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13.11.2018 | Von:
Viktoria Latz

Spezielle Integrationskurse für Frauen – ein Gespräch

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge finanziert Integrationskurse, die sich speziell an Frauen richten. Warum gibt es diese speziellen Angebote? Wie sind sie aufgebaut? Welche Inhalte werden vermittelt?

In einem Integrationskurs für Frauen im Language Coach Institut in Leipzig (Sachsen) stehen Teilnehmerinnen aus Syrien und dem Iran bei einer Übung im Deutsch-Unterricht an der Tafel.In einem Integrationskurs für Frauen im Language Coach Institut in Leipzig (Sachsen) stehen Teilnehmerinnen aus Syrien und dem Iran bei einer Übung im Deutsch-Unterricht an der Tafel. (© dpa)

Die sogenannten "niederschwelligen Seminarmaßnahmen zur Integration ausländischer Frauen" – kurz "Frauenkurse" – richten sich an nach Deutschland zugewanderte Frauen, die entweder bereits seit einer Weile in Deutschland leben, aufgrund ihrer Lebensumstände aber bislang nicht ausreichend Deutsch lernen konnten, oder erst kürzlich ins Land eingereist sind. An den Kursen teilnehmen dürfen – wie der Name der schon sagt – nur Frauen. Sie werden wohnortnah unterrichtet, zumeist von Kursleiterinnen, die selbst einen Migrationshintergrund haben. Alltagsnahe Lerninhalte sollen die Teilnehmerinnen an die deutsche Sprache und das gesellschaftliche Leben in Deutschland heranführen. Die Kurse werden vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) finanziert und von verschiedenen Verbänden durchgeführt. Zu diesen Trägern zählt der 1949 gegründete, deutschlandweit vertretene Internationale Bund (IB). Swetlana Dick leitet seit April 2016 die niederschwelligen Frauenkurse am IB-Standort Osnabrück, wo solche Kurse seit 2005 angeboten werden.

Frau Dick, wie sind die Frauenkurse aufgebaut?
Ursprünglich umfassten die Frauenkurse 100 Stunden, die auf fünf Kurse à 20 Stunden verteilt waren. Seit Februar 2018 beläuft sich der Umfang auf 34 Stunden pro Kurs, also insgesamt 102 Stunden, die sich auf drei Kurse aufteilen. Was den Aufbau der Kurse betrifft, gibt es keine thematischen Vorgaben. Allerdings dient eine Liste mit Themen vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) als Orientierung.

Welche Kursthemen sind das zum Beispiel?
Wir bieten Kurse zum Aufbau von Grundkenntnissen der deutschen Sprache an, wobei wir die Frauen vor allem für die Alltagsbewältigung fit machen wollen. Daneben decken wir mit einem Rückengymnastik-Kurs auch den Gesundheitsbereich ab. Außerdem gibt es einen Nähkurs mit Gesprächskreis, bei dem sich die Frauen zum Beispiel über Einkaufsmöglichkeiten oder andere Angelegenheiten hier in Osnabrück austauschen können.

Die Frauenkurse orientieren sich also viel stärker an der Alltagspraxis als die normalen Integrationskurse?
Auf jeden Fall. Natürlich gehört zur Sprachorientierung auch das Lernen der deutschen Grammatik. Trotzdem versuchen wir den Fokus auf die Alltagspraxis zu legen und wiederholen zum Beispiel immer wieder kleine Dialoge mit den Kursteilnehmerinnen, die ihnen im Alltag helfen können. Das kann zum Beispiel die Kontaktaufnahme mit einer Krankenkasse oder eine Vorstellung beim Arzt sein.

Als wir beispielsweise im Deutschkurs die Themen Kindergeld, Arbeitsamt und Jobcenter behandelt haben, sind wir dorthin gefahren und haben uns vor Ort informiert. Die Kursdauer reicht aber eigentlich nicht aus, um solche Exkursionen durchzuführen. Dafür müssen mehrere Stunden zusammengelegt werden. Kleinere Ausflüge, wie zum Beispiel ein Besuch auf dem Weihnachtsmarkt, eignen sich allerdings gut, um einerseits die deutsche Kultur hautnah zu erleben und um andererseits den Wortschatz rund um das Thema Weihnachten zu erweitern. Dabei können auch Vergleiche zwischen den Ländern gezogen und gegebenenfalls Gemeinsamkeiten entdeckt werden.

Wie viele Frauen besuchen Ihre Kurse in der Regel und welche Hintergründe bringen sie mit?
Die Kurse finden ab einer Anzahl von zehn Teilnehmerinnen statt. In der Regel besuchen zehn bis 15 Frauen unsere Kurse. An den Kursen zur Alltagsbewältigung nehmen überwiegend Frauen aus Russland, Kasachstan oder der Ukraine teil. Die Deutschkurse besuchen meist syrische Frauen, die noch keinen Anspruch auf die regulären Integrationskurse haben. Aber auch einige Frauen, die bereits an einem Integrationskurs teilnehmen, kommen zusätzlich zu uns. Ich kann mir vorstellen, dass das an unserem Praxisbezug liegt. Manchmal kommen die Frauen aber auch mit speziellen Fragen, die ihre Rolle als Frau betreffen und die in den meist gemischtgeschlechtlichen Gruppen der regulären Integrationskurse nicht bearbeitet werden können.

Das könnte ein Grund dafür sein, warum die Frauen lieber einen Frauenkurs besuchen, statt einen regulären Integrationskurs. Können Sie sich weitere Gründe vorstellen?
Ich glaube, dass sich die Frauen unter anderen Frauen wohler fühlen. Hier können sie ganz offen Themen ansprechen, die sie als Frau betreffen. Ein weiterer Grund dafür, dass die Frauen unsere Kurse den regulären Integrationskursen vorziehen, ist wohl auch der Zeitraum am Nachmittag, in dem die Kurse stattfinden. Oft besuchen ihre Männer vormittags einen Integrationskurs und können dann nachmittags die Kinderbetreuung übernehmen.

Bieten Sie spezielle Angebote für geflüchtete Frauen an?
Nein, die Kurse sind für alle Frauen offen. Die Sprachkurse werden meistens von syrischen Frauen besucht. Trotzdem kommen auch Frauen, die schon länger in Deutschland leben. Sie bringen zwar schon einen gewissen Wortschatz mit, es mangelt ihnen aber noch an Grammatikkenntnissen. Wir versuchen die Gruppen möglichst herkunftsheterogen zusammenzustellen, sodass beispielsweise syrische Frauen gemeinsam mit Frauen aus der Ukraine unterrichtet werden, die mehr oder weniger auf dem gleichen Sprachniveau sind. Manchmal ist eine Trennung nach Herkunftsländern aber auch sinnvoll, zum Beispiel wenn Frauen, die schon etwas besser Deutsch sprechen, ihren Landesgenossinnen mit niedrigerem Sprachniveau entsprechende Inhalte in der jeweiligen Muttersprache erklären können.

Gab es Veränderungen bei den Frauenkursen seit der hohen Fluchtzuwanderung 2015 und 2016?
Es wurde und wird immer noch eine Diskussion zur Erhöhung der Stundenanzahl geführt. Im Februar wurden die Kurse wie gesagt um zwei Stunden aufgestockt und zu drei Kursen à 34 Stunden umgewandelt. Das war für uns Kursleiterinnen insofern eine Erleichterung, als dass wir jetzt weniger Aufwand mit Formalitäten wie Voranmeldungen oder Sachberichten haben. Entsprechende Dokumente mussten wir früher fünfmal ausfüllen, jetzt nur noch dreimal. Aber auch den Kursteilnehmerinnen kommt die Veränderung des Kursformats entgegen. Viele von ihnen haben Kinder zuhause, die viel Zeit in Anspruch nehmen und auch mal krank werden können. Oder die Frauen können den Kurs nicht besuchen, weil sie selbst krank sind. 20 Stunden sind schnell vorbei. 34 Stunden geben den Teilnehmerinnen mehr Zeit und es ist nicht ganz so schlimm, wenn sie ein paar Mal im Kurs fehlen.

Es scheint dennoch, als sei der Stundenumfang zur Vermittlung von Sprachkenntnissen recht knapp kalkuliert.
Die niedrige Stundenanzahl stellt eine große Herausforderung für beide Seiten dar, die Teilnehmerinnen und uns als Träger. Hinzu kommt, dass die Frauen mit ganz unterschiedlichen Sprachniveaus, aber auch verschiedenen Bildungsständen zu uns kommen. Es macht einen großen Unterschied, ob man mit hoch gebildeten Frauen arbeitet oder mit Frauen, die keine bis wenig Bildung erfahren haben. Man muss dann abwägen, welches Tempo man vorgibt, damit die einen nicht überfordert sind und die anderen auch weiterkommen. Manchmal testen wir das Sprachniveau der Frauen, um zu überprüfen, wie weit sie sind und wo noch Bedarf besteht. Bei Kursformen wie Rückengymnastik oder dem Nähkurs ist der geringe Stundenumfang nicht so problematisch, weil es weniger um die Sprache, als um sichtbare Erfolgserlebnisse geht.

Gibt es inhaltliche Vorgaben bzw. ein Lehrwerk an das Sie sich halten können?
Nein, konkrete Vorgaben haben wir nicht. Für die Deutschkurse suchen die Kursleiterinnen sich das Material eigenständig zusammen. Das ist insofern gut, als dass man dieses auf die Bedürfnisse und Interessen der Teilnehmerinnen abstimmen kann. Auf der anderen Seite wäre es für Anfängerinnen ganz gut, wenn es eine Liste mit Lernzielen gäbe, an denen man sich orientieren kann. Die Lehrwerke, die es beispielsweise für das Sprachniveau A1 gibt, sind zwar nach Themen gegliedert und auf den Wortschatz der Teilnehmerinnen abgestimmt. Die Bearbeitungszeit solcher Bücher übersteigt die für die Frauenkurse zur Verfügung stehende Zeit allerdings schätzungsweise um das Dreifache. Ich verwende daher eine Mischung aus meinem eigenen Material und Ausschnitten aus einem Lehrbuch.

Welchen Herausforderungen begegnen Sie in den Frauenkursen?
Bei einigen Frauen, insbesondere bei denen, die aus Kriegsgebieten nach Deutschland geflohen sind, haben wir oft das Problem, dass sie Schmerzen haben und nicht wissen, warum. Dann stehen manche einfach im Unterricht auf und sagen: "Ich kann nicht mehr, ich habe Kopfschmerzen". Das hört man so oft, dass es einfach Mitleid weckt, weil man nicht weiß, woher die Schmerzen kommen – vom Kriegstrauma oder dem ganzen Drumherum als Migrantin hier in Deutschland. Denn gerade am Anfang müssen Migrantinnen und Migranten sich erst einmal zurechtfinden, Formalitäten abklären und gleichzeitig eine neue Sprache lernen. Ein Problem ist auch, dass sich manche Frauen nicht abmelden, wenn sie den Kurs einmal nicht besuchen können. Dann tauchen sie nach Wochen wieder auf, aber der Kurs ist dann vielleicht schon zu Ende. Da merkt man dann wieder, dass die Stundenanzahl für viele Frauen einfach nicht ausreicht.

Wie gestaltet sich der Übergang zu den allgemeinen Integrationskursen?
Die Frauenkurse tragen meiner Meinung nach dazu bei, dass den Frauen die Integrationskurse später leichter fallen. Aber ich kann nicht beurteilen, ob dieser Übergang gelingt, da wir darüber nicht in Kenntnis gesetzt werden.

Ein Ziel der Frauenkurse ist das Empowerment der Frau, also die Bestärkung in ihrer Handlungsmacht. Haben Sie den Eindruck, dass die Frauen gestärkt aus den Kursen gehen bzw. brauchen Sie dieses Empowerment überhaupt?
Die Frauen brauchen das Empowerment definitiv. Ob sie letztendlich gestärkt aus unseren Kursen gehen, kann ich nicht beurteilen, weil ich nicht weiß, wie sie das bei uns erworbene Wissen weiter anwenden. Was Alltagssituationen wie Arztbesuche und die Kommunikation mit Lehrerinnen und Lehrern bei Elternsprechtagen betrifft, glaube ich schon, dass wir sie ganz gut darauf vorbereiten. Daran arbeiten wir und das ist die Hauptsache, warum wir diese Kurse machen. Als Migrantin kann ich nur bestätigen, dass es am Anfang im Ankunftsland sehr schwierig ist, wenn man die Sprache nicht beherrscht und alles fremd ist. Ich glaube, dass vor allem die Frauen, die kontinuierlich dabei bleiben, viel aus den Kursen mitnehmen können.

Haben Sie Verbesserungswünsche für die Zukunft?
Ich würde mir wünschen, dass die Stundenanzahl noch einmal erhöht wird. Für Teilnehmerinnen wäre es wichtig, dass die Kurse ein bisschen länger laufen, auch weil einige nicht so schnell lernen können oder nicht die Möglichkeit haben, kontinuierlich dabei zu bleiben. Da fehlt die Nachhaltigkeit. Ich glaube, dass schon die Aufstockung der Kurse auf zwei Mal in der Woche ausreichen würde, um ein intensiveres Lernen zu ermöglichen.

Das Interview führte Viktoria Latz.

Dieser Artikel ist Teil des Kurzdossiers Frauen in der Migration.

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Autor: Viktoria Latz für bpb.de
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