiv sein, das zeigt sich zum Beispiel in einem fehlenden Zugang zu Bildung, Arbeit oder Kultur. Diese objektive Desintegration kann gemessen werden und taucht in vielen Statistiken auf. Auch Armut ist ein harter Desintegrationsfaktor. Desintegration kann aber auch subjektiv sein: Es gibt viele Menschen, nehmen wir zum Beispiel eigentlich gut abgesicherte Mitglieder von Mittelschichten, die sich subjektiv desintegriert fühlen. Ein anderes Beispiel sind Menschen, die meinen, sie hätten politisch keine Stimme und damit keine Bindung an etablierte Institutionen. Auch, wenn sie per Recht eine Stimme haben, können sie sich subjektiv desintegriert fühlen. Die Desintegration ist dann subjektiv, wenn sie die Wahrnehmung von Menschen prägt, auch wenn objektiv eventuell keine klaren Indikatoren für eine Desintegration oder Diskriminierung vorliegen. Die subjektive Dimension ist dennoch wichtig, weil sich beispielsweise viele Protestwähler subjektiv desintegriert fühlen. Sie verlieren die Bindung an die Gesellschaft und wählen deshalb Protestparteien, obwohl sie vielleicht Mittelschichtsangehörige sind. Es gibt zum Beispiel unter den dschihadistischen Tätern auch manche, denen es objektiv ziemlich gut geht, die aber von sich behaupten, dass sie diskriminiert werden.

In vielen Studien sehen wir, dass sich Menschen mit Migrationshintergrund aufgrund der Konfrontation mit vielen Vorurteilen Sorgen darüber machen, diskriminiert und damit desintegriert zu werden. Dabei sollten wir unterscheiden zwischen einer individuellen Desintegration, wenn Menschen sich also in bestimmten sozialen Beziehungen nicht integriert fühlen, und eher kollektiven Formen, das heißt wenn Menschen systematisch auf der Grundlage der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, objektiv wie subjektiv desintegriert zu werden.

Ist die hohe Zustimmung für die Alternative für Deutschland (AfD) also auch auf Desintegrationstendenzen zurückzuführen?

Das ist eine ganz interessante Frage. Dazu brauchen wir eine Definition von Desintegration und müssen nach Indikatoren für die Desintegration suchen. Würde man nur danach gehen, ob die Leute ökonomisch oder kulturell eingebunden sind, dann haben die meisten Wähler der AfD eine höhere Integrationsquote als viele andere Gruppen in der Gesellschaft. Nur circa 28 Prozent kommen laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung von Oktober 2017 aus sozial prekären Milieus. Aber auch wenn eine Gruppe gut situiert ist, kann sich daraus die Überzeugung bilden, dass man zu einer Opfergruppe gehört und mit dem subjektiven Gefühl verbinden, zu den Nicht-Gehörten, den Unterprivilegierten zu gehören. Das ist eine Dynamik für die Polarisation und Radikalisierung von Meinungen und spielt auch bei der AfD eine ganz große Rolle. Insofern ja, ein Teil der Zustimmung ist auf Desintegrationswahrnehmungen zurückzuführen, die aber auch ideologisch überlagert sind und politischen Zielen dienen sollen. Darin besteht für viele Menschen ja auch der "Zauber" und der Reiz des Populismus. Er holt Leute, die individuell die Meinung haben, ihre Stimme werde nicht gehört, ab und gibt ihnen vermeintlich eine Stimme. Aber würden wir alle Gruppen in der Gesellschaft einmal miteinander vergleichen, dann würden wir andere Gruppen sehen, die nach objektiven Kriterien eigentlich stärker desintegriert sind.

Kann Zuwanderung Desintegrationstendenzen verstärken?

Mit Blick auf jene, die zuwandern, kann das passieren, wenn die Integration nicht gelingt. Gruppen, die die Anbindung an die Gesellschaft nicht hinbekommen, diskriminiert werden oder sich diskriminiert fühlen, können sich bewusst entbinden. Mit Blick auf jene, die einheimisch sind und Zuwanderung erleben, kann das auch der Fall sein. Zuwanderung verstärkt zunächst einmal gesellschaftliche Konfliktlagen, das heißt sie verstärkt die Auseinandersetzung um die Frage nach der Umverteilung von Ressourcen, oder die Frage nach der Identität. Die Frage "Wer sind wir?" wird neu gestellt. Jede Zuwanderung ist immer mit Interessen- und Identitätskonflikten verbunden und die meisten Konflikte wollen wir ja auch, weil Konflikte Gesellschaften verändern. Wir wollen ja eine Gesellschaft, der es immer besser geht, wo die Sicherheit immer stärker wird, die immer integrativer wird und insofern gehört genau der Konflikt um Fragen wie "Was ist Sicherheit?" und "Was ist Identität?" immer in eine Gesellschaft hinein. Einen Konfliktforscher oder einen Migrationsforscher wie mich überrascht es überhaupt nicht, wenn Zuwanderung mit Konflikten einhergeht, genauso wie wir aber auch erwarten, dass die Abschottung vor Zuwanderung noch viel größere Konflikte erzeugt. Ich würde erwarten, dass Länder, die sich komplett abschotten, in der Zukunft viel größere innergesellschaftliche Konflikte haben. Wesentlich bei der Zuwanderung ist: Wie wird diese Zuwanderung verstanden? Wie wird sie konzipiert? Wie wird sie aufgenommen?

Die meiste Zuwanderung in Deutschland trifft leider nicht auf ein Zuwanderungskonzept und daher erzeugt sie zunächst eine Überraschung, daher verunsichert sie so. Es gibt Länder, wie zum Beispiel Kanada, Australien und die Schweiz, in denen es ein Zuwanderungskonzept gibt, da reagiert man weniger verunsichert auf Zuwanderung. Wir könnten eigentlich mit Rückblick auf die Flüchtlingsimmigration meinen, Deutschland genießt ein ungeheures Ausmaß an Anerkennung in der Welt, weil das Land so viele Kriegs- und Elendsflüchtlinge aufgenommen hat. Aber genau das passiert nicht. Das heißt der Selbstwert und die nationale Identität stabilisieren sich nicht durch die Migration, und die Sicherheit nimmt nicht zu. Das liegt nach unseren Studien vor allem, dass viele Menschen Zuwanderung als einen Zustand des Kontrollverlustes, der Kontrolllosigkeit des Staates wahrnehmen. Zugleich empfinden Menschen Angst vor der Globalisierung und auch das erhöht Wahrnehmungen von Regel- und Kontrolllosigkeit. Zuwanderung koppelt sich bei solchen Ängsten leichter an Desintegrationswahrnehmungen und wird als Verlust empfunden. Einmal im Hinblick auf Zugewanderte selbst, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden und zum Zweiten, indem Stereotype und Vorurteile gegenüber Zugewanderten so stark werden, dass sich tatsächlich auch Einheimische desintegrieren und sich dann vielleicht extremistischen oder populistischen Gruppen anschließen, weil sie denken, dass Zuwanderung ihre eigene Integration in die Gesellschaft gefährdet. Das ist ein gefährlicher Zusammenhang.

Hat dies auch mit gesellschaftlichen Homogenitätsvorstellungen zu tun?

Absolut. In Deutschland sehen wir ganz klar eine Polarisierung. In unseren Umfragen stellt ein Drittel der Menschen sich die Gesellschaft als eine homogene Gruppe vor. "Homogen" bedeutet sehr stark durch eine gemeinsame kulturelle Herkunft bzw. Nationalität geprägt. Die Frage ist eben, haben wir dem ein alternatives Konzept entgegen zu setzen? Ein Konzept, in dem es nicht primär um nationale Identität geht, das heißt um die Sicherung der nationalen Grenzen, sondern in dem Zuwanderung immer ein Element in der Entwicklung einer demokratischen Gesellschaft ist.

Kann Desintegration also auch positiv im Sinne von sozialem Wandel und Neuerungen in der Gesellschaft konnotiert sein?

Ja, allerdings sprechen wir dann in der Regel nicht von "Desintegration". Desintegration ist ein Begriff, den wir mit einer Defizitorientierung verbinden. In der politischen Psychologie entsteht gesellschaftlicher Wandel eher durch Minderheiten und nicht durch Mehrheiten. Ein Beispiel: Die Gesellschaft Deutschlands ist heute eine sehr ökologisch orientierte. In den 1970er Jahren, als sich die ersten ökologischen Gruppen und Ideen bildeten, wurden diese jedoch marginalisiert und ihnen wurde eine randständige Meinung – eine Minderheitenmeinung – zugesprochen. Wir sehen also, dass gesellschaftlicher Wandel auch durch Gruppen, die desintegriert sind, ausgelöst werden kann, vorausgesetzt, dass Integration ein wesentliches Merkmal unserer Gesellschaft ist. Das ist ein Problem, weil Studien zeigen, dass ein Drittel glaubt, dass Integration bzw. Desintegration nicht wesentlich in der Gesellschaft ist. Stattdessen seien Wettbewerb und Durchsetzen, also ökonomische Regeln, bestimmend. Und in der Ökonomie sind Integrationskriterien nicht ganz so wichtig, es sei denn, es geht um die Integration von Märkten oder in eine Organisation hinein.

Was hält eine Migrationsgesellschaft also heute (noch) zusammen?

Zum Beispiel das Konzept des "Einheimisch-Werdens". Wir gucken ja auf kommunale Kulturen und Migration ist nicht nur etwas, das von außen kommt, sondern wir haben auch eine umfangreiche Migration innerhalb Deutschlands – insbesondere zwischen Ost- und Westdeutschland. Solche Erfahrungen binden zusammen, ebenso wie interkulturelle Erfahrungen zwischen 'Einheimischen' mit oder ohne Migrationsgeschichte und Neuankömmlingen in einer Gesellschaft. Das Einheimisch-Werden-Können könnte ein Leitbild für die Einwanderungsgesellschaft sein, aber es gibt auch noch andere Konzepte. Die Friedrich-Ebert-Stiftung hat eine Leitbild-Diskussion organisiert, Kommunen und Firmen entwickeln Leitbilder. Die könnten wir ernsthafter diskutieren.

Das heißt, Leitbilder und Integrationskonzepte bzw. die soziale Arbeit auf der kommunalen Ebene würden Sie als Maßnahmen ansehen, um Desintegrationstendenzen vorzubeugen?

Ja. Desintegrationstendenzen beugt man auch vor, indem man analysiert, welche Gruppen in der Gesellschaft tatsächlich marginalisiert sind und warum sie geringe Chancen haben, für sich eine Perspektive zu entwickeln. Das liegt ja nicht unbedingt an den Personen selbst. Wir haben in unseren Studien zum Beispiel gesehen, dass Menschen, die keine Arbeit haben, ein ganz wesentlicher Indikator für die Integration fehlt. Arbeitslosigkeit ist ein Desintegrationsindikator. Die Mehrheitsgesellschaft bzw. jede zweite Person in unseren Studien sagt: "Arbeitslosigkeit ist ein individuelles Schicksal". Das heißt‚ wenn du arbeitslos bist, bist du selbst dafür verantwortlich. Daraus ergibt sich ein Teufelskreis. Wenn arbeitslose Menschen diese Sichtweise übernehmen, dann stigmatisieren sie sich selbst und werden in dem Moment handlungsunfähig.

Der beste Desintegrationsschutz ist, herauszufinden, wer tatsächlich marginalisiert ist und warum diese Gruppen keine Perspektiven haben. Das passiert im Moment: Wir haben beispielsweise für Geflüchtete massive Integrationsleistungen in den Kommunen durch die Zivilgesellschaft. Daran sieht man, dass die Integrationspotenziale in der Gesellschaft durch die Zuwanderung von Geflüchteten erst zum Tragen kamen.

Hat die hohe Fluchtzuwanderung im Jahr 2015 Ihrer Meinung nach eher zu Desintegrationstendenzen oder zu Integrationstendenzen geführt?

Desintegrationstendenzen zeigten sich darin, dass sich Leute ganz bewusst von der Gesellschaft separiert und im Rechtspopulismus eine Art Widerstandbewegung gesehen haben. Sie haben sich ganz aktiv von der Gesellschaft entbunden. Es ist nicht gut, wenn dann der Rechtspopulismus den innergesellschaftlichen Konflikt auf Kosten von bestimmten Gruppen anheizt. Zudem gab es Desintegrationserscheinungen, weil die schnelle Integration bzw. die Ansprüche daran nicht funktioniert haben. Es gab Hasskriminalität – sogenannte "hate crimes" – auf der einen Seite und auf der anderen Seite auch Flüchtlinge, die in schwere Konflikte hineingeraten sind. Dadurch gab es ein hohes Stressniveau in der Gesellschaft. Das Ausmaß an Gewalt zeigt, dass wir auch über den Zustand von Gesellschaft reden müssen. Sind wir so stark, dass wir genügend Schutz haben vor der Abwertung und Gewalt gegen Gruppen? Ein Schutz vor menschenfeindlicher Gewalt von wem auch immer wäre für mich ein wichtiger Indikator für die integrative Qualität einer Gesellschaft und ihren Zusammenhalt. Ebenso wäre die Gleichwertigkeit von Gruppen ein Indikator, der schon im Grundgesetz genannt wird. Im Grundgesetz stehen weitere Indikatoren wie zum Beispiel die Menschenwürde, die Menschenrechte und die Unversehrtheit, die wir ernster nehmen können.

Und es gibt positive Nachrichten, die wir wahrnehmen können. Wir sehen in den Kommunen starke Integrationsleistungen. Wir denken immer, Integration müsse sofort und schnell passieren. Die Migrationsforschung zeigt jedoch, dass es mehrere Jahre dauert, bis sich die Lebensverhältnisse von Zugewanderten an die der Aufnahmebevölkerung angleichen. Das ist ein längerer Prozess, der mit vielen Konflikten einhergeht. Integration ist weder ein kurzer Prozess, noch ein "ja/nein"-Zustand. Man ist nicht entweder integriert oder nicht integriert; stattdessen ist Integration ein Kontinuum.

Das Interview führte Viktoria Latz.


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