Koffer

1.5.2010 | Von:
Susanne Worb

Vergleich von sechs Ansätzen

In den folgenden Abschnitten wird ein Überblick zu diesen Monitorings anhand von sieben Merkmalen gegeben. Dabei ist zu beachten, dass sie sich in unterschiedlichen Stadien der Entwicklung befinden.

Einbürgerung von Migranten im Bonner Alten Rathaus. Hier: Ein junger Student der Volkswirtschaftslehre, türkischer Abstammung, freut sich mit seiner deutschen Freundin über die Einbürgerung.Einbürgerung von Migranten im Bonner Alten Rathaus. (© picture-alliance/dpa)
Herangezogen werden
  • für die kommunale Ebene das Monitoring von Wiesbaden;
  • für die Ebene der Bundesländer der 2008 vorgelegte Integrationsbericht von Nordrhein-Westfalen sowie das gemeinsame Indikatorenset der Bundesländer;
  • für die Bundesebene der "Integrationsreport" des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge sowie das Indikatorenset und der darauf aufbauende Bericht für die Bundesbeauftragte;
  • als Beispiel für einen nicht-staatlichen Bericht, der sich auf verschiedene regionale Ebenen bezieht, die Studie des Berlin-Instituts.
Ziel und Integrationsverständnis ausgewählter MonitoringsZiel und Integrationsverständnis ausgewählter Monitorings Lizenz: cc by-nc-nd/2.0/de (bpb)
In den folgenden Abschnitten wird ein Überblick zu diesen Monitorings anhand von sieben Merkmalen gegeben. Dabei ist zu beachten, dass sie sich in unterschiedlichen Stadien der Entwicklung befinden: Das gemeinsame Indikatorenset der Bundesländer wurde bis vor Kurzem in einer Pilotstudie erprobt, es gibt also noch keine Entscheidung über seine endgültige Ausgestaltung und das Berichtswesen, das daraus entstehen soll. Die Berichte für die Bundesbeauftragte sowie des Berlin-Instituts und des Landes Nordrhein-Westfalen wurden bisher nur je einmal vorgelegt, während Wiesbaden auf eine inzwischen sechsjährige Tradition seines Integrationsmonitorings zurückblicken kann. Trotz dieser Entwicklungsunterschiede sind aber Vergleiche zwischen den Ansätzen möglich.

1) Was ist Ziel des Monitorings?

Fast alle dargestellten Ansätze verfolgen explizit das Ziel, den Stand der Integration für die jeweilige regionale Einheit (Kommune, Bundesland, Bundesgebiet) abzubilden. Jedoch wird auch der Prozesscharakter von Integration angesprochen durch Formulierungen wie "Stand des Integrationsprozesses und seine Entwicklung" (Wiesbaden). Zwei Ansätze fallen hier etwas aus dem Rahmen: Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge strebt an, "grundlegende Informationen zum Thema Integration" für verschiedene Nutzerkreise bereitzustellen, und das Berlin-Institut möchte vor allem aufzeigen, bei welchen Zuwanderergruppen besondere Integrationsprobleme bestehen. De facto betreiben aber auch diese beiden Akteure zunächst einmal eine Zustandsdiagnose.

2) Welches Verständnis von Integration liegt vor?

Der Begriff Integration wird in den betrachteten Monitorings nicht immer explizit definiert. Aus Tabelle 1 werden jedoch zwei zentrale Elemente deutlich:
  • die "Chancengleichheit" bzw. "gleiche Teilhabechancen" für Menschen mit und ohne Migrationshintergrund, die durch Integrationspolitik erreicht werden sollen,
  • sowie die "Angleichung" von Lebenslagen oder Lebensverhältnissen zwischen beiden Gruppen.
Der Aspekt "Chancengleichheit" lässt sich am Beispiel des Erwerbs der deutschen Staatsangehörigkeit durch Migranten verdeutlichen. Eine Einbürgerung steigert ohne Zweifel die politischen und gesellschaftlichen Teilhabemöglichkeiten, da sie unter anderem mit dem uneingeschränkten Wahlrecht auf allen politischen Ebenen verbunden ist [1]. Im Fall von Wiesbaden wird dieses Thema sogar zweimal als Indikator verwendet, nämlich zum einen als Anteil der Ausländer mit einem Anspruch auf Einbürgerung, zum anderen als realisierte Einbürgerungen je 100 Anspruchsberechtigte. Es wird also abgebildet, wie viele Ausländerinnen und Ausländer formal die rechtliche Chancengleichheit erreichen könnten und wie viele tatsächlich von dieser Möglichkeit Gebrauch machen. Die Tabelle zeigt, dass zwischen diesen beiden Indikatoren eine beträchtliche und im Zeitverlauf relativ konstante Lücke existiert: Rund die Hälfte der ausländischen Staatsangehörigen in Wiesbaden wäre anspruchsberechtigt, von diesen lassen sich aber nur 2,5 bis 4,2% pro Jahr einbürgern.

 
Indikatoren zur Einbürgerung im Wiesbadener Monitoring
 
JahrAnteil Ausländer mit Einbürgerungsanspruch (in %)*Einbürgerungen je 100 Anspruchsberechtigte
200048,14,2
2002**49,13,2
200349,13,9
200449,43,1
200550,52,5
200652,13,1
200751,62,9
Quelle: Landeshauptstadt Wiesbaden, 2008. Eigene Zusammenstellung.
* Einbürgerungsanspruch: mindestens 16 Jahre alt, seit min. 8 Jahren in Deutschland, gesicherter Aufenthaltstitel.
** Keine Daten für 2001 veröffentlicht.

Der zweite genannte Aspekt, die "Angleichung von Lebenslagen" zwischen Zuwanderern und Einheimischen, bedeutet in der Praxis, dass die Ähnlichkeit oder Unähnlichkeit von Merkmalsverteilungen in beiden Gruppen gemessen wird. So zeigt beispielsweise der erste Indikatorenbericht für die Bundesbeauftragte, dass unter den 18- bis 25-Jährigen ohne Migrationshintergrund im Jahr 2007 1,6% keinen Schulabschluss besaßen, während der Anteil bei ihren Altersgenossen mit Migrationshintergrund mit 4,4% mehr als zweieinhalb Mal so hoch war [2]. Es geht hier also um direkt vergleichbare Kennziffern zwischen Migranten und Nicht-Migranten. Weitere Beispiele dieser Art sind die Wohneigentümerquote oder der Bevölkerungsanteil, der soziale Mindestsicherungsleistungen bezieht.

Indikatoren, Dimensionen und Datenquellen ausgewählter MonitoringsIndikatoren, Dimensionen und Datenquellen ausgewählter Monitorings Lizenz: cc by-nc-nd/2.0/de (bpb)
Schließlich gibt es noch einen dritten Aspekt, den man als Voraussetzung für Chancengleichheit bzw. Angleichungsprozesse von Migranten begreifen kann und der deshalb auch in den Monitorings eine Rolle spielt: die Offenheit der Aufnahmegesellschaft. Dass eine solche Offenheit auf sozialer und institutioneller Ebene vorhanden sein muss, ist mehr oder weniger explizit Teil des Integrationsverständnisses aller Ansätze. Dies findet seinen Ausdruck in Indikatoren wie "Anteil bikultureller Ehen" (Berlin-Institut) oder "Anzahl der registrierten rassistischen, fremdenfeindlichen oder antisemitischen Gewalttaten" (Indikatorenset der Bundesländer). Auch der Anteil von Beschäftigten mit Migrationshintergrund in verschiedenen Tätigkeitsfeldern, wie dem Öffentlichen Dienst, kann als ein Indikator für diesen Aspekt betrachtet werden.

Fußnoten

1.
EU-Ausländer dürfen in Deutschland auf kommunaler und EU-Ebene wählen, Ausländer aus Drittstaaten hingegen auf keiner Ebene.
2.
ISG/WZB (2009: 44).

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