Koffer

15.11.2018 | Von:
Johanna Maria Ullmann
Dr. Ulrike Lingen-Ali

Geflüchtete Frauen in Deutschland

Wie viele Frauen mit Fluchthintergrund leben in Deutschland? Wie verläuft ihre Integration in zentralen gesellschaftlichen Bereichen? Über die Lebenssituation einer heterogenen Personengruppe.

Eine Asylbewerberin mit ihrem Kind im Zimmer einer Asylbewerberunterkunft in Hamburg.Eine Asylbewerberin mit ihrem Kind im Zimmer einer Asylbewerberunterkunft in Hamburg. (© picture-alliance)

Frauen und Mädchen stellen rund die Hälfte der weltweit mehr als 68 Millionen Menschen auf der Flucht dar. Neben Krieg, Verfolgung und existenzieller Not führen auch patriarchale Strukturen, Frauenrechtsverletzungen und geschlechtsspezifische Bedrohung und Gewalt dazu, dass Frauen und Mädchen aus ihren Heimatorten fliehen. Frauen fliehen seltener alleine als Männer und häufiger gemeinsam mit Kindern. Damit tragen sie während und nach der Flucht nicht nur die Verantwortung für sich selbst, sondern auch für ihre Kinder und oft auch für weitere Angehörige.[1]

Zahlenwerk: Bislang kaum belastbare Daten vorhanden

Zwischen 2012 und 2016 sind mehr als eine halbe Million weibliche Geflüchtete nach Deutschland gekommen. Zu den Hauptherkunftsländern gehören Syrien, Afghanistan, Irak, Eritrea, Iran, Somalia, Nigeria und die Türkei. Insgesamt ist rund ein Drittel der seit 2015 nach Deutschland Geflüchteten weiblich. In den Altersgruppen der unter 16-Jährigen sowie der über 55-Jährigen ist das Geschlechterverhältnis in etwa ausgeglichen, während unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen männliche Geflüchtete dominieren.[2]

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Zum Begriff "Geflüchtete"

Mit dem Begriff 'Geflüchtete' wird eine sprachliche Abgrenzung zu rechtlichen Begriffen verwendet, die den Asylstatus einer Person betreffen, wie 'Asylsuchende'. Dadurch sollen Personen eingeschlossen werden, denen ein formaler Flüchtlingsstatus verwehrt wird. Außerdem grenzt sich der Begriff von Bezeichnungen ab, die derzeit in politischen und öffentlichen Debatten verwendet werden und den Zwangscharakter von Flucht verdecken, wie 'Asylbewerbende' oder 'Asylbegehrende'. In Abgrenzung zum Begriff 'Flüchtling' hilft der Begriff, essentialisierende Zuschreibungen zu vermeiden, indem die Handlung des Flüchtens in den Fokus gerückt wird. Um Agency (Handlungsfähigkeit) von einer geflüchteten bzw. flüchtenden Person zu betonen und die Selbstbezeichnung und Empowerment zu fördern, unterscheidet sich der Begriff zudem von alternativen Bezeichnungen wie 'Schutzsuchende', die eine Opferrolle und Passivität reproduzieren und eine Nähe zum Rechtsbegriff der 'Asylsuchenden' beinhalten.[1]


Fußnoten

  1. Für weitere Informationen zum sensiblen Sprachgebrauch siehe hier: https://glossar.neuemedienmacher.de/ (Zugriff: 15.8.2018).

Verlässliche Daten zur aktuellen Situation geflüchteter Frauen in Deutschland gibt es bislang nur wenige. Dies liegt darin begründet, dass der Anteil von Frauen an der Fluchtmigration nach Deutschland niedriger ist als der von Männern. Bei der systematischen Erfassung von Daten zu bestimmten Themen sind sie daher unterrepräsentiert. Oft erheben Studien auch gar keine genderspezifischen Daten. Erste Einordnungen zur Situation geflüchteter Frauen lassen der Rückgriff auf einige aktuelle Studien, eigene Erkenntnisse und Erfahrungen in der Unterstützungspraxis sowie Wissen aus älteren Studien und Erfahrungen von Bildungseinrichtungen und migrantischen Selbstorganisationen zu.

Die vorhandenen Daten zeigen: Die Lebenssituation kann innerhalb der Gruppe der geflüchteten Frauen deutlich variieren; es handelt sich keineswegs um eine homogene Gruppe. Geflüchtete Frauen unterscheiden sich beispielsweise hinsichtlich ihrer Wohnsituation: Einige leben in Gemeinschaftsunterkünften, andere in separaten Wohnungen. Viele der Frauen wohnen mit Familienangehörigen zusammen – mit Ehemann/Partner und Kindern sowie manchmal auch weiteren Verwandten. Manche leben aber auch allein bzw. ohne familiären Anschluss oder nur mit einem Teil der Familie. Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn sich Kinder noch im Herkunftsland befinden oder sie auf der Flucht getrennt wurden. Zudem ist eine Vielzahl weiterer Faktoren wie religiöse Zugehörigkeit, Wohnlage (zentrale oder periphere Region) und der Aufenthaltsstatus für eine differenzierte Betrachtung notwendig. Auch der gesellschaftliche Teilhabe- bzw. Aufnahmeprozess in Deutschland verläuft unterschiedlich: Ein Teil der Frauen besucht Sprach- und Integrationskurse oder andere Integrationsangebote; einige streben bereits nach kurzer Zeit eine Berufstätigkeit in Deutschland an. Gesicherte Informationen zu beruflichen Erfahrungen und Zukunftsplänen geflüchteter Frauen auf dem Arbeitsmarkt liegen jedoch bislang kaum vor.[3] Ebenso spärlich ist die Informationslage in Hinblick auf die komplexen und vielfältigen Verläufe und Muster der Beteiligung geflüchteter Frauen in anderen gesellschaftlichen Bereichen wie Bildung, Recht oder Soziales.

Integrationskurse als staatliche Integrationsmaßnahme

Für die Politik und Aufnahmegesellschaft bildet der Erwerb von Deutschkenntnissen und die Anpassung an ein gesellschaftliches Wertesystem ein Grundelement der Integration von Geflüchteten. Das Bundesministerium des Innern beschreibt als Voraussetzung für 'gelungene Integration', "dass die Menschen, die mit einer dauerhaften Bleibeperspektive zu uns kommen, die deutsche Sprache lernen und sich um Grundkenntnisse unserer Geschichte und unseres Staatsaufbaus bemühen. Hierbei geht es besonders um die Bedeutung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung Deutschlands, des Parteiensystems, des föderalen Aufbaus, der Sozialstaatlichkeit, der Gleichberechtigung sowie der Toleranz und der Religionsfreiheit. […] Auch Zuwanderer müssen sich genauso wie die hier lebenden Menschen an die deutschen Gesetze halten und die geltenden Werte und Gepflogenheiten respektieren."[4] Erreicht werden soll dies insbesondere durch die Teilnahme an sogenannten Integrationskursen, die für bestimmte Personengruppen verpflichtend sind, z.B. wenn durch die Ausländerbehörde festgestellt wird, dass diese sich "nicht auf einfache beziehungsweise ausreichende Art auf Deutsch verständigen können".[5] Einige Kurse richten sich an spezifische Zielgruppen, darunter junge Erwachsene oder Frauen.

An den Integrationskursen haben im Jahr 2017 rund 292.000 Menschen teilgenommen. Im Zuge der gestiegenen, männlich dominierten Fluchtzuwanderung nach Deutschland in den vergangenen Jahren, ist der Frauenanteil in den Integrationskursen gesunken. Hatte er 2012/13 bei rund 60 Prozent gelegen, so belief er sich 2016 nur noch auf 34,2 Prozent. Parallel zum Rückgang der Zahl der Asylanträge ist er allerdings wieder gestiegen und lag 2017 bei 43,5 Prozent. In Integrationskursen, die sich speziell an Frauen und Eltern richten, lag der Anteil der weiblichen Teilnehmer bei 81,8 Prozent.[6]

Neben dem regulären Deutschunterricht und dem Orientierungskurs zu Werten, Strukturen und Politik in Deutschland werden auch Frauen-Integrationskurse angeboten. Sie bieten laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) die Möglichkeit, dass Teilnehmerinnen auf andere Frauen treffen, die "ähnliche Interessen haben", Kindergärten und Schulen der Kinder kennenzulernen und über Themen zu sprechen, die die Teilnehmerinnen "besonders interessieren, zum Beispiel die Erziehung und Ausbildung ihrer Kinder".[7] Das weckt den Eindruck, als würden in frauenspezifischen Integrationskursen geschlechterstereotype und traditionelle Rollenbilder z.B. hinsichtlich familiärer Arbeitsteilung gestärkt werden. Dies könnte dazu verleiten, die Heterogenität der Gruppe der geflüchteten Frauen zu verkennen und damit vielfältige Lebens- und Bedarfslagen aber auch Ressourcen zu vernachlässigen – wenngleich dies nicht unbedingt beabsichtigt ist.

Wahrnehmung geflüchteter Frauen

In der medialen Öffentlichkeit werden geflüchtete Frauen oft verkürzt als Ehefrauen und Mütter repräsentiert und damit als passive Begleiterinnen männlicher Migranten. Sie werden im Vergleich zu geflüchteten Männern mehrheitlich als besonders schutzbedürftig dargestellt.[8] Es ist jedoch problematisch, Vulnerabilität über alle geflüchteten Frauen hinweg zu verallgemeinern und als alleiniges Merkmal zur Charakterisierung einer heterogenen Gruppe zu führen. Dies verdeckt, dass es vielen geflüchteten Frauen daran liegt, restriktive Strukturen in ihrem Alltag zu durchbrechen und sich aktiv in die Gestaltung von Politik und Gesellschaft einzubringen. Sie wollen sich so gut wie möglich mit ihren Kindern und Familien wieder einen normalen Alltag aufbauen: "De facto handelt es sich […] bei Geflüchteten beiderlei Geschlechts überwiegend um junge Menschen unter 35 Jahren, die zumeist hoch motiviert sind, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen."[9]

Eine Perspektive auf Integration, die im Sinne von Empowerment rechtliche, gesellschaftliche, politische und ökonomisch gerechte Teilhabe von geflüchteten Frauen anstrebt, kommt nicht umhin, diese als aktive Akteurinnen wahrzunehmen. Dabei sollten nicht nur Schwierigkeiten und Barrieren von geflüchteten Frauen in den Blick genommen werden, sondern auch Ressourcen und selbstermächtigende Praxen (z.B.Formen der Selbstorganisation weiblicher Geflüchteter)?. Konkret heißt das, Unterstützungsarbeit partizipativ und ergebnisoffen zu gestalten und individuelle Fähigkeiten und Orientierungen BAMF zu unterstützen. Dadurch sollen gängige ethnisierte (Geschlechter-)Stereotype durchbrochen werden.

Integrationsverläufe und Integrationspraxen

Die Integration in den Arbeitsmarkt bildet einen der Grundpfeiler gesellschaftlicher Teilhabe. Europaweite Studien zeigen aber, dass die Beschäftigungsquote von geflüchteten Frauen um 17 Prozentpunkte niedriger liegt als die geflüchteter Männer und um sechs Prozentpunkte niedriger als die Beschäftigungsquote unter anderen Migrantinnen. Geflüchtete Frauen stellen daher auf dem Arbeitsmarkt eine Gruppe dar, die mit besonders schwierigen strukturellen Bedingungen konfrontiert ist. Aktuelle Zahlen aus Deutschland bestätigen diese These: Geflüchtete Frauen sind derzeit im Vergleich zu männlichen Geflüchteten stärker von Arbeitslosigkeit betroffen. Sie sind seltener in Vollzeit erwerbstätig und arbeiten häufiger in geringfügiger Beschäftigung und im Niedriglohnsektor, insbesondere in informellen Bereichen wie der Reinigungs-, Pflege- und Haushaltsbranche.[10]

Entgegen landläufiger Vorstellungen erklärt sich dieser "gender bias" (geschlechtsbezogener Verzerrungseffekt) jedoch nicht ausschließlich durch geringere im Ausland erworbene Qualifikationen. Denn: Die beruflichen Qualifikationen unter den seit 2015 angekommenen geflüchteten Frauen variieren stark. So gibt es einerseits Analphabetinnen und Frauen mit geringer oder keiner Schulbildung. Gleichzeitig verfügen geflüchtete Frauen aber häufiger als geflüchtete Männer über einen berufsbildenden oder universitären Abschluss. Geflüchteten Frauen, die diese höheren Abschlüsse mitbringen, gelingt es im Vergleich zu Männern mit Fluchterfahrung allerdings kaum, einen qualifikationsadäquaten Arbeitsplatz zu finden. Dies hängt mitunter damit zusammen, dass Frauen seltener einen Antrag auf Anerkennung im Ausland erworbener Abschlüsse stellen.[11]

Es lässt sich aber auch fragen, ob Unternehmen und Betriebe bei der Personalrekrutierung die (Lebens- und Arbeits-)Leistungen weiblicher Geflüchteter nur wenig wertschätzen. Einige Studien lassen vermuten, dass neben der Unsicherheit in Bezug auf die Aufenthaltsperspektiven auch von Personalentscheider_innen gehegte Vorstellungen von (angeblich) unter Geflüchteten verbreiteten Geschlechterrollen und -beziehungen einen benachteiligenden Effekt auf den Arbeitsmarktzugang geflüchteter Frauen haben können.[12] Berufliche Erfahrungen und Fähigkeiten von Migrant_innen werden zumeist nur dann wertgeschätzt, wenn ein formaler Qualifikationsnachweis vorliegt. Ist dies nicht der Fall, bleiben ihre Potenziale zumeist unsichtbar. Geflüchtete Frauen sind davon besonders betroffen.[13] Ältere Studien, die zeigen, dass migrantische Frauen auf dem Arbeitsmarkt besonders oft unterhalb ihres (Aus-)Bildungsniveaus (Dequalifizierung) tätig sind, stützen diese These.[14]

Aktuell werden arbeitsmarktpolitisch neben klassischen "Aktivierungsmaßnahmen" von Jobcentern und Arbeitsagenturen zahlreiche spezifische Projekte und Initiativen zur Arbeitsmarktintegration Geflüchteter von Staat, Zivilgesellschaft und Unternehmen angeboten. Dazu gehören Kompetenzfeststellung, Alphabetisierung und branchenspezifische Qualifizierung, um den Zugang und die Chancen von Geflüchteten auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern. Jedoch liegt der Frauenanteil in diesen Angeboten gegenwärtig meist unter 30 Prozent (und häufig bei nur rund 10 Prozent) – obwohl geflüchtete Frauen eine hohe Erwerbsmotivation aufweisen (siehe Abbildung 1).[15]

Erwerbsaspiration der nicht-erwerbstätigen Geflüchteten nach Geschlecht und Herkunftsland

Anteile in Prozent

Alle Herkunfts-länderNach GeschlechtNach Ländergruppen
MännerFrauenSyrienSonstige Kriegs-und Krisen-länder1West-balkan 2Frühere Sowjet-unionRest der Welt
"Beachsichtigen Sie, in Zukunft (wieder) eine Erwerbsarbeit aufzunehmen"
Ganz sicher7886607580698486
Wahrscheinlich151125 181413910
Eher unwahr-scheinlich336248 52
Nein, ganz sicher nicht421043102 2
1Afghanistan, Eritrea, Irak, Iran, Nigeria, Pakistan und Somalia
2Albanien, Bosnien-Herzegowina, Kosovo, Mazedonien, Serbien und Montenegro.
Quelle: Brücker, Herbert/Rother, Nina & Schupp, Jürgen (2016): IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten: Überblick und erste Ergebnisse. IAB-Forschungsbericht, 14/2016, IAB: Nürnberg. http://doku.iab.de/forschungsbericht/2016/fb1416.pdf[15.01.2018].
Aus der Tabelle geht hervor, dass ein Großteil der geflüchteten Frauen eine hohe Erwerbsaspiration aufweist und entweder "ganz sicher" oder "wahrscheinlich" in Zukunft (wieder) einer Erwerbstätigkeit nachgehen möchte. Die Erwerbsaspiration ist allerdings insgesamt etwas niedriger als die männlicher Geflüchteter.

Ein Grund für die Unterrepräsentation ist, dass sich Elternschaft unterschiedlich auf die Geflüchteten auswirkt: Frauen übernehmen häufiger die Verantwortung für die Kinderbetreuung, Pflege- und Hausarbeit als Männer. Daher ziehen geflüchtete Frauen oft ihre Teilnahme an Integrationsangeboten zugunsten des Ehe- oder Lebenspartners zurück bzw. treten diese (zumindest vorübergehend) erst gar nicht an und verzichten auf entlohnte Arbeit. Ähnlich verhält es sich in Hinblick auf Bildungsinvestitionen, z.B. das Anstreben eines deutschen Schul-, Berufsschul- oder Hochschulabschlusses.[16] Daten der IAB-BAMF-SOEP-Befragung stützen diesen Befund, wonach Elternschaft und die damit verbundene unterschiedliche Verteilung der Verantwortung für die Erziehungs- und Sorgearbeit eine Erklärung für diese Geschlechterdifferenzen darstellt.[17] Ungleiche berufliche Zugänge und Teilhabe durch Elternschaft betreffen aber Geflüchtete nicht spezifisch, sondern stellen die Arbeits- und Lebensrealität eines Großteils der bundesdeutschen Gesellschaft dar. Integrationsmaßnahmen, die die Vereinbarkeit von Beruf und Familie unterstützen, z.B. indem Kinderbetreuung zur Verfügung gestellt wird, werden jedoch nicht flächendeckend angeboten. Geschlechtsspezifische Hürden, die den Arbeitsmarkteintritt beeinflussen, werden in den Maßnahmen meist auf sogenannte "Frauenprojekte" verlagert, anstatt sie als Querschnittsthema von Integration breit anzugehen.

In Bezug auf die Aufnahme und Integration geflüchteter Frauen ist der Bereich der Gesundheitsversorgung und des Gewaltschutzes ebenfalls bislang kaum differenziert betrachtet worden. Über das Asylbewerberleistungsgesetz soll der Grundbedarf von Asylsuchenden an gesundheitlicher Versorgung gesichert werden. Dazu gehören auch Grundleistungen bei Schwangerschaft und Geburt, nicht unbedingt jedoch wichtige Informationen über und Zugänge zu Verhütung, medizinischer Vorsorge, Frauengesundheit und körperbezogenen Menschenrechten (z.B. das Recht auf körperliche Unversehrtheit, sexuelle Selbstbestimmung und Privatsphäre). Das Asylbewerberleistungsgesetz trägt den besonderen gesundheitlichen Risiken, denen Geflüchtete ausgesetzt sind, kaum Rechnung. Hierzu zählen unsichere Bleibe- und Zukunftsperspektiven, Ängste, Trennung von den Kindern, die sich noch im Herkunftsland befinden, sowie die Sorge um den familiären Zusammenhalt und um familiäre Rollen (z.B. Fragen der Verantwortlichkeiten in der Kinderversorgung und Zuständigkeiten für das finanzielle Auskommen). All diese Faktoren können zu einer starken psychosozialen Belastung führen. Die oft mangelhafte Unterbringungssituation in Gemeinschaftsunterkünften, die einen enormen Verlust der Privatsphäre mit sich bringt, birgt ebenfalls gesundheitliche Risiken.

Hinzu können Gewalterfahrungen kommen, während und nach der Flucht, beispielsweise in Unterkünften, die keinen umfassenden Schutz vor Gewalt bieten. Für geflüchtete Frauen kommen erschwerend Erfahrungen mit geschlechtsspezifischer Gewalt hinzu, denen sie häufiger ausgesetzt sind als männliche Geflüchtete. Hierzu zählen sowohl die Unterdrückung als auch der sexuelle Missbrauch von Frauen durch Militär, Menschenhändler, Sicherheitsdienste, aber auch andere (männliche) Geflüchtete oder Familienangehörige sowie rassistisch motivierte Gewalt.

Die mit Gewalterfahrungen einhergehenden Traumatisierungen, erfordern nicht nur proaktiven Gewaltschutz vor Ort wie z.B. Rückzugsräume für Frauen und Kinder, Fortbildungen von Mitarbeitenden, Regelung von Abläufen im Beschwerdefall. Auch psychologische, therapeutische und medizinische Angebote, die über die durch das Asylbewerberleistungsgesetz definierte gesundheitliche Grundversorgung hinausgehen, sollte es geben. In diesem Zusammenhang sind, laut aktuellen Studien, sensible Angebote besonders wichtig, die Scham und Misstrauen gegenüber dem medizinischen System, Angst vor Abschiebung und fehlende soziale (Vertrauens-)Netzwerke einbeziehen.[18]

In den vergangenen Jahren haben Initiativen und Verbände verschiedene Konzepte zu Mindeststandards in Erstaufnahmeunterkünften und darüber hinaus erstellt, die auch frauenspezifische Bedürfnisse beachten. Zentrale Forderungen umfassen u.a. die Mindestwohn- und Schlaffläche pro Person, die Lage der Unterkunft, abgeschlossene Wohnbereiche mit eigener Kochgelegenheit und Sanitärbereich, Regelungen für besonders schutzbedürftige Geflüchtete und Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung. Explizit dem Schutz von Frauen dienen sollen z.B. eine enge Kooperation mit den örtlichen Frauenhäusern und anderen Hilfeeinrichtungen, Kursangebote zu Frauenrechten sowie geschlechtergetrennte und abschließbare Wohn-, Sanitär- und Gemeinschaftsräume. Die Umsetzung der Konzepte ist jedoch nur schwer überprüfbar, nicht nur, aber auch, weil bundesweite Maßstäbe fehlen und die Verantwortung der Unterbringung bei den Ländern liegt, die diese wiederum an andere Träger abgeben.[19]

Ausblick und Perspektiven

Auch wenn unterschiedliche Bedürfnisse, Ressourcen und Lebenssituationen von Männern und Frauen in den Aufnahmepolitiken anfänglich kaum bzw. stark stereotyp thematisiert wurden, werden gegenwärtig zunehmend geschlechtersensible Angebote und Konzepte entwickelt und politische Anstrengungen auf das Thema gelenkt. Gleichzeitig aber gerät eine Reihe von Faktoren, die die Integrationsprozesse weiblicher (aber auch männlicher) Geflüchteter rahmt, aus dem Fokus. Denn: Integration braucht Stabilität und Sicherheit auf verschiedenen Ebenen:
  • rechtliche Sicherheit (bleiben können, auch unabhängig vom Status des Ehe- und Lebenspartners, Durchsetzung des Rechts auf Familiennachzug),
  • Wohnsicherheit (ankommen können in den "eigenen" Vier-Wänden, sich "zu Hause" sicher fühlen),
  • Gewaltfreiheit (Umsetzung des Rechts auf Gewaltfreiheit gerade auch in Gemeinschaftsunterkünften),
  • die Anerkennung von Ressourcen (z.B. die Anerkennung von Qualifikationen zur Erleichterung des Berufseinstiegs),
  • soziale Sicherheit durch die Möglichkeit, sich auszutauschen und am gesellschaftlichen Leben – der eigenen Community und der Mehrheitsgesellschaft – teilhaben zu können.
In Beratungsstellen, Unterkünften und dem Arbeitsumfeld sollte es vertrauensvolle und sensibilisierte Kommunikation ebenso wie geschultes Personal und mehr weibliche Fachkräfte, etwa Therapeut_innen, Übersetzer_innen, Vermittler_innen oder Sicherheitspersonal geben. Das Personal sollte auf die unterschiedlichen Bedürfnisse und Herausforderungen, mit denen geflüchtete Frauen konfrontiert sind, wertschätzend und ergebnisoffen eingehen.

Die verstärkte politische und gesellschaftliche Aufmerksamkeit für geflüchtete Frauen durch Projekte und Initiativen, häufig auch ehrenamtliche und zeitlich befristete Unterstützungsleistungen, bedienen wichtige gesellschaftliche Themen wie Beratung zu Scheidung, Familienkonflikten oder Arbeitsmarkt. Die Unterstützungs- und Beratungsstrukturen können aber, wenn sie paternalistisch statt ressourcenorientiert gestaltet sind, ganz unterschiedliche und teils nicht-intendierte Folgen haben. So besteht die Gefahr, dass sie Abhängigkeiten statt Handlungsfähigkeit stärken oder Defizite mehr in den Blick rücken anstelle von Erfahrungen und Fertigkeiten. Auch können neue Ausschlüsse entstehen, indem nur bestimmte Personengruppen adressiert werden.

Geflüchtete Frauen sind Frauen mit Fluchterfahrung – aber dies sollte keine Grundlage der Stereotypisierung sein, der sämtliche weiteren Lebens- und Erfahrungsbereiche (vor, während und nach der Flucht) und damit die künftigen Chancen auf ein gleichberechtigtes Leben bestimmt.

Dieser Artikel ist Teil des Kurzdossiers Frauen in der Migration.

Literatur

Brücker, Herbert/Rother, Nina & Schupp, Jürgen (2016): IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten: Überblick und erste Ergebnisse. IAB-Forschungsbericht, 14/2016, IAB: Nürnberg. http://doku.iab.de/forschungsbericht/2016/fb1416.pdf [15.01.2018].

Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) (2016): Asyl – und dann? Die Lebenssituation von Asylberechtigten und anerkannten Flüchtlingen in Deutschland. BAMF-Flüchtlingsstudie 2014. In: Integration und Asyl Forschungszentrum Migration (Hrsg.): Forschungsbericht 28. Nürnberg: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). http://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Publikationen/Forschungsberichte/fb28-fluechtlingsstudie-2014.pdf?__blob=publicationFile [15.01.2018].

Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) (2017a): BAMF-Kurzanalyse. Geflüchtete Frauen in Deutschland: Sprache, Bildung und Arbeitsmarkt. https://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Publikationen/Kurzanalysen/kurzanalyse7_gefluchetete-frauen.pdf?__blob=publicationFile [15.01.2018].

Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) (2017b): Aktuelle Zahlen zu Asyl. Ausgabe: Oktober 2017. https://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Downloads/Infothek/Statistik/Asyl/aktuelle-zahlen-zu-asyl-oktober-2017.pdf?__blob=publicationFile [15.01.2018].

Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) (2017c): Ausländische Staatsangehörige. http://www.bamf.de/DE/Infothek/TraegerIntegrationskurse/Organisatorisches/TeilnahmeKosten/Auslaender/auslaender-node.html;jsessionid=718157526D57C05B035CC987030D048B.1_cid368#doc1367488bodyText3 [4.12.2017].

Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) (2017d): Integrationskurse. http://www.bamf.de/DE/Willkommen/DeutschLernen/Integrationskurse/integrationskurse-node.html [4.12.2017] . Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) (2018a): Bericht zur Integrationskursgeschäftsstatistik für das Jahr 2017. http://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Downloads/Infothek/Statistik/Integration/2017/2017-integrationskursgeschaeftsstatistik-gesamt_bund.pdf?__blob=publicationFile [16.8.2018].

Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) (2018b): Integrationskurs für Frauen. http://www.bamf.de/DE/Willkommen/DeutschLernen/Integrationskurse/SpezielleKursarten/Frauenkurse/frauenkurse-node.html [16.4.2018].

Bundesministerium des Inneren (BMI) (2017): Warum Integration so wichtig ist. https://www.bmi.bund.de/DE/themen/gesellschaft-integration/integration/integration-bedeutung/integration-bedeutung-node.html [3.12.2017].

Deutscher Bundestag (2015): Antwort der Bundesregierung der Abgeordneten Cornelia Möhring, Sigrid Hupach, Matthias W. Birkwald, Weiterer Abgeordneter und der Fraktion Die Linke. – Drucksache 18/6429 – Situation von geflüchteten Frauen in Deutschland. (BT-Drs. 18/6693). http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/18/066/1806693.pdf [4.12.2017].

Deutscher Bundestag (2016a): Unterrichtung durch die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration. Elfter Bericht der Bundesbeauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration – Teilhabe, Chancengleichheit und Rechtsentwicklung in der Einwanderungsgesellschaft Deutschland – Dezember 2016. (BT-Drs. 18/10610). http://dipbt.bundestag.de/doc/btd/18/106/1810610.pdf [29.3.2018].

Deutscher Bundestag (2016b): Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Ulle Schauws, Luise Amtsberg, Dr. Franziska Brantner, weiterer Abgeordneter und der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen – Drucksache 18/8225 – Integration Geflüchteter Frauen und Mädchen. (BT-Drs. 18/8451). http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/18/084/1808451.pdf [4.12.2017].

EU-OECD (2016): How Are Refugees Faring on the Labour Market in Europe? A First Evaluation Based on the 2014 EU Labour Force Survey Ad Hoc Module. Working Paper 01/2016.

Farrokhzad, Schahrzad (2018): Qualifikation und Teilhabe geflüchteter Frauen und Männer am Arbeitsmarkt. In Rauf Ceylan, Markus Ottersbach & Petra Wiedemann (Hrsg.): Neue Mobilitäts- und Migrationsprozesse und sozialräumliche Segregation. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden, S. 157-185.

IAB (2017): Revidierter Datensatz der IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten. http://doku.iab.de/grauepap/2017/Revidierter_Datensatz_der_IAB-BAMF-SOEP-Befragung.pdf [28.3.2018].

Hess, Sabine/Elle, Johanna (2018): Leben jenseits von Mindeststandards. Dokumentation zur Situation in Gemeinschaftsunterkünften in Niedersachsen. Studie im Auftrag des Rats für Migration. Universität Göttingen: Göttingen. Martin, Susan Forbes (2004): Refugee Women. Lanham: Lexington Books.

Mattes, Monika (2008): Migration und Geschlecht in der Bundesrepublik Deutschland. Ein historischer Rückblick auf die "Gastarbeiterinnen" der 1960/70er Jahre. FEMINA POLITICA–Zeitschrift für feministische Politikwissenschaft, 17(1).

Mecheril, Paul (2011): Wirklichkeit schaffen: Integration als Dispositiv. http://www.bpb.de/apuz/59747/wirklichkeit-schaffen-integration-als-dispositiv-essay?p=all [4.12.2017].

Schouler-Ocak, Meryam/Kurmeyer, Christine (2017): Study on Female Refugees. Repräsentative Untersuchung von Geflüchteten Frauen in unterschiedlichen Bundesländern in Deutschland. Rostock: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF).

Stichs, Anja (2008): Arbeitsmarktintegration von Frauen ausländischer Nationalität in Deutschland: eine vergleichende Analyse über türkische, italienische, griechische und polnische Frauen sowie Frauen aus den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawiens. Bonn: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.

UNHCR (2017): Global Trends. Forced Displacement in 2016. http://www.unhcr.org/globaltrends2016/ [4.12.2017].

Weichselbaumer, Doris (2016): Discrimination against Female Migrants Wearing Headscarves. Bonn: Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA).

Worbs, Susanne/Baraulina, Tatjana (2017): Geflüchtete Frauen in Deutschland. Sprache, Bildung und Arbeitsmarkt.

BAMF-Kurzanalyse 01/2017. Nürnberg: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF).

Weiterführende Links

Eine kleine Auswahl an neueren wie älteren Projekten und Einrichtungen zum Thema; in alphabetischer Reihenfolge.

App "RefuShe" (NRW)
Empower Van – Information First
European Network of Migrant Women Flamingo e.V. – Netzwerk für geflüchtete Frauen* und Kinder
international women’s space berlin
IQ Netzwerk (Niedersachsen) – Fokus Flucht
Frauen mit Fluchterfahrung gründen
Movemen – Empowering male refugees
Queer Refugees Deutschland
Suana (Frauenberatung bei Kargah e.V., Verein für interkulturelle Kommunikation, Migrations- und Flüchtlingsarbeit)
Women in Exile & Friends
Women's* studies generale. Wissenschaftliche Studienprojekte für Frauen* mit Flucht- und Migrationserfahrungen

Fußnoten

1.
Martin (2004).
2.
BAMF (2017a); BAMF (2017b); UNHCR (2017).
3.
Deutscher Bundestag (2015).
4.
BMI (2017).
5.
BAMF (2017c).
6.
BAMF (2018a), Deutscher Bundestag (2016a).
7.
BAMF (2017d); BAMF (2018b); Deutscher-Bundestag (2016b).
8.
Ältere Studien zu medialen Repräsentationen z.B. von "Gastarbeiter_innen" ziehen ähnliche Schlüsse (vgl. Mattes 2008).
9.
Worbs/Baraulina (2017), S. 2.
10.
BAMF (2016); EU-OECD (2016).
11.
BAMF (2016), S. 145f. Als Gründe hierfür werden Informations- und Unterstützungsdefizite, Verantwortung für die Familien- und Sorgearbeit und Bedenken gegenüber Anerkennungsverfahren als kompliziert, zeitraubend und kostspielig vermutet. Einige Gründe gelten gleichermaßen für beide Geschlechter.
12.
EU-OECD (2016); Worbs/Baraulina (2017); Schouler-Ocak/Kurmeyer (2017); Weichselbaumer (2016).
13.
Vgl. Farrokhzad (2018), S. 160.
14.
Stichs (2008).
15.
Brücker, Rother & Schupp (2016), S. 70; BAMF (2016), S. 270.
16.
Brücker, Rother & Schupp (2016), S. 58.
17.
Dies ging aus einem Beitrag von Yuliya Kosyakova (IAB) auf dem Fachforum "Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten – spezifische Herausforderungen für Frauen?" des IQ-Netzwerkes am 26.4.2017 in Berlin hervor.
18.
Schouler-Ocak/Kurmeyer (2017).
19.
Kritisch dazu Hess/Elle (2018).
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