Koffer

6.11.2018 | Von:
Anastasia Aldelina Lijadi

Third Culture Kids – Weltbürger oder irgendwo dazwischen?

Sie werden als Third Culture Kids bezeichnet: Kinder und Jugendliche mit einem hoch mobilen Lebensstil. Wer sind diese globalen Nomaden und welchen Herausforderungen stehen gegenüber?

English version
Bild der zwölfjährigen Desiree Nicole Wolfsgruber, Tochter der Autorin, das den Abschied von ihren Cousins in Frankreich zeigt, als die Familie nach Macau aufbricht. Desiree ist ein Third Culture Kid.
Das Bild zeigt Kinder auf einer Wiese, die Personen in Heißluftballons zuwinken.Bild der zwölfjährigen Desiree Nicole Wolfsgruber, Tochter der Autorin, das den Abschied von ihren Cousins in Frankreich zeigt, als die Familie nach Macau aufbricht. Desiree ist ein Third Culture Kid. (© Desiree Nicole Wolfsgruber)

Anfang der 1960er Jahre führten die Soziologen/Anthropologen Ruth Hill Useem und ihr Mann John Useem, ein Jahr lang ethnographische Forschung über amerikanische Expatriate-Familien1 durch, die in Indien lebten und arbeiteten. Hierbei handelte es sich vorwiegend um Offiziere, Missionare, Technologieexperten, Geschäftsleute, Pädagogen und Journalisten. Das Ehepaar entdeckte, dass die Kinder, die ihre Eltern ins Ausland begleiteten, eine verblüffende Haltung zeigten: Zustimmung zu ihrem Anderssein im Vergleich zu Kindern aus der Umgebung, Verwirrung, die daraus entstand, dass sie nicht wussten, wo "zu Hause" war, und Schwierigkeiten, sich nach der Rückkehr in die USA wieder dort einzuleben und anzupassen. Diese Kinder fanden Trost und Bestätigung in der "dritten Kultur". Diese Lebensart teilten sie mit Personen aus verschiedenen Gruppen, die dieselben Erfahrungen gemacht hatten: häufige Ortswechsel, ein Leben außerhalb des Herkunftslandes und die Notwendigkeit, über kulturelle Grenzen hinweg kommunizieren zu müssen. Die Useems bezeichneten sie als "Third Culture Kids" (TCKs) (Drittkulturkinder), da die Kinder, die ihre Eltern in andere Gesellschaften begleiteten, in gewisser Weise Normen und Werte von drei verschiedenen Arten von Kulturen gleichzeitig verinnerlicht hatten: der Kultur ihres Herkunftslandes (auch als "Passland" bezeichnet), der Kulturen aller Länder, in denen sie gelebt hatten, und der globalen Trans- und Zwischenraum-Kultur, d.h. der "Drittkultur", in der sie kompetent geworden waren.

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Was ist Kultur?

Es gibt keine einheitliche Definition des Begriffs Kultur. Die Wissenschaftler David C. Pollock und Ruth E. Van Reken, die für ihren internationalen Bestseller "Third Culture Kids: Aufwachsen in mehreren Kulturen" bekannt sind, beziehen sich in ihrer Forschung zu Drittkulturkindern auf die Definition des Anthropologen Paul Hiebert und definieren Kultur als "ein System gemeinsamer Grundannahmen, Überzeugungen und Wertvorstellungen", das "den Rahmen [bildet], von dem aus wir das Leben und die Welt um uns her interpretieren und deuten". Sie stimmen mit Hiebert darin überein, dass Kultur "ein erlerntes Verhalten [ist], kein instinktives – etwas, was wir von unserer Umgebung aufschnappen und gelehrt bekommen und was von einer Generation zur nächsten weitergegeben wird".*

*Pollock/Van Reken/Pflüger (2007), S. 52f.

Drittkulturkinder werden

Die beschriebenen Erfahrungen von Kindern aus Expatriate-Familien in Indien können auf der ganzen Welt beobachtet werden. Eltern von Third Culture Kids gehen zur Förderung ihrer Karriere, für eine bessere Bezahlung und andere Vorteile ins Ausland, auch wenn der Zielort, an den sie von ihrem Arbeitgeber geschickt werden, nicht immer ihrem Wunsch entspricht. Die Trägerorganisationen, wie große multinationale Industrien, Außenpolitik, Militär und Missionsbüros, sind für die Schaffung von Drittkulturkindern relevant. Die Dauer der Auslandseinsätze variiert je nach Ermessen der Trägerorganisation. Die meisten Familien von Drittkulturkindern genießen eine Art von Mobilitätshilfe, die von der Trägerorganisation angeboten wird, wie zum Beispiel ein grundlegendes Sprachtraining, Unterstützung beim Umzug, der Wohnungssuche und Schulunterricht für die Kinder. Die Wohnformen dieser Familien sind sehr unterschiedlich. Petrochemische Einrichtungen und Produktionsstätten befinden sich oft in ländlichen Gebieten, wobei für die Mitarbeiter Wohnanlagen bereitgestellt werden, die in der Nähe der Arbeit, jedoch abseits der lokalen Bevölkerung liegen. In ähnlicher Weise wohnen im Ausland stationierte Militärangehörige in einem Wohnkomplex, der gebaut wurde, um die von zu Hause gewohnten Lebensbedingungen des Militärs nachzubilden. Die betroffenen Drittkulturkinder wachsen also zusammen mit anderen Drittkulturkindern auf, die auf demselben Wohngelände und abseits der Lokalbevölkerung leben. Sie konzentrieren sich auf das Leben in ihrer Gemeinschaft, anstatt mit Einheimischen zu interagieren, um die Gastkultur und ihre täglichen Praktiken zu lernen.

Die Expatriate-Familien [1], die ihre Wohnungen selbst wählen dürfen, leben oft in der Nähe anderer Expatriates, unweit von internationalen Schulen, die für ihr tägliches Leben praktisch sind, wenn Kinder mit ins Ausland gehen. Die meisten Drittkulturkinder besuchen internationale Schulen, da diese sprachlich auf die Bedürfnisse von Auswandererfamilien eingehen (die meisten internationalen Schulen bieten Englisch als erste oder zweite Sprache an) und eine internationale Anerkennung der Leistungen gewährleisten. Alternativ lassen manche Familien ihre Kinder bei Verwandten im Herkunftsland zurück oder schicken sie auf Internate, wenn sie mit dem Bildungssystem im Gastland unzufrieden sind und keine geeignete internationale Schule zur Verfügung steht.

Die Familien, die auf eigene Initiative ins Ausland gehen, profitieren von der rasanten Entwicklung in den Bereichen Technologie, Kommunikation und Transportwesen; sie streben eine Verbesserung ihrer Lebensqualität außerhalb des Landes an, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzen. Diese Familien suchen proaktiv nach Hilfe und Unterstützung bei ihrem Wechsel ins Ausland – insbesondere in der Expatriate-Gemeinschaft – und lernen, wenn es die Zeit erlaubt, die lokale Kultur und Sprache. Die meisten von ihnen schenken dem Wohlergehen aller Familienmitglieder große Aufmerksamkeit. Dazu gehören die Einhaltung der Einwanderungsbestimmungen für ihren Ehepartner und ihre Kinder, die Sicherstellung, dass ihr Partner oder ihre Partnerin ebenfalls Möglichkeiten hat, am neuen Wohnort eine Karriere oder andere Interessen zu verfolgen, sowie die Planung ihres Umzugs am Ende des Schuljahres, um Störungen im akademischen Kalender möglichst klein zu halten.[2]

Herausforderungen eines mobilen Lebensstils

Mit der wachsenden Forschung zu hoch mobilen Bevölkerungen werden die Vorteile und Herausforderungen eines globalisierten Lebensstils identifiziert und es entsteht ein größeres Bewusstsein für das Phänomen der Third Culture Kids. [3] Diese werden als zukünftige Führungspersonen betrachtet, da sie ein hohes Maß an interkulturellem Verständnis und Anpassungsfähigkeit, Mehrsprachigkeit und Toleranz gegenüber Vielfalt besitzen – alles Schlüsselmerkmale einer Führungsperson in multinationalen Unternehmen. Die Vorstellung der Reife und des kulturellen Wissens von Drittkulturkindern könnte jedoch überbewertet werden, da die Third Culture Kids zwar die alltäglichen und gängigen Praktiken vieler Kulturen kennen, ohne jedoch notwendigerweise eine dieser Kulturen wirklich verinnerlicht zu haben. Abhängig von der Aufenthaltsdauer und den Lebensumständen im Gastland gelingt es den Drittkulturkindern, lokale Praktiken, Sprachen und Verhaltensweisen, die ihre Interaktion mit Einheimischen erleichtern können, aufzugreifen oder auch nicht. Third Culture Kids lernen, "kulturelle Chamäleons" zu sein, die über ausreichendes Know-how verfügen, um im Einklang mit der vorherrschenden Kultur zu handeln.

Die einschneidenste Erfahrung, wenn man an einen neuen Ort zieht, ist den Kontakt zu den Menschen zu verlieren, die uns mit am nächsten stehen. Die Lebenserfahrungen, die Third Culture Kids im Jugendalter sammeln – dem Lebensabschnitt, den Psychologen als eine entscheidende Phase der Identitätsfindung bezeichnen – beeinflussen höchstwahrscheinlich ihre sozialen Beziehungen später im Erwachsenenleben. Die erlebten Verluste (z.B. von Freunden, vertrauten Routinen, Orten, Haustieren und Besitztümern) können zu unverarbeiteter Trauer führen, die es Drittkulturkindern erschwert, ihre Identität zu definieren. Dies gilt insbesondere für existenzielle Verluste [4], die mit dem Verlust der Sicherheit darüber verbunden sind, wer wir sind. Die Familie wird zur einzigen beständigen und prominenten sozialen Figur während der Reihe der geografischen Ortswechsel in den Entwicklungsjahren dieser Jugendlichen. Daher ist es für Eltern von Drittkulturkindern wichtig, eine starke Bindung innerhalb der Familie aufrechtzuerhalten. Third Culture Kids finden in Beziehungen zu Gleichaltrigen und zur Gesellschaft weniger Stabilität, da diese sich ständig verändern. Der Mangel an Tiefe in sozialen Beziehungen mit Gleichaltrigen beeinflusst die Entwicklung von Intimität und sozialer Verbundenheit und verursacht bei Drittkulturkindern Unsicherheit im Aufrechterhalten sozialer Beziehungen.

Kurz gesagt, wenn sie in einem "Modus der Vorläufigkeit" aufwachsen, müssen Drittkulturkinder oft Aufgaben unvollendet lassen oder werden unerwartet von engen Freunden verlassen. Im Erwachsenenalter treten diese Verbindlichkeitsunsicherheiten offensichtlich zutage. Über Third Culture Kids wird berichtet, dass sie ihr Hauptfach während ihres Studiums mehr als einmal ändern; höhere Raten gescheiteter Ehen aufweisen; Probleme haben, sich für eine Karriere zu engagieren, häufig den Arbeitsplatz wechseln und Fernweh entwickeln. [5] Drittkulturkinder können verärgert sein – und dies kann eine Quelle der Unsicherheit darstellen – weil sie niemals in der Lage sind, auf die Frage "Woher kommst du?" oder "Wohin gehörst du?" in kohärenter Weise zu antworten. Obwohl der Geburtsort oder das Land, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzen, Hinweise auf ihre Herkunft geben, kann es dennoch sein, dass die Third Culture Kids niemals ein Gefühl der Verbundenheit mit diesem Land entwickeln. Nach der Rückkehr in das Herkunftsland, können Erfahrungen eines umgekehrten Kulturschocks und andere Anpassungsprobleme, mit denen sich Drittkulturkinder und ihre Eltern konfrontiert sehen, sogar dazu führen, dass das "Passland" als der am wenigsten wünschenswerte Aufenthaltsort wahrgenommen wird. In unserer globalisierten Welt stehen Menschen ständig in kulturellen Aushandlungsprozessen, zum Beispiel durch interkulturelle Ehen, Migration und Mobilität. Die Welt verändert sich fortwährend, mit aufkeimenden multikulturellen Städten, die den Bedürfnissen und dem Lebensstil von Drittkulturkindern gerecht werden. Es ist daher anzunehmen, dass die Zahl der Menschen wächst, die die Erfahrung teilen, ständig entwurzelt zu werden, Menschen kommen und gehen zu sehen, Menschen aus vielen Kulturen zu treffen und sich wieder von ihnen verabschieden zu müssen und nicht zu wissen, wann und wohin sie als nächstes gehen sollen. Damit wächst auch das Phänomen der Third Culture Kids.

Übersetzung aus dem Englischen: Vera Hanewinkel

Literatur

Cottrell, A. B. (2002): Educational and occupational choices of American adult third culture kids. In: Ender, Morten G. (Hg.): Military brats and other global nomads: Growing up in organization families, S. 229-254.

Gilbert, Kathleen R. (2008): Loss and grief between and among cultures: The experience of Third Culture Kids. Illness, Crisis & Loss, Jg. 6, Nr. 2, S. 93-109. https://doi.org/10.2190/IL.16.2.a (Zugriff: 4.6.2018).

Jokinen, Tiina/Brewster, Chris/Suutari, Vesa (2008): Career capital during international work experiences: contrasting self-initiated expatriate experiences and assigned expatriation. The International Journal of Human Resource Management, Jg. 19, Nr. 6, S. 979-998. https://doi.org/10.1080/09585190802051279 (Zugriff: 4.6.2018).

Peltrokorpi, Vesa/ Froese, Fabian J. (2009): Organizational expatriates and self-initiated expatriates: who adjusts better to work and life in Japan? International Journal of Human Resource Management, Jg. 20, Nr. 5, S. 1096-1112. https://www.tandfonline.com/ (Zugriff: 4.6.2018).

Pollock, David C./Van Reken, Ruth E. (2017): Third Culture Kids: The Experience of Growing Up Among Worlds. 3. Ausgabe. London/Boston.

Pollock, David C./Van Reken, Ruth E./Pflüger, Georg (2007): Third Culture Kids: Aufwachsen in mehreren Kulturen. 2. Auflage. Marburg an der Lahn.

Weiterführende Literatur

Bell-Vilada, G. H./Sichel, N./ Eidse, F./Orr, E. N. (Hg.) (2011): Writing out of limbo: International childhoods, global nomads and third culture kids. Newcastle upon Tyne.

Lijadi, Anastasia A./Van Schalkwyk, Gertina J. (2017): Place identity construction of Third Culture Kids: Eliciting voices of children with high mobility lifestyle. Geoforum, Jg. 81, S. 120-128. https://www.sciencedirect.com/ (Zugriff: 4.6.2018).


English version

Dieser Artikel ist Teil des Kurzdossiers "Kinder- und Jugendmigration"

Fußnoten

1.
Anmerkung der Übersetzerin: Im engeren Sinne ist ein Expatriate, kurz Expat, eine Fachkraft, die von dem Unternehmen oder der Organisation für die sie arbeitet, vorrübergehend in eine ausländische Zweigstelle entsandt wird. Manchmal spricht man daher auch von Auslandsentsandten. Daneben gibt es Personen, die auf eigene Initiative, und nicht im Unternehmenskontext, ins Ausland gehen (Englisch: self-initiated expatriates). Die Kategorien Expatriate und Einwanderer überschneiden sich.
2.
Siehe die Forschungsergebnisse zur Anpassung von Expatriates, die ihren Auslandsaufenthalt selbstständig organisiert haben, in Japan von Peltokorpi/Froese (2009) und in Finnland von Jokinen/Brewster/Suutari (2008).
3.
Siehe die bahnbrechende Arbeit von Pollock/Van Reken (1999 und die 2017 erschienene dritte Ausgabe ihres Buchs) als eine unter zahlreichen empirischen Studien.
4.
Gilbert (2008) untersuchte den Verlust und die Trauer von Third Culture Kids und behauptete, dass existenzielle Verluste (Verlust von sozialem Status, sozialer Anerkennung, sozialer Akzeptanz) am schwersten zu bewältigen seien.
5.
Basierend auf der Untersuchung von Cottrell (2002) mit 600 Third Culture Kids.
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