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28.5.2018 | Von:
Ute Koch

Integrationstheorien und ihr Einfluss auf Integrationspolitik

Was ist eigentlich "Integration" und wie funktioniert sie? Ein Überblick über zentrale Integrationstheorien und ihren Einfluss auf die Integrationspolitik.

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Über die Frage, was "Integration" eigentlich ist und wie sie funktioniert wird gesellschaftlich viel diskutiert. Die Migrationsforschung bietet verschiedene Integrationstheorien an, die teilweise auch von der Politik aufgegriffen werden.Über die Frage, was "Integration" eigentlich ist und wie sie funktioniert wird gesellschaftlich viel diskutiert. Die Migrationsforschung bietet verschiedene Integrationstheorien an, die teilweise auch von der Politik aufgegriffen werden. (© picture-alliance, Eventpress)

Eine für die Migrationsforschung zentrale Problemstellung ist die Integration von Migrant_innen. Dabei stützt sie sich auf unterschiedliche Theorien und Begriffe. Gegenwärtig werden neben dem Konzept der Assimilation, das der Inkorporation oder die Unterscheidung von Inklusion und Exklusion verwendet.[1] Auf welche Weise Integration dabei gefasst wird, trägt wesentlich dazu bei, wie Migration und ihre Folgen wahrgenommen und welche politischen Mittel für ihre Bearbeitung gefordert werden.

Von Assimilationstheorien...

Die ersten theoretischen Erklärungsversuche der Migrationsforschung nehmen ihren Ausgang in der Auseinandersetzung mit den großen Einwanderungsbewegungen in die USA im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Das Einfügen von Zuwanderer_innen in die Aufnahmegesellschaft wurde – ganz in der Tradition sozialwissenschaftlicher Evolutionstheorien – als ein fortschreitender Prozess gefasst, an dessen Ende die vollständige Anpassung (Assimilation) steht.[2] Später entstanden stärker ausdifferenzierte Assimilationsmodelle.[3] Assimilation verläuft in diesen Modellen nicht mehr linear und unvermeidlich; sie ist auch abhängig von der Bereitschaft im Zuwanderungsland, die gesellschaftliche Partizipation der Migrant_innen zuzulassen.[4]

...zum Modell des 'ethnischen Pluralismus'

Das Leitbild der Assimilation ist vor allem aufgrund seiner ethnozentristischen, homogenisierenden Grundhaltung kritisiert worden, die faktisch eine einseitige Anpassung von Migrant_innen an eine 'Kerngesellschaft' fordert. In den 1960er Jahren verloren Assimilationsmodelle, ausgelöst durch die Bürgerrechtsbewegungen, schrittweise ihre Bedeutung und wurden durch das Gegenmodell des 'ethnischen Pluralismus'[5] verdrängt. Dieses Modell geht von einer Beibehaltung ethnischer Besonderheiten von Gruppen in modernen Gesellschaften aus. Auf diesen Konzepten beruhen integrationspolitische Ansätze, die die Anerkennung und den Schutz ethnischer und kultureller Unterschiede betonen und sich gegen einen "Druck" zur Assimilation wenden. Von einer solchen explizit multikulturellen Integrationspolitik haben inzwischen Staaten wie beispielsweise die Niederlande Abstand genommen. In der Migrationsforschung steht der Ansatz in der Kritik, weil er ethnische und kulturelle Gemeinschaften als homogene Gruppen versteht. Diese essentialistische Vorstellung dient z. B. auch rechtsnationalen Bewegungen als argumentative Grundlage einer ausgrenzenden Identitätspolitik.[6]

Integrationssoziologische Ansätze der deutschsprachigen Migrationsforschung

In der deutschsprachigen Migrationsforschung wurden erstmals in den 1970er Jahren und frühen 1980er Jahren umfassende Konzepte einer Migrations- bzw. Integrationssoziologie vorgelegt. Sie griffen auf Konzeptionen der US-amerikanischen Soziologie zurück und modifizierten diese. Zu den Pionierarbeiten zählen vor allem die Veröffentlichungen von Hoffmann-Nowotny (1973) und Esser (1980).

Von Hoffmann-Nowotny stammt unter anderem die Unterschichtungsthese, die heute zum Alltagsvokabular der wissenschaftlichen oder politischen Auseinandersetzung mit Migrations- und Integrationsfragen gehört. Unterschichtung meint, dass Migrant_innen in die untersten Positionen des sozialen Schichtungsgefüges eintreten, während die 'Einheimischen' neue, höhere Positionen besetzen. Zu beobachten sind solche "Fahrstuhleffekte" beispielsweise am Arbeitsmarkt. Anders als die prominente Unterschichtungsthese sind Hoffmann-Nowotnys theoretischen Ansätzen zur Erklärung von Migration und Integration in den Hintergrund geraten.[7] Deutlich mehr Einfluss auf das in der deutschen Integrationspolitik herangezogene Verständnis von Integration hatte die Theorie des Mannheimer Soziologen Hartmut Esser. Essers handlungstheoretisches Modell orientiert sich an einer kognitiven Theorie des Handelns und Lernens von Individuen.[8] Entsprechend versteht er Handlungen als rationale Entscheidungen von Akteur_innen, die ihren individuellen Nutzen maximieren wollen. Die mit Migration verbundenen Problemstellungen (wie z.B. der Erwerb von Sprachkompetenz und Bildungsqualifikationen oder die Beteiligung am primären Arbeitsmarkt) versteht er somit als individuelle Anpassungsleistung. Im Prozess der Assimilation unterscheidet Esser zwischen vier Dimensionen:
  1. kulturelle Assimilation (Übernahme von Wissen, Fertigkeiten, Sprache),
  2. strukturelle Assimilation (Übernahme von Rechten, Statuspositionen über Bildung und Arbeitsmarkt),
  3. soziale Assimilation (Aufnahme sozialer Beziehungen, Netzwerke) und
  4. emotionale Assimilation (Übernahme von Werthaltungen und Loyalitäten).
Diese vier Dimensionen stehen nach Esser in einem kausalen Zusammenhang und bestimmen den Grad der gesellschaftlichen Integration des Individuums.[9] Die vollständige Assimilation ist dabei nicht unausweichlich; eine partielle Assimilation ist möglich. Entscheidend ist, ob sich Migrant_innen an der Herkunftsgemeinschaft (ethnische Communities) orientieren oder am Aufnahmekontext.[10] So ergeben sich vier Möglichkeiten der Sozialintegration (siehe Tabelle). Letztlich ist nach Esser die individuelle Assimilation, also die Integration in den Aufnahmekontext bei gleichzeitiger Aufgabe der Bindungen im ethnischen Kontext, alternativlos, um die sozialen Statuspositionen der nicht-migrierten Bevölkerung zu erreichen.[11]

Typen der Sozialintegration nach Esser

Sozialintegration Aufnahmegesellschaft
janein
Sozialintegration in der Herkunftsgesellschaft/
ethnische Gemeinde
jaMehrfachintegrationSegmentation
neinAssimilationMarginalität

Quelle: Esser, Hartmut (2001): Integration und ethnische Schichtung. Arbeitspapiere – Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung, Nr. 40, S. 19.

Nach wie vor gilt Essers Theorie als der prominenteste Versuch, die US-amerikanischen Assimilationstheorien in die deutsche Migrationsforschung zu übertragen und weiterzuentwickeln. Zahlreiche Forschungsprojekte orientieren sich bis heute an seinem Modell und ziehen die vier Dimensionen der individuellen Assimilation (kulturelle, strukturelle, soziale und identifikative Assimilation) für ihre Untersuchungen heran. Auch die deutsche Integrationspolitik greift auf diese Vorstellung von Integration zurück. Dies gilt insbesondere für das seit den 2000er Jahren auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene im Aufbau begriffene Integrationsmonitoring, das einen Überblick zum Stand der Integration von Migrant_innen und damit eine Planungsgrundlage für politische Entscheidungsprozesse liefern soll. Dabei wird Esser selbst kaum als Referenz benannt und der heute tabuisierte Begriff der Assimilation schlicht durch den der Integration ersetzt. Vor diesem Hintergrund bleibt Assimilation nach wie vor ein wirkmächtiges Konzept der Integrationspolitik. Migrationsforscher_innen haben zahlreiche Einwände gegen Essers Theorie erhoben. So kritisieren sie, dass Probleme der Integration als mangelnde Anpassung der Migrant_innen verhandelt werden, denen im Esserschen Verständnis die Bringschuld für die soziale Integration zufällt. Strukturelle Ungleichheiten, Diskriminierungen oder subtile Mechanismen der Exklusion durch dominante mittelschichtsorientierte Normalitätsvorstellungen würden hingegen vernachlässigt. Stattdessen stelle Essers Integrationstheorie individuelle Orientierungen der Zugewanderten in den Vordergrund und gehe davon aus, dass diese als rational Handelnde ihre individuellen Möglichkeiten als 'Entweder-Oder'-Entscheidungen (Segmentation oder Assimilation) treffen. Multiple Inklusionen (siehe Tabelle) der Migrant_innen seien Essers Theorie zufolge nahezu ausgeschlossen. In einer modernen pluralistischen Gesellschaft könne, so die Kritik, jedoch nicht von normsetzenden Werten oder einer Leitkultur ausgegangen werden, an die sich Zugewanderte stufenweise anpassen. Nur wenige Wissenschaftler_innen kritisieren Esser jedoch von einem explizit theoretischen Standpunkt aus.[12]

Fußnoten

1.
Die jeweiligen Begriffe werden im Laufe des Textes erläutert.
2.
Wichtige Vertreter sind die Chicago School (Robert E. Park und Ernest W. Burgess) und Alain Richardson.
3.
Stärker ausdifferenzierte Assimilationsmodelle stammen von Shmuel N. Eisenstadt (1954) und Milton M. Gordon (1964).
4.
Einen Überblick über diese klassischen Assimilationstheorien findet sich z. B. bei Aumüller (2009): Assimilation. Kontroversen über ein migrationspolitisches Konzept. Bielefeld.
5.
Vgl. Glazer, Nathan/ Moyniham, Daniel P. (1993): Beyond the Melting Pot, Cambridge, Massachusetts.
6.
Vgl. z. B. Otto, Hans-Uwe/ Schrödter, Mark (2006): Soziale Arbeit in der Migrationsgesellschaft. Von der Assimilation zum Multikulturalismus und zurück?, in: Dies. (Hrsg.): Soziale Arbeit in der Migrationsgesellschaft: Multikulturalismus – Neo-Assimilation – Transkulturalität. Neue Praxis Sonderheft 8, Lahnstein, S. 1-18.
7.
Sein theoretischer Ansatz zur Erklärung von Migration und Integration findet sich z. B. in Hoffmann-Nowotny, Hans-Joachim (1973): Soziologie des Fremdarbeiterproblems. Eine theoretische und empirische Analyse am Beispiel der Schweiz. Stuttgart.
8.
Vgl. Esser, Hartmut (1980): Aspekte der Wanderungssoziologie. Assimilation und Integration von Wanderern, ethnischen Gruppen und Minderheiten. Eine handlungstheoretische Analyse. Darmstadt/ Neuwied, S. 14.
9.
Vgl. Esser, Hartmut (2004): Welche Alternativen zur 'Assimilation' gibt es eigentlich?, in: IMIS-Beiträge, Heft 23, S. 45.
10.
Die Diskussion über die integrative bzw. segregative Wirkung von ethnischen Communities wird seit den 1980er Jahren geführt (Elwert-Esser-Debatte). Während Elwert (1982) in seinem einschlägigen Aufsatz argumentiert, dass die "Binnenintegration" unter bestimmten Voraussetzungen als "Integrationskatalysator" wirken kann, stellt Esser (1986) dies in Frage. Vgl. Elwert, Georg (1982): Gesellschaftliche Integration durch Binnenintegration?, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Heft 4, S. 717-732 und Esser, Hartmut (1986): Ethnische Kolonien: Binnenintegration oder gesellschaftliche Isolation?, in: Hoffmann,-Zlotnik, J.H.P. (Hrsg.): Segregation oder Integration? Die Situation der Arbeitsmigranten im Aufnahmeland. Mannheim, S. 106-117.
11.
Vgl. Esser (2004): a.a.O.
12.
Vgl. Aumüller (2009): a.a.O.
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Autor: Ute Koch für bpb.de
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