Koffer

1.10.2008 | Von:
Tim Elrick

Rumänische Migrationsnetzwerke und ihr Einfluss auf die spanische Migrationspolitik/ Fazit

Wie die ausgewählten Politikmaßnahmen gezeigt haben, können die Reaktionen auf diese Maßnahmen unterschiedlich ausfallen, je nachdem, wie stark entwickelt ein Migrationsnetzwerk in den jeweiligen Herkunftsgemeinden ist.

In Ortschaften oder Regionen mit langer und ausgedehnter Migrationsgeschichte, in denen die Migrationsnetzwerke für fast alle Bewohner unabhängig von ihrer sozialen Stellung zugänglich sind, zeigen Migranten häufig koordinierte Reaktionen auf Politikwechsel im Bereich der Migration. Im Migrationsgeschehen zwischen Rumänien und Spanien wurde festgestellt [1], dass insbesondere seit der Regularisierung 1996 in den Herkunftsgemeinden abgestimmte Informationen über die Regularisierungen verbreitet wurden. Dadurch konnten viele Migranten ihren Aufenthaltsstatus in Spanien verbessern und stabilisieren. Dies war nicht möglich in Gemeinden mit kurzer Migrationsgeschichte, in denen die sozialen Netzwerke von Migranten nur auf wenigen und zumeist familiären Bindungen aufbauen.

Migranten aus Gemeinden mit langer Migrationsgeschichte können außerdem transnationale Verbindungen etablieren. Dies führt einerseits zu hoher Mobilität zwischen beiden Ländern, zum anderen zur vermehrten Niederlassung der Migranten im Zielland. Die höhere Mobilität regulärer Arbeitsmigranten kann dem stabileren Aufenthaltsstatus zugeschrieben werden, den die Migranten nach ihrer Regularisierung erreichen. Aber auch irreguläre Migranten steigerten ihre Mobilität durch Migrationsnetzwerke. Aufgrund der größeren Reisefreiheit, die die Abschaffung der Visumpflicht für den Schengen-Raum erlaubte, etablierten und erweiterten sich Migrationsnetzwerke in den Schengen-Staaten, die auch irregulären rumänischen Arbeitsmigranten den Zugang erleichterten.

Wenig Interesse an im Grunde positiven Politikwechseln in Spanien und anderen Zielländern zeigten Migranten, wenn es in den Gemeinden bereits starke Migrationsnetzwerke und Verbindungen nach Spanien gab. Die Einführung der bilateralen Verträge zwischen Rumänien und Spanien zur Arbeitsmigration in der Landwirtschaft sowie die durch die EU-Erweiterungen eröffneten neuen Optionen scheinen für diese Migranten uninteressant gewesen zu sein. Migranten aus Gemeinden mit gering ausgebildeten Migrationsnetzwerken hingegen nahmen die neuen Möglichkeiten gerne an, insbesondere die der bilateralen Verträge.

Fazit

Am Beispiel der Migration von Rumänien nach Spanien konnte dargelegt werden, dass die Existenz von starken Migrationsnetzwerken einen erheblichen Einfluss auf das Ergebnis von migrationspolitischen Maßnahmen hat. Migrationsnetzwerke können hemmend oder verstärkend auf politische Ziele einwirken: Wie bereits in anderen Migrationsräumen (z. B. Mexiko-USA [2] oder Marokko-Frankreich/Belgien [3]) nachgewiesen, können restriktive Politikmaßnahmen verfehlt oder zumindest abgemildert werden, indem Migranten mit Hilfe der Kontakte, des Wissens und der materiellen Ressourcen dieser Netzwerke Regulierungen, Gesetze und sogar physische Hindernisse wie z. B. Grenzschutzanlagen umgehen. Andererseits können etablierte Migrationsnetzwerke auch die Wirkung von migrationspolitischen Maßnahmen unterstützen, die eine Zunahme von Migration zum Ziel haben. Auch hier erfolgt ein höherer Migrantenzustrom als von den politischen Entscheidungsträgern erwartet. Die Öffnung des Arbeitsmarktes des Vereinigten Königreiches für die neuen Beitrittsländer im Zuge der EU-Erweiterung im Jahr 2004 zeigte Züge dieses Phänomens. Die Prognosen für die Zuwanderung im Rahmen dieser Politikmaßnahme wurden um ein Vielfaches übertroffen [4], was zu einem Teil auf die Aktivität von Migrationsnetzwerken zurückgeführt werden kann, die die Zuwanderung verstärkten. Unabhängig von der Zielrichtung zukünftiger Migrationspolitiken, ob hemmend oder fördernd: Migrationsnetzwerke sind mittlerweile ein bedeutender Faktor, der in die Wirksamkeit der politischen Maßnahmen mit einbezogen werden sollte.

Fußnoten

1.
vgl. Elrick, Ciobanu 2007.
2.
Espinosa, Massey 1997; Kandel, Massey 2002
3.
Heering et al. 2004.
4.
vgl. Heinen, Pegels 2006.

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