Koffer

22.2.2018 | Von:
Gesa Hune

Sprachlernklassen sind für einen erfolgreichen Bildungsweg wichtig – Erfahrungen einer Lehrerin aus dem Schulalltag

Interview mit Gesa Hune, Leiterin der Sprachförderklasse an der Erich-Maria-Remarque-Realschule in Osnabrück

Durch den vermehrten Zuzug von Geflüchteten, insbesondere seit dem Jahr 2015, stieg auch die Zahl der neu zugewanderten Kinder und Jugendlichen. Ihre Aufnahme in das Schulsystem stellt die Bundesländer vor vielfältige Herausforderungen. Die Leiterin einer Sprachförderklasse berichtet.

Schüler und Lehrerin einer Übergangsklasse arbeiten mit dem lateinischen Alphabet.Schüler und Lehrerin einer Übergangsklasse in Oberhaching/Bayern. Trotz der Namensunterschiede haben sie alle das gleiche Ziel: Sprachkenntnisse zu vermitteln, Teilhabe an Bildung zu ermöglichen und einen bestmöglichen Start in eine erfolgreiche Schullaufbahn zu eröffnen. (© picture-alliance/dpa)

Um Schüler_innen mit Fluchterfahrung bestmöglich aufnehmen und unterrichten zu können, haben sich in den einzelnen Bundesländern unterschiedliche schulorganisatorische Modelle herausgebildet, deren Ziel es ist, den Schüler_innen einen erfolgreichen Übergang in eine Regelklasse bzw. in das Berufsleben zu ermöglichen. Ein Modell sind separate Klassen für zugewanderte Schüler_innen, in denen insbesondere der Erwerb der deutschen Sprache im Mittelpunkt steht. Die Inhalte und Bezeichnungen von solchen "Willkommensklassen" unterscheiden sich von Bundesland zu Bundesland:

Während sie in Hamburg als Alphabetisierungsklassen bezeichnet werden, spricht man in Nordrhein-Westfalen von Vorbereitungsklassen und in Niedersachsen von Sprachlernklassen oder Sprachförderklassen. Trotz der Namensunterschiede haben sie alle das gleiche Ziel: Sprachkenntnisse zu vermitteln, Teilhabe an Bildung zu ermöglichen und einen bestmöglichen Start in eine erfolgreiche Schullaufbahn zu eröffnen. Ein wichtiger Aspekt dabei ist, die Schüler_innen möglichst schnell in den Regelunterricht der Schulen zu integrieren. Wie der Alltag in einer Sprachförderklasse in Osnabrück (Niedersachsen) aussieht, beantwortet die Lehrerin Gesa Hune im Interview mit der Redaktion von focus Migration.

Frau Hune, wie kam es dazu, dass Sie Leiterin einer Sprachförderklasse geworden sind?

Ich habe Geschichte und Deutsch auf Lehramt studiert und im Anschluss an einer Osnabrücker Haupt- und Realschule in Regelklassen unterrichtet. Als die Kollegin, die dort die Sprachlernklasse unterrichtete, in Pension ging, habe ich diese Klasse übernommen. Ich habe mich dann gleich im ersten Jahr dahingehend weiterqualifiziert und mehrere Fortbildungen gemacht. Das war vor fünf Jahren. Danach habe ich die Sprachförderklasse anderthalb Jahre lang geleitet und bin, als die Schule geschlossen wurde, mit der ganzen Klasse in die Erich-Maria-Remarque-Realschule umgezogen, wo ich seit dreieinhalb Jahren unterrichte.

Können Sie bitte kurz das Konzept einer Sprachförderklasse beschreiben?

Die Sprachförderklassen sehen gemäß des Erlasses für die "Förderung von Bildungserfolg und Teilhabe von Schülerinnen und Schülern nicht-deutscher Herkunftssprache" des Landes Niedersachsens vor, dass ein Jahr lang intensive Deutschförderung betrieben wird, wobei auch auf die gesellschaftliche Integration der fremdsprachigen Schüler_innen hingearbeitet werden soll. Der Erlass gibt ziemlich klar den Umfang der Klassen sowie der Unterrichtszeit vor. In der Regel werden 16 Schüler_innen betreut, wobei die Schulen mit Sekundarstufe 1 dafür 30 Förderstunden zugewiesen bekommen und die Grundschulen 23. Es wird empfohlen, die Schüler_innen nach sechs bis zwölf Wochen auch schon am Unterricht der Regelklassen teilnehmen zu lassen. Bei uns ist es sogar so, dass sie schon vom ersten Tag an in ihre Bezugsklasse eingegliedert werden, indem sie am Sportunterricht teilnehmen. Das funktioniert relativ gut, weil dort nicht unbedingt die deutsche Sprache benötigt wird, zumindest nicht in dem Ausmaß, wie in anderen Fächern. Je nach Stand ihrer Deutschkenntnisse gehen die Schüler_innen dann nach sechs bis zwölf Wochen in einigen anderen Fächern mit in die Regelklasse. In der Regel ist es so, dass die Schüler_innen am Jahresende die eine Hälfte der Zeit in der Regelklasse verbringen und die andere Hälfte in der Sprachlernklasse, also etwa 15 oder 16 von insgesamt 30 Wochenstunden. Am Ende des Jahres führen wir dann ein Übergabegespräch. Wenn wir den Eindruck haben, dass die Schüler_innen hier einen Realschulabschluss erwerben können, besuchen sie unsere Schule weiter. Ansonsten gebe ich, weil ich die Jahrgangsstufen neun und zehn betreue, auch einige Schüler_innen an die Berufsschulen ab.

Wie gestaltet sich dieses "Hinarbeiten auf die Integration" der Schülerinnen und Schüler?

Um einen Grundwortschatz aufzubauen und zu üben, beispielsweise im Bereich der Lebensmittelkunde, geht meine Kollegin, die hier an der Schule Hauswirtschaft unterrichtet, zum Beispiel ein paar Stunden mit den Schüler_innen einkaufen oder kocht mit ihnen. Wir gehen also praktisch an die Sprachförderung heran, genauso wie wir darauf achten, dass die Schüler_innen Fächer wie Kunst haben, die nicht nur Kopfarbeit beinhalten, sondern wo Sprache eher über das Tun erlernt wird.

Wie viele Kinder gehen momentan in Ihre Sprachförderklasse? Können die Kinder zu jedem Zeitpunkt im Schuljahr zur Klasse hinzuzustoßen oder sie verlassen?

Seit Beginn des Schuljahres im Sommer 2017 besuchen 16 Schüler_innen meine Klasse und damit ist die Grenze erreicht. In den Vorjahren, als die Anzahl der Zugewanderten noch geringer war als heute, stießen einige Schüler_innen erst im Laufe des Jahres zur Klasse hinzu. Da die Schüler_innen nur ein Jahr in der Sprachlernklasse blieben, wurde entsprechend immer im Laufe des Jahres ein Platz wieder frei und konnte neu besetzt werden. Im Moment handhaben wir es so: Wenn die Sprachlernklassen voll sind, werden die Schüler_innen, die im Laufe des Jahres dazu stoßen, in die Regelklassen eingeschult und es werden sogenannte Förderkurse gebildet, bei denen die Schüler_innen stundenweise aus dem Regelunterricht herausgezogen werden, um den deutschen Grundwortschatz vermittelt zu bekommen. Dies sehe ich allerdings für die Altersklasse, die wir hier an der Schule haben (15-16-Jährige) und auch angesichts der Erfahrungen, die einige der Schüler_innen auf der Flucht gemacht haben, als echte Herausforderung an. Bei manchen Schüler_innen merken wir dann, dass sie sich deutlich schwerer tun als die Schüler_innen in den Sprachlernklassen, weil alles auf sie einstürzt und sie nicht gleich alles verstehen. Der Erwerb des Deutschen dauert so deutlich länger als in der Sprachförderklasse und dementsprechend ist auch der Bildungserfolg nicht so hoch. Häufig müssen diese Schüler_innen die Klasse wiederholen, was sie natürlich sehr frustriert. Ich habe das Gefühl, dass die Schüler_innen aus der Sprachlernklasse einen einfacheren Start haben, sich mehr zutrauen und natürlich auch schon mehr verstehen, weil sie mit einem ganz anderen Deutschkenntnisstand in den Regelunterricht gehen.

Welches sind die häufigsten Herkunftsländer in Ihrer Klasse?

Meine 16-köpfige Klasse setzt sich aus zehn Schüler_innen aus Syrien und dem Irak und sechs Schüler_innen aus Bulgarien, Albanien, Russland, Pakistan und Polen zusammen. Das war in den letzten Jahren eigentlich noch gemischter, was die Arbeit manchmal etwas erleichtert hat, weil die Schüler_innen Deutsch sprechen mussten, um überhaupt untereinander kommunizieren zu können. Die Schüler_innen aus den arabischsprachigen Ländern verfallen untereinander schneller mal ins Arabische. Da merke ich schon, dass ihre Bereitschaft, Deutsch zu lernen, sinkt, weil sie sich ja gut verständigen können. Da muss ich mehr Anreize schaffen. Aber es passiert auch, dass die anderen Klassenkamerad_innen die Arabisch sprechenden Schüler_innen dazu auffordern, auch Deutsch zu sprechen.

Entsprechen die Schüler_innen, die Ihre Sprachförderklasse besuchen, den Altersklassen, die die neunte und zehnte Klasse einer Realschule besuchen?

Ja, da ist Osnabrück jedoch eine Ausnahme. Wir haben uns vor einigen Jahren mit allen Schulen, die Sprachlernklassen hatten, zusammengesetzt und überlegt, welche Aufteilung Sinn macht. Laut oben genanntem Erlass ist es so, dass in einer Klasse Schüler_innen von Jahrgangsstufe fünf bis zehn zusammen lernen sollen und an vielen Schulen im Land Niedersachsen ist das auch so, einfach weil es nur wenige Sprachlernklassen gibt und man ja alle Schüler_innen irgendwie unterbringen muss. Aber in Osnabrück waren die Zuwandererzahlen immer schon so hoch, dass wir die drei bis vier Sprachförderklassen, die wir damals hatten, gut füllen konnten und sie deshalb in Altersstufen bzw. Doppeljahrgänge einteilen konnten. Mittlerweile gibt es eine zentrale Stelle der Stadt Osnabrück, die die Schüler_innen "sammelt" und dann den Schulen zuweist, die eine Sprachlernklasse für die entsprechenden Jahrgänge haben. Diese sind dann Schüler_innen dieser Schule und nehmen dort am Regelunterricht teil. Das bedeutet, wir nehmen keine Sprachlernschüler_innen auf, die jünger als 14 oder 15 Jahre alt sind, solange in der Sprachlernklasse für diese Altersgruppe an einer anderen Schule noch ein Platz frei ist. Das ist allein von der pädagogischen und disziplinarischen Arbeit deutlich einfacher, weil die Konflikte zwischen Jahrgang fünf und zehn immens sind. Die älteren Schüler_innen fühlen sich permanent gestört, die jüngeren Schüler_innen fühlen sich immer unterlegen und es gibt nur Streit. Als Lehrer ist man dann nur dabei, irgendwelche Konflikte zu lösen. Das war damals eine gute Entscheidung. Ich weiß, dass andere Schulen in Niedersachsen es anders machen und die Schüler_innen nach Sprachniveau einteilen, aber dieses permanente Lösen von Konflikten zwischen den einzelnen Altersstufen stört meiner Meinung nach die komplette Lernatmosphäre. Wenn wir einen Schüler haben, der eigentlich in dem Alter ist, in dem er die zehnte Klasse besuchen müsste, wir aber merken, dass er noch nicht für den Abschluss am Ende des Schuljahres bereit ist, stufen wir ihn aber auch eine Klassenstufe herunter. Das ist allerdings ein Sonderfall, der nur im Abschlussjahrgang eintritt.

Wie wird das Sprachniveau der Schüler_innen festgestellt? Gibt es dafür spezielle Tests?

Ich selbst mache keine standardisierten Tests, aber es gibt Beobachtungsverfahren, die ich relativ gut einsetzen kann. Da ist zum einen die "Niveaubeschreibung Deutsch als Zweitsprache", die im Projekt "Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund (FörMig)" der Universität Hamburg entwickelt wurde und an den Europäischen Referenzrahmen für Sprachen angelehnt ist, bei der Kompetenzen auf den unterschiedlichen Lernstufen genau beschrieben werden. Es geht dabei nicht nur um den mündlichen Ausdruck der Schüler_innen, sondern auch um die Lesekompetenz. Dabei handelt es sich um einen Beobachtungsbogen, den ich im Unterricht, zum Beispiel in einer Gesprächsrunde, neben mich legen kann und anhand bestimmter grammatikalischer Phänomene beobachten kann, auf welcher Niveaustufe sich der oder die Schüler_in aktuell befindet. Zum zweiten gibt es die Profilanalyse, wo wir anhand eines quasi-natürlichen Gesprächsanlasses, zum Beispiel in Form einer Bildergeschichte, zu der die Schüler_innen dann etwas erzählen sollen, ihr Sprachniveau prüfen. Anhand von Transkriptionen – die Gespräche werden im Idealfall aufgezeichnet – prüfen wir dann: Was kann der oder die Schüler_in? Wie baut er oder sie Sätze? An welcher Stelle steht das Verb? Daran kann man den Sprachstand ziemlich gut feststellen, weil sich herausgestellt hat, dass der Gebrauch gewisser grammatikalischer Phänomene auch einen gewissen Wortschatz mit sich bringt. Und dann kann man immer wieder Bezug zum Referenzrahmen für Sprachen nehmen und das Sprachniveau der Schüler_innen den Stufen A2, B1 usw. zuordnen.

Gibt es einheitliches Unterrichtsmaterial, das landesweit genutzt wird?

Nicht wirklich. Es gibt Schulbücher für Deutsch als Zweitsprache, die aber häufig noch an Deutsch als Fremdsprache (DaF)-Bücher angelehnt sind. Da hat sich zwar in den letzten zwei Jahren viel getan, die Bücher fangen aber häufig immer noch mit Themen an, die zwar den Lebensweltbezügen der gleichaltrigen deutschen Schüler_innen entsprechen, aber nicht unbedingt denen der neu Zugezogenen.

Erstellen Sie selbst auch Unterrichtsmaterial?

Ja, ich erstelle relativ viel Material selbst, weil ich gerade am Anfang viel mit sogenannten Flashcards arbeite, um mit den Schüler_innen Wort und Bild-Zuordnungen zu üben. Ich erschaffe dann Situationen, in denen die Schüler_innen mit mir kommunizieren müssen, zum Beispiel indem sie lernen, sich vorzustellen. Zusätzlich arbeite ich mit einem Schulbuch, das wir nach einer Idee einer Schule aus Schleswig-Holstein erstellt haben. Die Schule hat ein Schulbuch als Grundlage genommen und anhand dessen einen Arbeitsplan für die Schüler_innen erarbeitet. Da gibt es unterschiedliches Material: ein Schulbuch, ein Arbeitsbuch und einen Intensivtrainer, in dem gewisse sprachliche und grammatikalische Phänomene noch einmal extra geübt werden. Wir haben dieses Material durch eigenes Material zu bestimmten Themenfeldern ergänzt. Das so entstandene Buch gibt den Schüler_innen einen roten Faden, zumal wir gemerkt haben, dass die Jugendlichen, speziell diejenigen aus Syrien, es gewohnt sind, mit einem Buch zu arbeiten und durch einen Mix an Arbeitsblättern und Büchern eher überfordert sind. Aber auch für mich ist der rote Faden hilfreich, denn so orientiere ich mich an einer festgelegten Reihenfolge. Der Vorteil an diesen Arbeitsplänen ist, dass einige Schüler_innen schneller arbeiten können, während andere vielleicht länger brauchen. Es gibt also kein richtiges Kerncurriculum wie für die anderen Fächer, aber zumindest curriculare Vorgaben. Das macht Sinn, weil das Unterrichten von Geflüchteten beziehungsweise Zugewanderten für viele Kolleg_innen neu ist und sie nun genaue Vorgaben haben, an denen sie sich orientieren können.

Wird versucht, niedersachsenweit in etwa homogene Ausgangslagen für den Übergang in die Regelklasse zu schaffen?

Laut oben genanntem Erlass sollen die Schüler_innen das Sprachniveau A2 erreichen, B1 wäre von Vorteil. Das ist eine Vorgabe, die der Großteil der Schüler_innen nach der Sprachlernklasse erfüllt. Bei einigen wenigen fehlt allerdings bei ihrer Ankunft die basale Lesekompetenz, sodass diese wohl nie an das Lesevermögen muttersprachlich deutscher Schüler_innen herankommen werden.

Wird der Lernstand der Schüler_innen dokumentiert?

Ja, die Landesschulbehörde hat vor einem Jahr einen Ankreuzbogen herausgegeben, der die Beschreibung der Referenzstufen kurz zusammenfasst. Das mache ich alle zwei Monate. Zusätzlich schreiben wir einen Zeugnisanhang, in dem die Kompetenzen der Schüler_innen in Lesen, Schreiben und Hörverstehen beschrieben werden.

Wo sehen Sie Herausforderungen im Alltag? Gibt es Konfliktsituation zwischen den Schüler_innen aus unterschiedlichen Herkunftsländern?

Ich will das gar nicht an bestimmten Nationen festmachen. Es gibt gewisse Bildungsschichten, die hierherkommen, die manchmal eine Überheblichkeit mitbringen. Da wird sich dann zum Beispiel über schwache Lerner_innen mit geringem Lernstand lustig gemacht. In diesen Fällen brauche ich häufig lange, um zumindest einen vernünftigen Umgang untereinander zu erarbeiten. Hinzu kommt das mangelnde Demokratieverständnis mancher Schüler_innen. Auch beim Thema Toleranz denke ich, dass noch eine Aufgabe auf uns als Gesellschaft zukommt, weil die Jugendlichen einfach mit einer anderen Sozialisation zu uns kommen und wir andere Werte haben, die wir uns lange erkämpft haben und für die wir jetzt neu kämpfen müssen. Das macht meiner Meinung nach auch für die Gesellschaft Sinn, weil dadurch geprüft werden kann, ob diese Werte überhaupt noch aktuell sind. Da kann ich als Lehrerin natürlich mit einwirken, aber letztlich habe ich die Schüler_innen auch nur zwei Jahre, bis sie die Schule wieder verlassen.

Gab es besondere Momente im Schulalltag, die Sie positiv überrascht haben bzw. Ihnen im Gedächtnis geblieben sind?

Positive Momente sind immer wieder die, in denen ich Texte von ehemaligen Schüler_innen aus der Sprachlernklasse lese, die jetzt die Regelklasse besuchen, die mich wirklich beeindrucken. Daran sehe ich, wie gut sie sich ausdrücken können und was sie für weitere Fortschritte machen und das ist sehr schön. Ein anderer Punkt sind Werte, die in unserer Gesellschaft irgendwie verloren gehen und die uns die ausländischen Schüler_innen zum Teil wieder in den Fokus bringen. Zum Beispiel bröckelt die Familie bei uns ja so ein bisschen auseinander: Von deutschen Schüler_innen höre ich oft, dass zuhause nicht mehr gemeinsam gegessen wird und wenn dann nur vor dem Fernseher. Es wird auch nicht mehr viel miteinander gesprochen. Wenn dann die zugewanderten Schüler_innen erzählen, welche enorme Bedeutung die Familie für sie hat, finde ich das sehr schön. Da kommt es zwar manchmal auch zu Schwierigkeiten, zum Beispiel, wenn die Schüler_innen von der Schule fernbleiben, um ein Familienmitglied im Krankenhaus zu besuchen. Aber aus ihrer Sozialisation heraus ist die Familie nun einmal oberstes Gebot. Das sind immer die positiven Momente, die uns meiner Meinung nach auch bereichern.

Was schätzen Sie, wie vielen Kindern gelingt der Übergang in die Regelklasse? Bildet die Förderklasse eine gute Basis für den späteren Schulerfolg?

An unserer Schule gelingt sicherlich 95 Prozent der Schüler_innen der Übergang. Zwar gibt es auch Schüler_innen, die sich in der Regelklasse nicht wohl fühlen oder überfordert sind und dann nach ein paar Monaten oder auch erst nach einem Jahr die Schule abbrechen oder an die Berufsschulen wechseln. Dem Großteil gelingt der Übergang aber recht gut, zumal wir auch darauf achten, dass dieser fließend ist. Dadurch, dass die Schüler_innen immer öfter mit in die Bezugsklasse gehen, lernen sie diese langsam kennen, sodass sie ihnen beim endgültigen Übergang nicht mehr fremd ist. Außerdem kommen in den ersten Tagen im Rahmen eines Tandemprogramms Schüler_innen aus der Bezugsklasse in die Sprachlernklasse, um die Schüler_innen kennen zu lernen und dann in den Sportunterricht mitzunehmen. Dabei ist jeweils ein Schüler der Regelklasse Pate bzw. Patin für einen Schüler der Sprachlernklasse.

Gibt es Beratungs- bzw. Unterstützungsangebote seitens des Landes oder anderer Akteure, auf die Sie als Lehrerin zurückgreifen können?

Ja, da gibt es ganz viel. Das niedersächsische Landesinstitut für schulische Qualitätssicherung bietet große Fortbildungen im Frühjahr und im Herbst an, die jeweils eine Woche in den Ferien und zwei halbe Wochen in der Schulzeit stattfinden, sodass man zu dem kompletten Thema einen guten Input bekommt. Zudem bietet die Universität Osnabrück regelmäßig über das Kompetenzzentrum für Lehrerfortbildung kleinere Fortbildungen an, die auch Einzelthemen herausgreifen. Zusätzlich hat das Beratungs- und Unterstützungssystem der Landesschulbehörde sogenannte Sprachbildungszentren eingerichtet. Dort werden Lehrer_innen zu Berater_innen für Sprachbildung und interkulturelle Bildung ausgebildet, um zum Beispiel in Dienstbesprechungen an den verschiedenen Schulformen über Themen wie sprachsensiblen Fachunterricht, den Umgang mit Traumatisierungen oder Konfliktbewältigung zu informieren. Ich selbst habe diese Ausbildung auch gemacht. Neben den Beratungen werden schulinterne oder schulübergreifende Lehrerfortbildungen mit dem ganzen Kollegium oder kleineren Fachgruppen, die DaZ unterrichten, angeboten. Man kann die Berater_innen aber auch in Einzelfällen dazu rufen, um Schwierigkeiten zu beseitigen.

Das Interview führte Viktoria Latz.

Dieser Artikel ist Teil des Kurzdossiers Perspektiven auf die Integration von Geflüchteten in Deutschland.


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